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Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

2. Dezember 2017
Die 151. Selbstverbrennung in Tibet
Am 26. November setzte sich der 63-jährige Mönch Tenga in Flammen und starb an seinen Brandverletzungen. Tenga war Mönch in einem Kloster im Bezirk Kardze in der heutigen chinesischen Provinz Sichuan.

Während er in Flammen stand, rief er nach Berichten von Augenzeugen Parolen für die Freiheit Tibets. Sicherheitskräfte waren rasch zur Stelle und schafften seinen Körper fort. Alle Telefon- und Internetverbindungen in die Region wurden sofort unterbrochen, und Angehörige von Tenga in seinem Heimatdorf Dando stehen unter Polizeiüberwachung. Sein Leichnam wurde bis jetzt noch nicht übergeben.

Radio Free Asia, 29. November 2017

Künstlicher Wald in Nagqu weckt Sorgen von Umweltschützern
Die nördlich von Lhasa auf dem tibetischen Hochplateau gelegene Stadt Nagqu galt wegen des harschen Polarklimas als Chinas einzige Stadt ohne Bäume. Nach Angaben der Volksbefreiungsarmee soll die öde, baumlose Landschaft mit eisigen Winden beim dort stationierten Militär psychische Probleme verursacht haben. Nicht selten seien Soldaten, die in ihrer Freizeit nach Lhasa fuhren, aus dem Bus gestürzt und hätten dort unter Tränen einen Baum umarmt.

Zahlreiche Versuche, in Nagqu Bäume anzupflanzen, sind gescheitert. Chinas Präsident Xi Jinping hatte in einer Rede vor Parteisekretären im vorletzten Jahr sogar eine Geldprämie von umgerechnet ca. Fr. 15’000 für einen erfolgreichen Versuch ausgesetzt. Keine der ausprobierten Methoden - Anpflanzung unter Glasdächern, künstliches Düngen, Ausgiessen von heissem Wasser oder Abdecken der Stämme mit Kunststoffmembranen – führte zum Erfolg.

Nun soll eine Solaranlage den Strom erzeugen, um ein Gitter von Kupferdrähten, die im Boden auf einer Fläche von 30 Sportfeldern eingelassen sind, zu erwärmen. Dieses Gitter soll den Permafrostboden so weit auftauen, dass die angepflanzten Bäume Wurzeln schlagen können. Das lokale Departement für Wissenschaft und Technologie in Tibet gab an, dass die ersten Anpflanzungen mit Pinien, Föhren und Zypressen erfolgreich seien. Ausser der Aufforstung erhofften sich die Einwohner auch die Möglichkeit, Quellwasser aus dem Boden zu gewinnen. Wasser muss derzeit noch mit Tankfahrzeugen aus abgelegenen Quellen nach Nagqu gefahren werden.

Umweltschützer und Biologen aus China, die anonym bleiben wollen, äussern hingegen Bedenken. Das Schmelzen des Permafrost-Bodens könnte zum Abfliessen des Grundwasser führen, das lokale Habitat schädigen und die Nahrungskette unterbrechen. Wenn die lokale Temperatur um einige Grad erhöht werde, verhindere dieses bei den Bäumen die Aushärtung der Zellwände, und so könnten sie sich nicht mit einer dicken Rinde vor dem polaren Klima schützen. Die Kosten für dieses Projekt überstiegen den Nutzen, es seien wahrscheinlich «die teuersten Bäume der Welt», wie ein Wissenschaftler sagte.

South China Morning Post, 18. November 18, 2017

 

3. November 2017
Weltlängster Tunnel soll Wasser aus Tibet nach Xinjiang ableiten
Chinesische Wissenschaftler erstellen derzeit Machbarkeitsstudien für einen gigantischen Tunnel, der Wasser vom Yarlung Tsangpo in die Taklamakan-Wüste in Xinjiang ableiten soll. Dieser Tunnel soll eine Länge von 1‘000 km haben und damit den derzeit weltlängsten Tunnel von 137 km, der Wasser nach New York führt, um Längen übertreffen.

Als Vorbild dient den Regierungsstellen das Bewässerungsprojekt, das im vorigen Jahrhundert das trockene San Joaqin Valley in Kalifornien in eine der produktivsten Agrarregionen der Welt verwandelte.

Derzeit wird in China bereits ein 600 km langer Tunnel in der Provinz Yunnan gebaut. Das Yunnan-Guizou-Projekt könnte als „Probelauf“ dienen, um zu sehen, ob die Wissenschaftler mit den Verwerfungszonen in dieser Erdbebenzone umgehen können. Dafür wurden extra Rohrelemente konzipiert, die durch elastische Materialen miteinander verbunden sind und so Erdverschiebungen aushalten. Der Tunnel in Yunnan soll Wasser vom Nordwesten Yunnans in das Zentrum der Provinz transportieren.

Der Anfang des Tunnels in Tibet soll im Bezirk Sangri liegen, kurz vor der strittigen Grenze mit Indien. Dort soll im Yarlung Tsangpo eine künstliche Insel aufgeschichtet werden, die Sediment abfängt und das Wasser über ein Auffangbecken in den Tunnel leitet. Wegen des grossen Höhenunterschiedes zur Taklamakan-Wüste werden regelmässig Kraftwerksturbinen gebaut, die den Fluss verlangsamen und den enormen Wasserdruck vermindern sollen. Ein chinesischer Wissenschaftler schätzte, dass spätestens in 10 Jahren die Technologie ausgereift sei. „Dann wird man der Versuchung nicht widerstehen können, den Nutzen zu realisieren,“ fügte er hinzu. Indien und Bangladesh beobachten das geplante Ableiten aus dem Brahmaputra, wie der Fluss dort heisst, mit grosser Sorge.

South China Morning Post, 30. Oktober 2017

China Sicherheitsministerium perfektioniert Gesichts- und Spracherkennung
China ist derzeit dabei, die Überwachung ihrer Bürger durch Gesichts- und Sprachkennung zu perfektionieren.

Unter Leitung des Sicherheitsministeriums wurde 2015 damit begonnen, ein System zu entwickeln, das innerhalb von 3 Minuten Gesichter mit 90% Treffsicherheit den Fotos auf den Identitätskarten der Bürger zuordnen kann. Den Auftrag zur Entwicklung erhielt eine Firma in Shanghai, Isvision. Deren erste Überwachungskameras wurden bereits 2003 auf dem Tiananmen-Platz angebracht, später auch in Xinjiang und Tibet. Nun soll das System in ganz China Anwendung finden; dafür werden landesweit zahlreiche grosse Datenspeicher erstellt, damit Überwachungskameras die aufgenommenen Gesichter den Fotos auf den Identitätskarten aller Chinesen zuordnen können.

Ganz ähnlich ist ein Projekt des Sicherheitsministeriums aufgesetzt, das mit hoher Präzision aufgenommene Stimmen solchen in einer Datenbank zuordnen kann. Ein Pilotprogramm startete bereits 2012 in der Provinz Xinjiang, wo bis 2015 insgesamt 70‘000 Stimmen erfasst wurden. Seit 2016 sind dort alle Bürger, die einen Pass beantragen, verpflichtet, eine Sprachprobe aufnehmen zu lassen. Dieses Projekt, das nun auf das gesamte Land ausgeweitet wird, wurde an die Firma iFlytech vergeben. Diese Firma bewirbt ihr Produkt nicht nur als „automatisierte, intelligente Spracherkennungstechnologie“, sondern behauptet auch, dass diese inzwischen ebenso „Minoritätensprachen“ wie Uigur und Tibetisch erkennen kann. Das System habe schon einige Fälle von „Verbrechen“ in mehreren Provinzen lösen helfen.

Phyaul, 26. Oktober 2017

Vergeltung für Einladung des Dalai Lama: China sperrt Stipendien für Universität San Diego
Die kalifornische Universität hatte den Dalai Lama als Sprecher für die Graduiertenfeier im Juni d.J. eingeladen. Schon vorab regte sich Widerstand: mehrere chinesische Vereinigungen in Kalifornien hatten sich bei der Universitätsleitung beschwert, die Einladung würde „die Gefühle des chinesischen Volkes verletzen“. Dem Kanzler wurde vorgeworfen, er habe lobende Worte für den Dalai Lama gefunden, ohne zu wissen, was dieser eigentlich im Schilde führe. Dennoch hielt die Universität an der Einladung fest, sicherte aber zu, der Dalai Lama werde sich nicht zu politischen Themen äussern [vergl. Tibet-Information vom 2. März 2017; UM].

Nun folgte die Vergeltung. Ein Professor an der Universität berichtete, er habe erfahren, dass der Rat für Stipendien, eine Abteilung des chinesischen Erziehungsministeriums, alle Stipendien für Graduierte und Professoren für San Diego gestrichen habe. Die Universitätsleitung teilte mit, sie habe davon nur inoffiziell erfahren und warte auf eine offizielle Bestätigung.

Nicht betroffen sind Studenten ohne Abschluss und solche, die bereits ein US-Visum für den Aufenthalt in San Diego erhalten haben. Ein Studienaufenthalt auf eigene Kosten ist nach wie vor möglich. Damit dürfte sich die Zahl der Betroffenen in engen Grenzen halten; dennoch ist die Sperrung der Stipendien ein deutlicher Wink an andere Institutionen, dass sie bei Einladungen an den Dalai Lama mit Strafmassnahmen rechnen müssen.

Chinesische Studenten machen insgesamt 10.5% aller Studenten an der Universität San Diego aus, und 55.7% aller internationalen Studenten.

Quartz, 19. September 2017

 

26. Oktober 2017
China verbietet Politikern auch private Treffen mit dem Dalai Lama
Ein Kadermitglied der Kommunistischen Partei Chinas erklärte am Rande des 19. Parteikongresses in Beijing, dass ausländische Politiker auch dann nicht den Dalai Lama treffen dürften, wenn es in privatem Rahmen stattfindet. Zhang Yijiong, Vorsitzender der Tibet-Arbeitsgruppe der Partei, sagte, es gebe „keine Ausreden“, selbst wenn ausländische Politiker erklärten, sie träfen den Dalai Lama lediglich in seiner Kapazität als religiösen Führer oder ausserhalb ihrer offiziellen Regierungsrolle. Politiker würden in jedem Fall ihre Regierung repräsentieren. Er hoffe, dass die Regierungen weltweit „mit Vorsicht handeln und die Freundschaft mit China repektieren“.

Immer weniger ausländische Regierungsangehörige treffen den Dalai Lama, weil sie sich vor dem Zorn der chinesischen Regierung fürchten.

Reuters, 21. Oktober 2017

Satellitenaufnahmen dokumentieren die Zerstörung von Larung Gar
Free Tibet und Tibet Watch haben einen gemeinsamen Bericht herausgegeben, der das ganze Ausmass der Zerstörung der buddhistischen Akademie Larung Gar dokumentiert. Erschienen ist der Bericht am Jahrestag des Beginns der Abrissarbeiten; er kann auf https://www.freetibet.org/files/Larung%20Gar%20report-web.pdf heruntergeladen werden. Die zahlreichen Fotos stammen zum Teil aus seriellen Satellitenaufnahmen, die bei der amerikanischen Spezialfirma Apollo Mapping in Auftrag gegen wurden. In dem Bericht, der neben den Satellitenaufnahmen auch Aussagen von betroffenen Zeugen und Reportagen von Journalisten umfasst, wird von über 4‘800 Ausweisungen von Studierenden und über 4‘700 zerstörten Behausungen ausgegangen. Die Autoren sehen keinerlei Anzeichen, dass die Abrisse die von der Regierung behaupteten Mängel beheben sollten, wie mehr Platz für Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge zu schaffen oder die sanitären Anlagen zu verbessern. Vielmehr sollte mit den Ausweisungen und Abrissen eine mögliche Bedrohung des Meinungsmonopols der Kommunistischen Partei beseitigt werden. Weiter wird vermutet, dass gezielte Strassenverbreiterungen, Vergrösserungen von Plätzen und Baumassnahmen an der Zufahrt die Akademie Larung Gar in eine Touristendestination verwandeln sollen.

Free Tibet / Tibet Watch, 19. Oktober 2017

Tibetische Läden und Hotels am Koko-nor zwangsweise geschlossen
Wie schon in den Jahren 2015 und 2016 werden tibetische Kleinbetriebe am Koko-nor (chin. Qinghai Lake) zwangsweise geschlossen und die Gebäude zerstört. Der Koko-nor ist eine in China beliebte Touristendestination, so dass sich am Ufer zahlreiche Kleinbetriebe angesiedelt hatten, die nicht nur von Tibetern, sondern auch von muslimischen Hui und Han-Chinesen betrieben wurden.

Die Schliessungen wurden mit „Umweltschutzgründen“ gerechtfertigt. Ein betroffener Tibeter berichtet dagegen, dass allein die Betroffenen aus den Trümmern ihrer Bauwerke potenziell gefährliche Abfälle gesammelt und beseitigt hätten; die Abrisskommandos hätten darauf keine Rücksicht genommen. Vom Abriss sind nicht nur die Tibeter, sondern auch die anderen Nationalitäten betroffen. Viele von ihnen stehen nun mittelos da, weil sie Kredite aufgenommen hatten, aber für den Abriss keine Kompensation erhalten.

Im Oktober 2015 wurden erstmals etwa 300 Geschäfte und Restaurants abgerissen. Die offizielle Begründung lautete damals, dass die Tibeter die Gegend „verschmutzt“ hätten, und im Mai 2015 wurden weitere Abrisse damit begründet, dass die Gebäude die „schöne Aussicht“ auf den See störten [vergl. Tibet-Information vom 26. Oktober 2015; UM].

Im Juni 2016 wurden wiederum mehr als 600 Gebäude, Geschäfte und Restaurants, aber auch Wohngebäude, in einer konzertierten Aktion unter Polizeibegleitung mit schwerem Gerät abgerissen. Als Begründung wurde mitgeteilt, die Gebäude seien «illegal» errichtet. Betroffene Tibeter bericheteten, sie hätten ordungsgemäss Anträge auf Genehmigung gestellt, aber die von Funktionären geforderten Bestechungsgelder nicht gezahlt [vergl. Tibet-Information vom 14. Juni 2016; UM].

Radio Free Asia, 17. Oktober 2017

 

11. Oktober 2017
Vor dem 19. Parteikongress: Reisende nach Tibet unerwünscht
Vor dem 19. Kongress der Kommunistische Partei Chinas, der vom 18. – 28. Oktober in Beijing stattfinden wird, ist die sogenannte «Autonome Region Tibet» (TAR) für Reisende gesperrt. Auch wenn es keinen offiziellen Erlass gab, berichten mehrere Reisebüros von Anrufen seitens der Behörden, in denen sie darüber unterrichtet wurden. Reisende ohne spezielle Erlaubnis müssen die TAR bis zum 17. Oktober verlassen.

Nicht nur Ausländer, sondern auch Tibeter von Regionen ausserhalb der TAR sind von diesem Reiseverbot betroffen, was erhebliche Einbussen für die lokalen Reisebüros bedeutet. Auf dem Parteikongress will Präsident Xi Jingping seine Macht konsolidieren, und unliebsame Vorkommnisse in Tibet mit Zeugen sollen unterbunden werden. Schon im August gab es im Vorfeld des Parteikongresses Berichte über die Zensur der Medien [vergl. Tibet-Information vom 1. September 2017; UM].

Phayul und Tibet Post International, 25. September 2017

Zwangsumsiedlungen in Rebkong
Im Bezirk Rebkong haben Tibeter, die nahe dem Fluss Guchu wohnen, eine sogenannte «Beschlagnahme-Verfügung» für ihre Häuser erhalten. Angeblich sollen ihre Häuser für ein Programm weichen, das die Region «urbanisiert und verschönert». Ein Augenzeuge sagte, dass die Häuser konfisziert würden, um Platz zu schaffen für Dämme, Bahnstationen und Kraftwerke, ohne dass die Betroffenen auch nur eine minimale Kompensation erhielten.

Phayul, 22. September 2017

Tibetische Nomaden zum zweiten Mal von Zwangsumsiedlung betroffen
Einige Jahre, nachdem sie von ihren traditionellen Weidegründen vertrieben wurden, sind tibetische Nomaden im Bezirk Dzatoe nun zum zweiten Mal heimatlos. Die Tibeter müssen ihre Häuser in der Präfektur Yulshul verlassen, in die sie vor wenigen Jahren umgesiedelt wurden, um Platz zu schaffen für Unterkünfte für Regierungsbeamte und Touristen. Ihre Häuser sind zum Teil schon abgerissen, und die Nomaden richten sich darauf ein, den Winter in Zelten zu verbringen. Viele von ihnen haben ihre Einkommensgrundlage verloren und müssen betteln gehen. Dzatoe ist bekannt für seine landschaftlichen Schönheiten und natürlichen Ressourcen.

Radio Free Asia, 6. Oktober 2017

Politisches Training für Benutzer sozialer Medien
Benutzer von WeChat – dem chinesischen Äquivalent von Facebook – müssen ein spezielles Training durchlaufen, in dem sie instruiert werden «die Gesetze zu beachten» und keine «illegalen» Nachrichten zu verbreiten. Speziell werden Nutzer trainiert, die Chat-Gruppen organisieren, die bei WeChat bis zu 500 Personen umfassen können. Die verbotenen Inhalte umfassen beispielsweise «Pornographie» - ein in China sehr weit gefasster Begriff, der auch politisch missliebige Themen beinhaltet – und Informationen über die Unabhängigkeit Tibets.

Tibet Post International, 2. Oktober 2017

Keine chinesischen Studenten mehr an die Universität San Diego
Nachdem China erfolglos dagegen protestierte, dass der Dalai Lama im Juni an der Graduiertenfeier der Universität San Diego sprach, wurden alle Stipendienanträge für chinesische Studenten gestrichen. Das Erziehungsministerium nimmt keine Anträge für Studenten mehr an, die nach San Diego gehen wollen. Dieses ist offensichtlich als Reaktion auf die Rede des Dalai Lama zu sehen, die dieser im Juni vor insgesamt 25'000 Teilnehmern, darunter 6'000 Absolventen, hielt.

Mehrere staatlich geförderte Vereinigungen, die Chinese Union, Chinese Students and Scholars Association (CSSA) und die Chinese Business Society, hatten geklagt, mit der Einladung würden „die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt“. Dem Kanzler wurde vorgeworfen, er habe den Dalai Lama als „religiösen Aktivisten“ bezeichnet ohne zu wissen, was er eigentlich tue. Indem man ihn als „Anführer des tibetischen Volkes“ und „Mann des Friedens“ bezeichne, habe die UCSD für ihn Bewunderung geäussert, was offenbar als Vorwurf zu verstehen war [vergl. Tibet-Information vom 2. März 2017; UM].

Phayul, 20. September 2017

 

1. September 2017
Vor dem 19. Parteikongress: Strenge Kontrollen in Tibet
Vor dem 19. Kongress der Kommunistischen Partei Chinas, der voraussichtlich im Oktober stattfinden wird, ist die Kontrolle jeglicher öffentlicher Aktivitäten in der Autonomen Region Tibet verschärft worden.

Nach einem Bericht in der regierungsoffiziellen Zeitung Tibet Daily zielen die Kontrollen darauf ab, „Pornographie“ und andere „illegale Aktivitäten“ wie zum Beispiel „tibetische Unabhängigkeitspropaganda“ zu unterbinden. In der Vergangenheit waren oft in den Staatsmedien „Pornographie“ und missliebige politische Inhalte gleich gesetzt worden. Die Massnahmen sollen gemäss Tibet Daily verhindern, dass „problematische Informationen der Dalai Clique und feindlicher westlicher Kräfte“ verbreitet und das Publizieren von „negativen Informationen, Überspekulation und Gerüchten“ unterbunden werden.

Intensiviert wird die Überwachung aller Arten von „illegalen kulturellen Erzeugnissen“, was de facto die Kontrolle über Musik, Medien und sonstige Druckerzeugnisse bedeutet. Spezifisch werden auch alle Materialien genannt, die den Dalai Lama betreffen. Ebenso soll die Aufsicht über „alle Musik- und Tanzveranstaltungen“ verschärft werden.

Tibet Post International, 14. August 2017

Nun auch Abriss und Wegweisungen in Yachen Gar
Nun ist auch die Schwester-Institution von Larung Gar, die nahe gelegene Klosteranlage Yachen Gar in der Präfektur Kardze vom zwangsweisen Teilabriss mit Wegweisungen von Studierenden betroffen. Der Abriss begann am 8. August mit dem Ziel, etwa 2‘000 Behausungen abzureissen und die gleiche Zahl von Mönchen und Nonnen auszuweisen. Die Betroffenen wurden aufgefordert, alle Holzkonstruktionen ihrer Behausungen selbst zu zerstören, danach würden Baumaschinen die Betonfundamente und –Mauern nieder zu reissen. Eine Nonne soll sich beim Abriss verletzt haben.

Die Klosterleitung erliess einen Appell an alle Betroffenen, „Geduld und Toleranz“ zu üben und keinen Widerstand zu leisten. „Man kann auch keine Felsen stoppen, die vom Berg fallen“, hiess es in dem Aufruf. Andere Augenzeugen berichten allerdings davon, dass die Betroffenen immensem Leid und Stress ausgesetzt seien, weil sie nach der Wegweisung heimatlos würden. Der Zugang nach Yachen Gar, das 1985 gegründet wurde und derzeit etwa 10‘000 Studierende beherbergt, ist mit Polizeikontrollen massiv eingeschränkt. Schon im April war ein Pilgerlager mit 200 Zelten am Rand der Klosteranlage abgerissen worden, weil die Zelte „den Betrieb der Anlage störten“.

Radio Free Asia, 15. August 2017

Sicherheitskräfte überfallen Picknick-Gesellschaft
Am 25. August wurde ohne Grund eine Gruppe von Tibetern von Sicherheitskräften umringt, die im Bezirk Drago im Osten Tibets eines der im Monat August beliebten traditionellen Sommer-Picknicks abhielt. Etwa 30 Polizisten umstellten die Gruppe, hiessen sie, sich in einer Reihe aufzustellen und durchsuchten ihre Habeligkeiten. Als der Dorfvorsteher dagegen protestierte und eine Erklärung verlangte, wurde er geschlagen und danach abgeführt. Danach hätte ein Regierungskader die Polizei aufgefordert, auch den Rest der Gruppe zu attackieren. Dabei gab es 10 Verletzte, darunter ein 70-jähriger Tibeter, der aufgrund seiner schweren Verletzungen in das Spital der Provinzhauptstadt Chengdu überführt wurde.

Draggo (aka Drango) war bereits vor 3 Jahren von einer Polizeiaktion betroffen, als die Polizei die Gedenkveranstaltung von Tibetern für eine Protestaktion verhindern wollte, bei der 2012 etwa 30 Tibeter von Sicherheitskräften erschossen wurden [vergl. Tibet-Information vom 23. Januar 2012; UM].

Radio Free Asia, 28. August 2017

Tibetische Nomaden von Weidegründen vertrieben
In der Präfektur Golog im Nordosten von Tibet wurden Nomaden ohne Erklärung von ihren angestammten Sommerweiden vertrieben. Traditionell führen die Nomaden ihre Herden von Juni bis Mitte September auf die fruchtbaren Sommerweiden. Ihnen wurde nun eine Frist bis 23. August gesetzt, die Gegend mitsamt Vieh zu verlassen. Einige, die es nicht in dieser Frist schafften, erhielten Geldstrafen. Denjenigen, die sich noch immer dort aufhalten, wurde Haft angedroht.

Andere Nomaden in der gleichen Region, die bereits ihre Wintercamps errichtet hatten, wurden ebenfalls weggewiesen. Dieses trifft sie besonders hart, weil sie nicht wissen, wohin sie sonst über den Winter ziehen können.

Der Umwelt-Experte Gabriel Lafitte wies darauf hin, dass es sich hier um besten Weidegründe auf dem tibetischen Plateu überhaupt handelt.

Radio Free Asia, 30. August 2017

 

24. August 2017
Larung Gar im Griff der Kommunistischen Partei
Die Kommunistische Partei dürfte nun die enge Kontrolle der buddhistischen Akademie Larung Gar übernehmen. Nach Beendigung der Abrisse von Behausungen und Wegweisung von Studierenden [vergl. letzte Tibet-Information vom 8. Juli 2017; UM] wurde nun ein Leitungsgremium ernannt, das aus Mitgliedern der Kommunistischen Partei und Regierungskadern besteht. In einem Dokument der Behörden der Präfektur Kardze vom 20. August werden 5 Tibeter und eine Tibeterin, alle Parteimitglieder, nominiert. Drei von ihnen sollen die Akademie Ngarig Nangten Lobling in Larung Gar leiten, die anderen drei das sogenannte Managementkomitee.

Diese Komitees wurden im Jahr 2011 in insgesamt 1‘787 Klöstern in der sogenannten Autonomen Region Tibet eingeführt und lösten die bisherigen Leitungsgremien ab. Diese wurden lokal von den Klosterangehörigen gewählt und konnten zumindest in Grenzen autonom operieren. Die Mitglieder der neuen Managementkomitees werden hingegen von Partei und Regierung ernannt. Ihre Aufgabe ist es, für „harmonische Klöster“ und „gesetzestreue Mönche und Nonnen“ zu sorgen, sprich, dass sich die Klöster konform zur Partei- und Regierungslinie verhalten. Im Jahr 2014 wurde angekündigt, diese Institution auch in den Klöstern ausserhalb der Autonomen Region einzuführen.

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD, 23. August 2017

Cambridge University Press beugte sich chinesischer Zensur
Der älteste und einer der renommiertesten wissenschaftlichen Verlag der Welt, Cambridge University Press (CUP), sperrte auf Druck chinesischer Zensoren 315 kritische Artikel über China für den dortigen Online-Zugang. Die Artikel erschienen in der vom Verlag herausgegebenen Zeitschrift „The China Quarterly“, die im allgemeinen unter Historikern, Sozialwissenschaftlern und Ökonomen als die beste und seriöseste wissenschaftliche Quelle über China gilt. Die meisten von China beanstandeten Artikeln befassten sich mit Themen, die aus Sicht der Zensoren als „drei T-Tabus“ gelten, nämlich über Tibet, Taiwan und über das Tiananmen-Massaker von 1989.

Der Chefredakteur, Tim Pringle, rechtfertigte diesen Schritt, obwohl er „tief besorgt und enttäuscht“ über die zunehmende Einschränkung der Meinungsfreiheit in China sei. Er argumentierte, er habe die inkriminierten Artikel freiwillig entfernt, weil er ansonsten fürchtete, dass CUP komplett für den Zugang aus China gesperrt werde, so dass damit die vielen anderen Materialien aus Cambridge auch nicht mehr in China zugänglich seien.

Nachdem es weltweit Proteste hagelte, wurden die Artikel wieder freigeschaltet. Pringle argumentierte nun, die Entfernung sei ohne Zustimmung der Zeitschrift selbst erfolgt und nur eine „vorübergehende Massnahme“ gewesen. Der amerikanische Universitätsdozent Christopher Balding, der in Beijing lehrt und den Proteststurm angeführt hatte, hält trotz dieser Kehrtwende das Ansehen von CUP für „unwiederbringlich beschädigt“.

Beobachter glauben, dass dieser Vorfall nur der Auftakt für weitere Einflussnahmen der chinesischen Zensur im Ausland ist. Das „Journal of Asian Studies“, auch von CUP verlegt, meldete ebenfalls eine Intervention aus China.

Die Welt, 20. August 2017
Epoch Times Deutschland, 21. August 2017
Süddeutsche Zeitung, 23. August 2017

 

7. August 2017
Trotz Protest: Nominierung von Hoh Xil als UNESCO-Welterbe
Die Region Hoh Xil (tibetisch Achen Gangyap) wurde trotz Protesten von Menschenrechtsgruppen als Welterbe nominiert [vergl. Tibet-Information vom 8. Juli 2017; UM]. Während die Presse in China die Nominierung als «grossen Erfolg» der Regierungspolitik feierte, warnte International Campaign for Tibet, dass die Nominierung die zwangsweise Umsiedlung von Nomaden beschleunige, die Zentralregierung als einzige Kontrollinstanz über die Region etabliere und den Massentourismus fördere. Somit anerkenne die Nominierung durch die UNESCO Chinas Politik, die schlussendlich auf die Beseitigung der nomadischen Lebensweise abziele.

Die Region umfasst ein Areal von 45'000 qkm und beherbergt 20 bedrohte Tierarten, einschliesslich der Tibet-Antilope. Chinas Aussenministerium sicherte unterdessen zu, dass es nicht zu Massenumsiedlungen von Nomaden käme.

Agence France Press, 10. Juli 2017
Reuters, 13. Juli 2017

Tibeter sollen ihr Land räumen
Im Bezirk Pashoe (chines. Basu) in der Präfektur Chamdo wurden 200 tibetische Familien im April aufgefordert, ihre Häuser sowie Weideland und Acker zu räumen, um nicht näher spezifizierten Bauvorhaben der Regierung Platz zu machen. Hier sollen laut Regierungsangaben Spitäler. Schulen und andere öffentliche Gebäude entstehen. Die Kompensation für die Umsiedlung, die ansonsten auf eigene Kosten erfolgen soll, wird als viel zu niedrig bezeichnet. Die dort lebenden Tibeter wurden mehr oder minder ultimativ aufgefordert, bis 20. Juli entsprechenede Verträge zu unterzeichnen.

Viele Tibeter glauben, dass die Begründung, hier sollen öffentliche Einrichtungen geschaffen werden, nur vorgeschoben ist, eine Regierungsanweisung gar nicht existiert, und korrupte Beamte in Wirklichkeit das Land teuer an private Investoren weiter verkaufen wollen.

Radio Free Asia, 6. Juli 2017

Diplomatischer Showdown in Botswana wegen Besuch des Dalai Lama
Vom 17. bis 19. August wird der Dalai Lama für einen Vortrag mit dem Titel «Eine Begegnung mit der Spiritualität des Dalai Lama – Wissenschaft und Humanität» in die Hauptstadt von Botswana, Gaborone, reisen. Unter massivem Druck von China sah sich die Regierung von Botswana genötigt, sich von jeder Beteiligung an dieser Visite zu distanzieren. In einer umfassenden Stellungnahme gab die Regierung an, dass entgegen früheren Verlautbarungen der Ministerpräsident Khama keine Eröffnungsrede halten werde und er auch in «keinerlei anderer Weise» in den Anlass involviert sei. Entgegen «Spekulationen» in der Presse würde auch der Protokollchef der Regierung nicht als Kontaktperson fungieren. Die Regierung würde sich nicht an der Beherbergung des Dalai Lama beteiligen und auch sonst irgendwelche Rollen als Gastgeber spielen.

China hatte vorher in üblicher Weise gewarnt, Botswana möge «Chinas Bedenken in ernsthafter Weise bedenken und eine korrekte Entscheidung» über die Einreise des Dalai Lama treffen. Der chinesische Botschafter betonte in einer umfassenden Stellungnahme warnend gegenüber einer Wirtschaftsdelegation aus Botswana, die gerade China besuchte, dass das Land doch die «Würde» Chinas als «treuen Freund und verlässlichen Entwicklungspartner» beachten und nicht die «Kerninteressen» Chinas infrage stellen möge. Das Mind and Life Institute als Veranstalter des Vortrags sei eine Schöpfung ausländischer, anti-chinesischer Kreise, die in Wirklichkeit die «traditionelle Freundschaft Afrikas mit China» zerstören wollten. Andere europäische Länder, die «Ärger anrichten und Chinas friedliche Entwicklung stören» wollten, hätten inzwischen «ihre Lektion gelernt».

Southern Times, 17. und 24. Juli 2017

Apple zieht in China Verschlüsselungs-Software aus dem Verkehr
Unter dem Druck der Zensoren hat Apple insgesamt etwa 60 VPN-Anwendungen aus seinem Online-Shop in China entfernt. Diese Software war in der Vergangenheit oft dazu verwendet worden, um die Internet-Zensur in China zu umgehen und an ansonsten blockierte Internetseiten zu gelangen.

Im Januar hatte das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie verfügt, dass sämtliche derartige Software nur noch mit einer Regierungslizenz verkauft werden darf [vergl. Tibet-Information vom 8. Februar 2017; UM]. Die gesperrte VPN-Software war nicht nur für Menschenrechtler in China von vitalem Interesse, sondern auch für viele Geschäftsleute in China, die auf unabhängige Informationen angewiesen sind.

Eine Firma, die Software für Apple entwickelt, merkte an, dass, wenn Apple den Internet-Zugang als Menschenrecht ansehe, man doch konsequenterweise auch den freien Zugang zu Informationen darin einschliessen müsse. Man hoffe, dass Apple die Menschenrechte höher bewerte als den Profitl Apple beantwortete Kritik an dieser Entscheidung damit, dass man sich an die Gesetze des jeweiligen Landes halten müsse, auch wenn man selbst anderer Meinung sei. Apple folgt damit den Firmen Amazon und Facebook, die bereits VPN-Software zurück gezogen haben und Internet-Inhalte filtern.

Phayul, 2. August 2017

 

8. Juli 2017
Zerstörungen in Larung Gar grösser als angenommen
Gemäss der Ansprache eines der Klosteräbte sind mehr Behausungen zerstört worden als anfänglich von den Behörden geplant. Einer der Äbte hielt am 20. Juni vor den verbliebenen Studierenden eine Ansprache und gab an, insgesamt seien 4'725 Behausungen abgerissen worden, was mehr sind als die 4'320 von den Behörden geplanten. Weggewiesen wurden ausserdem 4'828 Studierende. Zusammen mit den Abrissen im Jahr 2001 sind insgesamt über 7'000 Behausungen zerstört worden.

Der Abt beklagte ausdrücklich in der Ansprache, dass dieses Ausmass an Zerstörung in den letzten 40 Jahren seinesgleichen suche und hoffte, dass Larung Gar in der Zukunft von weiterer Vernichtung verschont bleibe.

Radio Free Asia, 22. Juni 2017

Tibeterin ertränkt sich aus Protest, ein weiterer schlitzt sich die Kehle auf
Im Protest gegen den Abriss von Häusern und die Einebnung eines Friedhofs in ihrem Heimatdorf hat sich eine Tibeterin im Fluss ertränkt. Die 45-jährige Tibeterin Yudron warf sich in einen Fluss und kam ums Leben.

Am 16. Juni begannen Bauarbeiter im Bezirk Palyul damit, ohne offizielle Genehmigung Häuser abzureissen. Einen Protestzug der Einwohner gab es, als sich die Bauarbeiter auch daran machten, eine seit etwa tausend Jahren existierende Begräbnisstätte einzuebnen. Dabei machten die Arbeiten auch nicht Halt vor erst kürzlich errichteten Gräbern. Die Abrissarbeiten sollen angeblich Platz schaffen für nicht näher spezifizierte «Regierungsprojekte». Dem lokalen Sekretär der Kommunistischen Partei werfen die Tibeter darüber hinaus Nepotismus vor; er habe etlichen Familienmitgliedern lukrative Regierungsstellen verschafft haben, ohne lokale Bewerber zu berücksichtigen.

Ebenfalls eine Protestaktion, die in mutmasslichem Selbstmord mündete, ereignete sich am 23. Juni vor dem Johkhang-Tempel, dem heiligsten Ort in Lhasa. Ein Tibeter rief Parolen für die Freiheit Tibets, bevor er sich die Kehle aufschlitzte. Es ist unbekannt, ob der die Tat überlebte.

Sicherheitskräfte errichteten rasch einen Sichtschutz aus blauer Plane, wie Fotos zeigen, die Radio Free Asia übermittelt wurden. Der Protestakt ereignete sich um 10 Uhr morgens. Am Nachmittag waren alle Spuren beseitigt, und laut Augenzeugen nahm das Leben um den Jokhang wieder seinen normalen Gang.

Radio Free Asia, 23. Juni 2017

Nominierung von Hoh Xil als UNESCO-Welterbe – Fluch oder Segen?
Die Region Hoh Xil (tibetisch Achen Gangyap) auf dem tibetischen Hochplateau soll als UNESCO-Welterbe nominiert werden. Anlässlich des Vorbereitungstreffen der UNESCO-Kommission in Krakau Ende Juni publizierte die International Campaign for Tibet, ICT, einen Bericht (Link zum vollen Bericht siehe unten), der schwere Bedenken gegen den Plan enthält.

Was auf den ersten Blick wie eine begrüssenswerte Aktion aussieht, dürfte zum grossen Schaden für die dort noch lebenden Nomaden werden, so ICT. Diese, die das ökologische Gleichgewicht bisher über Jahrhunderte aufrecht erhalten haben, müssten nun Touristen weichen. Entgegen den Richtlinien der UNESCO würden die Recht der dort Lebenden missachtet. Den Nomaden würden zwangsweise umgesiedelt, ihre traditionelle Lebensweise und auch das Sammeln von medizinischen Kräutern untersagt. Eine Expertenmission der UNESCO äusserte darüber hinaus grosse Bedenken gegen die Errichtung eines industriellen Korridors durch das geplante Gebiet.

International Campaign for Tibet ICT, 30. Juni 2017
Bericht
: https://www.savetibet.org/nomads-in-no-mans-land-chinas-nomination-for-unesco-world-heritage-risks-imperilling-tibetans-and-wildlife/

 

14. Juni 2017
Am 1. Juni kam es zu Zusammenstössen zwischen protestierenden Tibetern und Sicherheitskräften wegen der geplanten Umleitung von Trinkwasser in ein Nachbardorf. Der Streit entzündete sich, als von Sicherheitskräften eskortierte Arbeiter damit begannen, Leitungen für die Ableitung von Trinkwasser aus dem tibetischen Dorf Shitsa in das von muslimischen Hui bewohnte Nachbardorf Tharga zu verlegen. Die Arbeiten wurden von dem Präsidenten des in der Provinz Haidong gelegenen Bezirks, Ma Jinxi, initiiert und beaufsichtigt. Ma soll den protestierenden Tibetern gedroht haben, sie seien selbst verantwortlich für „Gewalt und Tod“ infolge der Proteste.

Als bewaffnete Polizei anrückte und in der Wahrnehmung der Tibeter für das Nachbardorf Partei ergriff, entzündeten sich gewalttätige Auseinandersetzungen, die 20 Tibeter und 10 Polizisten als Verletzte hinterliessen. Auch setzte die Polizei Tränengas und Schreckschüsse ein. Später forderten die Tibeter die Behörden auf, den Disput friedlich zu lösen und zwei verhaftete Sprecher des Dorfes freizulassen.

Stattdessen wurden in den Folgetagen noch 70 weitere Tibeter verhaftet, später 36 von ihnen freigelassen, darunter ein 9-jähriges Mädchen und ein 70 Jahre alter Mann. Die Verletzten, unter ihnen eine 56-jährige Tibeterin mit sehr ernsten Verletzungen, werden im Spital der Provinzhauptstadt Xining behandelt. Dort habe man sie dazu verpflichtet, zu niemandem über den Vorfall zu sprechen. Etwa 40 Jugendliche seien laut Informanten aus dem Dorf in die umliegenden Berge geflüchtet, wobei sie „hunderte“ von Polizisten in schneebedecktem Gelände abschütteln konnten.

Radio Free Asia, 6. Juni 2017

Verbot religiöser Aktivität für Schulkinder
In einem Behördenerlass vom 27. Mai wird es Primarschülern verboten, während des heiligen Monats Saga Dawa (Geburt, Erleuchtung und Tod Buddhas) an religiösen Aktivitäten teilzunehmen. Die Eltern müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder sich nicht an irgendeiner «abergläubischen oder religiösen Aktivität» beteiligen. Saga Dawa ist nach tibetischer Tradition vor allem dazu bestimmt, Gebete zu verrichten, an Bettler zu spenden und sich in Mitgefühl zu üben.

Dieses Verbot ist im Kontext der Kampagne der «Vier Lieben» zu sehen, die speziell im Jahr des 14. Volkskongresses Loyalität für die Staats- und Parteiführung fördern soll. Die Kampagne fordert generell, dass sich alle religiösen Institutionen, aber auch Schulen und Universitäten, zum unbedingten Gehorsam gegenüber Partei und Staat verpflichten. Wie nervös und verunsichert die Regierung wirkt, zeigt sich u.a. in einer Rede, die der lokale Parteivorsitzende in der Autonomen Region Tibet, Wu Yingjie, am 10. Mai hielt. Militärische Terminologie verwendend sagte er, Tibet befinde sich «in einer intensiven Schlacht» gegen die «destruktive Sabotage der Dalai-Clique».

International Campaign for Tibet ICT, 12. Juni 2017

Reiseleiter werden auf politische Linie eingeschworen
Eine neue Gruppe von 49 Reiseleitern «mit fester politischer Einstellung» hat nach offiziellen Medienberichten im April die Arbeit in Tibet aufgenommen. Über die letzten 14 Jahre seien insgesamt 751 «politisch verlässliche» Reiseleiter ausgebildet worden, um «die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Tibets und des Tourismus» voranzubringen.

Ein Mitglied der Chinesische Tourismusbehörde betonte ausdrücklich, dass «politische Verlässlichkeit» als Anforderungskriterium für Reiseleiter wichtiger sei als etwa interpersonelle Fähigkeiten oder Kenntnisse von tibetischer Kultur und Geschichte. Dr. Songshan Huang sagte wörtlich: «Zuallerst muss der Kandidat sozialistische Ideologie und Arbeitsethik zeigen… Sozialistische Ideologie und korrekte politische Einstellung übertreffen in ihrer Bedeutung andere Kriterien…». Alle Kandidaten in diesem Ausbildungsprogramm müssen die offizielle Sichtweise und Sprachregelung über Lokalitäten und Sehenswürdigkeiten beherrschen und diese in einer Prüfung für ihre Akkreditierung beweisen. Die Prüfung findet ausschliesslich in chinesischer Sprache statt, was den Mangel an tibetischen Reiseleitern erklärt, die von in- und ausländischen Touristen wegen ihrer authentischen Kenntnisse meist bevorzugt werden.

In den Jahren 2000 bis 2003 wurden bereits insgesamt 189 Reiseleiter entlassen, entweder weil sie sich zeitweise im indischen Exil aufgehalten hatten oder nicht beweisen konnten, dass sie nie dort waren.

International Campaign for Tibet ICT, 12. Juni 2017

 

23. Mai 2017
Junger Mönch verbrennt sich und stirbt
Am 19. Mai ereignete sich eine weitere Selbstverbrennung, mit der die Zahl auf insgesamt 150 steigt. Der 22-jährige Mönch Jamyang Losel setzte sich am frühen Morgen in der Nähe des Krankenhauses des Bezirks Kangtsa in der Präfektur Tsojang im Osten Tibets in Brand.

Laut Augenzeugen wurde sein Körper von der Polizei mitgenommen, und er habe nicht überlebt. Er stammt aus dem Kloster Gyerteng, etwa 30 km südlich von Kangtsa. Mehr ist wegen der Nachrichtensperre nicht bekannt.

Radio Free Asia, 19. Mai 2017
Phayul, 20. Mai 2017

Eltern des Opfers vom 2. Mai zum zweiten Mal in Haft
Die Eltern von Chagdor Kyab, dem 16-jährigen Jugendlichen, der sich am 2. Mai selbst verbrannt hatte [vergl. Tibet-Information vom 9. Mai 2017; UM], wurden unmittelbar nach der Freilassung von ihrer ersten Verhaftung und Befragung wiederum verhaftet. Beim ersten Mal war auch noch die Schwester von Chagdor Kyab in Haft gesetzt worden, doch wurde sie beim zweiten Mal wegen einer nicht näher bekannten Krankheit verschont. Wegen der Nachrichtensperre sind keine weiteren Informationen verfügbar, ob Chagdor Kyab noch lebt, und wo seine Eltern derzeit interniert sind.

Radio Free Asia, 18. Mai 2017

Lügendetektor-Test für Parteikader in Kardze
Seit Anfang April haben sich insgesamt 168 Parteikader in der osttibetischen Unruheregion Kardze einem Test mit einem Lügendetektor unterziehen müssen. Die regierungsoffizielle Zeitung Ganzi Daily berichtete, dass dieser Test, bei dem mehrere körperliche Reaktionen aufgezeichnet wurden, die „wahren Gefühle“ der Kader aufdecken solle.

Den Kandidaten für die Kaderpositionen seien nicht näher spezifizierte Fragen gestellt worden, die sie „gemäss ihren wahren Gefühlen und Vorstellungen“ zu beantworten hatten. Ausländische Beobachter nehmen an, dass hier die Loyalität zur Partei getestet werden soll. Der Zeitungsbericht preist den Test als „innovatives Vorgehen“, um mittels eines „Mensch-Maschine-Dialogs Talente zu evaluieren“, ihre „psychologische Stabilität“ zu untersuchen und die „Authentizität der Antworten“ festzustellen. Eine Ankündigung der Provinzregierung von Sichuan, in der Kardze liegt, vom 25. April lässt vermuten, dass dieses den Auftakt eines umfassenden Trainingsprogramms für Kader darstellt, das „mehrere Zehntausend“ Personen involvieren wird.

Dieses gross angelegte Programm ist vielleicht nicht ganz zufällig lanciert worden. Fast gleichzeitig hatte sich der für Parteidisziplin zuständige Funktionär der Kommunistischen Partei der „Autonomen Region Tibet“ in einem Artikel im Parteimagazin vom 1. Mai darüber beklagt, dass bei Kontrollen tibetische Parteikader aufgefallen sind, die heimlich Gelder an die „Dalai Lama Clique“ überwiesen hätten, „illegalen Untergrundorganisationen beigetreten sind und Informationen an ausländische Organisationen weitergegeben haben“.

Hindustan Times, 17. Mai 2017
Phayul, 18. Mai 2017

 

15. Mai 2017
UN-Rapporteur für Menschenrechte und Armut kritisiert Chinas Tibet-Politik
Nach seiner China-Reise im August 2016 kritisiert der UN-Rapporteur Philip Alston in seinem Bericht in ungewöhnlicher Deutlichkeit die Minoritäten-Politik der chinesische Regierung. Das Schicksal der Tibeter und auch Uiguren sei „äusserst problematisch“. Etliche ethnische Minderheiten in China seien konfrontiert mit Menschenrechtsverletzungen, signifikant höheren Armutsraten, ethnischer Diskriminierung und zwangsweiser Umsiedlung.

Die oft gehörte Behauptung der chinesischen Regierung, dass die Nationalitäten in China gleiche Rechte gemäss der Verfassung geniessen, sei anzuzweifeln. Die von oben verordnete Politik, die nur ein einziges Rezept für alle Probleme erkennen lasse und Widerstand ignoriere, entspräche einer „Kopf-in-den-Sand“ Mentalität. Zwar lobt der Rapporteur China für die Anstrengungen zur Verminderung der Armut, aber Menschenrechte hätten noch keinen Eingang in die Rechtsprechung gefunden, sie würden von den Institutionen nicht als eigenes Rechtsgut gefördert, und es gebe keine Kontrollmechanismen über ihre Einhaltung.

Bei seiner China-Reise sei die Delegation signifikant in ihrer Arbeit behindert worden, vor allem durch Einschüchterung gegen Repräsentanten der Zivilgesellschaft und Überwachung aller Bewegungen der Delegation, so dass keine Treffen mit unabhängigen Gesprächspartnern zustande kamen.

Der Bericht soll in der kommenden Session der UNO-Menschenrechtskommission besprochen werden.

International Campaign for Tibet, 8. Mai 2017

China will nächsten Dalai Lama durch Losverfahren bestimmen
Die chinesische Regierung hat bekräftigt, dass sie den nächsten Dalai Lama durch das Los bestimmen wolle. Das Losverfahren mittels der sogenannten Goldenen Urne solle im Jokhang-Tempel in Lhasa, dem höchsten Heiligtum der Tibeter, stattfinden. Dabei werden Lose mit den Namen der infrage kommenden Kandidaten in eine Urne gefüllt, und diese nach religiösen Ritualen geschüttelt, bis das Los mit dem Namen des Gewählten herausfällt. Bereits der von Beijing installierte Panchen Lama wurde damit bestimmt. Tibeter sagen dagegen, dass dieses Verfahren traditionell nur dann durchgeführt wurde, wenn durch Visionen und Weissagungen keine eindeutige Inkarnation identifiziert werden konnte. Die chinesische Regierung bestritt, dass der gegenwärtige Dalai Lama seine Inkarnation bestimmen könne, und berief sich auf eine angeblich aus dem Jahr 1793 stammende Regel. Im übrigen würde man in vollem Respekt für die tibetische Kultur handeln. Inkarnationen bedürften seit 1793 der Anerkennung der Zentralregierung. In der Tat hatte die Regierung im vergangenen Jahr ein online abrufbares Verzeichnis der anerkannten Inkarnationen lanciert; unter den 870 aufgelisteten Wiedergeburten fehlt allerdings der Dalai Lama [vergl. Tibet-Information vom 15. Dezember 2015 und 29. Januar 2016; UM].

Die Verlautbarung der chinesischen Regierung wurde möglicherweise ausgelöst durch die von Beijing heftig kritisierte Reise des Dalai Lama nach Arunachal Pradesh im April, weil dieses nordindische Gebiet von China beansprucht wird. Hier besuchte der Dalai Lama unter anderem den Tempel von Tawang, Geburtsort des 6. Dalai Lama, was von Aussenstehenden als Wink des Dalai Lama interpretiert wurde, dass er darauf besteht, die Frage seiner Wiedergeburt allein selbst zu entscheiden. China machte geltend, der Dalai Lama sei gar keine rein religiöse Figur, sondern ein „Exilant, der sich im Ausland für anti-chinesische Aktivitäten engagiert.“

India Today, 11. April 2017

Soll Tibet wirklich zum Nationalpark erklärt werden?
Laut einem Artikel der South China Morning Post gibt es seitens der chinesischen Regierung ernsthafte Pläne, die sogenannte Autonome Region Tibet und die Provinz Qinghai zum Nationalpark zu erklären. Dieser hätte eine enorme Ausdehnung, fast das 3-fache der Fläche von Grönland oder das 250-fache der Fläche des Yellowstone-Nationalparks in den USA. Der Dritte Pol Nationalpark, so der vorgeschlagene Name in Anspielung auf die grösste Konzentration von Gletschern nach Arktis und Antarktis, soll in diesem Sommer von einem Team von Chinesen, Nepali und Pakistani mithilfe modernster Satelliten- und Drohnentechnik neu vermessen werden. Indien hatte mit Hinweis auf den Grenzkonflikt mit China keine Delegation nominiert.

Das Projekt sei laut beteiligten Wissenschaftlern angeblich von Staatspräsident Xi Jinping persönlich initiiert worden, um „das letzte Stück von reinem Land“ zu schützen. Auch könne man so Tibet als „Wasserturm“ für China und die Anrainerstaaten erhalten. Angesichts des massiven Baus von Stauwerken hatten Anrainerstaaten in der Vergangenheit ihre Ängste kundgetan, die chinesische Regierung könne sie so bei Bedarf „austrocknen“. Nun sei aber nach Angaben von mehreren chinesischen Wissenschaftlern in der Zentralregierung und auch in der tibetischen Lokalregierung ein Umdenken bei Kadern erkennbar, weg von der bedingungslosen und teilweisen auch illegal erfolgten Ausbeutung von Bodenschätzen hin zum Erhalt von Tibet, nicht zuletzt, um den Tourismus aus dem Ausland weiter anzukurbeln. Ein chinesischer Wissenschaftler, Professor Wang Shiping vom Institut für die Erforschung des Tibetischen Plateaus, meinte, die Regierung wolle viele Bodenschätze in Tibet nicht mehr ausbeuten, sondern sie als strategische Reserve konservieren, solange man Rohstoffe auch billig im Ausland einkaufen könne.

Aber es regen sich auch skeptische Stimmen. Professor Liu Jingshi, Forscher an der Akademie der Wissenschaften, zweifelt, ob man einen Park dieser Grösse kontrollieren könne; schon das Management des 250 Mal kleineren Yellowstone Parks sei eine Herausforderung. Auch ist unklar, ob dann wirklich die Ausbeutung von Bodenschätzen gestoppt würde. Tibet hat riesige Vorräte an Kupfer, Chrom, Eisen, Lithium, Gold, Uran, Öl und Erdgas. Zahlreiche Tibeter und Chinesen, deren Zahl sich stetig vermehrt, müssten umgesiedelt werden. Professor Liu meint, die Pläne für diesen Nationalpark wären nicht nur wissenschaftlich motiviert, „es ist auch eine politische Angelegenheit“.

South China Morning Post, 22. April 2017

 

9. Mai 2017
16-jähriger setzt sich in Flammen
Seit März d.J. scheint sich eine neue Welle von Selbstverbrennungen abzuzeichnen. Beim bereits dritten Ereignis, das seit März bekannt wurde, setzte sich am 2. Mai der erst 16-jährige Schüler Chagdor Kyab in Flammen. Er zündete sich nahe des Klosters Bora in der Präfektur Gannan an und soll noch versucht haben, in Richtung eines lokalen Regierungsgebäudes zu laufen, bevor er zusammenbrach. Dabei rief er Parolen wie «Tibet will Freiheit» und «Lasst den Dalai Lama zurück kehren». Sicherheitskräfte löschten die Flammen und transportierten ihn ab. Es ist nicht bekannt, ob er noch lebt. Wie immer, verhängten die Behörden eine sofortige Nachrichtensperre und Sperrung der Internet- und Mobilfunkverbindungen, so dass keine weiteren Informationen in das Ausland gelangen.

Seit 2009 gab es damit vier Selbstverbrennungen in Bora, und die Zahl insgesamt steigt auf 149.

Radio Free Asia, 7. Mai 2017

Umweltaktivist stirbt nach Misshandlungen in Haft
Am 25. April starb der etwa 50-jährige Umweltaktivist Tsewang Kyab in Amchok, in der heutigen chinesischen Provinz Gansu. Seine Angehörigen glauben, dass schwere Misshandlungen und Folter während der zehnmonatigen Haft seit Juni 2016 die Todesursache waren.

Tsewang Kyab war Sprecher und Anführer von Protesten gegen gross angelegte Arbeiten für eine Goldmine, die einen den Tibetern heiligen Berg, Nyenchen Gong-Ngon La Ri, betrafen. Während der Proteste im Juni 2016 sprach er zu Behördenvertretern und drängte sie, den heiligen Berg nicht anzurühren. Dabei berief er sich ausdrücklich auf seinen Glauben an Präsident Xi Jinping, der ja auch gegen Korruption und Verschwörung vorgehe. Ein Video, das Free Tibet Campaign auf ihre Homepage gestellt hat (https://www.freetibet.org/news-media/na/tibetan-environmental-protest-leader-tsewang-kyab-dies), zeigt, wie Tsewang Kyab bei einer Demonstration engagiert zu den protestierenden Tibetern spricht.

Kurz darauf wurde er festgenommen und erlitt permanente innere Verletzungen infolge der Misshandlungen. Nach der Entlassung aus der Haft in extrem schlechten Zustand brachte ihn seine Familie ohne Erfolg noch in mehrere Spitäler, und er starb wenig später zu Hause.

Free Tibet Campaign, 3. Mai 2017

Xinjiang - Nichtrauchen wird bestraft; bald auch in Tibet?
Eine Massnahme in der überwiegend muslimischen Provinz Xinjiang, die vielleicht auch bald in Tibet Schule macht, ging im vergangenen Monat durch die chinesische Presse. Ende März wurde der Parteivorsitzende in einem Dorf nahe der Stadt Hotan von einen «hochrangigen» zu einem «einfachen Mitarbeiter» degradiert. Man warf ihm vor, er habe durch sein Verhalten einen «Mangel an standfester Haltung» gezeigt. Sein «Vergehen» bestand darin, dass er sich nicht getraut habe, in Anwesenheit religiöser Persönlichkeiten eine Zigarette anzuzünden.

Die englischsprachige, in Beijing erscheinende Zeitung «Global Times» fühlte sich veranlasst, diese Entscheidung ausführlicher zu begründen. Ein lokaler Beamter in Hotan wurde zitiert, der die Entscheidung, nicht zu rauchen, mit der Zurschaustellung von «religiösem Extremismus» gleichsetzte. Das Rauchen in Gegenwart von – im Fall von Xinjiang – muslimischen Würdenträgern sei ein «Zeichen sekularer Gesinnung», und somit habe der betroffene Kader «angesichts der Bedrohung durch extreme lokale Kräfte versagt».

Die von etwa zehn Millionen meist muslimischen Uiguren bewohnte Provinz war in den letzten Jahren von mehreren Gewalttaten erschüttert worden. Die chinesische Regierung sieht die Provinz als Schauplatz für den «Volkskrieg gegen den Terrorismus», und Präsident Xi Jinping forderte vor dem Parteitag im April eine «grosse Mauer aus Eisen», die die Provinz vor Terroristen und «Spaltern des Mutterlandes» schützen soll. Die betroffenen Uiguren sehen als Ursache für die Gewalttaten dagegen die zunehmende Marginalisierung und Diskriminierung mit massiven Einschränkungen ihrer Freiheit.

Im April traten Gesetze in Kraft, die Gesichtsschleier und «abnormale Bärte» an öffentlichen Orten verbieten. Schon vorher war gelegentlich Uiguren und Uigurinnen wegen Schleiern, Kopftüchern oder langen Bärten die Beförderung mit öffentlichen Verkehrsmitteln verweigert worden. Ebenso wurde die «Ablehnung von [staatlichen] Fernseh- und Rundfunksendern» verboten. Wenn Eltern ihren Kindern häufig benutzte muslimische Vornamen geben wollen, wird ihnen die amtliche Registrierung verweigert, was unter anderem bedeutet, dass sie keine öffentlichen Schulen besuchen können und keinen Zugang zur Krankenversicherung haben. In der Provinz werden zahlreiche neue Polizeistationen errrichtet, und etwa 200'000 Beamte wurden zur Überwachung in uigurische Dörfer delegiert.

Das alles erinnert massiv an ähnliche Vorkommnisse und Massnahmen in Tibet. Kurz nach den Unruhen im Jahr 2018 wurde Tibetern nicht selten die Beherbergung in chinesischen Hotels verweigert, nur weil sie tibetische Namen trugen. Ebenso wurden in Tibet mehrere zehntausend Kader selbst in entlegende Dörfer delegiert, um die Bevölkerung zu überwachen und «umzuerziehen» [zum Konzept des «Rastermanagement» vergl. Tibet-Informationen vom 11. November 2013, 20. Januar 2014 und 22. April 2017; UM].

Tagesanzeiger, 2. Mai 2017

 

22. April 2017
Selbstverbrennung in Kardze
Am Morgen des 15. April setzte sich auf einem zentralen Platz in Kardze im Osten Tibets der 39-jährige Wangchuk Tseten in Flammen und starb an seinen Verletzungen. Wegen der sofort verhängten Nachrichtensperre und Sperrung der Internet- und Mobilfunkverbindungen gelangten die Nachrichten nur spärlich und unvollständig in das Ausland.

Wangchuk Tseten sei vierfacher Vater gewesen und stamme vom Nachbarbezirk Nyarong. Free Tibet Campaign zeigt ein Video, das kurz nach der Selbstverbrennung aufgenommen wurde (Link unten). Hier ist zu sehen, wie Sicherheitskräfte herbei eilen, Feuerlöscher auf einen leblosen Körper richten und Zuschauer wegdrängen. Später wurde beobachtet, wie der Körper abtransportiert wird. In Kardze kam es häufig zu Selbstverbrennungen, so dass für Sicherheitskräfte hier ein extra Manual mit Trainingsmaterialen und Handlungsanweisungen ausgegeben wird und sie mit tragbaren Feuerlöschern ausgerüstet sind.

Nach unbestätigten Berichten wurden drei Tibeter kurz darauf verhaftet, weil sie das Mobiltelefon von Wangchuk Tsering auf sich trugen. Ob das Video von diesem Mobiltelefon aufgenommen wurde, ist unbekannt. Angeblich soll ihnen Wangchuk Tsering vor seiner Tat eine Nachricht gesandt haben, dass er das Telefon bei einer Person in der Nähe der Stelle, wo er sich anzündete, abgebe und sie um Abholung bat. Die drei verhafteten Tibeter seien schwer misshandelt worden, und einer von ihnen sei noch immer in Haft. Nach anderen, ebenfalls unbestätigten Berichten sei ein ebenfalls 39-jähriger Tibeter in der Haft seinen Verletzungen durch Misshandlung erlegen, weil er ein Video der Selbstverbrennung angefertigt hatte. Es ist nicht bekannt, ob es sich dabei um einen der drei verhafteten Tibeter oder eine weitere Person handelte. Ebenso ist unklar, ob es sich dabei um das Video handelt, das Free Tibet Campaign veröffentlichte.

Phayul, 15. und 19. April 2017
Radio Free Asia, 21. April 2017

Free Tibet Campaign, 21. April 2017 (Video: https://freetibet.org/news-media/na/video-monk-carries-out-self-immolation-protest-tibet?utm_source=Free+Tibet+email+updates&utm_campaign=5d75387f06-SELF_IMMOLATION_TIBET_APR2017&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-5d75387f06-49802621&mc_cid=5d75387f06&mc_eid=524401721d

Diskriminiert Hilton tibetische Arbeitskräfte?
Das am 22. März 2017 eröffnete Luxus-Hotel Hilton Linzhi Resort soll angeblich keine Tibeter, sondern ausschliesslich Han-Chinesen beschäftigen. Eine als Sprecherin für dieses Hotel aufgeführte Chinesin, die von Radio Free Asia telefonisch kontaktiert wurde, gab an, die 200 Hotelangestellten seien ohne Ausnahme Han-Chinesen. Sie gab allerding an, dass keine tibetischen Bewerber bewusst abgewiesen worden seien. «Es ist nicht so, dass wir sie [die Tibeter] nicht wollen. Es ist eine Frage der Rekrutierung. Vielleicht wollten sie nicht [zu uns] kommen, um zu arbeiten» wird sie von RFA zitiert. Der Kommunikationsbeauftragte von Hilton China dementierte dieses später. Das Hotel biete Arbeit ohne Diskriminierung an und beschäftige einen «Mix» von mehreren Nationalitäten.

Das Hotel verfügt über 220 Zimmer, einen Golfplatz, Spa und Kinos und zielt primär auf Kunden aus dem massiv wachsenden Tibet-Tourismus vom chinesischen Festland.

Radio Free Asia, 13. April 2017

Neue Kampagne in Tibet: «Four Loves, Four Stresses»
Im Vorfeld des 19. Kongresses der Kommunistischen Partei Chinas, der die Macht von Präsident Xi Jinping zementieren soll, wurde in Klöstern, Schulen und Universitäten in der sogenannten Autonomen Region Tibet eine neue Kampagne lanciert. Die Kampange soll die «Liebe zum Mutterland, zur eigenen Heimatstadt und zum eigenen Lebensbereich» sowie die «Bewunderung» für die Kommunistische Partei und die «Einheit des Mutterlandes» fördern. Die Intention der Kampagne ist laut regierungsoffiziellen Medien, den «negativen Einfluss der Religion» zu mindern und die «ideologische Erziehung für die werktätigen Massen» zu stärken.

Laut Einschätzung von ICT ist sich die Kommunistische Partei nach wie vor nicht sicher, dass in Tibet in einem kritischen Jahr für die Stabilisierung der Macht von Präsident Xi Jinping sichere Verhältnisse herrschen. Auffallend pompös wurde der sogenannte «Jahrestag der Befreiung von der Sklaverei» in diesem Jahr zelebriert. Dieser Feiertag wurde ein Jahr nach den massiven Unruhen in Lhasa im Jahr 2008 erfunden, war aber in den vergangenen Jahren eher in Vergessenheit geraten. Während die staatlichen Medien den Tag auffallend deutlich als «ruhmreiches Kapitel in der Geschichte Tibets und der menschlichen Zivilisation» feierten, zeichnete der Vize-Parteisekretär in Tibet, Deng Xiaogang, ein eher düsteres Bild. In mehreren internen Videokonferenzen bezeichnete er die soziale Stabilität in Tibet als «kompliziert und finster». Am Jahrestag des Volksaufstandes von 1959, dem 10. März, wurden auch in demonstrativer Weise in Lhasa und anderen Städten Militärübungen abgehalten.

Auch in anderen Regionen wurden Kampagnen gestartet oder verstärkt.

Der lokale Parteisekretär in Chamdo, Norbu Dhondup, wies an einem offiziellem Treffen im Zusammenhang mit den Selbstverbrennungen in martialischen Worten auf die Notwendigkeit hin, dass man «diejenigen, die lokale Helden werden wollten, niederschlagen» müsse. Dazu müsse man auf sämtliche zur Verfügung stehenden Ermittlungsmethoden zurückgreifen, bevor jene handeln könnten. Nach Einschätzung von ICT setze die Partei mehr auf proaktive Massnahmen wie Internet-Überwachung, Entsendung von Kadern selbst in entlegene Dörfer, und «Patriotische Umerziehung» anstatt nach Protesterignissen nur repressiv zu reagieren. Getroffen werden auch gemässigte Kritiker und Förderer von kultureller und religiöser Identität. Der Fokus dieser Bemühungen liegt in Grenzregionen zwischen der Autonomen Region Tibet und Nachbarprovinzen wie Qinghai, Sichuan und Yunnan, die von der Regierung als Regionen von besonderem strategischem Interesse eingestuft werden. Nicht nur die demonstrativen Militärmanöver um den 10. März, sondern auch ein Treffen hochrangiger Funktionäre am 13. April, geleitet von einem der sieben Mitglieder des mächtigen Ständigen Ausschusses des Politbüros, Yu Shenzheng, drücken Sorge über den nach wie vor starken Einfluss des Dalai Lama aus. Yu beklagte, dass es eine Mangel gebe an «hochrangigen und einflussreichen Persönlichkeiten in den religiösen Gruppen», die ihre Loyalität zur Partei über ihre religiösen Pflichten stellten und in kritischen Momenten zur Verfügung stünden.

In der Provinz Qinghai werden derzeit 10'000 Parteikader für das «Rastermanagement-System»ausgebildet, das diese in Dörfern und Klöstern platziert, wo sie auf kleinster Ebene Tibeter übewachen. Seit Oktober 2011 hat die chinesische Regierung Zehntausende von Parteikadern und Regierungsbeamten in die kleinen tibetischen Landgemeinden entsandt, damit sie dort das geringste Zeichen von Dissens oder Kritik an Partei oder Staat im Keim ersticken und einem Aufstand wie dem von 2008 vorbeugen [vergl. Tibet-Information vom 11. November 2013; UM].

International Campaign  for Tibet (ICT), 20. April 2017

 

7. April 2017
Abrisse in Larung Gar beginnen wieder
Der Abt eines der Institute in Larung Gar hat den Bewohnern mitgeteilt, dass nach der Winterpause die Abrissarbeiten wieder aufgenommen werden. Die Ausweisungen seien hingegen nahezu komplett.

Eine Tonaufnahme der Ansprache des Abtes liegt Radio Free Asia vor. Der Abt nannte exakte Zahlen. Demnach seien bislang 4‘828 Personen weggewiesen worden, und etwa 250 Nonnen, die aus der Provinz Qinghai stammen, müssten bis 27. März die Siedlung verlassen. Damit seien die Wegweisungen beendet. Aber es seien noch etwa 2‘000 Behausungen abzureissen. Der Abt rief die Betroffenen zu Geduld und zum Verzicht auf Protest auf. Man setzte „die chinesische Politik um“. Allerdings sei niemand freiwillig gegangen, und die Betroffenen hätten gehen müssen, gleichgültig ob sie eine neue Bleibe hätten oder nicht.

Teilweise hätten Bewohner einander beim Abriss ihrer Behausungen geholfen. So hätten sie mindestens sicher stellen können, dass sie ihre Habe unversehrt retten und mitnehmen konnten. Das Holz hätten sie teilweise noch als Feuerholz verwenden können.

Radio Free Asia, 23. März 2017

Sicherheitskräfte schlagen Passenten grundlos: Video
Ein heimlich aufgenommenes Video (http://www.voatibetanenglish.com/a/3779999.html) zeigt, wie Sicherheitskräfte scheinbar grundlos auf zufällig vorbeigehende Passanten in der tibetischen Stadt Sertar Dzong einprügeln und diese in einem Bus wegfahren. Voice of America hat die Stimmen von Augenzeugen entfernt, um diese nicht identifizierbar machen. In dem Original-Video ist zu hören, wie Zeugen ihr Entsetzen ausdrücken; einer sagt immer wieder „Sie machen das ohne jeden Grund.“

Sertar Dzong liegt in demselben Bezirk wie die teilweise abgerissene Lehrstätte Larung Gar.

Voice of America, 24. März 2017

200 Tibetische Familien werden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen
Im Bezirk Dzogang in der Präfektur Chamdo im Osten Tibets wurden 200 tibetische Familien gezwungen, ihre Häuser aufzugeben. Der Grund dafür ist ein nicht näher spezifiziertes «Bauprojekt» der Regierung. Die Betroffenen, die derzeit auf gegenüberliegenden Ufern des Gyalmo Ngulchu Flusses (Salween) leben, vermuten, dass ihre Häuser einer Eisenerz-Mine weichen müssen. Ein heiliger Berg sei schon vor über 25 Jahren von Geologen untersucht worden, weil dort ein grosses Eisenerz-Vorkommen vermutet wird. Andere Tibeter vermuten, dass die Häuser einem von 13 geplanten Staudämmen zur Stromgewinnung oder einer Schnellstrasse im Wege stehen.

Mehr noch, die Familien müssen den zwangsweisen Umzug aus eigener Tasche bezahlen. Das zunächst gegebene Versprechen einer Entschädigung wurde ohne Angabe von Gründen zurück gezogen. Als sich die Betroffenen mit einer Petition an die Behörden wandten, sei ihnen nur mitgeteilt worden, dass es sich um eine «Regierungsanordnung» handelt, der Folge zu leisten sei. Alle Betroffenen mussten sich mit ihrem Namen bei der Bezirksverwaltung registrieren lassen.

Am 7. Mai 2014 hatte sich in Dzogang der 32-jährige Phakpa Gyaltsen, vierfacher Familienvater, aus Protest gegen Minenarbeiten in der Region vom Dach eines Hauses zu Tode gestürzt [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2014; UM]. Nach Meldungen von Phayul hatte sich auch ein zweiter Tibeter am gleichen Tag aus Protest das Leben genommen. Entlang dem Salween-Fluss sind nach Angaben von Informanten an Phayul zahlreiche Bergwerke in Betrieb.

Radio Free Asia, 4. und 6. April 2017
Phayul, 6. April 2017

 

23. März 2017
Erneute Selbstverbrennung – die erste im Jahr 2017 – 200 Augenzeugen verhaftet, Angehörige misshandelt
Am 18. März setzte sich der 24-jährige Pema Gyaltsen in der Stadt Kardze an einer Strassenkreuzung nahe des Busterminals in Brand. Sicherheitskräfte schafften seinen verbrannten Körper weg. Es ist unklar, ob er noch am Leben ist. Während ein Informant gegenüber Radio Free Asia (RFA) angab, er sei verstorben, sagte ein anderer, er befinde sich in kritischem Zustand in Kardze im Spital. Seine Familie habe die Verlegung in das Provinzkrankenhaus in Chengdu gewünscht, dieses sei aber von der Polizei verweigert worden. Pema Gyaltsen ist der zweite Tibeter aus dem Bezirk Nyagrong, der sich selbst verbrannte. Am 29. Februar 2016 hatte sich der 18-jährige Mönch Kalsang Wangdu in Flammen gesetzt und starb [vergl. Tibet-Information vom 7. März 2016; UM].

Pema Gyaltsen ist unverheiratet und hatte in der Landwirtschaft gearbeitet. Laut Informanten hat er nie eine Schule besucht. Er hat noch vier jüngere Geschwister und galt als der Haupternährer der Familie.

In einem kurzen Video, das RFA vorliegt, ist zu sehen, wie die Polizei eine Gruppe von Zuschauern, darunter weinende Tibeterinnen, zerstreut. Die auch in Tibet populäre Chatplatform WeChat wurde umgehend gesperrt. Später meldete RFA, dass die Polizei etwa 200 Augenzeugen verhaftete. Vielen von ihnen, die beim Vorfall ihre Anteilnahme bekundeten, sei ihr Mobiltelefon weggenommen worden. Es ist nicht bekannt, ob sie sich noch in Haft befinden

Schlimmer erging es den Angehörigen. Zehn Verwandte von Pema Gyaltsen begaben sich am Abend des 18. März zur Polizeistation in Kardze, um etwas über seinen Zustand zu erfahren. Sicherheitskräfte hätten die Verwandten über Nacht festgehalten, brutal geschlagen und gezwungen, bis zum nächsten Morgen zu stehen. Als sie nach Hause entlassen wurden, konnten manche kaum stehen.

Radio Free Asia, 19./20. März 2017

Einschüchterungen, Kontrollen, Restriktionen und Überwachung um den 10. März
Vor dem 10. März, dem Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes 1959, waren zahlreiche Massnahmen zu beobachten, die Gruppen von Pilgern einschüchtern und Proteste im Keim ersticken sollten.

Besucher im Kloster Kumbum in der Provinz Qinghai wurden anlässlich des Chotrul Monlam, einem Fest, bei dem grosse Skulpturen aus Butter ausgestellt wurden, durch massive Präsenz von Sicherheitskräften behindert. An einem Tag seien die Truppen mitten durch wartende Pilger marschiert. Die Tibeter beschwerten sich auch über darüber, dass sie gegenüber chinesischen Touristen massiv behindert wurden. Während sich die Touristen nach Zahlung von umgerechnet Fr. 14 für den Eintritt ungehindert im Kloster bewegen konnten, mussten die Pilger lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Einmal eingelassen, wären sie nicht selten von chinesischen Touristen zur Seite gestossen worden.

Im Bezirk Rebgong in der Präfektur Malho wurden Transporte beobachtet, die paramilitärische Kräfte zur Überwachung an „sensible“ Orte brachten. Überall seien uniformierte und zivile Sicherheitskräfte zu sehen, die das lokale Kloster Rongwo, Strassenkreuzungen und Regierungsgebäude bewachen. Viele seien mit tragbaren Feuerlöschern ausgerüstet. Auch würden Geschäfte, Restaurants und Gästehäuser überwacht. Besonders Gäste von Auswärts müssten oft ihre Personaldokumente vorweisen. Besucher aus Indien dürften sich ohne Erlaubnis der Polizei überhaupt nicht im Ort bewegen. Wenn Tibeter in Gruppen zusammen stehen, würden sie sofort zum Weggehen aufgefordert.

In Kirti im Bezirk Ngaba, einem Zentrum der Proteste und Selbstverbrennungen der letzten Jahre, würden besonders polizeibekannte Dissidenten und ehemalige politische Gefangene überwacht. Einigen sei befohlen worden, sich nicht aus dem Kloster zu bewegen, andere ohne Gründe in Polizeistationen einbestellt. Schon im Februar hatten Sicherheitskräfte Pilger daran gehindert, ein religiöses Fest im Kloster Kirti zu besuchen. Die Grenze zum Bezirk Ngaba wurde für Fahrzeuge blockiert, und den Pilgern wurde mitgeteilt, sie könnten höchstens zu Fuss zum Kloster gelangen. Alle Versammlungen im Kloster würden von Polizisten überwacht, die sich teilweise in Zivilkleidung unter die Besucher mischten.

In zehn Bezirken in der Präfektur Kardze wurde über eine Woche um den 10. März das Internet blockiert.

In der sogenannten Autonomen Region Tibet wurden Regierungsmitarbeiter aufgeboten, um Tag und Nacht die Regierungsgebäude zu bewachen. Die Region wurde für Reisende aus dem Ausland für den gesamten Monat März gesperrt.

Radio Free Asia, mehrere Berichte, 10. Februar – 15. März 2017

Auszeichnungen für „patriotische“ Mönche und Nonnen
Am 6. März berief das lokale Büro für Religiöse Angelegenheiten eine Versammlung mit Delegierten aus 40 lokalen Klöstern von verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus ein. Delegierte, ihre Klöster und auch individuelle Mönche und Nonnen wurden mit grosszügigen Geldgeschenken bedacht. Letztere erhielten auch Urkunden als Belohnung für das Zeigen von „Einigkeit und Freundschaft“. Gleichzeitig wurden bei dem Anlass Mönchen und Nonnen, die kürzlich nach Indien gereist waren, empfindliche Strafen angedroht. Viele werteten diese Veranstaltung als Massnahme, Proteste zum 10. März zu verhindern.

Radio Free Asia, 6. März 2017

Tibetischer Künstler in Hongkong bedroht
Nahezu fluchtartig verliess der in den Niederlanden lebende tibetische Künstler Tashi Norbu (www.tashinorbu.com) Hongkong. Er sollte am 5. März anlässlich der Ausstellungseröffnung in der iAOHiN Amber Gallery (http://iaohin.com) in Macao eine live Performance durchführen, jedoch kontaktierte ihn ein Agent der Gallerie in Hongkong vor der Einreise nach Macao und warnte ihn, er würde dort möglicherweise verhaftet und deportiert. Noch am gleichen Tag verliess Tashi Norbu Hongkong nach Indien. In einem Interview mit Radio Free Asia nach Ankunft in Dharamsala sagte der Künstler, ein hochrangiger Offizier der chinesischen Regierung habe die Galerie kurz zuvor informiert, er sei auf der „schwarzen Liste“ und er solle „zu seiner eigenen Sicherheit“ nicht nach Macao einreisen. Auch könne die Gallerie nicht für seine Freiheit in Hongkong garantieren. Der Direktor der Gallerie verwies ihn auf „frühere Vorfälle“, in denen Künstler in Macao bereits im Visier der chinesischen Regierung waren.

Obwohl Tashi Norbu seine künstlerische Arbeit als „unpolitisch“ bezeichnet, verwendete er in der Vergangenheit Szenen mit dem Dalai Lama und gelben Regenschirmen, den Symbolen des demokratischen Protests in Hongkong von 2014. Er war bereits im vergangenen Jahr bei Ein- und Ausreise in Macao, wo er ebenfalls in einer Gallerie ausstellte, für kurze Zeit an der Grenze festgehalten worden.

Im Vorfeld der diesjährigen Ausstellung waren ihm schon über mehrere Monate Beschränkungen auferlegt worden. Die Gallerie hatte ihm auf Anweisung von Regierungsbehörden mitgeteilt, er dürfe keine Kleider tragen, die ihn als Tibeter erkennbar machten. Er wählte komplett weisse Kleider, aber auch diese wurden untersagt, da sie als Friedenszeichen und damit als Protest gegen Chinas Herrschaft in Tibet ausgelegt werden könnten. Die Wahl eines Hahns als Motiv aus dem tibetischen Kalender wurde zunächst bewilligt, kurz vor der Ausstellung aber wieder untersagt, weil die Kontur der chinesischen Landkarte ähnelte, und diese Darstellung sei ihm als Tibeter nicht erlaubt. Die Zeitung Hongkong Free Press gab an, dass die Gallerie jährlich mit bedeutenden Geldsummen vom China Cultural Industries Fund gefördert wird und offensichtlich nicht den Verlust dieser Subventionen riskieren wollte.

Radio Free Asia, 1. März 2017

 

2. März 2017
Jahresbericht 2016 des TCHRD: „Ein gigantisches offenes Gefängnis“
Diesen Titel trägt der Jahresbericht 2016 des TCHRD über die Menschenrechtslage in Tibet. Der Bericht prangert die Kriminalisierung der Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäusserung, willkürliche Verhaftungen, Folter, Verschwindenlassen von Dissidenten, Kollektivstrafen und Umweltzerstörung an.

Tibeter könnten angesichts einer politisierten Justiz kaum ihre verbrieften Rechte wahrnehmen. Die rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen schreitet weiter voran, während die vom Land vertriebenen Tibeter von der wirtschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen werden, zunehmend von Subventionen der Regierung abhängig sind und verarmen. Die Sicherheitskräfte reagieren mit brutaler Gewalt auf Tibeter, die sich gegen Landraub, Abbau von Bodenschätzen, Umweltverschmutzung und willkürliche Zerstörung von Bauwerken wehren.

Mehrere Tibeter haben wegen inhumaner Haftbedingungen und Misshandlung ihr Leben verloren. Zwar wurden weniger willkürliche Verhaftungen als im Vorjahr gezählt, jedoch ist die Zahl wegen der erschwerten Kommunikation aus Tibet unsicher. Zu den Verhafteten zählen auch Familien- oder Dorfangehörige, die von Kollektivstrafen betroffen sind, und solche, die lediglich Informationen an das Ausland weiter gegeben haben sollen. Der Informationsfluss in das Ausland ist nicht nur wegen der hohen Strafen und Strafandrohungen schwieriger geworden, sondern auch wegen der verschärften Kontrolle und Zensur der Kommunikationskanäle.

Tibetan Centre for Human Rights and Democray TCHRD, 20. Februar 2017

Verhaftung wegen Spionage gegen Tibeter in Schweden
Die Schwedische Polizei hat eine Person verhaftet, die „in schwerem Ausmass ungesetzliche Spionagetätigkeiten“ ausgeübt hat. Diese galten laut Polizei den in Schweden lebenden Tibetern. Weiter teilte die Polizei mit, man habe die Person schon länger beobachtet, wie sie Informationen sammelte. Diese seien dann an „eine ausländische Macht“ weiter gegeben worden.

Die verhaftete Person habe schon jahrelang in Schweden gelebt und offensichtlich einen „Auftrag“ von der „ausländischen Macht“ gehabt. Weitere Informationen über die Person, die sich in Untersuchungshaft befindet, wurden nicht mitgeteilt; auch nicht, ob es sich bei der „ausländischen Macht“ um China handelt. Aufgefallen sei die Person im Rahmen von allgemeinen Ermittlungsarbeiten gegen Spionage in Schweden.

Eine Polizeisprecherin fügte angesichts von Spekulationen über die Rolle von China nur lapidar hinzu, dass generell solche Staaten ihre geflohenen Bürger ausspionierten, die selbst nicht viel von Menschenrechten und Freiheit der Rede hielten.

Spionage gegen Tibeter im Exil ist nichts Neues. Im Dezember 2015 waren im indischen Dharamsala mehrere Personen verhaftet worden, die verdächtige Landkarten oder geheime Dokumente mit nicht näher spezifiziertem Inhalt auf sich getragen hätten [vergl. Tibet-Information vom 7. Januar 2016; UM].

The Local, 27. Februar 2017

Die USA sollen aufhören, mit dem Dalai Lama “Ärger zu verursachen”
Die von der Kommunistischen Partei betriebene Zeitung Global Times, bekannt für ihre nationalistische Orientierung und Angriffe auf den Dalai Lama, veröffentlichte ein Interview mit Zhu Weiqun, dem Vorsitzenden des Komitees für ethnische und religiöse Angelegenheiten. Darin warnte er die Regierung Trump, den Dalai Lama zu benutzen, um „Ärger zu verursachen“.

Der neue US-Aussenminister Tillerson hatte in seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuss des Senats deutlich gemacht, dass er den Dalai Lama empfangen und seinen Dialog mit der Volksrepublik China unterstützen würde. Zhu sagte in dem Interview, dass es keinen Dialog mit einer „illegalen Gruppe, die China spalten wolle“ geben könne. Die Bemerkungen von Tillerson vor dem Senat zeigten, dass er ein „kompletter Amateur“ sei.

Reuters, 4. Februar 2017

Universität von San Diego widerruft Einladung an Dalai Lama nicht
Die Universität von San Diego (UCSD) hat den Dalai Lama eingeladen, während einer Universitätsfeier am 16. und 17. Juni zu reden. Nun wurde der Kanzler, der indisch-stämmige Pradeep Khosla, von gleich drei chinesischen Organisationen in Kalifornien unter Druck gesetzt, die Einladung zurück zu nehmen.

Die chinesische Zeitung Global Times zitierte ausführlich die Chinese Union, Chinese Students and Scholars Association (CSSA) und die Chinese Business Society, die klagten, mit der Einladung würden „die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt“. Dem Kanzler wurde vorgeworfen, er habe den Dalai Lama als „religiösen Aktivisten“ bezeichnet ohne zu wissen, was er eigentlich tue. Indem man ihn als „Anführer des tibetischen Volkes“ und „Mann des Friedens“ bezeichne, habe die UCSD für ihn Bewunderung geäussert – was offensichtlich als Vorwurf gemeint war.

Pradeep Khosla erklärte nach dem Treffen mit den drei Organisationen, dass er an der Einladung festhalte, versprach aber, dass der Dalai Lama keine politischen Themen ansprechen und die Universität ihn nicht mehr als „Friedenskämpfer“ bezeichnen werde. Ob die chinesischen Organisationen weitere Protestaktionen planen, ist nicht bekannt.

Press Trust of India, 17. Februar 2017

Tibetisches Frauen-Fussballteam aus Indien darf nicht in die USA einreisen
Ein tibetisches Frauen-Fussballteam darf nicht in die USA einreisen. Die Frauen wollten zu einem Jugendturnier nach Dallas reisen, jedoch hat die US-Botschaft in Delhi nur eine kleine Zahl von Visa-Anträgen angenommen. Diese waren von vier Spielerinnen mit nepalischer Staatsangehörigkeit gestellt worden. Die überwiegende Zahl der Spielerinnen hat indische Identitätsdokumente, die jedoch nicht die indische Staatsangehörigkeit beinhalten. Als die Fussballerinnen und ihre Betreuerinnen die Anträge mit indischen Identitätsdokumenten abgeben wollten, seien sie nach eigenen Angaben nicht einmal eines Blickes gewürdigt worden. Die Visaabteilung habe ihnen ausgerichtet, sie hätten „keinen guten Grund“ zur Reise nach Dallas. Die Antwort für die vier Spielerinnen mit nepalischer Staatsangehörigkeit steht noch aus.

Die Präsidentin des Frauenfussball-Verbandes von Tibet (im Exil), die Amerikanerin Cassie Childers, erklärte, sie sei „angewidert“ und schäme sich für ihr Land. Allein das Zusammenstellen der Visa-Unterlagen habe das halbe Jahresbudget gekostet. Unklar ist, ob hier bereits die neuen Einreiserestriktionen der Regierung Trump zum Zuge kamen.

TAZ, 1. März 2017

 

8. Februar 2017
China fürchtet Erstarken des Buddhismus
In der chinesischen Provinz Zhejiang hat die (regierungsoffizielle) Buddistische Vereinigung Chinas strikte Regulierungen über die Ausübung der Religion erlassen. Diese zeugen von erheblicher Nervosität in der Regierung und der Kommunistischen Partei Chinas angesichts der wachsenden Popularität des Buddhismus, speziell der tibetischen Schulrichtung, in der Han-chinesischen Bevölkerung.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil von Buddhisten an der Gesamtbevölkerung von 5% auf 18% erhöht, besonders stark in den letzten 10 Jahren. Die Zahl von Chinesen, die sich zum Buddhismus bekennen, wird auf 300 Millionen geschätzt, was die 88 Millionen Mitglieder starke Kommunistische Partei offenbar als Bedrohung ansieht. Die Provinz Zhejiang gilt als Hochburg des tibetischen Buddhismus und hat die höchste Zahl von Buddhisten in allen chinesischen Provinzen. Schätzungsweise 150 Chinesen suchen jährlich den Dalai Lama im indischen Exil auf, um eine Audienz zu erhalten.

Dies Entwicklung veranlasste die Provinzregierung dazu, eine 6 Punkte umfassende Direktive zur Bekämpfung «illegaler Religionsausübung» herauszugeben. Alle Bezirksregierungen sind aufgerufen, die offizielle Religionspolitik streng zu implementieren, um «religiöse und soziale Harmonie» zu gewährleisten. Mit der Direktive werden praktisch alle religiösen Aktivitäten einer Genehmigungspflicht unterworfen. Mönche und Nonnen, die Rituale und Initiationszeremonienen durchführen, müssen dafür vorher eine Erlaubnis einholen. Auch dürfen diese Zeremonien nur an genehmigten Orten abgehalten werden. Religiöse Lehrer, die aus anderen Provinzen anreisen, müssen sich vorher bei der Regierung registrieren.

Schon im letzten Jahr hatte die auf offiziellem chinesischen Regierungskurs liegende Zeitung Ming Pao in Hongkong eine scharfe Warnung an prominente Bürger publiziert, weil sie in Indien bei einer buddhistischen Zeremonie «in der Nähe von Personen der Dalai-Lama-Gruppe» gesehen worden seien. Die Schauspieler Hu Jun und Tony Leung Chiu-Wai sowie die Sängerin Faye Wong hätten, so Ming Pao, eigentlich ihre «Lektion lernen müssen» angesichts der Kritik an westlichen Schauspielern wie Richard Gere, die dem Dalai Lama nahe stehen.

Sunday Guardian, 28. Januar 2017

Aus dem Ausland zurückkehrende Tibeter verhört, Pässe eingezogen und vernichtet
Um Tibeter von der Teilnahme an der Kalachakra-Zeremonie abzuhalten, die der Dalai Lama im Januar in Indien abhielt, waren bereits im November letzten Jahres Reisepässe von Tibetern konfisziert worden, angeblich um neue Stempel anzubringen, vermutlich aber eher, um sie vom Besuch der Zeremonie abzuhalten. Auch wurden Tibeter, die sich bereits in Indien oder Nepal aufhielten, unter Drohungen zur sofortigen Rückreise aufgefordert, bevor die Zeremonie begann [vergl. Tibet-Information vom 17. November 2016 und 7. Januar 2017; UM].

Selbst diejenigen Tibeter, die vorzeitig zurückkehrten und nicht an der Zeremonie teilnahmen, sahen sich jetzt einem Verhör ausgesetzt. Sie sollten exakt Auskunft geben über ihre Reiseroute, welche Bekanntschaften sie gemacht und welche Artikel sie im Ausland gekauft hätten. Als «Dankesgeste» bekamen sie Yuan 500 (etwa Fr. 70) ausgehändigt. Ihre Pässe wurden eingezogen mit dem Verprechen, diese später wieder zurück zu geben, dazu eine weitere Geldsumme von Yuan 2000 (Fr. 290), woran jedoch niemand wirklich glaubt.

Schlechter erging es den Tibetern, die später zurückkehrten, gleichgültig ob sie an der Kalachakra-Zeremonie teilgenommen hatten oder nicht. Offenbar besass die Regierung eine Liste aller tibetischen Reisenden, die sich bis 12. Januar noch im Ausland aufhielten. Rückkehrende mussten an den Flughäfen von Beijing und Chengdu mit ansehen, wie ihre Pässen konfisziert und teilweise sofort mit einer Schere zerschnitten wurden. Bei einem Verdacht, sie hätten doch an der Kalachakra-Zeremonie teilgenommen, droht ihnen an ihren Heimatorten «politische Umerziehung».

Viele Tibeter nehmen die hohen bürokratischen Hürden in Kauf, um Pässe für eine Pilgerreise nach Nepal, Indien oder Thailand zu beantragen.

Phayul, 25. Januar 2017
Radio Free Asia, 31. Januar 2017

China verschärft Internet-Kontrolle
Im Januar führte die chinesische Regierung eine Genehmigungspflicht für alle Apps ein, um so Kontrolle über solche Apps zu erhalten, die die Internet-Barrieren umgehen können, welche China vom Ausland abschotten. Kurz zuvor war bereits die App der New York Times verboten worden. Kurz nach der Genehmigungspflicht für Apps verbot die Regierung auch den freien Verkauf von VPN-Software. Anbieter von VPN (Virtual Private Network) dürfen die Software nur noch mit staatlicher Erlaubnis vertreiben. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie begründete die Massnahme damit, dass es «irreguläre Entwicklungen» gegeben habe und nun «Bedarf für Regulierung» bestehe, um das «Sicherheitsmanagement für Internetinformationen» zu stärken.

Mit einer verschlüsselten VPN-Verbindung kann ein freier Zugang zum ausländischen Internet hergestellt werden. Diesen «Tunnel» ins Ausland nutzten Millionen von Chinesen für den Zugang zu freier Information. Zahlreiche ausländische Internetseiten und soziale Medien wie Facebook, Youtube, Twitter und Google sind in China gesperrt.

Der Spiegel, 23. Januar 2017

Professorin verlangt Unterricht für Kinder in tibetischer Sprache
In einem Memo an die Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkers hat die tibetische Professorin Dolkar Ky die sofortige Einführung von Unterricht in tibetischer Sprache für tibetische Kinder gefordert, die in der Provinzhauptstadt von Sichuan, Chengdu, leben. Dolkar Kyi bildet an der Universität von Sichuan Lehrer aus und ist selbst Mitglied der Konsultativkonferenz.

Chengdu hat sich zu einem regionalen Zentrum für Tibeter entwickelt, die aus den angrenzenden autonomen tibetischen Präfekturen in der Provinz Sichuan stammen. Schätzungweise 100'000 Tibeter leben in Chengdu, und mit ihnen etwa 2'000 Kinder in schulpflichtigem Alter. Sie erhalten in Chengdu bisher ausschliesslich Unterricht in chinesischer Sprache und sind ansonsten gezwungen, in ihre Heimatorte zurück zu kehren, wenn sie wenigstens einen Teil des Unterrichts in tibetischer Sprache erhalten wollen. Dolkar Kyi beruft sich bei ihrer Forderung auf das Gleichheitsgebot für Minoritäten in der chinesischen Verfassung.

Radio Free Asia, 19. Januar 2017

 

7. Januar 2017
Mineralwasser-Abfüllung am Heiligen Berg
Chinas Industrie hat ein neues Gebiet zur Ausbeutung von Tibets Resourcen entdeckt: Wasser. Weil die Gewässer besonders nahe Chinas Küsten so stark von Schadstoffen verunreinigt sind, dass dort kein Trinkwasser gewonnen werden kann, wird jetzt massiv in die Abfüllung von Wasser aus Tibet investiert.

Die chinesische Regierung schafft durch Steuererleichterungen und andere Vergünstigungen für Firmen Anreize, um das Ziel der Abfüllung von 5 Millionen Tonnen Wasser pro Jahr in 2020 zu erreichen. Die Menge soll bis 2015 sogar auf 10 Millionen Tonnen steigen, das ist das 65-fache der abgefüllten Menge in 2014. Chinesen sind schon heute die grössten Konsumenten von Mineralwasser, und die Umsätze der Produzenten steigen um 6 Prozent pro Jahr.

Ein Betrieb, Tibet Linzhi Deji Real Co. Ltd., produziert direkt neben dem heiligen Berg Benri im Bezirk Nyingchi im Osten Tibets. Weitere Betriebe liegen am heiligen Berg Kailash im Westen Tibet und nahe dem Mount Everest (tibetisch Qomolangma). Die Firma Qomolangma Glacier Water produziert direkt im Nationalpark und rühmt sich, das Produkt von der am höchsten gelegenen Stelle in China zu vertreiben.

Während die Verkaufsmanager die Reinheit des Wassers preisen, mehren sich auch warnende Stimmen. NGOs halten das Abfüllen von Wasser nur für einen weiteren Aspekt des Wasserraubs, der bereits mit der grossen Zahl von Staudämmen in Tibet betrieben wird. Umweltschützer sind der Meinung, dass sich durch das Abfüllen der natürliche Wasserkreislauf nicht um mehr als 10 Prozent verändern darf und ansonsten Umweltschäden auftreten.

Der Milliardär Zong Qinghou, der sein Vermögen mit Softdrinks verdient hat, entschied sich gegen eine Investition in Tibet. Er führte an, dass von seinen Technikern entnommene Wasserproben selbst aus hoch gelegenen Regionen Tibets stark mit Schwermetallen verunreinigt waren. Andere Stimmen aus China halten das nur für eine Ausrede, um sich nicht mit den hohen technischen Hürden befassen zu müssen. Staatliche Stellen schätzen, dass mit dieser Industrie etwa 10'000 neue Arbeitsstellen geschaffen und 15 Prozent der gesamten Bevölkerung Chinas mit sauberem Mineralwasser versorgt werden könnten.

Globe and Mail, 26. Dezember 2016

Strafandrohungen bei Teilnahme an Kalachakra-Zeremonie
Während der Dalai Lama vor über 100'000 Besuchern aus 80 Ländern zur Zeit in Indien die Kalachakra-Zeremonie abhält, werden Tibetern harte Strafen angedroht, sollten sie sich dem Reiseverbot widersetzen. Bereits im November letzten Jahres waren Reisepässe von Tibetern konfisziert worden, angeblich um neue Stempel anzubringen, vermutlich aber eher, um sie vom Besuch der Zeremonie abzuhalten [vergl. Tibet-Information vom 17. November 2016; UM]. Auch wurden Tibeter, die sich bereits in Indien oder Nepal aufhielten, unter Drohungen zur sofortigen Rückreise aufgefordert.

Tibetern im Bezirk Dechen im Osten Tibets werden Gefängnisstrafen von 5 Tagen (laut anderen Quellen 10 Tagen) bis zu 5 Jahren angedroht, sollten sie an der Zeremonie teilnehmen, Audio- oder Videomaterial von der Zeremonie verbreiten oder auch nur lokal parallele Zeremonien organisieren. Familien in Dechen wurden aufgefordert, ihre noch im Ausland weilenden Angehörigen nach Hause zu rufen. Wenn sich erweise, dass diese doch an der Kalachakra-Zeremonie teilgenommen hätten, würden sie ihre Reisepässe und Lebensmittelkarten verlieren. Mönchen und Nonnen würde es verboten, weiter in Klöstern zu studieren.

Dennoch widersetzen sich Tibeter in zahlreichen Regionen den Sanktionen. Laut Informanten von Radio Free Asia halten Familien oder Dorfgemeinschaften überall zwischen dem 2. und 14. Januar im privaten Rahmen kleine Feiern ab, fasten, verrichten Niederwerfungen oder lassen gefangene Tiere frei.

Radio Free Asia, 5./6. Januar 2017

 

2. Januar 2017
Selbstverbrennungsopfer hinterliess Abschiedsbrief – Angehörige in Haft misshandelt – weitere Verhaftungen
Der 33-jährige Tashi Rabten, der sich am 8. Dezember selbst verbrannte [vergl. Tibet-Information vom 13. Dezember 2016; UM] hinterliess einen ausführlichen Abschiedsbrief. Dieser in chinesischer Sprache verfasste Brief, den Tashi Rabten mit dem Pseudonym „Feuervogel“ unterzeichnete, ist jetzt zugänglich und wurde übersetzt.

In diesem Brief geht er ausführlich ein auf die Zerstörung der tibetischen Kloster, die Plünderung der Reliqien, und die Misshandlung der Mönche und Nonnen. Er vergleicht die Zerstörung Tibets mit den Verbrechen der japanischen Besatzungtruppen in China während des 2. Weltkriegs. Diese wurde von China als „Politik der dreifachen Auslöschung“ bezeichnet, mit dem Motto „alles niederbrennen, niedermetzeln, und plündern“. Sein Brief endet mit den Worten: „Ich hoffe, ihr denkt nicht, dass ich nur einen Scherz mache. Ich meine es wirklich ernst. Ich möchte den Menschen mitteilen, dass wir Tibeter uns nicht vor dem Tod fürchten; um die Probleme jedoch friedlich zu lösen, blieb mir keine andere Wahl, als mich selbst zu verbrennen, um die Menschen zu warnen.“

Unterdessen wurde bekannt, dass die Frau und die Töchter von Tashi Rapten in Haft misshandelt wurden. Sie sollten aussagen, dass die Selbstverbrennung nicht aus politischem Protest erfolgte, sondern durch Konflikte in der Familie motiviert sei. Als sie sich weigerten, diese Aussage zu machen, wurden sie solange misshandelt, bis sie ein Dokument unterzeichneten, das sie nicht verstanden. Erst danach wurden sie aus der Haft entlassen.

Nicht nur das Haus der Familie, sondern auch mehrere Restaurants in Machu, die sich nahe des Ortes der Selbstverbrennung befinden, wurden von der Polizei durchsucht. Insgesamt neun Personen wurden verhaftet. Darunter befanden sich vier weitere Familienmitglieder, aber auch Augenzeugen der Selbstverbrennung und eine Frau, die angesichts des in Flammen stehenden Tibeters Gebete sprach. Noch immer sind nicht alle aus der Haft entlassen. Zwar behindert die Polizei niemanden, der das Haus der Familie zum Kondolieren besucht, registriert aber alle Namen.

Dem Wunsch der Familie, den Leichnam im Kloster Labrang zu kremieren, wurde nicht entsprochen. Statt dessen wurde der Ehefrau ein Sack mit Asche ausgehändigt, die angeblich von Tashi Rapten stammt.

Free Tibet Campaign (London), 13. Dezember 2016 (der volle Wortlaut des Briefes in Englischer Übersetzung: https://www.freetibet.org/news-media/na/%E2%80%9Cwe-are-destined-self-immolate%E2%80%9D)

Radio Free Asia, 19. Dezember 2016

Weitere Meldungen aus Larung Gar: Chinesen und Ausländer weggewiesen – Verbleibende Studenten müssen „politische Prüfung“ absolvieren
Nach den tibetischen Mönchen, Nonnen und Laien wurden zum Jahresende auch Studierende aus China, aus den USA und Europa weggewiesen. Laut Informanten befanden sich allein mehrere hundert Han-Chinesen in Larung Gar, die teilweise schon mehrere Jahre dort wohnten.

Alle Verbleibenden, und auch solche, die neu für ihre Studien nach Larung Gar kommen möchten, müssen zunächst eine „politische Prüfung“ bei der Polizei absolvieren. Erst wenn nach erfolgter Prüfung die Polizei, die lokalen Behörden und das lokale Parteikommittee die Genehmigung erteilen, dürfen die Kandidaten in Larung Gar studieren. Über den Inhalt der Prüfung ist nichts bekannt. Gemäss Details des Dekrets über den Abriss, die erst jetzt bekannt wurden, ist die Obergrenze auf 5‘000 Studierende festgelegt, darunter darf es nicht mehr als 1‘000 Studierende geben, die aus anderen Provinzen stammen. Die maximale Zahl der Mönche und Nonnen ist 3‘500, und die restlichen maximal 1‘500 müssen Laien sein.

Tibet Post International, 12. Dezember 2016
Radio Free Asia, 29. Dezember 2016