Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

19. März 2019
Staatshilfe nur gegen Loyalitätsbekundungen
Bedürftige Tibeter im Bezirk Markham in der Präfektur Chamdo im Osten Tibets erhalten nur noch staatliche Beihilfen, wenn sie ihre Loyalität zu China bekunden, indem sie die Namen von chinesischen Führern aufzählen können. Ausserdem müssen sie die chinesische Nationalhymne auswendig lernen und singen können. Tibeter, die diesen Test nicht bestehen, müssen damit rechnen, dass ihnen die Beihilfen gestrichen oder zumindest temporär ausgesetzt werden.

Alles begann Ende vergangenen Jahres im benachbarten Bezirk Pashoe, wo die Führerin einer tibetischen Frauengruppe damit Bekanntheit und Lob erlangte, dass sie die Namen der letzten fünf chinesichen Führer aufsagen und die staatlichen chinesischen Programm für ärmere ländliche Regionen beschreiben konnte. Danach wurde ein solcher «Test» fest implementiert und auch auf andere Bezirke ausgedehnt.

Tibeter, die der chinesischen Sprache nicht mächtig sind, können grosse Schwierigkeiten bekommen, besonders wenn sie die chinesische Agrarpolitik beschreiben müssen und finden sich nicht selten ihre Beihilfen gestrichen. Abgesehen von diesem «Test» berichten Tibeter, dass sie beim Antrag auf finanzielle Hilfen zunächst bei den Behörden vorsprechen und ihre finanzielle Situation offenlegen müssen. Danach besichtigen Kader ihre Wohnung. Die Antragsteller würden auch eindringlich darauf hingewiesen, dass sie die Grosszügigkeit Chinas, das ihnen Nahrung, Kleidung und Wohnraum zur Verfügung stellt, mit «Liebe für die Kommunistische Partei und ihre Führer» zurückzahlen sollten.

Radio Free Asia, 13. März 2019

Restriktionen und Überwachung vor dem 10. März in Qinghai
Auch in der Provinz Qinghai wurden vor dem 10. März, dem 60. Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes, Restriktionen und Überwachungsmassnahmen verstärkt. In Rebgong in der Präfektur Mahlho wurden alle Darbietungen von Strassenmusikanten in der Öffentlichkeit untersagt. Ansammlungen von mehr als 5 Personen auf der Strasse sind verboten. Gewöhnlich ziehen Strassenmusiker bei ihren Aufführungen eine grössere Menschenmenge an, und das Versammlungsverbot erfolgte offensichtlich aus Sorge, dass sich aus dieser Menge Protestkundgebungen entwickeln. Weiterhin wurden Bettler von den Strassen entfernt.

Tibeter, die für die Arbeit nach Rebgong einreisen, wurden für ungenannte Zeit von ihren Pflichten freigestellt. Umgekehrt dürfen Pilger, die aus Rebgong nach Lhasa reisen wollen, den Bezirk während des ganzen Monats nicht verlassen. Gäste, die in Hotels wohnen, werden von der Polizei überwacht.

Tibeter aus Indien, die ihre Verwandten in Qinghai besuchten, berichteten, dass sie mehrmals auf die Polizeistation bestellt und verhört wurden. Chinesische Kader besuchen Familien, deren Kinder ausserhalb Tibets studieren, und warnen sie, sie sollten ihre Kinder nicht «in die Irre führen», was ansonsten «deren Zukunftsaussichten schaden» könnte.

Radio Free Asia, 14. März 2019

Taxis in Lhasa mit Überwachungs-Software
Kurz vor dem 10. März wurden mit Behördenhilfe 200 neue Taxis in Lhasa in Dienst gestellt, die nicht nur mit Kameras und Software zur Gesichtserkennung ausgestattet sind, sondern auch die Fahrstrecke mit GPS verfolgen und Einrichtungen zum Aufzeichnen von Telefongesprächen haben. Laut dem Geschäftsführer des lokalen Taxi-Unternehmens scannt die Kamera beim Einsteigen zunächst das Gesicht des Taxifahrers und erlaubt den Start des Motors nur, wenn es eine Übereinstimmung gibt. Wenn eine andere Person zu starten versucht, gibt es einen Alarm. Später wird dann die Fahrstrecke mittels GPS verfolgt. So könnten «illegale» Fahrten erkannt werden, sowie verkehrswidrige Fahrweise oder das unerlaubte Ausleihen des Taxis an andere. Auch erkennt die Software, ob aus dem fahrenden Taxi Telefongespräche geführt werden.

Die offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei lobt das Überwachungssystem, weil es Taxifahren «sicherer und angenehmer» gestalte. Beobachter sehen darin aber ein weiteres Element des «Raster-Management-Systems», das alle Bewegungen von Tibetern minutiös überwacht.

Tibet Watch, 13. März 2019

 

14. März 2019
Klöster werden zu Gulags
Satellitenaufnahmen zeigen, dass in Tibet mindestens 3 Klosteranlagen zu Umerziehungslagern umgebaut werden. Die Anlagen befinden sich in den Regionen Kham (im Osten), Nagchu (im Norden) und Shigatse (Zentraltibet). Ein entsprechender Zeitungsartikel erschien in der indischen Zeitung The Print, verfasst von einem pensionierten Offizier, der vorher in der indischen Armee als Aufklärungsspezialist arbeitete. Die Satellitenaufnahmen sind relativ neu, von November 2018, und zeigen Klosteranlagen weitab von bewohnten Orten, die renoviert oder teilweise neu gebaut werden. Einige Gebäude weisen moderne chinesische Bauelemente auf. Die Anlagen sind von mehreren Zäunen und teilweise meterdicken Mauern umgeben. Es wird angenommen, dass hier Mönche und Nonnen «umerzogen» werden sollen.

Im Jahr 2013 schaffte China offiziell die Lager für «Umerziehung durch Arbeit» ab, in die Dissidenten auch jahrelang ohne Gerichtsverfahren eingewiesen werden konnten. Jedoch wurden diese oder auch neu gebaute Lager prompt in «Trainingscamps zur politischen Erziehung» umbenannt. Die NGO Tibetan Centre for Human Rights and Democracy schätzt, dass seit dem Einmarsch der Chinesen 1950 insgesamt 4 Millionen Tibeter in diesen Lagern untergebracht wurden.

Phayul, 15. Februar 2019

Restriktionen und Überwachung vor dem 10. März in Lhasa
In allen Regionen Tibets wurden vor dem 10. März, dem 60. Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes, Restriktionen und Überwachungsmassnahmen verstärkt.

Ausländische Touristen dürfen bis Anfang April nicht nach Tibet einreisen. Auch wenn eine offizielle Bekanntmachung fehlt, sind Reiseagenturen offenbar angewiesen worden, bis dann keine Reisen für Ausländer zu organisieren; angeblich wegen «Problemen mit Bewilligungen».

Pilger und tibetische Geschäftsleute, die nach Lhasa gereist sind, werden speziell überwacht. Die Polizei befragt alle Auswärtigen über den Grund ihrer Reise und wo sie im Monat März in Lhasa wohnen. Sie wurden angewiesen, ihre Mobiltelefone Tag und Nacht eingeschaltet zu lassen, und ermahnt, sich streng an das Gesetz zu halten und Handlungen «die die nationale Sicherheit schädigen», zu unterlassen. In sensitiven Bezirken von Lhasa, wie die Region um den Potala-Palast und den Barkhor, wurde das Sicherheitspersonal verstärkt.

Phayul, 22. Februar 2019

Überwachung auch im Osten Tibets
Auch aus der Region Dzamthang im Osten Tibets werden für den Monat März massive Sicherheitsmassnahmen gemeldet. Bewohner geben an, dass Polizisten und Kader überall zur Überwachung in Dörfer delegiert wurden. Teilweise erschienen sie zu unangekündigten Besuchen in Klöstern. Wenn Reisen geplant sind, sind Bewohner angewiesen, sich vorher in Polizeistationen registrieren und fotografieren zu lassen. Ebenso müssen sich auswärtige Besucher mit Ankunfts- und Abreisedatum in Polizeistationen registrieren, wo sie auch nach dem Anlass ihrer Reise befragt werden. Dorfläden werden durchsucht, und der Verkauf von Benzin und anderen brennbaren Flüssigkeiten ist verboten. Im Jonang-Kloster hatten sich mehrere Selbstverbrennungen ereignet.

Als Begründung für diese Massnahmen nannten die Kader, dass «das Glück des Volkes abhängig ist von der Sicherheit der Nation.»

Radio Free Asia, 7. März 2019

Modernes 5G Mobilfunknetz in Tibet
Der im Ausland unter Spionageverdacht geratene Technologiekonzern Huawei installiert in Lhasa und an der Grenze zu Indien Sendestationen für das moderne 5G-Netz. Die Telekomfirma China Mobile, die das Netz betreiben wird, rühmt die hohe Übertragungskapazität, mit der sich 1GB in «wenigen Sekunden» herunterladen lasse. Das 5G-Netz ist 10 bis 100 mal schneller als das konventionelle 4G-Netz. Laut China Mobile sollen damit Bewohner auch in entlegenen Regionen zur «wirtschaftlichen Entwicklung» eine schnellere Verbindng mit China erhalten.

Beobachter machen auf die militärische Anwendung aufmerksam. Die 5G-Technologie kann die Kommunikation auf dem Schlachtfeld wesentlich schneller und stabiler machen.

Phayul, 4. März 2019

 

15. Februar 2019
Strafdrohung gegen Mönche, die Tibetisch-Unterricht erteilen
Ein Behördenerlass im Bezirk Nangchen in Ost-Tibet verbietet Mönchen, weiter Unterricht in tibetischer Sprache zu erteilen. Da die tibetische Sprache immer mehr aus Bildungseinrichtungen verdrängt wird, waren Initiativen für privaten Unterricht von Laien oder Mönchen in den Schulferien sehr beliebt. Der Erlass mit dem Titel «Dringende Order zur Beendigung von illegalem Unterricht in Klöstern» droht Mönchen und Klöstern mit Sanktionen.

Weiter heisst es in dem Erlass: “Das Abhalten von Unterricht durch Klöster muss korrigiert und strengstens verboten werden…Diese Klöster und Personen, die ihren eigenen Wünschen folgen und nicht auf Anordnungen hören, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.» Allen Behörden müsse die «schädliche Natur» dieser Klöster klar sein. Würden Mönche identifiziert, die für diesen Unterricht verantwortlich sind, werden sie aus dem offiziellen Register des Klosters gelöscht und ihre Identitätskarten, die sie als religiöse Gelehrte identifizieren, eingezogen. Alle diese Fälle würden danach als «Warnung» öffentlich gemacht. Gleichzeit müsse die «ideologische Erziehung von Eltern und Kindern verbessert» werden, um «die Kraft der Opposition in der Gesellschaft zu vermindern».

Tibet Watch, 6. Februar 2019

Parteikader wegen Ausübung der Religion und Kontakten zum Dalai Lama sanktioniert
Allen Bemühungen zum Trotz, tibetischen Partei- und Regierungskadern die Ausübung der Religion zu verbieten, finden sich immer noch solche, die diesen Anordungen widerstehen. Ein parteitreuer Whistleblower in der tibetischen Lokalregierung nahm Videomaterial auf, das Kader bei religiösen Aktivitäten zeigt. Dieses Material wird laut Taiwan News zu einer 45-minütigen Sendung im offiziellen chinesischen Fernsehen aufbereitet, die im Kontext der «Anti-Korruptionskampagne» ausgestrahlt wird. Separt meldet Phayul, dass im offiziellen tibetischen Fernsehkanal zwischen dem 28. und 31. Januar eine vierteilige Serie gezeigt wurde, die Parteikader bei Vergehen gegen das Verbot der Religionsausübung, gegen «Anti-Separatismus-Regeln» und gegen Anti-Korruptionsbestimmungen zeigt. Es ist unklar, ob es sich in beiden Sendungen um das gleiche Videomaterial handelt.

Eine Untersuchungskommission, die im letzten Jahr in Tibet eingerichtet wurde, hat inzwischen 215 Kader identifiziert, die «Gottheiten verehren und religiöse Riten ausüben». Die offizielle Zeitung der Kommunistischen Partei, Global Times, betitelte ihren Bericht mit «Mit religiösen Gedanken sympathisierende Kader verletzen Parteiregeln». Die Kader müssen nun mit Parteiausschluss oder gar Haft rechnen. Phayul meldet, dass 4 Kader aus der Partei ausgestossen wurden und weitere 11 eine Verwarnung erhielten.

Ein Funktionär beim Fernsehsender Tibet Television sagte, die Partei müsse Aufmerksamkeit «auch für triviale Handlungen» zeigen und Parteimitglieder vor «Korruption durch falsche politische Ideen» bewahren.

Phayul, 2. Februar 2019
Taiwan News, 3. Februar 2019

Neues Ausbildungzentrum für Kader zur ideologischen Schulung in Shigatse und «Palast der Jugend» in Lhasa
Zwei weitere Projekte der Regierung unterstreichen das Misstrauen gegenüber der Loyalität der Tibeter und zeugen von den Bemühungen, die „Wurzeln“ aller dissidenten Bestrebungen zu „brechen“, wie es ein Regierungsbeamter nannte.

Im Bezirk Shigatse in Zentraltibet wurde kürzlich ein neues Ausbildungszentrum für Kader eingerichtet, die zur „politischen Erziehung“ in alle Regionen Tibets entsandt werden. Das Leben in diesem Ausbildungszentrum ist paramilitärisch organisiert und umfasst Veranstaltungen zur „Selbstkritik“, zur „Korrektur des Denkens“, Flaggenzeremonien und patriotische Gesänge. Auch das persönliche Leben soll streng beaufsichtigt werden. Ebenso werden das Abhalten von Wahlen und das Einberufen von Versammlungen trainiert.

Im Mai soll in Lhasa ein „Palast der Jugend“ eröffnet werden. Staatlichen Medien zeigten einen ausgedehnten mehrstöckigen Komplex mit mehreren Flügeln und einem Sportplatz. Hier sollen tibetische Jugendliche „extra-curricularen Aktivitäten nachgehen“, „traditionelle Kultur erwerben und Erziehung zum Patriotismus erhalten“. Der Gebäudekomplex biete Platz für Wissenschaft, Kultur und sportliche Betätigung „mit ethnischen Elementen für die Jugend in der gesamten Autonomen Region Tibet im Südwesten Chinas“.

ICT zitiert Reporter von AFP, die kürzlich etwa 1'500 öffentlich zugängliche Dokumente über das Beschaffungswesen von Regierungsstellen analysierten, die landesweit «Erziehungszentren» zum «Brechen der Wurzeln» ausstatten. Angeschafft wurden demnach unter anderem 2'768 Gummiknüppel, 550 elektrische Schlagstöcke (die ansonsten zum Viehtrieb verwendet werden), 1’367 Paare Handschellen und 2'792 Dosen Tränengas.

International Campaign for Tibet (ICT), 14. Februar 2019
Radio Free Asia, 14. Februar 2019

 

25. Januar 2019
Kein Unterricht mehr in tibetischer Sprache an ältester tibetischer Universität
An der Tibet Minzu University, der ältesten Universität für Studenten aus Tibet, wird ab sofort der Unterricht nur noch in chinesischer Sprache erteilt. Die Universität wurde 1958 in der Stadt Xianyang in der Provinz Shaanxi als öffentliche Bildungseinrichtung für Tibet gegründet und 1965 in „Tibet Minzu University“ umbenannt. Derzeit sind dort 6‘000 Studenten und Studentinnen eingeschrieben, etwa die Hälfte von ihnen aus Tibet. Unterricht wird in 11 verschiedenen Fachrichtungen erteilt. Gründe für die Änderung der Sprache sind nicht bekannt. Die einzige Ausnahme ist ein Sprachkurs „Tibetisch als Zweitsprache“. Auch im Fachbereich „ethnische Minderheiten“ wird nur in chinesischer Sprache unterrichtet.

Tibetische Studenten beklagen sich, dass sie damit gegenüber ihren Kollegen mit Chinesisch als Muttersprache benachteiligt sind. Sie haben nun damit begonnen, auf eigene Initiative eine Gruppe zum Studium der tibetischen Sprache und Kultur aufzubauen, die sich an Wochenenden trifft.

In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Künstler, Musiker und Schriftsteller verhaftet, die in ihren Werken für den Erhalt der tibetischen Sprache und Kultur eintraten. Private Vereinigungen, die Unterricht in tibetischer Sprache organisierten, wurden als „illegale Vereinigungen“ eingestuft. Der Aktivist Tashi Wangchuk, der sich öffentlich für den Erhalt der tibetischen Sprache einsetzte, wurde im Mai 2018 wegen „separatistischer Aktivitäten“ zu 5 Jahren Haft verurteilt.

Radio Free Asia, 10. Januar 2019

Niederwerfungen für Mao und Xi, statt für Buddha
Ein Behördenerlass im Bezirk Serthar im Osten Tibets, eine der Regionen mit vielen Protestaktionen gegen die chinesische Herrschaft, zwingt Tibeter dazu, Portraits des Dalai Lama von ihren Hausaltären zu entfernen. Stattdessen wird angeordnet, Bilder von chinesischen Führern wie Mao Zedong oder Partei- und Staatspräsident Xi Jinping aufzustellen. Auch sollen Tibeter vor diesen Bildern die traditionellen Niederwerfungen verrichten und Opfergaben aufstellen; eigentlich in der tibetischen Tradition eine Geste der Verehrung für Buddha, die buddhistische Lehre und die Glaubensgemeinschaft.

Ein weiterer Erlass droht verarmten Tibetern mit dem Entzug sämtlicher staatlicher Unterstützung, wenn sie weiterhin religiöse Handlungen verfolgen. Wenn sie sich nicht vom Buddhismus lossagen, erhalten sie keine Armenhilfe oder andere staatliche Leistungen mehr. Dieser Erlass trifft viele Tibeter, die als Nomaden zwangsumgesiedelt wurden und damit ihre Existenzgrundlage verloren, ohne dass ihnen Ersatzperspektiven oder Entschädigungen angeboten wurden. Ebenso sind davon Tibeter betroffen, deren Haus und Grund enteignet wurde, um Spekulationsobjekten Platz zu machen.

Phayul, 21. Januar 2019
Central Tibetan Administration, 23. Januar 2019

Umsiedlung von Nomaden, Platz für chinesische Investoren
In der Präfektur Chamdo im Osten Tibets werden gegenwärtig zahlreiche Nomaden zwangsweise in neu erbaute Siedlungen, weit von ihren Weidegründen entfernt, umgesiedelt. In mehreren Bezirken der Präfektur erschienen Regierungskader die die Familien im Namen eines Programms zur „Linderung der Armut“ zum Verlassen aufforderten. Auch müssen sie – ohne sich dagegen wehren zu können – Geld für die neuen Unterkünfte zahlen. Den Familien wurden Hilfen für den Aufbau einer neuen Existenz angeboten.

In der Vergangenheit zeigte sich allerdings, dass in vielen Fällen diese Versprechen nicht eingehalten wurden. Zahlreiche Familien mussten sich verschulden, um die neuen Unterkünfte bezahlen zu können, die sich nicht selten auch noch als minderwertig herausstellten und in abgelegenen, unfruchtbaren Regionen erbaut wurden.

China benutzt die Zwangsumsiedlungen auch als Instrument zur sozialen Kontrolle; das geräumte Weideland wird meist chinesischen Investoren zur Ausbeutung von Bodenschätzen übergeben.

Radio Free Asia, 23. Januar 2019

 

7. Januar 2019
Selbstverbrennungen in Ngaba
Nur kurz nach den letzten Selbstverbrennungen in Ngaba vom 4. November und 8. Dezember [vergl. Tibet-Informationen vom 4. und 10. Dezember 2018; UM] haben sich in der gleichen Region laut Meldungen von Radio Free Asia und Tibet Times zwei 16-jährige Mönche auf der Hauptstrasse in Ngaba in Flammen gesetzt. Diese Strasse heisst bei den Einwohnern auch «Strasse der Helden», weil sich hier schon mehrere Selbstverbrennungen ereignet haben. Ihre Namen werden mit Gendun Gyatso und Choekyi Gyatso angegeben. Sie sollen, in Flammen stehend, Parolen für die Freiheit Tibets gerufen haben. Einer von beiden sei im Spital gestorben, aber es ist unbekannt, wer es ist. Wegen der sofortigen Nachrichtensperre mit Blockieren der Internetverbindungen war es nicht möglich, weitere Details zu erfahren. Die Familien von beiden und weitere Bewohner ihrer Heimatdörfer sollen von den Behörden massiv unter Druck gesetzt worden sein, nichts der Aussenwelt mitzuteilen. Das Datum der Selbstverbrennungen ist unklar: laut Informanten von Radio Free Asia ereigneten sie sich am 9. Dezember, laut Tibet Times am 12. Dezember.

Ebenso ist nicht bestätigt, ob es wirklich zwei Tibeter waren, die sich anzündeten. Phayul zitiert Informanten, laut denen einer der beiden der etwa 20-jährige Drugkho sei, der sich nach vorigen Meldungen am 8. Dezember verbrannt hatte [vergl. Tibet-Informationen vom 10. Dezember 2018; UM].

Radio Free Asia, 14. Dezember 2018
Tibet Post International. 14. Dezember 2018

„Selbstbrennung war ein Unfall“, behauptet ein Angehöriger
Die Selbstverbrennung von Dopo am 4. November [vergl. Tibet-Information vom 4. Dezember 2018; UM] sei ein Unfall gewesen, behauptet ein Tibeter, der sich als sein Onkel bezeichnet. Er erklärt dieses in einem Video. Die Herkunft und das Aufnahmedatum des Videos, das Phayul am 9. Dezember erhielt, sind nicht bekannt. Auch konnte nicht verifiziert werden, ob es sich bei der Person wirklich um seinen Onkel handelt.

Dopo habe nach dem Tod seiner Eltern im Haus des Onkels gelebt. Die Person im Video, die sich als sein Onkel bezeichnet, erklärte, er habe Dopo für eine Besorgung fortgeschickt. Auf der Fahrt habe jedoch sein Motorrad kurz nach dem Losfahren Feuer gefangen. Tibeter hätten Dopo mit schweren Brandverletzungen gefunden und in Unkenntnis der Situation auf eine Selbstverbrennung geschlossen. Der Onkel habe aber mit Dopo noch kurz sprechen können, wo dieser den Brand auf das defekte Motorrad zurückführte. Später erlag Dopo im Spital seinen Verletzungen.

Tibeter begegnen diesem Video und den Erklärungen mit grossem Misstrauen. Immer wieder hatten in der Vergangenheit die Behörden versucht, die Gründe für Selbstverbrennungen auf persönliche Probleme zu schieben. Als Motiv wurden Liebeskummer oder Ehestreitigkeiten vorgeschoben. Angehörige wurden massiv unter Druck gesetzt, solche Erklärungen zu verbreiten. Mönchen wurde sogar unterstellt, sie wären alkoholsüchtig gewesen oder hätten Schulden aus Glücksspielen gehabt, was sie zur Selbstverbrennung trieb – beides für Mönche eine ungeheuerliche Verletzung ihrer Gelübde.

Phayul, 11. Dezember 2018

„Hundert-Tage-Kampagne“ gegen „Kräfte der Unterwelt“
Wie schon in der Präfektur Yushu [vergl. Tibet-Information vom 29. September 2018; UM] und einer angeblich landesweiten Kampagne gegen die «Verbreitung illegaler Nachrichten» [vergl. Tibet-Information vom 10. Dezember 2018; UM] gehen die Behörden jetzt auch im Bezirk Sangchu gegen sogenannte „Kräfte der Unterwelt“ vor. Die Kampagne, die am 15. November offiziell begann, soll sich über die folgenden 100 Tage erstrecken und fordert alle Bewohner auf, gegen eine Belohnung „illegale Aktivitäten“ zu melden, die von diesen „Kräften“ ausgehen. Wie auch in den anderen Kampagnen wird dieser Begriff sehr weit definiert und kann beispielsweise auch Umweltaktivisten oder religiöse Organisationen treffen. Unter anderem werden folgende Aktivitäten als „illegal“ bezeichnet:

  • „Unterminieren der politischen Stabilität“ durch heimliche Übermittlung von Informationen an eine „illegale Organisation“ im Ausland
  • „Initiieren von Protesten wegen Streitigkeiten über Ländereien oder wegen krimineller Akte“
  • Senden von Nachrichten, die „die Stabilität und Sicherheit in Tibet“ beeinträchtigen, oder Verbreiten von „Gerüchten, die Partei, Staat und Nation schädigen“ über soziale Medien
  • Missachten der Grenzen von Weideland und Beeinträchtigung von Viehweiden anderer Personen, oder das Anzetteln von Auseinandersetzungen darüber.

Free Tibet Campaign, 21. Dezember 2018

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