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Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

15. Dezember 2015
Abriss tibetischer Häuser, obwohl in gutem Zustand
In drei Bezirken nahe Lhasa wurde den Bewohnern eröffnet, dass ihre in tibetischem Stil errichteten Häuser im nächsten Jahr abgerissen und durch neue Häuser ersetzt werden sollen. Eine Begründung wurde den Tibetern in den Bezirken Tagtse, Lhundrub und Maldro Gongkar nicht mitgeteilt, und sie hätten auch keine Möglichkeit des Einspruchs gehabt. Obwohl die Häuser nach Angaben der Bewohner in gutem Zustand seien, müssten sie neuen Häusern in chinesischem Baustil weichen. Zunächst würden alle Häuser von Tibetern abgerissen, die vom Staat soziale Unterstützung beziehen, danach kämen die Häuser aller anderen an die Reihe. Allen Bewohnern wurde befohlen, sich vor dem Abriss bei der Behörde registrieren zu lassen. Angeblich sollten sie später umgehend in die neu errichteten Häuser einziehen können. Zumindest in Maldro Gongkar müssen die Tibeter dafür aber die für lokale Verhältnisse horrende Summe von umgerechnet etwa Fr. 30‘000 aus eigener Tasche aufwenden.

Radio Free Asia, 4. Dezember 2015

„Dalai Lama unterstützt Islamischen Staat“
Der Vorsitzende der Kommission für Religiöse Angelegenheiten, Zhu Weiqun, hat in einem Interview mit der chinesischen Zeitung Global Times den Dalai Lama beschuldigt, den IS zu unterstützen. Der Dalai Lama hatte kurz zuvor in einem Interview mit der italienischen Zeitung La Stampa gesagt, dass Dialog nötig sei, um religiösen Extremismus zu besiegen. Um den IS anzugehen, müsse man akzeptieren, dass ein Dialog geführt werden müsse. Zhu Weiqun legte das Interview so aus, dass „der Dalai Lama in tiefster Seele mit dem IS sympathisiert und ihn unterstützt“. Die Verdrehung der Äusserungen des Dalai Lama dürfte dazu dienen, ihn weiter in eine gewalttätige Ecke zu rücken. Schon für die Selbstverbrennungen machte die chinesische Regierung den Dalai Lama verantwortlich, indem sie ihm unterstellte, Tibeter dazu anzuzetteln. Ausserdem helfen derartige Anschuldigungen der Regierung, sich selbst als reines „Opfer von Terrorismus“ in der uigurischen Provinz Xinjiang darzustellen.

Sowohl in Tibet als auch in Xinjiang sieht sich die Kommunistische Partei vor grossen Herausforderungen bezüglich der Linientreue von Kadern. In Tibet war im Oktober eine neue Kampagne zur Disziplierung von solchen Parteikadern angekündigt worden, die „heimlich“ weiter religiös seien und mit dem Dalai Lama sympathisierten [vergl. Tibet-Information vom 30. November 2015; UM]. In Xinjiang regt sich Widerstand gegen die harte Hand von Staat und Partei. Hier waren über 350 Parteimitglieder wegen „Verletzung der politischen Disziplin“ bestraft worden. In seltener Offenheit hatte aber der Vorsitzende der lokalen Disziplinarkommission, Xu Hairong, die harte Linie kritisiert. Diese könnte dazu führen, dass immer mehr Kader an den Rand gedrängt würden und sich radikalisieren.

Washington Post, 4. und 9. Dezember 2015

Chinas Panchen Lama soll sich vom Dalai Lama distanzieren
Anlässlich des 20. Jahrestages der Einsetzung des Panchen Lama nach chinesischer Version drängte der lokale Vorsitzende der Kommunistischen Partei in Tibet, Chen Quanguo, bei einem Treffen mit ihm, sich explizit vom Dalai Lama zu distanzieren. Er hoffe, der Panchen Lama würde „unbeirrbar mit der Partei marschieren und die nationale Einheit sichern.“ Er möge „entschlossen eine klare Linie gegenüber dem Dalai Lama ziehen und alle subversiven separatistischen Aktivitäten zurückweisen“.

Der vom Dalai Lama anerkannte Panchen Lama verschwand wenige Tage nach seiner Identifikation als damals sechsjähriger Junge mitsamt seiner Familie spurlos, lebt angeblich an einem unbekannten Ort und möchte nach regierungsoffizieller Sprachregelung „nicht gestört werden“.

Im Mai hatte sich der Panchen Lama mit einer ungewöhnlich kritischen Stellungnahme zu Wort gemeldet: er beklagte die immer kleiner werdende Zahl von Mönchen und fürchtete, der tibetische Buddhismus könnte bald nur noch „auf dem Papier existieren“. Für diese Äusserung wurde er bei einem Treffen mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping gerügt [vergl. Tibet-Informationen vom 24. Mai und 15. Juni 2015; UM].

Reuters, 8. Dezember 2015

Datenbank für Wiedergeburten
Die chinesische Bürokratie treibt eine neue Blüte: die Regierung kündigte an, eine Datenbank zu erstellen, in der alle etwa 350 tibetische Wiedergeburten erfasst werden. Mit der Erstellung ist die Staatliche Verwaltungsbehörde für Religion beauftragt. Als Endprodukt des „spirituellen Katalogisierens“, wie diese Unternehmung ironisch vom Time Magazin genannt wurde, soll sogar eine Online-Version erscheinen. Ausländische Beobachter vermuten, dass dieser Effort dazu dienen soll, nochmals den staatlichen Anspruch auf Anerkennung aller Inkarnationen zu unterstreichen, und sich gleichzeitig auf das Ableben des Dalai Lama mit der fraglichen Reinkarnierung vorzubereiten.

Time Magazine, 11. Dezember 2015

 

30. November 2015
„Kampf gegen den Separatismus“, „Auslöschen der Loyalität zum Dalai Lama“ und noch mehr Kontrolle
Im Oktober meldete sich wieder einmal ein hochrangiger Politiker in Tibet mit einer Stellungnahme zu Wort, um eine Verschärfung der Massnahmen gegen „Separatismus“ zu fordern. Der Beitrag des lokalen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei in Tibet, Chen Quanguo, in der offiziellen Zeitung People’s Daily weist auf nach wie vor bestehende grosse Besorgnis der Regierung über die Situation in Tibet hin und zeigt auf, mit welchen Massnahmen man sich eine Stabilisierung erhofft – durch totale Kontrolle bis in das letzte Dorf.

Tibet müsse zu einer „Festung“ gegen Separatismus werden. Chinas Stabilität basiere auf der Stabilität und Sicherheit in Tibet, und nichts sei schädlicher als dortiges Chaos. Man müsse hochrangige chinesische und tibetische Kader ausbilden, die in jeder Region und in jedem Dorf positioniert seien. Er fuhr fort, man müsse „Basisorganisationen ausbilden, die den Massen dienen, die Entwicklung fördern, eine standhafte Festung im Kampf für Stabilität sind und sich gegen Separatismus wehren“. Die „ideologische Sicherheit“ in Tibet benötige die Kontrolle der öffentlichen Meinung, der Medien und des Internets durch die Partei, und jedes Haus in jedem Dorf müsse [offzielles; UM] Fernsehen und Radio empfangen können. „Arbeiten wir hart, um eine spirituelle Heimat für alle ethnischen Gruppen zu schaffen, konzentrieren wir uns darauf, eine starke positive Kraft für ein vereintes, schönes, harmonisches und glückliches sozialistisches Tibet zu sein.“

World Tibet Network News / The Guardian, http://tibet.ca/en/library/wtn/13296, 22. Oktober 2015

In einem Interview mit der Antikorruptions- und Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei kündigte Chen Quanguo überdies an, man werden nun auch gegen Partei- und Regierungskader vorgehen, die „zwei Gesichter“ zeigten. Gemeint sind solche, die vorgeben, sie seien nicht religiös, aber im Verborgenen doch ihre Religion praktizieren und der „Clique“ des 14. Dalai Lama folgten, indem sie zum Beispiel selbst zu religiösen Belehrungen nach Indien reisen oder ihre Kinder oder Verwandten zur Ausbildung in das indische Exil senden. Es seien bereits 19 derartige Fälle aufgedeckt und insgesamt 20 Kader bestraft worden.

Bis 2012 waren Ausreisen von Tibetern zu Zeremonien wie der Kalachakra-Initiation in Indien noch weitgehend toleriert worden, jedoch signalisierte die Verhaftung von über 100 zurückkehrenden Tibetern im Februar 2012 erstmals eine härtere Gangart [vergl. Tibet-Information vom 17. Februar 2012; UM]. Durch die neuen restriktiven Bestimmungen für die Ausstellung von Reisepässen [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2015; UM] ist die offizielle Ausreise für solche Anlässe aber praktisch zum Erliegen gekommen.

New York Times, http://tibet.ca/en/library/wtn/13308, 11. November 2015

Ebenfalls im November kündigte die Lokalregierung des Bezirks Nangqian an, dass in den insgesamt 103 Klöstern Regierungskader stationiert werden, die den „Lebensstandard“ der Mönche verbessern und gleichzeitig „negative Einflüsse von separatistischen Ideen“ abwehren sollen. Offiziell sollen die Kader den oft abgelegenen Klöstern bei der Verbesserung der lokalen Infrastruktur helfen und ihnen für ihre Anliegen die langen Reisen zur Bezirksregierung abnehmen, aber auch „ideologische, moralische und juristische Erziehung“ vornehmen. Die meisten Mönche seien gesetzestreu, aber einige wenige würden von „feindlichen Kräften im Ausland“ wie zum Beispiel dem Dalai Lama missbraucht und damit für ihre Klöster und die Gesellschaft „Schaden anrichten“.

Global Times, http://www.globaltimes.cn/content/954985.shtml, 26. November 2015

Delegation des US-Repräsentantenhauses sieht „Potemkin-Lhasa“
Einer Delegation des US-Kongresses wurde bei einem offiziell genehmigten, aber nicht vorher angekündigten Tibet-Besuch im November 2015 unter scharfer Beobachtung durch Agenten eine Normalität vorgegaukelt, die lokale Tibeter als „Potemkin-Lhasa“ bezeichneten. Im Vorfeld des Besuches wurden die Einwohner von Lhasa noch masssiver als sonst indoktriniert und kontrolliert. Ein anonymer Brief aus Lhasa an Radio Free Asia sprach von einer so massiven Indokrinierung und Kontrolle der freien Rede in allen Lebensbereichen, „dass man sich kaum noch bewegen konnte“.

Bei der Ankunft der Delegation in Lhasa verschwanden zur Verwunderung der Bewohner plötzlich alle sichtbaren Kontrollposten an Strassenkreuzungen und Metalldetektoren vor den Sehenswürdigkeiten. In jedem Wohnquartier von Lhasa wurde eine bestimmte Zahl von Tibetern dazu genötigt, religiösen Betätigungen nachzugehen, wie zum Beispiel den Jokhang-Tempel zu umwandeln oder dort zu beten. Einige gaben an, dass man ihnen dafür Bezahlung anbot.

Die sechsköpfige US-Delegation wurde angeführt von der Abgeordneten Nancy Pelosi, die für ihre scharfe Kritik an der Menschenrechtssituation in China und ihr Eintreten für Tibet bekannt ist. Die Delegation zählte 30 Sicherheitsoffiziere, die sie bei Rundgängen begleiteten und dafür sorgten, dass sie nicht von der festgesetzten Route abwich. Laut Frau Pelosi war dieses eher eine „konservative Einschätzung“, da ihr noch ungezählte weitere Personen auffielen, die mit Funkgeräten ausgestattet waren und ihrer Route ebenfalls folgten.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/pelosi-11202015170710.html, 20. November 2015

 

16. November 2015
Reglementierung in Driru
Ein offizielles Regierungsdokument aus dem Bezirk Driru, das in das tibetische Exil gelangte, erlässt zahlreiche Bestimmungen, die das religiöse Leben bis in das letzte Detail reglementieren. Driru, im Osten der „Autonomen Region Tibet“ gelegen, gilt für die chinesische Regierung als eine der problematischsten Regionen in Tibet überhaupt, wo sich die Bewohner standhaft gegen alle Kampagnen und erzwungenen Loyalitätskundgebungen wehren. Das sogenannte „Dokument 224“, das am 19. September von der Bezirksregierung verabschiedet wurde und dem Tibetan Centre for Human Rights and Democracy vorliegt, definiert insgesamt 24 Massnahmen, die speziell das Leben in den Klöstern betreffen.

  • Alle finanziellen Transaktionen von religiösen Institutionen sollen strikt kontrolliert werden. Das betrifft alle Zuwendungen an Dritte, einschliesslich Spenden an Opfer von Naturkatastrophen oder Darlehen an Bedürftige.
  • Politische Erziehung wird zum Pflichtfach, und Mönche und Nonnen müssen jeden Donnerstag an einer solchen Sitzung teilnehmen.
  • Die Anerkennung von Reinkarnationen darf nur durch die Regierung vorgenommen werden. Von ihnen, und auch von allen anderen in die Klöster aufgenommenen Mönchen und Nonnen, wird erwartet, dass sie strikt die Regierungs- und Parteilinie im Kloster vertreten.
  • Klöster, in denen die festgelegte Obergrenze für Mönche und Nonnen überschritten wird, werden geschlossen. Neuaufnahmen sind für die nächsten 4 Jahre ohnehin untersagt. Jegliche Reisen von Klosterangehörigen, selbst in die unmittelbare Nähe, müssen genehmigt werden.
  • Die Schlichtung bei Streitigkeiten unter der lokalen Bevölkerung, die traditionell oft von angesehenen religiösen Gelehrten vorgenommen wurde, ist nicht mehr erlaubt.
  • Detailliert werden Strafen für alle Regierungs- und Parteikader, sowie Klosterverwaltungen aufgezählt, wenn sie diese Bestimmungen nicht strikt durchsetzen und ihre Einhaltung überwachen. Selbst Familienangehörige von fehlbaren Kadern können bestraft werden. Die Strafen reichen von Gehaltskürzungen über den Verlust der Arbeitsstelle bis zu Geld- und Haftstrafen, dem Sammelverbot für den Raupenkeulenpilz – eine essentielle Einkommensquelle für viele  - und die Streichung staatlicher Zuwendungen.

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD), http://www.tchrd.org/document-exposes-intensification-of-state-sanctioned-religious-repression-in-troubled-tibetan-county/

 

9. November 2015
Solo-Demonstrationen statt Selbstverbrennung: eine neue Form des Protests?
Eine neue Form des Protests, die möglicherweise anstelle der Selbstverbrennungen treten, ist seit Juli in Tibet zu verzeichnen [vergl.Tibet-Information vom 18. September 2015; UM]. Insgesamt mindestens neun Proteste haben sich in der Unruheregion Ngaba ereignet. Trotz der massiven Präsenz von Sicherheitskräften und tiefgreifenden Kontrollen im Alltag wagten sich Tibeterinnen und Tibeter jeweils zu einem Solo-Protest auf die Strasse. Diese Einzelaktionen verliefen immer nach dem gleichen Schema: die Tibeter liefen über die Hauptstrasse, zeigten Bilder des Dalai Lama und riefen Parolen für die Freiheit in Tibet und die Rückkehr des Dalai Lama. Alle wurden jeweils nach wenigen Minuten verhaftet und müssen nun mit schwerster Folter rechnen. Unter den Protestierenden befinden sich fünf Frauen im Alter von 20 bis über 60 Jahren, sowie ein 15-jähriger Mönch und ein 31-jähriger Mann, Vater von vier Kindern. Auch Tibeterinnen und Tibeter, die zufällig Zeugen der Verhaftungen wurden und dagegen protestierten, wurden festgenommen. Die ohnehin schon scharf kontrollierten Kommunikationskanäle nach Ngaba wurden zeitweise völlig unterbunden. Dennoch gelangten Fotos und kurze Videoaufnahmen in das Ausland. Eine Zusammenfassung der Ereignisse ist bei International Campaign for Tibet zu finden (http://www.savetibet.org/wave-of-solo-peaceful-protests-in-ngaba-repression-and-further-restrictions-imposed/).

 

26. Oktober 2015
Wegweisung von Nonnen, Verbot religiöser Studien und Abriss von Häusern in Driru
Im Unruhebezirk Driru gehen die Behörden weiter gegen religiöse Institutionen und traditionell tibetische Lebensweise vor.

Im Nonnenkloster Gaden Khachoeling der Bön-Gemeinschaft, der vorbuddhistischen Religion Tibets, in der Ortschaft Pekar wurden 100 der insgesamt 200 dort lebenden Nonnen weggewiesen. Dieses habe ein Regierungsfunktionär nach einem dreitägigen Besuch im Kloster verfügt. Den 100 weggewiesenen Nonnen wurde es auch verboten, ihre Studien an anderen Orten fortzusetzen. Bei Zuwiderhandlungen wurde sowohl ihnen als auch den Dorfvorstehern ihrer Heimatdörfer und Angehörigen Strafen bis hin zur Inhaftierung angedroht.

Weil auch nur 49 der im Kloster verbleibenden 100 Nonnen offiziell dort registriert sind, dürfen die anderen 51 Nonnen nicht mehr dort wohnen. Sie sind nun gezwungen, mit Arbeit in den örtlichen Läden und Gästehäusern ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Bereits im letzten Jahr wurden 26 Nonnen, die über 50 Jahre alt waren, weggewiesen, obwohl sie dort offiziell registriert waren. Hier wurde ein dem Kloster bis dahin unbekannte Bestimmung zitiert, gemäss derer die obere Altersgrenze für eine Registrierung 50 Jahre beträgt.

Ein weiteres, sehr altes Bön-Kloster in Pekar, Ngotsar Phunstokling, ist ebenfalls von Verboten betroffen. Das Kloster hatte einen sehr erfolgreichen Studiengang für höhere buddhistische Studien begonnen, der begleitend zu Anleitungen in meditativer Praxis angeboten wurde. Dieser Studiengang wurde jetzt ohne Begründung verboten; davon sind 60 Praktizierende betroffen.

Das Weideland der Nomaden in den Ortschaften Santsa und Yangshoe in Driru wird Schritt für Schritt enteignet. Dort errichtete Wohnhäuser von Tibetern wurden abgerissen, wenn sie eine bestimmte Grösse überschritten. Die Behörden ordneten an, dass die Tibeter neue Häuser gemäss offiziellen Regierungsstandards errichten können, aber sie müssen vorab für den Abriss der alten Häuser selbst bezahlen.

Vor einem Jahr wurde im Bezirk Driru eine Verfügung veröffentlicht, nach der alle angeblich „illegal“, d.h. seit Anfang 2011, errichteten religiösen Bauwerke, seien es Klöster, Einsiedeleien oder selbst Mani-Mauern, niedergerissen werden müssen [vergl. Tibet-Information vom 27. November 2014; UM].

Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4751-china-expels-nuns-banns-buddhist-studies-and-destroys-homes-in-tibet

 

15. Oktober 2015
Über 300 tibetische Behausungen am Kokonor-See zerstört
Mitte Oktober wurden auf Veranlassung der lokalen Regierung über 300 tibetische Behausungen und Verkaufsstände am Kokonor-See (chinesisch: Qinghai See) zerstört. Tibeter hatten diese temporären Behausungen errichtet, um Touristen und Pilger an dem populären See zu beherbergen und Waren zu verkaufen. Fünf Tibeter wurden bei der mehrtägigen Zerstörungsaktion geschlagen und verhaftet, später aber freigelassen. Einer der Tibeter, ein 60-jähriger Mann, sei mit einer auf seinen Kopf gerichteten Waffe abgeführt worden.

Mit der Zerstörungsaktion haben nun die betroffenen Tibeter ihre einzige Einkommensquelle verloren und sind nicht selten auch noch verschuldet, weil sie Darlehen für ihr Geschäft aufgenommen haben. Die offizielle Begründung für die Zerstörungsaktion lautet, dass die Tibeter die Gegend „verschmutzt“ hätten. Die Betroffenen hegen indessen den Verdacht, dass so der Weg für chinesische Siedler und Gewerbetreibende frei gemacht werden soll.

Bereits im Mai d.J. waren mehrere Behausungen am Kokonor-See zerstört worden, angeblich weil sie die „schöne Aussicht“ auf den See störten [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2015; UM].

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/destroy-10212015135346.html, 21. Oktober 2015

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36644&article=Over+300+Tibetan+houses%2c+shops+demolished+at+Kokonor+lake&t=1&c=1 , 22. Oktober 2015

 

30. September 2015
Tibeter in Ngaba nach Protest verhaftet
Zwölf Tibeter wurden am 22. September im Bezirk Dzoege in der Präfektur Ngaba verhaftet, nachdem sie gegen die Zwangsenteignung und nicht erfolgte Rückgabe ihres Landes protestierten. Ihr Land war bereits vor 5 Jahren angeblich für ein „Entwicklungsprojekt“ der lokalen Regierung zwangsweise enteignet worden. Bereits am 15. Mai hatten die betroffenen Familien an die Behörden appelliert, ihr Land zurückzugeben, weil in den vergangenen Jahren seit der Enteignung nichts mit dem Land geschah. Stattdessen hatten die Behörden begonnen, das Land an Privatpersonen zu verpachten.

Verärgert über den Appell, entzogen die Behörden den Familien alle Regierungszuschüsse. Nachdem die Familien weiter protestierten, versprach die Lokalregierung eine Lösung bis zum 20. September. Als bis dahin wieder nichts geschehen war, besetzten die Familien ihr Land. Am 22. September erschien dann die Polizei und verhaftete 12 Tibeter, darunter 6 Autoren des Appells vom Mai. Eine Tibeterin wurde später freigelassen, nachdem sie in Haft verprügelt wurde.

Der 39-jährige Jigje Kyab und Bruder der verprügelten Tibeterin, der Autor des Appells vom Mai ist, ist seit April d.J. untergetaucht. Nachdem ihn Offizielle in seinem Haus aufsuchten und mit Verhaftung drohten, hält er sich versteckt. In einer Videobotschaft erklärte er, dass er auch die Dokumente bewahre, die die Rechtmässigkeit der Ansprüche der Tibeter auf ihr Land bewiesen. Jigje Kyab hatte schon eine führende Rolle bei einem früheren Protest der Betroffenen am 28. Januar d.J. in der Hauptstadt der Provinz Sichuan, Chengdu. Dort hatten die betroffenen Familien vor einem Regierungsgebäude während der Sitzung des Volkskongresses von Sichuan protestiert. Die Polizei nahm damals 11 Tibeter fest, von denen 9 später freigelassen wurden.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/detentions-09242015174127.html. 24. September 2015

Zwei religiöse Veranstaltungen in Tibet zugelassen
Die Behörden haben im September in Tibet zwei bedeutende religiöse Anlässe erlaubt, wenngleich zumindest einer dieser Anlässe unter strenger Polizeiaufsicht stattfand.

In einem der grössten tibetischen Klöster, Kumbum in der chinesischen Provinz Gansu, konnte vom 18. – 21. September mit offizieller Genehmigung die Kalachakra-Zeremonie („Rad des Lebens“) stattfinden. Diese bedeutende Zeremonie wird ansonsten oft im Exil vom Dalai Lama geleitet.

Informanten von Radio Free Asia schätzten die Zahl der Anwesenden auf nahezu 200‘000. Nicht nur Tibeter, sondern auch Mongolen und Han-Chinesen seien dort gewesen. Die vom Gelehrten Geja Rinpoche geleitete Zeremonie wurde mittels 100 Lautsprechern und 10 Video-Wänden für diejenigen übertragen, die keine Sicht zur Bühne hatten. Das Kloster Kumbum sorgte auch für ausreichend Parkplätze und die Regelung des Verkehrs.

Im letzten Jahr waren allerdings lokale tibetische und chinesische Regierungskader unter Androhung von administrativen Strafen vor der Teilnahme an dieser Zeremonie gewarnt worden.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/ceremony-09182015170431.html , 18. September 2015

Über 700 tibetische Mönche nahmen im Kloster Ragya in der Präfektur Golog vom 25. – 30. September an den Jang Gunchoe Belehrungen („Winterbelehrungen“) teil, die laut Augenzeugen allerdings wegen ungewöhnlich starker Polizeipräsenz „in gedrückter Stimmung“ stattfanden. An den diesjährigen Belehrungen, die zum 21. Mal abgehalten wurden, nahmen Mönche aus insgesamt 27 Klöstern Tibets teil, dagegen waren im Unterschied zu den vorigen Jahren nur wenige Laien zugegen. Im Vorjahr hatte es auch Belehrungen für Laien über Ethik und Lebensführung gegeben.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/attend-09252015180400.html, 25. September 2015

 

18. September 2015
Anhaltende Solo-Proteste in Ngaba
Innerhalb von einer Woche hat sich eine Serie von Solo-Protesten in der Präfektur Ngaba im Osten Tibets ereignet, und dieses trotz erheblich verschärfter Überwachung. Nach dem Solo-Protest des 19-jährigen Mönchs Lobsang Kalsang am 7. September [vergl. Tibet-Information vom 9. September 2015; UM] kam es noch zu vier weiteren Aktionen. Alle liefen gleich ab: die Protestierenden liefen alleine durch die Strassen von Ngaba und riefen Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Alle wurden innerhalb weniger Minuten verhaftet; manchmal kam es zu kurzen Raufereien zwischen der Polizei und umstehenden Tibetern, die damit ihre Sympathie für die Aktion bekundeten. Auffallend ist, dass alle Protestierenden sehr jung waren.

Am 9. September lief der 21-jährige Mönch Jampal Gyatso durch Ngaba, am 10. September waren es in unabhängigen Aktionen der 20-jährige Mönch Lobsang Drakpa und der Mönch Lobsang mit unbekanntem Alter. Am 13. September schliesslich wurde die 22-jährige Tibeterin Dekyi Dolma nach wenigen Minuten verhaftet.

Seit dem 9. September sind die Internet-Verbindungen in Ngaba unterbrochen. Nach Schilderungen von Augenzeugen ist an jeder Strassenkreuzung Sicherheitspersonal stationiert, und zusätzliche Polizeifahrzeuge wurden nach Ngaba verlegt, wo sie Patrouille fahren.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/detention-09152015171118.html , 15. September 2015

China sagt Konzerte mit Bon Jovi ab
Nur wenige Tage vor dem geplanten Beginn hat die chinesische Konzertagentur AEG Live Asia die Konzerttour des Rocksängers Bon Jovi und seiner Band gestrichen und die Musiker ausgeladen. Als Begründung für die Absage der geplanten Konzerte in Shanghai am 14. September und in Beijing am 17. September wurden lapidar „unvorhergesehene Gründe“ angegeben.

Offenbar waren die Zensoren im chinesischen Kultusministerium darauf aufmerksam geworden, dass Bon Jovi bei einem Konzert in Taiwan vor fünf Jahren einmal ein Foto des Dalai Lama als Bühnenhintergrund verwendet hatte. Die Absage der Konzerte erfolgte am gleichen Tag wie die mit grossem Pomp abgehaltenen Feiern zum 50. Jahrestag der „Autonomen Region Tibet“ am 9. September.

Bon Jovi hatte, um das Interesse an seiner China-Tour zu schüren, kürzlich ein berühmtes chinesisches Liebeslied aus den 1970er Jahren in Mandarin gesungen. AEG Live Asia entschuldigte sich bei den aufgebrachten Fans für die „Unannehmlichkeiten und Enttäuschung“ durch die Absage. Die Fans hatten ihrem Ärger in sozialen Medien Luft gemacht. Zwar werden die Kosten für die gekauften Tickets rückerstattet, aber nicht wenige Fans hatten auch Zug- oder Flugreisen zu den Konzerten gebucht, deren Kosten nicht ersetzt werden.

Die Ausladung von missliebigen Musikern ist nicht neu. Die isländische Sängerin Björk hatte 2008 bei einem Konzert in Shanghai zu einem Song mit dem Titel „Declare Independence“ spontan „Tibet, Tibet“ ausgerufen und kann seitdem nicht mehr in China auftreten. Ein für den 19. September d.J. in Shanghai vorgesehenes Konzert der US-Band Maroon 5 wurde schon im Juli abgesagt, als sich herausstellte, dass ein Bandmitglied einen Tweet über ein Treffen mit dem Dalai Lama verfasst hatte.

CBC, http://www.cbc.ca/news/arts/jon-bon-jovi-shows-in-china-cancelled-for-unforeseen-reasons-1.3220722 , 9. September 2015

 

8. September 2015
Trotz Verboten: Gebetszeremonien für Tenzin Delek Rinpoche
An zahlreichen Orten in Tibet wurden am 49. Tag nach dem Tode des hoch geachteten Gelehrten Tenzin Delek Rinpoche trotz Verboten und Restriktionen Gebetszeremonien abgehalten. Tenzin Delek war am 12. Juli in einem Hochsicherheitsgefängnis in der chinesischen Provinz Chengdu unter unklaren Umständen gestorben. Sein Leichnam wurde in aller Eile kremiert, zwei seiner Verwandten, die eine unabhängige Untersuchung der Todesursache forderten, vorübergehend inhaftiert, und die Urne mit seiner Asche beschlagnahmt [vergl. Tibet-Informationen vom 15. Juli und 24. Juli 2015; UM].

Obwohl die Behörden im Heimatbezirk von Tenzin Delek, Nyagchuka, allen Bewohnern explizit Diskussionen über seinen Tod verboten und Mobiltelefonnetze und das Internet blockiert hatten, wurden am wichtigen 49. Tag nach seinem Tod in mehreren Klöstern längere Gebetszeremonien abgehalten. Dabei trugen die Mönche auch Portraits des Dalai Lama in die Klöster.

Ähnliche Zeremonien wurden auch in mehreren Klöstern in den Bezirken Bathang und Lithang abgehalten.

Beim alljährlich stattfindenden Rukyil-Fest in Lithang, das wegen seiner Pferderennen bekannt ist, wurden an diesem Tag alle Veranstaltungen abgesagt und stattdessen Gebete abgehalten. Auch in einer anderen Region in Lithang, wo nach traditionellen Gebetszeremonien Pferderennen stattfinden, wurden letztere zugunsten von Gebeten abgesagt.

Das Heimatkloster von Tenzin Delek ist weiterhin von Sicherheitskräften umstellt, die nur Personen einlassen, die von den Behörden eine spezielle Bewilligung erhalten haben. In der Region werden politische Umerziehungsveranstaltungen abgehalten, und junge Männer müssen unter Strafandrohung bei Verweigerung an militärischen Übungen teilnehmen.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/monk-09022015143012.html , 2. September 2015

Parade und Weissbuch: “Tibet erlebt Goldenes Zeitalter”
Am 8. September feierte die Volksrepublik China den 50. Jahrestag der Gründung der „Autonomen Region Tibet“ mit einer grossen Parade vor dem Potala-Palast in Lhasa. Entgegen Spekulationen nahm Chinas Partei- und Staatspräsident Xi Jinping nicht an der Zeremonie teil. Der lokale Parteivorsitzende in Tibet, Yu Zhengsheng, beschwor in einer landesweit übertragenen Ansprache einmal mehr die Notwendigkeit, mit Entschiedenheit die „Stabilität“ in Tibet zu bewahren.

Nach dem Weissbuch im April d.J., in dem die chinesische Regierung dem „Mittleren Weg“ des Dalai Lama eine klare Absage erteilt [vergl. Tibet-Information vom 8. Juni 2015; UM], wurde anlässlich des Jahrestages ein weiteres Weissbuch publiziert, das die Annexion Tibets mit wirtschaftlichen Kennzahlen rechtfertigen soll.

Der Vorschlag des „Mittleren Weges“ negiere die „regionale ethnische Autonomie“, die zum „Fortschritt“ in Tibet beigetragen habe, so das Weissbuch. Und weiter: „Die separatistischen Aktivitäten der Dalai-Gruppe verletzen die Verfassung der Volksrepublik China und schaden den fundamentalen Interessen aller ethnischen Gruppen in Tibet. Deswegen trafen sie [die separatistischen Aktivitäten; UM] auf starke Ablehnung aller Völker Chinas, einschliesslich derjenigen aller ethnischen Gruppen in Tibet... Die ethnische Autonomie hilft allen Gruppen in Tibet, damit sie ihr Schicksal selbst bestimmen und volle demokratische und weitgehende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Freiheit geniessen.“

Danach werden mehrere wirtschaftliche Kennzahlen, wie Bruttosozialprodukt, pro-Kopf-Einkommen, Exportvolumen und Steuereinkünfte angeführt, die alle in 50 Jahren einen dramatischen Anstieg erfuhren und weiter deutlich steigen, so dass Tibet jetzt sein „Goldenes Zeitalter“ erlebe. Die tibetische Kultur, Religionsfreiheit und der Schutz der Umwelt würden sorgfältig beachtet.

Press Trust of India, http://www.ptinews.com/news/6474820_China-showcases-50-yrs-of-its-hold-on-Tibet-nbsp--.html , 8. September 2015

Polizei verhaftet tibetischen Mönch nach Solo-Protest

Nur einen Tag vor der grossen Parade in Lhasa wurde der 19-jährige Mönch Lobsang Kalsang verhaftet, nachdem er auf der Hauptstrasse im osttibetischen Ngaba einen Solo-Protest durchführte. Ein heimlich aufgenommenes Video (https://www.youtube.com/watch?v=EccakZkk3rA) zeigt, wie er allein mit einem Schild, das vermutlich ein Bild des Dalai Lama zeigt, über die Hauptstrasse läuft. Dabei soll er Parolen zur Freiheit Tibets gerufen haben. Nur wenige Minuten später ist zu sehen, wie sich Polizisten auf ihn stürzen und ihn abdrängen. Die umstehenden Tibeter zeigten nach der Verhaftung gegenüber den Polizisten ihre Sympathie für die Prostestaktion.

Lobsang Jinpa stammt aus dem Kloster Kirti, das Schauplatz zahlreicher Selbstverbrennungen war. Sein zwei Jahre älterer Bruder wurde im November 2014 zu 2 Jahren Haft wegen „separatistischer Aktivitäten“ verurteilt.

Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4707-buddhist-monk-arrested-after-lone-protest-in-amdo-ngaba-tibet , 7. September 2015

 

4.September 2015
„6. Arbeitsforum zu Tibet“ bestätigt kompromisslose Haltung
Am Ende einer Serie von Massnahmen, die der Stärkung der Sicherheit und Einschüchterung von Protestierenden galten [vergl. Tibet-Information vom 31. August 2015; UM], fand in Beijing das sogenannte 6. Arbeitsforum zu Tibet statt. Diese „Arbeitsforen“ sind Strategie-Meetings, die seit der Invasion im Jahr 1950 regelmässig stattfinden. Das 6. Forum, an dem alle Politbüro-Mitglieder teilnahmen, wurde von Partei- und Staatspräsident Xi Jinping persönlich geleitet, was die hohe Bedeutung anzeigt, die der Tibet-Frage zurzeit beigemessen wird.

Nach Meinung von Press Trust India (http://tibet.ca/en/library/wtn/13255, 27. August 2015) hatte besonders die Ankündigung des Dalai Lama, dass es möglicherweise keine weitere Inkarnation von ihm geben wird, grosse Sorge in der chinesischen Parteiführung über die „Stabilität“ in Tibet ausgelöst. So betonten auch die Stellungnahmen nach Abschluss des Arbeitsforums in auffallender Weise die Notwendigkeit, „Stabilität“ in Tibet herzustellen. Wenn der Ausdruck „Stabilität“ verwendet wird, ist dieses in der Regel mit Massnahmen von Polizei und paramilitärischen Truppen verbunden. Ausdrücklich wird nicht nur die Autonome Region Tibet als Ziel der Massnahmen genannt, sondern alle von Tibetern besiedelten Gebiete, die in chinesische Provinzen eingegliedert wurden; dieses wahrscheinlich vor dem Hintergrund, dass sich die grösste Zahl von Selbstverbrennungen und anderen Protesten eben in letztgenannten Regionen ereigneten. Auffallend ist auch, dass das 6. Arbeitsforum nicht mehr, wie noch im 5. Forum im Jahr 2010, ausschliesslich ökonomische Ziele definiert, sondern sich auch zu politischen Zielen äussert.

Laut einer anonymen Quelle soll Xi Jinping bei diesem Meeting gesagt haben, dass China die Periode des nächsten Dalai Lama bestimmen werde, aber wenn alles nicht so verlaufen würde wie geplant, könnte man auch „korrigierende Massnahmen“ ergreifen.

In der offiziellen Stellungnahme (“Why the Sixth Forum on Tibet is held now?” China Tibet Online, http://eng.tibet.cn/2012sy/xw/201508/t20150826_3928217.html , 26. August 2015) werden folgende Massnahmen für Tibet definiert:

  • Verstärkte Bemühungen zur Förderung des Wirtschaftswachstums und des “sozialen Fortschritts”
  • Verbesserung der lokalen Infrastruktur
  • Beibehaltung der finanziellen und steuerlichen Anreize für Investoren
  • Verbesserung der Lebensbedingungen und des „sozialen Zusammenhalts“
  • Zielgerichtete Massnahmen zur Verminderung von Armut und Lösung von „Schlüsselproblemen“
  • Anreize für Bauern und Nomaden, in den Städten eigene Betriebe zu eröffnen
  • Erziehung zu „sozialistischen Kernwerten“ in den Schulen
  • Gebrauch der [chinesischen; UM] Nationalsprache und –schrift populärer machen
  • Fördern der „Liebe zur Partei“ und von Personen, die für sozialistische Werte eintreten
  • Ausbau zu einer bedeutenden internationalen Tourismus-Destination

Direkt zur Frage der Inkarnation des Dalai Lama wurde nicht Stellung genommen, jedoch ist die Stellungnahme der „United Front“, der für Chinas „Minderheiten“ und im Ausland lebenden Staatsbürger zuständigen Organisation, vom 26. August 2015 eindeutig (http://eng.tibet.cn/2012sy/xw/201508/t20150826_3928554.html ). Wörtlich teilte die United Front mit, dass man „weder in der Vergangenheit, noch heute, noch in der Zukunft den Mittleren Weg akzeptiert“. Damit wird die Tür für neue Gespräche zwischen Gesandten des Dalai Lama und der United Front wohl auf absehbare Zeit zugeschlagen.

 

12. August 2015
China wiederholt Anspruch auf Anerkennung der Reinkarnation des Dalai Lama
In einer Klausurtagung am 30. Juli, an der führende Mitglieder von Partei und Regierung unter Leitung von Staatspräsident Xi Jinping zusammentrafen, wurde nochmals der Anspruch der chinesischen Regierung bestätigt, die nächste Reinkarnation des Dalai Lama anzuerkennen. In einer Stellungnahme wurde darauf hingewiesen, dass die Anerkennung der Reinkarnation „schon immer“ unter die Jurisdiktion einer chinesischen Regierung gefallen sei.

Die Tagung wurde unter dem Motto „Sicherstellen der nationalen Einheit und Stärkung der ethnischen Eintracht“ abgehalten. Diskutiert wurden laut Abschlussdokument „Massnahmen zur Stabilität in Tibet und Bekämpfung des Separatismus“.

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36311&article=Tibetans+rubbish+Chinese+claim+over+Dalai+Lama+reincarnation&t=1&c=1 , 3.August 2015

Tibeter werden gezwungen, mit Pelzen besetzte Kleider zu tragen...
Tibeter in der Unruheregion Driru, in der sich vor allem in letzten Jahr lang anhaltende Proteste und Selbstverbrennungen ereignet hatten, wurden in einer absurd anmutenden Bestimmung dazu gezwungen, sich in einer „Talentschau“ zu zeigen, um weiter die Genehmigung zum Sammeln des Raupenkeulenpilzes (tibet. Yartsa Gunbo, lat.ophiocordyceps sinensis) zu erhalten. In der Region Driru sind die Tibeter in ihrem Einkommen sehr stark vom Sammeln und Verkauf des Pilzes abhängig, dem heilende Wirkungen zugeschrieben werden und der auf dem Markt zu hohen Preisen verkauft wird.

Laut der publizierten Bestimmung wird die Sammelgenehmigung nur erteilt, wenn man vorher an einer „Talentschau“ genannten Aufführung von traditionellen Tänzen und Gesängen als Akteur oder Zuschauer teilnimmt. Mehr noch, die Akteure werden gezwungen, dabei Kostüme zu tragen, die mit Pelzen von Wildtieren besetzt sind. Diese Kostüme wurden nach Angaben von Informanten von den Behörden sogar extra zur Aufführung transportiert. Nach Angaben von Tibet Post International fanden die Aufführungen anlässlich einer offziellen Veranstaltung statt. Aus den Angaben ist nicht ganz klar, ob es sich um den 1. August handelt, den Jahrestag der Gründung der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Jedenfalls solle das Tragen dieser Kleider demonstrieren, dass Tibet wirtschaftlich blühe.

Ein Regierungsmitglied des Bezirks Driru dementierte allerdings, dass es eine solche Bestimmung gebe. Es habe auch kein Anlass am 1. August stattgefunden.

Der Zwang, diese Kleider zu tragen, soll offensichtlich einen Appell des Dalai Lama aus dem Jahre 2006 unterlaufen. Dieser hatte dazu aufgerufen, aus Respekt vor den Lebewesen keine mit Pelzen besetzten Kleider mehr zu tragen. Diese Kleider gehören traditionell zum wertvollen Familienbesitz und werden über Generationen weitergegeben. Nach dem Aufruf fanden sich Tibeter in Massen zusammen, um ihre Kleider in einer öffentlichen Demonstration zu verbrennen. Associated Press schätzte, dass bei solchen Verbrennungsaktionen, an denen teilweise über 10‘000 Personen teilnahmen, Kleider im Wert von $400 Millionen vernichtet wurden [vergl. Tibet-Information vom 15. Februar, 4. März und 3. Mai 2006; UM]. Eine weitere Verbrennungsaktion ereignete sich im Februar 2015 [vergl. Tibet-Information vom 17. März 2015; UM]. Die Behörden wurden von diesen Aktionen, die sich über die eigentliche Verbrennung hinaus zu einer grossen Loyalitätskundgebung für den Dalai Lama entwickelten, zunächst völlig überrascht und unterbanden diese später.

Was nun die Behörden in Driru zu dieser Bestimmung motivierte, ist unklar.

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36332&article=Livelihood+clampdown+on+Tibetans+in+Diru+County&t=1&c=1 , 7. August 2015.
Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4676-tibetans-forced-to-wear-wild-animal-furs-official-in-tibet-denies , 12. August 2015.

… und wegen “unglückem Gesichtsausdruck” geprügelt
Tibet Post Internation berichtet von einem offensichtlich weiteren Vorfall im Bezirk Nangchen in Osttibet, wo ebenfalls Tibeter aus 10 verschiedenen Dorfgemeinschaften gezwungen wurden, in pelzbesetzten Kleidern Tänze und Gesänge aufzuführen. Während der Proben zwischen dem 1. und 3. August für ein Sommerfestival sollen die teilnehmenden Tibeter durch Polizisten, die in vier Fahrzeugen erschienen, massiv eingeschüchtert worden sein. Während der eigentlichen Aufführung am 3. August seien ebenfalls Polizisten mit Waffen und elektrischen Schlagstöcken zugegen gewesen. Nach der Aufführung seien Polizeikräfte ohne Vorwarnung in die Zelte der Tibeter eingedrungen und hätten mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen. Insgesamt 30 Tibeter wurden mit teils schweren Verletzungen in umliegende Spitäler gebracht. Als Grund sei ihnen später mitgeteilt worden, sie hätten während der Aufführung einen „unglücklichen Gesichtsausdruck“ gezeigt.

Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4675-tibetans-severely-beaten-for-sad-expressions-of-wearing-animal-furs , 11. August 2015

Bilder der verletzten Tibeter sind auf Flickr platziert (http://freetibet.org/news-media/na/police-beat-tibetans-after-cultural-show?utm_source=Free+Tibet+email+updates&utm_campaign=31ac534e58-News_Update_Cultural_show_non_members_8_12_2015&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-31ac534e58-49802621&mc_cid=31ac534e58&mc_eid=524401721d )

 

24. Juli 2015
Nach dem Tod von Tenzin Delek: Verwandte in Haft, Urne konfisziert
Nach seinem Tod in Haft am 12. Juli [vergl. Tibet-Information vom 15. Juli 2015; UM] hatten Angehörige von Tenzin Delek Rinpoche – wie auch zahlreiche NGOs im Ausland – eine unabhängige Untersuchung der Umstände seines Todes in Haft verlangt. Zwei Schwestern waren kurz zu seinem Sterbebett vorgelassen worden, wo er noch in Anstaltskleidung in seiner Zelle lag. Verfärbungen an Fingern und Lippen hatten Gerüchte um eine Vergiftung aufkommen lassen. Eine Todesbescheinigung mit Angabe der Todesursache wurde bisher nicht ausgestellt. Nach Abgabe der Petition für eine Untersuchung wurden eine Schwester und ihre Tochter am 22. Juli in Haft genommen. Näheres über ihren Verbleib oder die Vorwürfe gegen sie sind nicht bekannt.

Tenzin Delek Rinpoche wurde noch im Hochsicherheitsgefängnis kremiert. Angehörige und Freunde wollten die Asche in sein Heimatkloster bringen, aber die Urne wurde vor Beginn der Bestattungszeremonie von der Polizei konfisziert. Nach Angaben eines Verwandten in Indien drangen Polizisten nachts in die Unterkunft ein, in der die Gruppe auf halbem Wege zum Heimatkloster übernachtete und nahmen die Urne mit. Sie drohten sogar, die Überreste in den benachbarten Fluss zu werfen. Wo sich

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36277&article=Torment+continues+for+Tulku%E2%80%99s+kin&t=1&c=1 , 22. Juli 2015

Weiterer Todesfall in Haft
Am 19. Juli starb in einem Spital in Lhasa der 64-jährige Lobsang Yeshi ebenfalls aus unklarer Ursache. Lobsang Yeshi, Vater von 8 Kindern und einziger Ernährer der Familie, war vor 14 Monaten festgenommen worden, als er eine unabhängige Ursache zum Tod von zwei Tibetern gefordert hatte. Die zwei Tibeter hatten nahe der osttibetischen Stadt Chamdo gegen Minenarbeiten protestiert und waren dabei zu Tode gekommen. Einer der beiden soll sich selbst Stichverletzungen beigebracht haben, der andere sprang von einem Gebüude in den Tod, nachdem er sich ebenfalls mit einem Messer Stiche beigebracht hatte [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai und 22. Mai 2014; UM] .

Lobsang Yeshi war vor seiner Verhaftung am 2. Mai 2014 Dorfvorsteher und setzte die Proteste gegen die Weigerung einer Untersuchung über den Tod der beiden noch tagelang gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern fort, selbst als die Behörden ihm mit Strafen drohten. Nach seiner Verhaftung dauerte es ein Jahr, bis er zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Wenige Tage vor seinem Tod wurde er wegen unklarer Bauchbeschwerden und Schwindel in ein Spital in Lhasa eingeliefert, wo er starb. Nach Angaben von Informanten von Phayul sei er in Haft regelmässig misshandelt worden und habe über Schwindelanfälle geklagt.

In einer Parallele zu Tenzin Delek verweigerten auch hier die Behörden die Herausgabe des Leichnams und kremierten ihn am 21. Juli. Nur auf intensives Drängen seiner Angehörigen wurde schliesslich einem Mönch gestattet, vor der Kremation die Totenrituale durchzuführen. Zwei Angehörige durften der Kremation beiwohnen.

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36282&article=Tibetan+political+prisoner+dies+in+custody%2c+family+kept+at+bay&t=1&c=1 , 23. Juli 2015; Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/china-tibet-07232015164859.html, 24. Juli 2015

 

15. Juli 2015
Einer der prominentesten politischen Gefangenen stirbt in Haft
Am 12. Juli starb im Alter von 65 Jahren der seit 2002 inhaftierte Tenzin Delek Rinpoche in einem Gefängnis in Chengdu, Provinz Sichuan. Er war in seiner Heimatregion in der Präfektur Kardze bis zu seiner Inhaftierung für sein religiöses und soziales Engagement hoch geachtet.

Menschenrechtsgruppen hatten seit Frühjahr 2015 eine Kampagne gestartet, um eine Freilassung aus medizinischen Gründen zu erwirken. Es war bekannt, dass Tenzin Delek schwer herzkrank war, ohne dafür in Haft angemessene Behandlung zu bekommen. Bereits am 2. Juli hatten die Behörden in Kardze seine beiden Schwestern aufgefordert, nach Chengdu zu reisen, weil er ernsthaft krank sei. Dort wurden die Schwestern für 10 Tage in einem Gästehaus untergebracht, ohne ihn sehen zu dürfen. Am 12. Juli wurden sie über seinen Tod informiert. Bis heute ist sein Leichnam nicht zur Bestattung freigegeben. Auf Fragen nach der Todesursache und dem Zeitpunkt der Freigabe des Leichnams teilten die Behörden mit, darüber würde eine interne „Besprechung“ stattfinden.

Tenzin Delek Rinpoche war wegen angeblicher Beteiligung an einem Bombenanschlag in Chengdu vom 3. April 2002 verhaftet worden. Während 8 Monaten wurde er in Isolationshaft gehalten, ohne dass er einen Rechtsbeistand erhielt. Dann verurteilte ihn ein Gericht in einer Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 5. Dezember 2002 zusammen mit seinem Neffen Lobsang Dhondup zum Tode. Während Lobsang Dhondup am 22. Januar 2003 hingerichtet wurde, erhielt Tenzin Delek einen Aufschub für 2 Jahre [vergl. Tibet-Information vom 10. Februar 2003; UM]; später wurde die Todesstrafe auf internationalen Druck in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt.

Tenzin Delek hatte stets seine Beteiligung an dem Bombenanschlag bestritten. Während der 13 Jahre in Haft war er völlig isoliert und konnte seine Verwandten insgesamt nur sieben Mal sehen, und das nur für jeweils 30 Minuten unter strenger Aufsicht von Gefängnispersonal. Der letzte Besuch wurde im November 2013 genehmigt. Tenzin Delek soll in den letzten Jahren nur noch an Stöcken gelaufen sein, weil er durch die Misshandlungen in Haft Beinverletzungen erlitten hatte.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/monk-07132015015651.html, 13. Juli 2015

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD), http://www.tchrd.org/, 15. Juli 2015

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36249&article=Uproar%2c+sadness+after+prominent+Tibetan+Lama%27s+death+in+Chinese+jail&t=1&c=1 , 14. Juli 2015

Schüsse und Verletzte nach Protesten anlässlich Tenzin Deleks Tod
In Nyagchuka, dem Nachbarbezirk von Lithang, der Heimat von Tenzin Delek, versammelten sich über 1000 Menschen, um seiner zu gedenken und gegen die unmenschliche Behandlung in Haft zu protestieren. Dabei sollen Tibeter auch Steine auf die Polizei geworfen haben. Nach übereinstimmenden Berichten verschiedener Quellen hat die Polizei Tränengas und Schusswaffen gegen die Protestierenden eingesetzt. TCHRD erklärt, dass ihr Fotos vorliegen, die mindestens 7 Tibeter mit Schussverletzungen zeigen. Die Zahl der Verletzten liege aber wahrscheinlich wesentlich höher. Die Region sowie die Verbindungsstrasse zwischen Lithang und Nyagchuka sind von Sicherheitskräften mittlerweile abgeriegelt.

Auch vor dem Gefängnis in Chengdu, wo Tenzin Delek starb, versammelten sich etwa 100 Tibeter zum Protest. Über Zwischenfälle ist hier nichts bekannt.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/marchers-07132015172716.html, 13. Juli 2015

 

10. Juli 2015
26-jähriger Mönch verbrennt sich
Am 9. Juli hat sich der 26-jährige Mönch Sonam Topgyal in der Stadt Kyegundo in der Präfektur Yulshul angezündet. Er tat dieses am frühen Abend auf einem belebten Platz (TCHRD, http://www.tchrd.org/, 10. Juli 2015). Sofort trafen Sicherheitskräfte ein, blockierten alle Zugänge zu dem Platz und schafften seinen Körper fort. Nach unbestätigten Berichten soll er die Selbstverbrennung überlebt haben und sich in einem Spital befinden. Weitere Sicherheitskräfte seien kurz darauf nach Kyegundo gebracht worden, die alle Zufahrsstrassen zum Platz sperrten und Telefon- und Internet-Verbindungen kappten.

Kyegundo war Zentrum des verheerenden Erdbebens vom 14. April 2010 mit über 3‘000 Todesopfern und weitgehender Zerstörung der Infrastruktur. Seitdem haben sich die Spannungen zwischen lokalen Tibetern und den Behörden verschärft. Verschiedentlich kam es zu Protesten, weil Land und Liegendschaften, die Tibetern seit Generationen gehörten, willkürlich enteignet wurden, um Platz für kommerzielle Bauten zu schaffen [vergl. Tibet-Information vom 11. August 2010, 6. Juni 2014 und 24. Januar 2015; UM]. Aus Protest dagegen hatte sich vor 2 Jahren schon eine Tibeterin in Kyegundo verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 3. April 2013; UM].

Besorgnis über Chinas „Gesetz zur Nationalen Sicherheit“
NGOs und Menschenrechtler, sowie Anwälte in China und im Ausland, sind über die Auswirkungen des kürzlich vom Nationalen Volkskongress verabschiedeten Gesetzes besorgt. Dieses stellt die „nationale Sicherheit“ über alles und ist in vielen Passagen so unbestimmt formuliert, dass hier grob willkürliche Auslegungen möglich sind und so zahlreiche NGOs, Menschenrechtler und vor allem Tibeter treffen kann (TCHRD, http://www.tchrd.org/, 9. Juli 2015; Süddeutsche Zeitung, http://www.sueddeutsche.de/politik/china-sicherheit-fuer-die-herrscher-1.2546024, 1. Juli 2015). Als Bestandteile der „Sicherheit Chinas“ und damit Geltungsbereich des Gesetzes werden beispielsweise genannt: „religiöse Überzeugungen“, „negative kulturelle Einflüsse“, „ethnische Minderheiten“, aber selbst auch die Tiefsee, die Polarregionen und der Weltraum.

NGOs werden der direkten Kontrolle durch das Polizeiministerium unterstellt. Als Ziel fordert das Gesetz „sichere und kontrollierbare Internetverbindungen“. In diesem Kontext weist die Süddeutsche Zeitung auch darauf hin, dass ein Papier der Kommunistischen Partei ausdrücklich Pressefreiheit und Zivilgesellschaft als Themen nennt, die zu bekämpfen seien.

Zwei Artikel verlangen für Sicherheitsdienste ausdrücklich die Verwendung von modernster Technologie zur Überwachung von Individuen in China sowie von kommerziellen Transaktionen und Technologien.

Für Tibeter relevant sind Bestimmungen, die zwar Religionsfreiheit nennen, aber als Pflicht den „Widerstand gegen ausländische Einflüsse“, das „Mitwirken bei Bemühungen um Sicherheit“ und das „Nichtverbreiten von Staatsgeheimnissen“ diktieren, was schon allein den Besitz von Bildern oder Lehrreden des Dalai Lama zum Strafbestand machen könnte. Auch fällt vermutlich die Verbreitung von Nachrichten über Selbstverbrennungen darunter; gemäss Gesetz können öffentlich verbreitete Nachrichten nachträglich zu „Staatsgeheimnissen“ erklärt werden. Tibeter wurden schon verhaftet unter dem Vorwurf, Selbstverbrennungen nicht verhindert zu haben, was nun offiziell unter den Tatbestand der „Behinderung von Sicherheitsbemühungen“ fällt.

 

8. Juli 2015
Früherer Chef der Staatssicherheit in Tibet unter Korruptionsverdacht
Wie die unabhängige Tageszeitung South China Morning Post aus Hongkong meldet http://tibet.ca/en/library/wtn/13209, 29. Juni), wurde der frühere Spitzenfunktionär Le Dake unter Korruptionsverdacht gestellt. Die Chinesische Zentralkommission für Disziplin CCDI gab nur an, dass Le Dake unter Verdacht steht, spezifizierte aber die Vorwürfe nicht weiter.

Le Dake war von 2004 bis Januar 2013 Leiter des Büros für Staatssicherheit in Tibet, vorher war er Stellvertrender Leiter der gleichen Behörde in seiner Heimatprovinz Jiangxi. Er ist der erste hochrangige Funktionär in Tibet, gegen den Rahmen der landesweiten Anti-Korruptionskampagne untersucht wird. Es ist unklar, ob sich die Korruptionsvorwürfe auf seine Amtszeit in Tibet beziehen.

Der Parteivorsitzende Xi Jinping hatte angekündigt, nicht nur die „Fliegen“, niederrangige Personen, sondern auch hochrangige Funktionäre, „Tiger“, bei Korruption zu belangen.

Tibetischer Umweltaktivist ertrinkt
Der tibetische Umweltaktivist und Buchautor Kawa Nyingchak ist bei dem Versuch ums Leben gekommen, Fischernetze von illegalen Fischern aus dem Wasser zu ziehen (Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/attempt-06292015162712.html, 29. Juni 2015). Kawa Nyingchak, der auch durch seine Kinderbücher in Tibet bekannt ist, hatte sich zwei Tage vorher bei der Polizei beklagt, dass Chinesen illegal im Qinghai-See (Koko-nor) fischen. Dort wurde ihm aber nur beschieden, dass der Polizei nichts über illegales Fischen bekannt sei.

Darauf machte er sich mit einigen Freunden auf den Weg zum Ufer und begann, Fischernetze aus dem Wasser zu ziehen, um seine Vorwürfe zu beweisen. Dabei ergab sich eine Auseinandersetzung mit den chinesischen Fischern. Als Kawa Nyingchak einige Schritte in den See ging, um ein Fischernetz zu leeren, sei er im Wasser versunken. Weil niemand schwimmen konnte, ertrank er, bevor es anderen gelang, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Bericht von Informanten von Radio Free Asia lässt es offen, ob es sich um einen Unfall handelte oder ob er durch äussere Einwirkung infolge der Auseinandersetzung ertrank.

In den letzten Jahren hatten sich die Vorwürfe von lokalen Tibetern gehäuft, dass im Qinghai-See illegal gefischt werde, so dass schliesslich von den Anwohnern Beobachtungsposten errichtet wurden. Kawa Nyingchak, der an der Universität für Nationalitäten in Lanzhou, Provinz Gansu, studiert hatte, gehörte zu dieser lokalen Gruppe von Umweltaktivisten. Ausser einem Kinderbuch hatte er auch ein Lehrbuch der tibetischen Sprache und Gedichte verfasst.

Nepal erlaubt überraschend Geburtstagsfeier für Dalai Lama
Die Behörden in Kathmandu haben der grossen Tibeter-Gemeinschaft in Nepal überraschend die Erlaubnis erteilt, eine Geburtstagsfeier anlässlich des 80. Geburtstages auszurichten (Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36202&article=Nepal+to+allow+Dalai+Lama%27s+birthday+celebrations&t=1&c=1, 3. Juli 2015). Die Feier fand am 6. Juli auf dem Sportplatz der Namgyal-Schule statt und zog tausende Tibeter an.

Die Zahl der in Nepal lebenden Tibeter wird auf ca. 20‘000 geschätzt. Der Schritt der Behörden kam völlig überraschend, da China einen grossen Einfluss auf die nepalische Politik ausübt. Aufgrund von Interventionen seitens der chinesischen Regierung waren öffentliche Feiern für den Dalai Lama und auch das Begehen des tibetischen Neujahrsfestes in der Vergangenheit verboten worden.

 

26. Juni 2015
Tibeter trotzen Verboten – Geburtstagsfeiern für Dalai Lama überall
In zahlreichen Regionen in Tibet, vor allem im Osten und Norden, hielten Tibeter Feiern zum 80. Geburtstag des Dalai Lama ab, obwohl die Behörden diese bei Androhung von Strafen verboten hatten [vergl. Tibet-Information vom 17. Juni 2015; UM]. Die Feiern fanden zum Beginn des Monats des tibetischen Kalenders statt, in dem der Dalai Lama 80 Jahre alt wird [21. Juni; der eigentlich Geburtstag ist am 6. Juli nach europäischem Kalender; UM]. Informanten von Radio Free Asia berichteten von Feiern an zwei Orten in der Präfektur Kardze, weiteren Anlässen in der Präfektur Golog und in den Bezirken Tongde und Pema (Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/defiance-06222015160655.html, 23. Juni 2015). Einige dieser Feiern fanden in der Öffentlichkeit im Freien statt, sogar mit aufgebautem Altar und Foto des Dalai Lama, an anderen Orten in Klöstern oder wegen der Restriktionen in Privatwohnungen. Es wurden Langlebensgebete rezitiert, Weihrauch verbrannt und Feuerwerk abgefeuert. Im Bezirk Pema wollten die Tibeter ein Fasten-Retreat beginnen, was jedoch von der Polizei untersagt wurde. Stattdessen ging die Gruppe zum Markt und bewahrte eine grosse Zahl von Fischen vor der Tötung, was als segensgebende Handlung zu Ehren des Dalai Lama gilt.

Im Kloster Khagya Toe in der Präfektur Kanlho wurde ebenfalls ein grosses Portrait des Dalai Lama aufgebaut, vor dem Gebete rezitiert wurden und Tibeter in langen Reihen anstanden, um weisse Schleier am Altar niederzulegen. Ausserdem wurde eine Reihe von gefangenen Vögeln freigelassen, und es wurden Theaterstücke über den legendären König aus dem 8. Jahrhundert, Trisong Detsen, und den Sagenhelden Gesar Ling inszeniert. Die Polizei habe alles beobachtet, ohne aber einzugreifen.

Im Bezirk Chone in der Präfektur Kanlho trotzten Tibeter ebenfalls den Verboten und rezitierten über einen Monat vom 5. Mai bis 5. Juni zahlreiche Langlebensgebete.

Restriktionen an anderen Orten durchgesetzt - Blogger verhaftet
Im Bezirk Rebgong in der Präfektur Malho gelang es den Behörden, viele geplante Feiern zu unterbinden. Vorab war ein Verbot publiziert worden, sich in grösseren Gruppen zu versammeln, Picknicks zur Feier zu organisieren oder sogar soziale Medien mit diesem Thema zu verwenden. Viele Familien feierten stattdessen in ihren Häusern. In zwei Klöstern, Riwo und Palden Gyurme, wo sich Mönche zu Gebeten versammelt hatten, wurde Laien der Eintritt verweigert. Diese mussten am Eingang sogar ihre Mobiltelefone zur Durchsuchung auf verbotene Bilder, Musikstücke und Texte abgeben.

Ebenfalls in Rebgong wurde ein 25-jähriger Tibeter verhaftet, weil er die verbotene tibetische Flagge und ein Foto des Dalai Lama in WebChat, einem sozialen Netzwerk, platziert hatte. Es ist bekannt, dass China den Datenverkehr auf WeChat detailliert verfolgt. Ein Informant von Radio Free Asia gab an, dass in den Strassen von Rebgong sogar speziell ausgerüstete Messfahrzeuge patrouillieren, die den Online-Datenverkehr abhören können.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/detention-06232015155348.html , 23. Juni 2015).

Auch indische Würdenträger nehmen an Feiern teil
In Dharamsala nahm der Chefminister der Provinz Himachal Pradesh, Virbhadra Singh, an den offiziellen Feiern in Anwesenheit des Dalai Lama teil. Dieses dürfte China besonders verärgern, weil Teile von Himachal Pradesh auch von China beansprucht werden. Seitens der Zentralregierung in New Delhi waren Dr. Mahesh Sharma, Minister für Kultur und Tourismus, sowie der Innenminister Kiren Rijiju vertreten (Phyaul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36167&article=Tibetans+greet+Dalai+Lama+on+80th+birthday%2c+offer+long+life+prayer&t=1&c=1, 21. Juni 2015).

 

17. Juni 2015
Rüffel für von China eingesetzten Panchen Lama?
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping hat bei einem Treffen mit dem von der chinesischen Regierung eingesetzten Panchen Lama für die "nationale Einheit" geworben. Xi habe den Panchen Lama gebeten, die "patriotische Tradition" des tibetischen Buddhismus fortzusetzen, berichtete die staatliche Tageszeitung "China Daily" am Donnerstag (http://africa.chinadaily.com.cn) am 10. Juni 2015). Wörtlich sagte Xi Jinping [Übersetzung aus der englischsprachigen Meldung; UM], er hoffe, der Panchen Lama werde „weiter das Mutterland und sein Volk im Herzen behalten und sich weiterhin entschieden für die Einigkeit des Landes und aller ethnischen Gruppen einsetzen“. Er solle die „Tradition seiner Vorgänger fortsetzen, um den tibetischen Buddhismus in die sozialistische Gesellschaft zu integrieren“. Der Begriff „patriotisch“ wird in China oft synonym mit „loyal“ zur Regierung verwendet.

Im Mai hatte der Panchen Lama, der in einem umstrittenen Verfahren eingesetzt wurde und bisher nie mit kritischen Äusserungen hervortrat, die Religionspolitk der chinesischen Regierung kritisiert. In einer Rede vor hohen Funktionären hatte er davor gewarnt, dass angesichts der schweren Restriktionen gegen Klöster, der „Patriotischen Umerziehung“ und anderer Kampagnen bald zu wenige Mönche verfügbar seien. Der Buddhismus in Tibet drohe „nur noch auf dem Papier“ zu existieren [vergl. Tibet-Information vom 24. Mai 2015; UM].

China verbietet öffentliche Feiern zum 80. Geburtstag des Dalai Lama
Überall in Tibet ergreifen die Behörden Massnahmen, um jegliche öffentliche Feiern zum bevorstehenden 80. Geburtstag des Dalai Lama zu verhindern.

Im Bezirk Machu in der heutigen chinesischen Provinz Gansu wurden am 5. Juni 2 Tibeter verhaftet, die vom 10. – 13. Juni ein Pferderennen organisierten, das für alle Tibeter aus den ehemaligen tibetischen Provinzen Kham und Amdo offenstehen sollte. Die Organisatoren hatten zur Bedingung gemacht, dass alle Teilnehmer mindestens ein Tier vor dem Schlachten bewahren und diese Tat dem langen Leben des Dalai Lama gewidmet wird. Auch wollten die Organisatoren den übermässigen Konsum von Alkohol und Glücksspiele während der Veranstaltung verbieten. Nach der Verhaftung der beiden, über deren Schicksal nichts weiter bekannt ist, wurden auch alle Zusammenkünfte auf dem vorgesehenen Gelände für das Pferderennen untersagt und eine grössere Zahl von Sicherheitskräften dort stationiert.

Im Kloster Jonang im Bezirk Dzamthang in der Präfektur Ngaba wurde eine Gebetszeremonie verboten, die ab dem 8. Juni für zwei Wochen dauern sollte und für die etwa 3‘000 Mönche und Nonnen eingeladen waren. Neben den Gebeten waren auch Debattierveranstaltungen über religiöse Themen geplant. Das Verbot erfolgte mit der Begründung, dass jegliche Feiern für den 80. Geburtstag des Dalai Lama verboten seien, und dass diese Veranstaltung auch in diesem Kontext stehe. Die Zahl der Sicherheitskräfte, die das Kloster überwachen, wurde erhöht.

Im Bezirk Pema in der Präfektur Golog zirkuliert eine offizielle Liste der Behörden mit dem Titel „20 Punkte für Stabilität“. Im einzelnen werden verboten: das Hissen der tibetischen Nationalflagge, Proklamieren von Slogans oder Komponieren von Liedern für die tibetische Unabhängigkeit, Abhalten von jeglichen Veranstaltungen zur Feier des Geburtstages, Aufstellen von Fotos des Dalai Lama, aber auch öffentliche Feiern nach der Entlassung von Gefangenen aus der Haft.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/blocks-06102015160216.html , 10. Juni 2015

 

10. Juni 2015
Tibeter und Uiguren auf „schwarzer Liste“ bei Hotelbuchungen
Wenn Tibeter oder Uiguren ein Hotelzimmer buchen, landen sie automatisch auf einer „schwarzen Liste“. Das ergaben Probeanrufe von Radio Free Asia in zahlreichen Hotels überall in China.

Die Hotels bestätigten, dass, sobald eine Person tibetischer oder uigurischer Nationalität an der Hotelreception erscheine, die Daten von ihrer Identitätskarte an die lokale Polizeistation übermittelt werden müssten. Darauf würde die Polizei im Hotel erscheinen und das betreffende Hotelzimmer durchsuchen. Während viele Hotels bestätigten, dass die Betroffenen danach im Hotel bleiben könnten, gaben andere aber an, dass sie Reservierungen von vornherein ablehnten, wenn sich die potenziellen Gäste vorab bei der Reservation als Tibeter oder Uiguren zu erkennen gäben.

Noch strenger werden Reservationen in der Provinz Xinjiang und in Tibet selbst behandelt. In der Präfektur Ili in Xinjiang gaben Regierungsangestellte an, dass alle Pässe oder Identitätskarten von Gästen eingesammelt und erst nach einer gründlichen Untersuchung zurück gegeben würden. In der tibetischen Präfektur Nyingchi gab ein Hotel an, dass sie überhaupt keine Reservationswünsche von Tibetern annehmen würden. Nur ganz wenige, und eher teure, Hotels dürften mit behördlicher Genehmigung auch Tibeter beherbergen. Noch weniger Chancen auf Unterbringung hätten Tibeter aus dem Ausland. In Xinjiang sei es in manchen Regionen verboten, Burkas, Kopftücher, Schleier oder gar Bärte zu tragen.

Selbst einem Han-Chinesen, der in Xinjiang wohnt, erging es bei einer Reise nicht besser, wie er Radio Free Asia mitteilte. Er hatte sich zunächst vergewissert, dass in dem gewünschten Hotel Zimmer frei seien. Als er aber in der Nacht im Hotel ankam und seine Herkunft aus Xinjiang bekannt machte, seien „alle Zimmer besetzt“ gewesen. Mit Mühe habe er noch ein anderes Hotel gefunden, das ihn aufnahm, aber er hätte sich zuerst auf der lokalen Polizeistation melden müssen.

Tibetern werden Reisen in das Ausland verboten
Mehrere Reiseunternehmen in Chengdu, Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan, gaben gegenüber Radio Free Asia an, dass sie derzeit keine Buchungen von Tibetern für Gruppenreisen in das Ausland annehmen dürfen. Das Verbot gelte vom 20. Mai bis zum 15. Juli. Niemand konnte aber klare Gründe für das Verbot nennen; alle beriefen sich auf entsprechende behördliche Anweisungen ohne weitere Erklärungen.

Alle Reiseunternehmen in Sichuan hätten einen neuen Passus in die Reisebedingungen aufgenommen, der besagt, dass die Kunden vor definitiver Buchung gültige Reisedokumente vorlegen müssen, die eine Erlaubnis zur Auslandsreise belegen.

Gleiche Anweisungen sind auch in der Provinz Xinjiang erlassen worden. Auch hier dürfen Tibeter nicht ausreisen, wärend es Uiguren nach wie vor gestattet ist.

Verhaftungen nach Protesten gegen Strassenbau
Im Bezirk Luchu in der Präfektur Kanlho im Nordosten Tibets, heutige chinesische Provinz Gansu, wurde am 2. Juni ein Protest von Tibetern gegen den Bau einer Strasse aufgelöst. Insgesamt 10 protestierende Tibeter wurden festgenommen.

Die Tibeter hatten sich versammelt, als schwere Baumaschinen auffuhren, um mit einem Strassenbau an einem Ort zu beginnen, den Tibeter als ihr Eigentum betrachten. Das nicht bebaute Stück Land wurde seit einem Jahr von den Bewohnern für Veranstaltungen und Feiern verwendet. Bereits früher hatten die Behörden den Bau einer Strasse geplant, diese Pläne aber angesichts der Einwände der Tibeter zurück gestellt. Nun umringten Polizeikräfte die Tibeter, die sich an diesem Ort versammelt hatten, zerstreuten die Menge und nahmen 10 Tibeter fest.

Bereits vor 2 Jahren hatten Polizeikräfte in Luchu protestierende Tibeter vertrieben, als die Behörden ein Stück Land in Besitz nehmen wollten, das die Tibeter als ihren Besitz reklamierten. Den Tibeter wurde nur mitgeteilt, dass das betreffende Stück Land an die Behörden „übereignet“ sei.

Bis zu 8 Jahre Haft für chinesischen Anwalt wegen Kritik an Tibet-Politik
Der chinesische Menschenrechtsanwalt Pu Zhiqiang wurde von der Staatsanwaltschaft in Beijing wegen „Anzettelns von ethnischen Spannungen“, sowie „Aufgreifens von Auseinandersetzungen und Provokation von Problemen“ angeklagt. Nach Angaben seines Verteidigers droht ihm dafür, sowie für vergangene Vergehen, eine Gefängnisstrafe von bis zu 8 Jahren. Auf der offiziellen Blog-Seite der Staatsanwaltschaft erschien eine ausführlichere Schilderung seiner „Verbrechen“. Wiederholt habe Pu Äusserungen von sich gegeben, die „ethnischen Hass schüren, andere Personen angreifen und die soziale Ordnung stören“. Deswegen wiegen seine Vergehen schwer.

Pu wurde vor einem Jahr verhaftet, als er an einer Gedenkversammlung zum 25. Jahrestag der Niederschlagung des Protestes auf dem Platz des Himmlischen Friedens teilgenommen hatte. Er hatte sich seit 2011 mehrfach mit sarkastischer Kritik an der Kommunistischen Partei an die Öffentlichkeit gewandt und besonders die Politik in Tibet und Xinjiang kritisiert. Speziell das Gebot zum Aufhängen der Portraits von Partei- und Regierungsführern in tibetischen Klöstern und das Verbot von Bärten für Männer und Schleiern für Frauen in Xinjiang nannte er „verrückt“.

In der Vergangenheit hatte Pu mehrmals Regierungskritiker wie zum Beispiel den Künstler Ai Weiwei in Strafverfahren verteidigt. Beobachter gehen davon aus, dass an ihm ein Exempel statuiert werden soll, um andere Menschenrechtsanwälte einzuschüchtern.

Quellen: Radio Free Asia RFA; South China Morning Post

 

8. Juni 2015
141. Selbstverbrennung
Am 27. Mai zündete sich die 36-jährige Sangye Tso, Mutter einer Tochter und eines Sohnes, in der Ortschaft Chone in der Präfektur Kanlho an und starb. Als Ort wählte sie – wie schon viele Tibeterinnen und Tibeter vor ihr – ein Regierungsgebäude mit Polizeistation aus, in dem Veranstaltungen zur „Patriotischen Umerziehung“ durchgeführt werden. Nahe dem Ort, an dem sie sich selbst verbrannte, befindet sich das Kloster Tashi Choekhorling, in dem gerade Belehrungen anlässlich Saga Dawa (Geburt, Erleuchtung und Eingang Buddhas in das Nirwana) stattfanden.

Die Angehörigen vo Sangye Tso wurden unruhig, als sie eine Nachricht von ihr im sozialen Netzwerk WeChat vorfanden, in der sie sich kritisch zur Situation in Tibet äusserte. Diese war offenbar ihre Abschiedsnachricht an die Familie. Ihr verbrannter Leichnam wurde sofort von Sicherheitskräften abtransportiert und alle Kommunikationsleitungen in die Region unterbrochen. Mehrere Angehörige wurden zum Verhör einbestellt und ihre Wohnungen durchsucht.

Belohnungen für „patriotische“ Klöster, Sanktionen für „schlechte“
Tibeter „dürfen sich selbst verbrennen, wenn sie wollen“
In der Präfektur Kardze in Osttibet werden Klöster mit grösseren Geldsummen belohnt, wenn sie nicht in Selbstverbrennungen oder andere Protestaktionen involviert waren. Das kündigten Partei- und Regierungskader an, als sie Anfang Mai mehrere Klöster in der Region besuchten. Andere Klöster hingegen, die Ursprung von Protesten waren, würden der „Patriotischen Umerziehung“ unterzogen. Davon sind laut einem Informanten von Radio Free Asia etwa 30 Klöster betroffen. Gerade die Klöster in Kardze gelten wegen ihrer starken tibetischen Identität als „problematisch“ und waren oft Ausgangspunkt von Protesten.

Unterdessen protestierten zahlreiche Tibeter im Bezirk Tawu gegen die repressiven Massnahmen der Behörden. Hier hatte sich am 20. Mai Tenzin Gyatso selbst verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 25. Mai 2015; UM]. Am 22. Mai gelangte eine Delegation zunächst mit der Bitte an die Behörden, diejenigen Tibeter freizulassen, die kurz nach der Selbstverbrennung von Tenzin Gyatso verhaftet worden waren. Diese Bitte wurde abgeschlagen; dabei soll ein chinesischer Funktionär der Delegation gesagt haben, sie „könnten ruhig Benzin an diejeinigen liefern, die sich verbrennen wollten“. Daraufhin versammelten sich am 24. Mai etwa 1000 Tibeter aus Protest im nahen Kloster. Offenbar liessen die Sicherheitskräfte diese aber gewähren, ohne einzuschreiten.

Neues chinesisches Weissbuch attackiert Dalai Lama...
Die chinesische Regierung veröffentlichte im April eine neues Weissbuch, das alt bekannte Attacken gegen den Dalai Lama erneuert. Im Weissbuch lobt die Regierung die Entwicklung von Wirtschaft und Infrastruktur in Tibet, während sie heftige Kritik an dem vom Dalai Lama vorgeschlagenen „Mittleren Weg“ übt, der eine „genuine Autonomie“ ohne Unabhängigkeit der historischen Regionen Tibets vorschlägt.

Dem Dalai Lama wird vorgeworfen, in Wirklichkeit mit der Autonomie-Forderung einen „Staat im Staate“ erreichten zu wollen, um damit China letztendlich zu „spalten“. Noch heftiger sind die Attacken auf die Person und Institution des Dalai Lama. Die Dalai Lamas hätten in der Vergangenheit „spirituellen Terrorismus“ in den „letzten Bastionen der feudalen Skalvenhaltergesellschaft“ ausgeübt. Der 14. Dalai Lama und seine Anhänger seien „sentimentale Anhänger“ der „alten theokratischen Gesellschaft“. Die Selbstverbrennungen seien vom Dalai Lama und seinen Anhängern mit angestiftet.

Am Ende des Weissbuches wird jedem Vorschlag nach Autonomie eine klare Absage erteilt. Das bedeutet nach Beobachtern auch ein Ende der möglicherweise abgehaltenen Geheimgespräche über eine Pilgerreise des Dalai Lama nach China. Mehrere Zeitungen hatten über angeblich vertraulich verlaufende Diskussionen zwischen Vertrauten des Dalai Lama und der chinesischen Regierung berichtet, nach denen der Dalai Lama möglicherweise eine private Pilgerreise zu heiligen Stätten in China durchführen könnte [vergl. Tibet-Information vom 1. September 2014; UM].

...während „Chinas Panchen Lama“ seine eigene Regierung kritisiert
Grosse Überraschung erzeugte eine Meldung im Nikkei Asian Review vom 12. Mai. Der von China installierte Panchen Lama übte Kritik an der Religionspolitik der eigenen Regierung. In einer Rede vor hohen Funktionären warnte er davor, dass angesichts der schweren Restriktionen gegen Klöster, der „Patriotischen Umerziehung“ und anderer Kampagnen bald zu wenige Mönche verfügbar seien. Der Buddhismus in Tibet drohe „nur noch auf dem Papier“ zu existieren.

Die in chinesischer Sprache gehaltene Rede erstaunt sehr. Bisher galt Gyaltsen Norbu als von China implementierter Panchen Lama und damit als völlig loyal zur Regierung.

Die Kritik an der chinesischen Regierung kostete den Vorgänger, den 10. Panchen Lama, 14 Jahre Gefangenschaft. Er, der nicht mit dem Dalai Lama geflohen war, und zum Vorsitzenden der Autonomen Region Tibet ernannt wurde, kritisierte nach Reisen durch Tibet zwischen den Jahren 1959 und 1962 ebenfalls heftig die Politik der chinesischen Regierung. Mao nannte seinen Bericht daraufhin einen „Giftpfeil“, der von „reaktionären Lehensherren“ auf die Partei abgeschossen wurde. Es bleibt abzuwarten, wie Partei und Regierung dieses Mal mit dem neuerlichen „Giftpfeil“ umgehen.

Quellen: International Campaign for Tibet; Radio Free Asia RFA; The Diplomat; Nikkei Asian Review

 

25. Mai 2015
140. Selbstverbrennung aus Protest gegen Repressionen
Aus Protest gegen anhaltende Repressionen hat sich am 20. Mai der 34-jährige Tenzin Gyatso im Ort Tawu in der Präfektur Kardze in Flammen gesetzt und starb. Der Vater von vier Kindern setzte sich auf einer Brücke nahe einem Regierungsgebäude in Flammen, in dem „Patriotische Umerziehungskampagnen“ durchgeführt wurden. Sein Körper wurde sofort von Sicherheitskräften, die herbeigeeilt waren, fortgeschafft, ohne dass zunächst ersichtlich war, ob er noch lebte oder nicht. Die Tibeter, die sich am Ort der Selbstverbrennung eingefunden hatten und Slogans gegen die Sicherheitskräfte riefen, wurden mit Schlägen auseinander getrieben. Mehrere Tibeter wurden verhaftet und angeblich in Polizeigewahrsam misshandelt.

Einen Tag später, am 21. Mai, riefen Behördenvertreter bei der Familie an und unterrichteten sie darüber, dass Tenzin Gyatso verstorben sei. Gleichzeitig bestellten sie die Familienangehörigen zum Verhör in die Bezirksstadt Dhartsedo ein. Es ist nicht bekannt, ob der Leichnam zur Bestattung übergeben wird, und was mit den Familienmitgliedern geschah.

Laut Informanten sind nun in der Region Kontrollposten an jeder grösseren Strassenkreuzung postiert, kontrollieren die Tibeter und hätten bereits mehrere verhaftet, weil sie eine „feindselige“ Haltung zur Schau getragen hätten.

Hintergrund der Selbstverbrennung: Repressionen
Laut Informanten sei die Selbstverbrennung offenbar durch durch die in der Region forcierte „Patriotische Umerziehung“ motiviert gewesen, die der neue Vizegouverneur des Bezirks veranlasste. Damit sollten Feiern zum 80. Geburtstag des Dalai Lama unterbunden werden. Den Familien in der Region sei mit Androhung von Strafen mitgeteilt worden, dass alle Geburtstagsfeiern als Versuche gewertet würden, „die Nation zu spalten“. Ebenso würde es denjenigen ergehen, die für die Tibeter beten würden, die sich selbst verbrannt hätten. Alle Familien hätten eine schriftliche Erklärung unterzeichnen müssen, dass sie keinerlei Feiern abhielten. Sicherheitskräfte seien in den Ortschaften aufgezogen und würden mit martialischem Gehabe und Übungen die Tibeter einschüchtern. Etwa 80 Tibeter seien im Mai teils willkürlich verhaftet worden.

Unruhe-Region Tawu
Der Bezirk Tawu galt schon lange als „problematische“ Region. Eine der ersten Selbstverbrennungen durch den Mönch Tsewang Norbu ereignete sich dort am 15. August 2011; kurz darauf zündete sich die Nonne Palden Choetso am 3. November 2011 an [vergl. Tibet-Information vom 17. August und 3. November 2011; UM].

Am 6. Juli 2011 stoppte die Polizei eine Gruppe von über 1000 Tibetern, die am heiligen Berg Nyitso den Geburtstag des Dalai Lama feiern wollte. Am gleichen Ort erschossen zwei Jahre später Sicherheitskräfte zwei Tibeter und verwundeten weitere acht schwer, die dort anlässlich des Geburtstages zu Picknick und Gebeten versammelt hatten [vergl. Tibet-Information vom 17. August 2011 und 11. Juli 2013; UM].

Quellen: International Campaign for Tibet; Radio Free Asia RFA

 

13. Mai 2015
Tibeter erhalten kaum noch Reisepässe
TCHRD erläutert die Folgen eines Regierungserlasses vom April 2012 und kommt zum Schluss, die die verfügten Hürden und Restriktionen für die Ausstellung von Reisepässen an Tibeter dazu geführt haben, dass kaum noch jemand einen Pass erhält.

Die Verfügung vom 29. April 2012 definiert einen langen Weg mit zahlreichen Überprüfungen, bis einem Antragssteller ein Pass ausgehändigt wird. Sie entzieht sogar allen bisherigen Inhabern den gegenwärtigen Pass, selbst wenn dieser noch gültig war. Die Pässe von Tibetern, die sich gerade in Nepal befanden, wurden ebenfalls für ungültig erklärt, so dass sie ohne einen neuen Antrag nicht nach Tibet zurückkehren konnten.

Ein neuer, elektronischer Pass kann laut Erlass nur nach “strenger Prüfung” ausgestellt werden. Der Antrag wird von nicht weniger als 10 verschiedenen Instanzen innerhalb des Büros für Öffentliche Sicherheit (PSB) und der Regierung geprüft. Dafür gibt es keinerlei Zeitbegrenzung, und es ist auch kein Rekursrecht für den Antragsteller erwähnt, falls der Passantrag abgelehnt wird.

Das hat laut TCHRD dazu geführt, dass während eines Jahres nach Veröffentlichung des Erlasses nicht ein einziger Reisepass an Tibeter ausgestellt wurde, die nicht in offizieller Mission unterwegs waren.

Alle Tibeter, die aus dem Ausland zurückkehren, müssen ihren Pass spätestens 7 Tage nach Ankunft abgeben und werden vom PSB befragt. Der Erlass definiert keinen Zeitrahmen für die Dauer der Befragung oder die Rückgabe des Passes.

Diese Regelungen gelten nicht für Staatsbürger der Volksrepublik China ausserhalb Tibets.

Chinesische Wissenschaftler warnen vor Dammbau in Tibet
In ungewöhnlicher Offenheit publizierte die regierungsoffizielle Zeitschrift China Daily eine Warnung von Wissenschaftlern vor dem Bau eines Staudammes am Brahmaputra-Oberlauf in Tibet. Der Bau des angeblich viertgrössten Staudamms weltweit in Modog nahe der Grenze zur indischen Provinz Arunachal Pradesh soll das Habitat einer erst kürzlich entdeckten Affenart bedrohen.

Die drei Wissenschaftler, darunter der führende chinesische Primatologe Fan Pengfei von der Dali-Universität in Yunnan, warnen vor den Folgen des Dammbaus. Die steigenden Wassermassen würden grosse Bereiche des Waldes überfluten. Dazu würden Strassenbau, Neubau von Wohnungen für die Arbeiter und andere Abholzungen das Habitat dieser Affenart zerstören. Ausserdem könnten noch weitere, bisher nicht entdeckte Tierspezies in der Region ausgelöscht werden.

Angeblich „illegale“ Häuser zum zweiten Mal abgerissen
Behörden im Bezirk Mangra in der Präfektur Tsolho haben in der ersten Maiwoche eine tibetische Siedlung im Dorf Benshul Jeyna abgerissen, die angeblich „illegal“ errichtet war. Dieses geschah, nachdem die Bewohner ihre Behausungen vor einem Jahr bereits nach einer ähnlichen Aktion mit grosser Mühe und erheblichen Unkosten wieder aufgebaut hatten.

Benshul Jeyna ist die grösste von insgesamt 16 Siedlungen von überwiegend nomadisch lebenden Tibetern im Bezirk Mangra. Der Vorstand eines anderen Dorfes in diesem Bezirk sei am 5. Mai zusammen mit weiteren Dorfvorständen und Sicherheitskräften erschienen und erklärte die Siedlung für „illegal“. Darauf hätten sich die Sicherheitskräfte trotz Protesten der Dorfbewohner gleich an die Abrissarbeiten gemacht, die mehrere Tage dauerten.

Die Motive für den Abriss von Benshul Jeyna sind nicht ganz eindeutig. Oft eignen sich Behörden das Land an, um den Weg für lukrative Neubauprojekte frei zu machen. Obdachlose Tibeter hatten beispielsweise nach dem Erbeben in Kyegundo vor 5 Jahren dagegen protestiert, dass ihre zerstörten Häuser nicht am gleichen Ort wiederaufgebaut wurden. Stattdessen vertrieben die Behörden die Tibeter und gaben ihnen Land in der Peripherie, um die lukrative Lage der zerstörten Häuser für Neubauprojekte zu nutzen [vergl. Tibet-Information vom 11. August 2010; UM]. In der Tat wurden dort inzwischen Geschäftshäuser und Hotels errichtet.

In der gleichen Woche wurden ebenfalls Häuser abgerissen, die Tibeter am Ufer des Koko-nor errichtet hatten. In mehrern Dörfern am Ufer hatten halbnomadisch lebende Tibeter provisorische Unterkünfte aus Metallplatten errichtet. Die Behörden gaben bekannt, dass diese illegal errichtet seien und ausserdem die „schöne Aussicht“ auf den See störten.

Beim Abriss am 5. Mai wurden insgesamt vier Tibeter, die sich dagegen gesträubt hatten, verhaftet. Am 7. Mai wurde bekannt gemacht, dass künftig keine Häuser dieser Art mehr am Ufer errichtet werden dürfen. Informanten von RFA teilten mit, dass einige Tibeter dem Abriss entgingen, weil sie Offizielle bestochen hatten.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Indian Express; Radio Free Asia RFA

 

3. Mai 2015
Vater von 7 Kindern verbrennt sich - Zweite Selbstverbrennung in einem Monat
Nach der 47-jährige tibetische Nonnen Yeshi Khando [vergl. Tibet-Information vom 16. April 2015; UM] starb am 15. April der etwa Mitte 40 Jahre alte Nei Kyab. Er setzte sich im Hof seines Hauses im Dorf Soruma im Bezirk Ngaba in Brand. Sein Leichnam wurde von der Polizei fortgeschafft und bisher nicht den Anghörigen übergeben. Sein Bruder wurde kurz darauf zum Verhör bei der Polizeistation einbestellt.

Kurz vor der Selbstverbrennung hatte noch vor einem Altar mit Bildern des Dalai Lama und Panchen Lama Opfergaben dargebracht. Auch hatte er einige Tage vorher einem Freund ein Bild geschickt, das ihn mit Blumen in der Hand zeigt.

Nei Kyab, auch Damkar genannt, war vor einem Jahr verwitwet. Er hinterlässt 7 Kinder. Ein Bekannter im Exil bezeichnet ihn als Menschen, der sich verpflichtet hatte, bei persönlichem Zwist niemand anderem zu schaden. Diese Verpflichtung habe er aus Respekt vor den Selbstverbrennungen abgeschlossen. Eine Vereinigung von 42 lokalen Klöstern hatte ihn für sein friedensförderndes Wirken mit einer Auszeichnung versehen. Sein Schwager, Dargye, hatte sich im Mai 2012 gemeinsam mit einem anderen Tibeter vor dem Jokhang-Tempel in Lhasa selbst verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 29. Mai 2012; UM].

Nepal verweigert taiwanesischem Rettungsteam die Einreise
Nach dem verheerenden Erdbeben hat die Regierung von Nepal einem 20-köpfigen Rettungsteam aus Taiwan die Einreise verweigert, angeblich aus Angst, damit die Volksrepublik China zu verärgern. Die VR China verfügt über grossen Einfluss auf die nepalesische Regierung.

Der Vize-Aussenminister von Taiwan gab gegenüber Medien an, dass Nepal die Einreise mit dem Fehlen von diplomatischen Beziehungen und direkten Flugverbindungen zwischen Taipei und Kathmandu begründete. Ein Sprecher des Aussenministeriums von Nepal gab hingegen an, dass ihm kein Hilfsangebot aus Taiwan bekannt sei.

Die Rettungskräfte aus Taiwan gelten als besonders gut ausgebildet, da Taiwan selbst in einer erdbebengefährdeten Zone liegt.

Nomaden blockieren Strassenbau
Im Bezirk Sangchu im Nordosten Tibets begannen Nomaden am 10. April mit einer Sitzblockade gegen den geplanten Bau einer Strasse, die ihr Weideland zerschneiden würde. Eine Gruppe von Tibetern blockiert seitdem Tag und Nacht die aufgefahrenen Strassenbaumaschinen. Sicherheitskräfte schritten bisher nicht ein, jedoch wurden Dorfälteste zum Verhör geladen, und es wurden Konsequenzen angedroht, sollte die Blockade nicht aufgegeben werden.

Nach Angaben von Informanten von RFA sind ungefähr 700 Nomaden von dem Strassenbau betroffen, der nicht nur ihre Weideländer zerschneidet, sondern auch eine wichtige Wasserstelle für das Vieh bedroht. Finanzielle Entschädigungen für den Strassenbau seien ihnen nicht angeboten worden.

Protestaktion gegen Minenarbeiten und Strassenbau gewaltsam beendet
Im Osten Tibets im Bezirk Gonjo wurde dagegen ein Protest von Tibetern gewaltsam beendet; es gab eine unbekannte Zahl von Verhaftungen und Verletzten.

Der Protest entzündete sich letztes Jahr an Plänen, Minenarbeiten am heiligen Berg Mini zu beginnen. Nach Protesten der Anwohner wurden die Pläne zunächst auf Eis gelegt. Anfang April d.J. wurde den Anwohnern der Bau eines Badehauses angeboten, das aus den lokalen Geysiren gespeist werden sollte. Die Einkünfte aus dem Betrieb des Badehauses sollten die Dorfbewohner frei verwenden können. Unmittelbar nachdem die Anwohner ihre Zustimmung für das Badehaus gegeben hatten, wurden die Strassenbauarbeiten zum Berg Mini wieder aufgenommen.

Einer Delegation von 10 Tibetern, die um Erklärung baten, wurde gesagt, dass der Strassenbau durch Dekret des Bezirkspräsidenten von Gonjo genehmigt sei; sie dürften die Einkünfte aus dem Badehaus behalten, sollten sich aber ansonsten aus allen Protesten heraushalten. Als die Tibeter sich weigerten, diesen Deal anzunehmen, wurden sie verhaftet. Dieses wiederum führte zu weiteren Protesten von Anwohnern, in deren Verlauf eine unbekannte Zahl verhaftet und von Polizeikräften verletzt wurde. Das lokale Spital verweigerte die Aufnahme der Verletzten, so dass diese in ein privates Spital transferiert werden mussten.

Auch eine Gruppe von Händlern aus Gonjo, die sich in Lhasa aufhielt und beim lokalen Verbindungsbüro für die Präfektur Chamdo, in der Gonjo liegt, gegen die Gewaltanwendung protestiert, wurde verhaftet. Über ihr Schicksal ist nichts weiter bekannt.

Quellen: Radio Free Asia; Phayul; Radio Free Asia RFA

 

16. April 2015
138. Selbstverbrennung – Tibetische Nonne stirbt
Am 8. April starb die 47-jährige tibetische Nonne Yeshi Khando, die sich als insgesamt 138. Person selbst anzündete. Sie setzte sich nach einer Umwandlung des Kloster Chokri Ngagong in der Präfektur Ngaba in Flammen und rief Parolen für die Rückkehr des Dalai Lama, für sein langes Leben und für Freiheit in Tibet.

Kurz nachdem sie sich anzündete, sei sie zusammengebrochen. Sicherheitskräfte hätten das Feuer gelöscht und ihren Körper fortgeschafft. Am nächsten Morgen wurden ihre Angehörigen zur lokalen Polizeistation bestellt, wo ihnen mitgeteilt wurde, dass sie verstorben sei. Informanten von Phayul berichten, dass kurz nach der Selbstverbrennung zahlreiche Sicherheitskräfte in Ngaba eingetroffen seien. Diese würden überall in Restaurants und Cafes, teilweise in Zivilkleidung, die Tibeter beobachten.

Yeshi Khando hatte nach Angaben von Informanten am Abend vorher das Kloster besucht und sich mit Freunden getroffen. Sie soll sie aufgefordert haben, etwas für Tibet zu tun, einschliesslich einer Selbstverbrennung. Niemand habe geahnt, dass sie diesen Plan am folgenden Tag in die Tat umsetzen würde. Yeshi Khando soll seit 2008 an mehreren friedlichen Protesten gegen die chinesische Herrschaft beteiligt gewesen sein.

Die Selbstverbrennung ereignete sich am gleichen Tag wie ein Zeitungsartikel von dem lokalen Parteivorsitzenden, Chen Quangdo. Dieser beschwor die Ziele der Parteiarbeit, für „harmonische Modellklöster“ mit „patriotischen, gesetzestreuen Mönchen und Nonnen“ zu sorgen. Dafür müssten alle Klöster die chinesische Flagge hissen und mit Lesesälen, Zeitungen und Telefonverbindungen ausgerüstet werden, so dass sich die Mönche und Nonnen für mehr „Patriotismus“ weiterbilden könnten.

China plant Bahnline nach Nepal – mit Tunnel unter dem Mt. Everest
Laut der regierungsoffiziellen Zeitschrift China Daily plant die chinesische Regierung eine 540 km lange Bahnlinie von Tibet nach Nepal. Diese soll im Jahr 2020 den Betrieb aufnehmen. Wang Mengshu, ein Experte der Chinesischen Akademie für Ingenieurswissenschaften, gab gegenüber China Daily an, dass dieses Projekt vor allem durch die enormen Höhendifferenzen eine Reihe von Herausforderungen mit sich bringe. Um diese zu mindern, sei ein Tunnel unter dem Mt. Everest sinnvoll. Züge würden dennoch nicht schneller als 120 km/h fahren können.

Die Bahnlinie würde die bestehende Linie von Zentralchina nach Tibet bis Nepal verlängern. Während in Indien die Besorgnis über den Ausbau des chinesischen Einflusses auf Nepal wächst, begründete Wang Mengshu das Vorhaben mit rein wirtschaftlichen und menschlichen Erwägungen. „ Der bilaterale Handel, besonders mit landwirtschaftlichen Produkten, wird stark wachsen, zusammen mit dem Tourismus und zwischenmenschlichen Kontakten“, gab er gegenüber China Daily an. Auch der Vorsitzende des Instituts für Internationale Beziehungen, Hu Shisheng, betonte, dass die geplante Bahnlinie der „regionalen Wirtschaft und dem Lebensstandard“ diene.

Weiterhin plant China auch den Ausbau der Bahnverbindung nach Bhutan.

Quellen: New York Times; Radio Free Asia; Phayul; Press Trust of India

 

6. April 2015
China belohnt Nepal für Unterdrückung „anti-chinesischer“ Aktivitäten
Beim Asien-Forum in Boao in der chinesischen Provinz Hainan hat der chinesische Präsident Xi Jinping grosszügige Infrastrukturhilfen für Nepal versprochen. Gegenüber dem nepalesischen Präsidenten Yadav wurde die Aufstockung der jährlichen Hilfszahlungen von US$ 24 Millionen auf US$ 128 Millionen angekündigt, die in Infrastrukturprojekte wie Eisenbahn- und Strassenbau fliessen sollen. So soll Nepal an das „Seidenstrassen-Projekt“ angehängt werden, das Chinas Handelswege nach Europa ausbauen soll. Xi Jinping sagte anlässlich des Treffens beider Präsidenten, dass er „Nepals standhafte Unterstützung für Chinas Kerninteressen, einschliesslich derer gegenüber Tibet und Taiwan“ sehr schätze und hoffe, Nepal werde es nie „anti-chinesischen separatistischen Kräften“ erlauben, sein Territorium für ihre Aktivitäten zu benutzen.

Politische Beobachter merken an, dass Chinas Einfluss in Nepal seit Beendigung des Bürgerkriegs „exponentiell“ gewachsen sei und das Land mehr oder minder einen Vorposten Chinas gegen Indien darstelle. Die insgesamt 20‘000 tibetischen Flüchtlinge in Nepal erlebten ihre schlimmste Zeit, weil die Regierung nahezu sämtliche ihrer Aktivitäten unterdrücke. Kürzlich wurde in Kathmandu ein amerikanischer Staatsangehöriger festgenommen, nur weil er ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Tibet“ trug. Die Zahl der Flüchtlinge von Tibet nach Nepal ist von jährlich 2‘000 im Jahre 2008 auf 200 im letzten Jahr gesunken, weil die Grenze schärfer kontrolliert wird und aufgegriffene Flüchtlinge vermehrt nach Tibet zurück deportiert werden.

„Konfuzius-Klassen“ unterwandern britische Schulen
Ein Bericht der Free Tibet Campaing äussert Besorgnis, dass britische Schulen das Projekt der „Konfuzius-Klassen“ unkritisch überrnehmen. Das „Konfuzius-Projekt“ wird von der Kommunistischen Partei Chinas finanziert und bietet offiziell „Sprachunterricht“ an Schulen anderer Länder an. Sogenannte „Konfuzius-Institute“ wurden vor über 10 Jahren von Hanban, dem Büro für Internationalen Sprachaustausch in China, ins Leben gerufen. Sie sind schon seit Längerem dafür kritisiert worden, dass sie ein einseitig positives Bild der Volksrepublik China zeichnen und unliebsame Kritik nicht zulassen.

Oft sei das Geld, so der Bericht von Free Tibet Campaign, bei den finanziell klammen Schulbehörden in Grossbritannien willkommen. Hanban zahlt umgerechnet etwa Fr. 10‘000 an jede ihrer Unterorganisationen in Grossbritannien, die wiederum die umliegenden Primar- und Sekundarschulen mit Lehrern und Unterrichtsmaterial versorgen. Die zur Verfügung gestellten Lehrer beziehen ihr Salär von der chinesischen Regierung.

Nur eine Minderheit der 95 Schulen, an denen die „Konfuzius-Klassen“ implementiert wurden, habe die angebotenen Hilfen kritisch hintergfragt, und nur ein einziger Verantwortlicher habe grössere Bedenken gegenüber potenzieller Indoktrination geäussert. Auch in anderen Ländern wurde das Projekt kritisiert. In Toronto/Kanada wurden „Konfuzius-Klassen“ wegen Einseitigkeit von der Schulbehörde untersagt. In den USA warnten Erziehungswissenschaftler, dass die „Konfuzius-Institute“ gegen grundlegende akademische Freiheiten verstossen. Isabel Hilton, eine amerikanische Schriftstellerin, berichtete, wie ihre Beiträge vom „Konfuzius-Institut“ zensiert wurden und warnte davor, dass sich China „in das Erziehungssystem einkaufen“ wolle.

Quellen: Phayul; Press Trust of India; The Telegraph

 

17. März 2015
Tibeter verbrennen mit Pelzen und Tierfellen besetzte Kleider
Am 27. Februar verbrannten Einwohner im Bezirk Dechen, in der heutigen chinesischen Provinz Yunnan, öffentlich ihre mit Pelzen besetzten Kleider. Damit folgten sie einem Aufruf des Dalai Lama, den dieser schon vor 9 Jahren verbreitet hatte.

Kleider, die mit Fuchspelzen oder anderen Tierfällen wie Leopard oder Otter verbrämt sind, gehören traditionell zum wertvollen Familienbesitz und werden über Generationen weitergegeben. Den teilnehmenden Familien war bewusst, dass die Behörden dieses als Loyalitätskundgebung für den Dalai Lama interpretieren könnten, mit Konsequenzen bis zur Verhaftung und Misshandlungen.

Hintergrund: Die Verbrennungskampagne im Jahre 2006
Im Februar 2006 hatte die Bewegung mit Verbrennungen an mehreren Orten vor allem im Osten Tibets begonnen und sich zu einer regelrechten Massenbewegung entwickelt, nachdem der Dalai Lama im Exil die Tibeter gebeten hatte, aus Respekt für Lebewesen das in Mode gekomme Tragen von solchen Kleidern zu unterlassen. Nach Schätzungen von Associated Press im März 2006 waren bei solchen Verbrennungsaktionen, an denen teilweise über 10‘000 Personen teilnahmen, Kleider im Wert von $400 Millionen vernichtet worden [vergl. Tibet-Information vom 15. Februar, 4. März und 3. Mai 2006; UM] .

Das Tragen von exotischen Tierfellen hatte sich seit Mitte der 90-Jahre als eine Modeerscheinung in Tibet entwickelt. Viele waren von Funktionären und Kadern getragen worden, um sich als „neumodisch“ und reich darzustellen. Vor allem öffentliche Anlässe, ob traditionelle tibetische oder solche der kommunistischen Partei, wurden als „Laufstege“ benutzt, um sich dort – nicht selten unter Anwesenheit des Fernsehens – entsprechend darzustellen.

Die Verbrennungsaktionen hatten damals die Behörden völlig überrascht und verwirrt. Manche versuchten, sich selbst an die Spitze der Bewegung zu stellen, die im Übrigen im Einklang mit chinesischen Umweltgesetzten steht, und hätten diese als Resultat ihrer Umweltkampangen bezeichnet. Als man erkannte, dass dieses im Grunde eine Loyalitätsbekundung für den Dalai Lama war, schlug die Reaktion in Repression um. So wurden die Kameras derjenigen konfisziert, die die Verbrennungen fotografieren wollten. Auch nahm man 8 junge Anführer fest; unter diesen sich interessanterweise 3 Chinesen befanden. Kader wurden gewarnt, dass ihre Teilnahme an einer Vernichtungsaktion die Entlassung nach sich ziehen würde. Auch wurden Kader in die Dörfer entsandt, um dort eindringlich auf das Verbot hinzuweisen.

Mitarbeiter des Fernsehsenders Qinghai Television wurden unter Drohungen gezwungen, als Gegenreaktion Kleider mit wertvollen Pelzen zu tragen. Zwei offizielle Vertreter der Propaganda-Abteilung der Provinzregierung von Qinghai und der Kommunistischen Arbeiterfront besuchten den Fernsehsender und drohten den Mitarbeitern mit Konsequenzen, wenn sie nicht wieder die mit Pelzen verbrämten traditionellen tibetischen Kleider trügen. Der Chef des Fernsehsenders führte allerdings rein ästhetische Gründe für diese Aufforderung an. Gegenüber Radio Free Asia bemerkte er damals: „Der Grund dafür ist, dass unsere Mitarbeiter alte Kleider tragen, die nicht schön und bunt sind… Wir wollten gern die traditionellen Kleider mit einem neueren Design verbessern.“ Die Kosten dafür werden von der Arbeiterfront getragen, weil der Sender dafür kein Geld hat.

Im Zuge der Kampagne zur Vernichtung von Tierfellen fielen auf dem Markt in Lhasa die Preise für die (illegal gehandelten) Pelze teilweise erheblich. Beispielsweise fielen die Preise für Tiger- und Leopardenfelle um die Hälfte.

Nonnen werfen geschenkte Schuhe fort
Am 9. März besuchten chinesische Funktionäre das Nonnenkloster Drakkar Choeling in der osttibetischen Präfektur Kardze. Die Funktionäre verlangten, dass die Nonnen ihre Loyalität zu China erklären. Gleichzeitig warnten sie, dass sie „ernste Strafen“ zu befürchten hätten, wenn sie sich an anti-chinesischen Protesten beteiligen würden.

Als Geschenk hatten die Funktionäre Schuhe mitgebracht, die sie den Nonnen überreichen wollten. Die Nonnen entgegneten, dass sie mehr als genug Schuhe hätten, ihnen aber die Freiheit fehlen würde. Aus Protest warfen sie die geschenkten Schuhe in den Klosterhof. Es ist nicht bekannt, wie die offizielle Reaktion ausfiel; hingegen ist diese Aktion mit Berichten in sozialen Netzwerken und Fotos (http://www.rfa.org/english/news/tibet/nuns-03112015150734.html) von mehreren Quellen bestätigt.

Quellen: Radio Free Asia; Tibet Information Network; Basler Zeitung; Associated Press

 

24. Januar 2015
Tibeter protestieren gegen erzwungenen Verkauf ihres Landes
Vier Tibeter sind am 30. Dezember in Dzamthang in der Präfektur Ngaba von Polizisten schwer misshandelt worden, weil sie gegen den erzwungenen Verkauf ihres Landes protestierten. Einer der vier Tibeter, die alle der gleichen Familie angehören, soll sich in kritischem Zustand befinden.

Nach Angaben von Informanten soll der Vizegouverneur von Dzamthang die Familie bedrängt haben, ihr Land zu verkaufen, damit dort Unterkünfte für Polizisten gebaut werden können. Die Familie weigerte sich aber, ihr Land zu verkaufen, weil dieses ihre einzige Einkommensquelle ist. Wegen der unterbrochenen Kommunikationsleitungen in die Region sind keine weiteren Informationen über den Zustand der Verletzten zu erhalten.

Umgesiedelte Familien aus ihren Häusern vertrieben
Mehrere hundert Polizisten wurden am 21. Januar in neugebaute Siedlungen entsandt, in denen tibetische Familien nach dem Erdbeben in Kyegudo im April 2010 untergebracht worden waren. Die Polizei soll Zahlungen eintreiben, die die betroffenen Familien angeblich leisten müssen.

Die Familien waren in monotonen Siedlungen mit je 80 qm Land einquartiert (Foto: http://www.rfa.org/english/news/tibet/evict-01232015144958.html). Sie beklagten sich über zu wenig Platz und boten an, zusätzliches Land zu kaufen und später zu bezahlen. Nun erschienen Polizeikräfte, die von Tür zu Tür gehen und sofortige Bezahlung für die zusätzlichen Leistungen der Regierung fordern. Die Familien, die nicht sofort zahlen können, oder sich weigern, werden gezwungen, die Häuser zu verlassen und in kleinere Häuser in einer entlegenen Gegend zu ziehen. Die leerstehenden Häuser werden dann von der Regierung umgehend an lokale Geschäftsleute verkauft.

Wiederum Protest gegen Minenarbeiten
Tibeter in der Präfektur Tsojang im Nordosten Tibets beklagen sich über Umweltschäden durch den rücksichtlosen Abbau von Bodenschätzen. In der Region waren vor einigen Jahren umfangreiche Vorkommen von Eisen, Kupfer und Kalkstein gefunden worden, die nun ohne Rücksicht auf die Umwelt und die dort siedelnden Nomaden abgebaut würden. Den Nomaden waren Kompensationszahlungen für den Verlust ihres Weidelandes angeboten worden, wurden angeblich aber nie ausgezahlt. Ihr Weideland sei durch den Abbau drastisch geschrumpft. Die Nomaden klagen auch über abgetragene Hügel, Staub und Dunst in den Tälern und verschmutzte Gewässer. Wegen Sprengungen trauen sie sich nicht mehr, den sehr begehrten und teuren Raupenkeulenpilz zu sammeln, der in der Region wächst.

Ein älterer Tibeter, der im letzten Jahr bei den Behörden vorsprach und um die Beendigung der Arbeiten bat, sitzt in Haft. Minenbetreiber und lokale Behörden würden angeblich unter einer Decke stecken, und Abbauarbeiten würden gegen Bestechungsgelder weiter genehmigt.

Polizei stoppt Protestmarsch wegen manipulierter Prüfungen
Die Polizei hat einen Protestmarsch von über 100 tibetischen Studenten und ihren Angehörigen zum Regierungsgebäude der Präfektur in Kanlho gestoppt. Die Tibeter wollten gegen die Manipulation ihrer Prüfungen für einen Regierungsposten protestieren.

Im Oktober letzten Jahres hatten die Studenten eine Eingangsprüfung für eine Regierungsposition absolviert. Nachher fanden sie heraus, dass ihre Prüfungsunterlagen von chinesischen Offiziellen manipuliert worden waren. Diese hatten gegen Bestechungsgelder die Namen auf den Testbögen mit guten Noten ausgetauscht und an andere Studenten verkauft, die schlechter abgeschnitten hatten.

Zunächst hatten die Studenten und ihre Angehörigen über 2 Wochen erfolglos vor dem Regierungsgebäude des Bezirks Luchu protestiert, wo die Prüfungen stattgefunden hatten. Sie warteten einen vollen Tag auf ein Treffen mit dem Bezirkspräsidenten, der aber nicht erschien. Einen Tag später trafen sie mit untergeordneten Repräsentanten des Bezirks zusammen, die aber keine Zusagen machten. Schliesslich entschlossen sie sich, ihren Protest in Kanlho fortzusetzen. Ihr Marsch, auf dem sie Banner mit Parolen wie „Selbstbestimmung für unsere Region“ trugen, wurde aber nach etwa 15 km von der Polizei gestoppt. Dort erschienen schliesslich Offizielle der Präfektur, die versprachen, sich der Vorwürfe anzunehmen.

Quellen: Radio Free Asia

 

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