Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

20. Dezember 2012
Fünf Tibeter ertrinken bei Fluchtversuch
Anfang Dezember sind fünf Tibeter bei einem Fluchtversuch vor Sicherheitskräften ertrunken. Offenbar planten sie eine Selbstverbrennung am 9. Dezember in Driru in der Präfektur Nagchu im Norden Tibets.

Laut Informanten von RFA hatten insgesamt 7 Tibeter gemeinsam eine Selbstverbrennung in Driru, das schon am 4. Oktober Schauplatz einer Selbstverbrennung war [vergl. Tibet-Information vom 8. November 2012; UM], geplant. Ihr Plan wurde aber von Sicherheitskräften entdeckt, und zwei von ihnen wurden festgenommen. Die anderen fünf sprangen auf der Flucht in einen Fluss und ertranken.

Elf Verhaftungen nach Studentenprotest in Chabcha
Nach neuen Nachrichten aus Tibet kam es laut ICT in Chabcha nicht nur zu einer gewaltsam niedergeschlagenen Protestaktion der Studenten [vergl. Tibet-Informationen vom 26. und 28. November 2012; UM], sondern es ereigneten sich insgesamt drei Proteste mit mehreren Schwerverletzten.

Wie vorher berichtet, hatten sich die Proteste daran entzündet, dass die Studenten einen Fragenkatalog mit 10 Fragen „politisch korrekt“, d.h. im Sinne der Parteilinie, beantworten sollten. Parallel dazu wurde ihnen eine im Mai gedruckte Broschüre mit dem Titel „Zehn Sichtweisen zur gegenwärtigen Situation in der Provinz Tsolho“ überreicht, die die Antworten auf die 10 Fragen gleich vorgab.

In der Broschüre heisst es unter anderem, der Dalai Lama sei keine gewöhnliche religiöse Figur, sondern habe eine „politische Agenda, um das chinesische Mutterland zu spalten“, und er sei „ein politisches Werkzeug der westlichen Opposition gegen China“. Diejenigen, die sich selbst verbrennen, begingen „Akte des Terrorismus“ und seien nur „Marionetten der tibetischen Unabhängigkeitsbewegung“ und „Opfer einer Verschwörung“.

Der erste Protest am 26. November, bei dem zahlreiche Studenten die Broschüre einfach weggeworfen oder verbrannt hätten, wurde gewaltsam niedergeschlagen, wobei ein Student schwerste Kopfverletzungen erlitt. Der brutale Einsatz der Sicherheitskräfte löste eine zweite Protestaktion aus, an der sich insgesamt etwa 1‘000 Studenten der Schule beteiligten. Auch diese wurde gewaltsam beendet und hinterliess vier weitere Schwerverletzte. Am 28. November schliesslich demonstrierten die Studenten vor dem lokalen Regierungsgebäude in Chabcha, und auch diese Demonstration wurde unter Schlägen und Einsatz von Tränengas aufgelöst.

Danach wurden insgesamt 8 Studenten als Rädelsführer verhaftet. Über ihr Schicksal ist nicht weiteres bekannt. Anfang Dezember wurden darüber hinaus noch 3 Mönche des örtlichen Klosters verhaftet, weil sie Nachrichten und Fotos der Protestaktionen verbreitet hätten.

Sicherheitskräfte zogen in ein nahe dem Kloster gelegenes Militärquartier ein, das seit einiger Zeit leer stand, und hielten dort Manöver ab, um die Bevölkerung einzuschüchtern.

Quellen: Radio Free Asia RFA; International Campaign for Tibet ICT

 

28. November 2012
Weitere Selbstverbrennungen
Wie erst jetzt bekannt wurde, haben sich zwischen dem 22. und  26. November insgesamt 5 Selbstverbrennungen ereignet. Damit steigt die Zahl insgesamt auf 82 seit Beginn der Serie. Vor dem etwa 20-jährigen Wangyal, der sich vor einer Skulptur in einem Park in Serthar in Flammen setzte, und dessen Schicksal weiter unbekannt ist [vergl. Tibet-Information vom 26. November 2012; UM], zündeten sich drei jüngere Tibeter und eine Tibeterin an und starben.

In Dowa im Bezirk Rebkong, das Schauplatz mehrerer Selbstverbrennungen in den letzten Wochen war, zündete sich am Nachmittag des 22. November der 19-jährige Lubum Tsering an. Trotz Strafandrohungen der Behörden [vergl. Tibet-Information vom 22. November 2012; UM] brachten Mönche den Leichnam in das örtliche Kloster und führten die Kremation mit den Totenritualen durch. Sicherheitskräfte, die mit insgesamt sieben Transportfahrzeugen in Dowa erschienen, hinderten mit einer Strassensperre die Bevölkerung von Dowa, der Familie einen Beileidsbesuch abzustatten.

Am 23. November setzte sich der 29-jährige Tamdin Dorjee vor einem örtlichen Verwaltungsgebäude in Dokarmo in Brand. Er soll dabei mit den Händen in Gebetshaltung Parolen für ein langes Leben des Dalai Lama gerufen haben. Auch hier versammelten sich mehrere Hundert Mönche und Laien für Gebete.

Ebenfalls in Dokarmo zündete sich am 25. November die Nonne Sangay Dolma, deren Alter unbekannt ist, vor dem Gebäude der Bezirksverwaltung an und starb auf der Stelle.

Am 26. November, am gleichen Tag wie Wangyal, starb ein junger Tibeter, Konchok Tsering, als er sich vor einer Mine im Bezirk Kanlho im Nordosten Tibets, heutige Provinz Gansu, in Brand setzte. Im örtlichen Kloster hätte sich danach eine grosse Zahl von Tibetern für Gebete zusammengefunden.

Inzwischen haben Regierungskader von den örtlichen Dorfvorstehern in Dowa und anderen Bezirken der Region unterschriebene Verpflichtungserklärungen eingeholt, in denen sie sich verpflichten, Selbstverbrennungen in ihrem Bezirk zu verhindern. Wie dieses genau geschehen soll, ist nicht bekannt. Auch müssen sich die einzelnen Haushalte schriftlich verpflichten, keine Selbstverbrennung zu begehen. Wer sich der Unterschrift verweigere, werde laut TCHRD sofort deportiert.

Hintergründe des Studentenprotests in Chabcha
TCHRD hat weitere Details über den am 26. November blutig niedergeschlagenen Studentenprotest in Chabcha berichtet [vergl. Tibet-Information vom 26. November 2012; UM].

Demnach brach der Protest aus, als die Studenten während einer „Umerziehungssitzung“ einen Fragebogen mit 10 Fragen erhielten, den sie ausfüllen sollten. Darunter waren Fragen wie „Was ist die Natur der Selbstverbrennungen?“, „Was sind die Folgen von illegalen Versammlungen und Demonstrationen?“, oder „Unter wessen Führung wurde die Gleichheit der Nationalitäten verwirklicht?“. Während sie die Fragebögen ausfüllten sollten, wurde in Ansprachen von Kadern der Dalai Lama verunglimpft.

Darauf sei Protest ausgebrochen, und die Studenten riefen Parolen wie „Gleichheit der Nationalitäten“, „Freiheit für die Sprache“, „Achtung der Wahrheit“ und „Einsetzung einer neuen Regierung“. Nach etwa 2 Stunden hätten Sicherheitskräfte den Protest gewaltsam beendet. Dabei seien etwa 20 Studenten verletzt worden, vier davon so schwer, dass sie in das Spital eingeliefert wurden. Bei der Niederschlagung sei auch Tränengas zum Einsatz gekommen, nach unbestätigten Berichten sogar Schusswaffen. Weitere Informationen sind nicht zu erhalten, da die Universität weiterhin von paramilitärischen Einheiten und Soldaten abgeriegelt ist.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)

 

26. November 2012
Eine weitere Selbstverbrennung
In Serthar, im Nordosten Tibets, hat sich am 26. November der etwa 20-jährige Wangyal vor einer Skulptur in einem Park in Flammen gesetzt. Sicherheitskräfte seien sofort zur Stelle gewesen und hätten ihn abtransportiert. Mehr Informationen sind zurzeit nicht zu erhalten, und es ist auch unklar, ob Wangyal überlebt hat oder nicht.

Studentenprotest blutig niedergeschlagen
Ebenfalls im Nordosten Tibets, in Chabcha, Distrikt Tsolho, wurde am 26. November eine Protestaktion von Medizinstudenten der lokalen Hochschule gewaltsam niedergeschlagen. Eine grosse Zahl von Studenten hatte sich um 6 Uhr früh versammelt und forderte Gleichbehandlung mit chinesischen Bewohnern, Freiheit und eine Änderung der politischen Führung.

Sicherheitskräfte griffen sofort ein und verletzten eine ungenannte Zahl von Demonstranten. Fotos von der Aktion sind auf http://tibet.net/2012/11/26/many-students-seriously-injured-in-massive-protest-in-tibet/ publiziert.

Weitere Details sind nicht in Erfahrung zu bringen, da die Studenten von Sicherheitskräften in der Hochschule eingeschlossen sind.

Quellen: Central Tibetan Administration

 

22. November 2012
Zwei weitere Selbstverbrennungen
Im Norden Tibets, heutige chinesische Provinz Qinghai, verbrannte sich am Abend des 19. November der 25-jährige Wangchen Norbu. Er setzte sich vor einem Kloster in Brand, rief Parolen für die Rückkehr des Dalai Lama und die Freilassung des Panchen Lama, und starb kurz darauf. Nach Angaben von Zeugen habe er noch am 8. November an einer Gebetszeremonie im gleichen Kloster für die bisherigen Opfer der Selbstverbrennungen teilgenommen. Noch in der Nacht wurde sein Leichnam unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung kremiert. Sicherheitskräfte seien jetzt in grosser Zahl in der Region präsent.

Am 21. November setzte sich der 35-jährige Tsering Dhundup, Vater von drei Kindern, aus Protest gegen eine Goldmine in Brand und starb kurz darauf. Laut Informanten von TCHRD hatten sich die Anwohner schon lange über die Aktivitäten der Goldmine beschwert, weil sie das Grundwasser verseuche und den Bauern das Weideland wegnehme. Zahlreiche Petitionen und friedliche Proteste hätten jedoch keinerlei Erfolg gehabt. Tsering Dhundup hinterlässt eine vierköpfige Familie mit seiner Frau und seinen drei Kindern, die 16, 15 und 8 Jahre alt sind.

Behörden drohen mit Kollektivstrafen nach Selbstverbrennungen
Die Regierungsbehörden in Malho im Norden Tibets, heutige Provinz Qinghai, das in den letzten zwei Wochen Schauplatz mehrerer Selbstverbrennungen war, drohen mit schweren Strafen für alle, die in irgendeiner Weise Sympathie oder Mitleid für die Familien von Selbstverbrennungsopfern zeigen.

In einer Weisung vom 14. November, die TCHRD vorliegt, werden alle Partei- und Regierungskader detailliert über die Bestrafungen instruiert, die sie für die Familien von Selbstverbrennungsopfern und solche, die ihnen ihr Mitleid beweisen, zu verhängen haben. Die Weisung wurde nicht nur an Kader versandt, sondern auch durch den lokalen Fernsehsender verbreitet.

Demnach verlieren alle Familienmitglieder einer Person, die sich selbst verbrannte, unwiderruflich für 3 Jahre jegliche finanzielle Unterstützung durch die Regierung. In den Dörfern, in denen sich Selbstverbrennungen ereigneten, werden alle vom Staat geförderten Entwicklungsprojekte gestrichen, und zwar auch solche, die schon früher genehmigt wurden.

Eine Parteikommission wird detaillierte Untersuchungen starten, ob und welche Kader es versäumten, für „Stabilität“ und „Harmonie“ in ihrer Region zu sorgen. Alle fehlbaren Kader, speziell solche, die selbst den Familien der Opfer Besuche abstatteten, verlieren ihre Posten. Wenn Angehörige der sogenannten „Demokratischen Verwaltungskomittees“– der staatlichen „Aufsichtsorgane“ der Klöster – an Gebetszeremonien beteiligt waren oder die Familien besucht haben, werden sie bestraft. Die betreffenenden Klöster werden komplett geschlossen. Wenn Dörfer kollektiv Gebetszeremonien organisiert haben, werden in ihnen ebenfalls alle staatlichen Fördermittel gestrichen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA

 

18. November 2012
Erste Selbstverbrennung in Europa
Nach einer Meldung des Österreichischen Fernsehens hat sich ein 38-jähriger britischer Staatsangehöriger, der seit 5 Jahren als Mönch in einem tibetischen Kloster im südfranzösichen Labastide-Saint-Georges lebte, am 16. November im Garten mit Benzin übergossen und angezündet. Er starb kurz darauf. Laut ORF ist es aber noch unklar, ob sich der Mönch damit den Protesten in Tibet anschloss oder aber persönliche Gründe eine Rolle spielten.

Zwei Selbstverbrennungen in Rebkong
Die Welle Selbstverbrennungen in Rebkong nimmt kein Ende [vergl. Tibet-Information vom 8. und 15. November 2012; UM]. Allein in Rebkong verbrannten sich damit 8 Tibeterinnen und Tibeter innerhalb von 10 Tagen.

Am 17. November zündete sich zuerst die 23–jährige Chakmo Kyi, Mutter von zwei Kindern, an und starb. Ihr Leichnam wurde in das Kloster Rongwo gebracht und noch am gleichen Abend unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung – angeblich mehreren tausend Tibetern – an einem sonst Mönchen vorbehaltenen Ort kremiert. Zuvor war es zu Auseinandersetzungen zwischen Tibetern und Sicherheitskräften gekommen, als diese versuchten, den Leichnam abzutransportieren. Die Kremation wurde auch von chinesischen Regierungskadern beobachtet, die aber nicht eingriffen.

Nur 3 Stunden nach Chakmo Kyi zündete sich der 24-jährige Sangda Tsering vor einem Regierungsgebäude an. Obwohl Sicherheitskräfte mit einem Feuerlöscher herbeieilten, starb er auf der Stelle. Sangda Tsering hatte sich in den Tagen vor seiner Tat gegenüber seiner Frau und Freunden über den Mangel an Freiheit in Tibet beklagt und gesagt, es gebe keinen Grund für ihn, am Leben zu bleiben. Auch hatte er vor einer Woche ein Gedicht über die Situation in Tibet verfasst und via Mail versandt.

In Rebkong sind nun an allen grösseren Strassenkreuzungen Lastwagen mit Sicherheitskräften stationiert. Dazu stehen am Strassenrand in regelmässigen Abständen Fahrzeuge mit Regierungskadern, die die Bevölkerung beobachten.

Quellen: ORF Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA

 

15. November 2012
Weitere drei Selbstverbrennungen
Seit dem 10. November haben sich wiederum drei Tibeter selbst verbrannt. Damit steigt die Zahl der Selbstverbrennungen auf 72, oder möglicherweise 74, wenn der Vorfall vom April d.J., der seitens der Behörden als „Unglück“ dargestellt ist, hinzu gezählt wird [vergl. Tibet-Information vom 23. Oktober 2012; UM].

Am 10. November setzte sich der 19-jährige Gonpo Tsering vor einem Kloster in der Gemeinde Amchok in der Autonomen Region Kanlho in Brand und starb wenige Stunden später. Er rief dabei Parolen für die Freiheit Tibets, die Rückkehr des Dalai Lama und „Freiheit der Sprachen“. Letzterer Slogan war in der Protestbewegung gegen die geplante Einführung der chinesischen anstatt der tibetischen Sprache als Standardsprache im Schulunterricht populär geworden [vergl. Tibet-Information vom 21. Oktober 2010; UM]. Gonpo Tsering galt als bester Schüler seiner Klasse an der Oberschule des Bezirks und hatte mehrere Auszeichnungen für seine Leistungen erhalten.

Am 12. November zündeten sich im Abstand von wenigen Stunden in der Stadt Dowa im Bezirk Rebkong der 23-jährige Nyingkar Tashi und der 20-jährige Nyingchag Bum an und starben kurz darauf. Radio Free Asia gibt das Alter von Nyingchag Bum mit 16 Jahren an. Die Selbstverbrennungen geschahen während einer Gebetszeremonie für Tamdin Tso, die sich am 7. November selbst verbrannt hatte [vergl. Tibet-Information vom 8. November 2012; UM].

Massive Schülerproteste in Rebkong
Nach den drei Selbstverbrennungen vom 7. und 8. November in Rebkong [vergl. Tibet-Information vom 8. November 2012; UM] kam es dort zu massiven Protesten von Schülern. Zwar wurden Sicherheitskräfte in grosser Zahl am Ort der Proteste zusammengezogen, griffen jedoch nicht ein.

Am 8. November demonstrierten etwa 700 Schüler auf den Strassen von Dowa und rissen chinesische Flaggen von ihrer Schule und einem Regierungsgebäude herab. Insgesamt sieben Transportfahrzeuge mit Sicherheitskräften, die kurz nach Beginn am Ort des Protests eintrafen, wurden von Anwohnern umstellt und am Weiterfahren gehindert.

Einen Tag später wuchs die Menge der Demonstranten nach Informationen von TCHRD auf etwa 5‘000 an. Hierzu fanden sich auch Schüler aus Nachbarbezirken ein. Die Demonstranten versammelten sich auf einem Platz vor dem lokalen Kloster Rongwo, rezitierten Gebete und riefen Parolen für ein freies Tibet, die Rückkehr des Dalai Lama und „Gleichheit der Nationalitäten“. Obwohl sich auch die Bewohner von Dowa dem Protest anschlossen und die Menge stetig wuchs, haben die überall in der Stadt stationierten Sicherheitskräfte nicht eingegriffen.

Auch die Parole nach Gleichheit der Nationalitäten war während der Schülerproteste vor zwei Jahren gegen die Einführung des Chinesischen als Unterrichtssprache häufig gebraucht worden. Schon damals hatten bis zu 7‘000 Schüler an einem Tag in Rebkong protestiert.

 Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; International Campaign for Tibet ICT; Free Tibet UK

 

8. November 2012
Weitere Selbstverbrennungen – möglicherweise sechs in den letzten 2 Tagen, darunter 3 Teenager
Nach noch unbestätigten Meldungen von TCHRD und ICT haben sich am 7. und 8. November möglicherweise 6 Tibeter selbst verbrannt, darunter drei Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren.

Die drei Jungen Mönche, der 15-jährige Dorjee und die beiden 16-jährigen Mönche Samdup und Dorjee Kybone zündeten sich am 7. November in Ngaba an, das Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen war. Der 15-jährige Dorjee starb, über das Schicksal der beiden anderen ist nichts bekannt. Diese Selbstverbrennungen wurden durch TCHRD and ICT bestätigt.

Am gleichen Tag setzte sich der 23-jährige Nomade Tamdin Tso in Rebkong in Brand und starb ebenfalls.

Auch soll sich am 7. November ein Tibeter in Driru verbrannt haben, jedoch fehlen hier bisher jegliche Details.

Am 8. November zündete sich ebenfalls in Rebkong ein junger Tibeter namens Kalsang Jinpa an. Sein genaues Alter und sein Zustand sind nicht bekannt

Verhaftungen und Bestechungsversuch im Kloster Dokar
Nach der Selbstverbrennung von Sangay Gyatso auf dem Gelände des Klosters Dokar am 6. Oktober [vergl. Tibet-Information vom 17. Oktober 2012; UM] wurde das Kloster von einem grossen Aufgebot von Sicherheitskräften besetzt, die jeden Mönch einzeln vernahmen. Vier Mönche wurden festgenommen, offenbar weil sie sich um den verbrannten Leichnam gekümmert und Fotos gemacht hatten.

Auch suchten Behördenvertreter die Witwe von Sangay Gyatso auf und wollten sie dazu bringen, ein Dokument zu unterschreiben, dass die Selbstverbrennung durch einen Familienstreit ausgelöst worden sei. Als Belohnung boten sie ihr die für tibetische Verhältnisse extrem hohe Summe von umgerechnet etwa Fr. 140‘000 an, was die Witwe aber ablehnte.

Die Witwe gab an, dass sich Sangay Gyatso am Morgen der Selbstverbrennung in eine traditionelle tibetische Chuba kleidete und mit einem leeren Benzinkanister das Haus verliess. Er sagte seiner Frau, er wolle den Kanister füllen und damit einem Freund helfen, dem das Benzin ausgegangen sei.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; International Campaign for Tibet ICT

 

5. November 2012
Kein Ende der Serie von Selbstverbrennungen
Die Welle der Selbstverbrennungen erreichte in den Tagen zwischen dem 22. und 26. Oktober einen tragischen Höhepunkt. Nach den zwei Selbstverbrennungen am 22. Oktober [vergl. Tibet-Information vom 23. Oktober 2012; UM] in der Region um das Kloster Labrang im Nordosten Tibets, heutige chinesische Provinz Gansu, wählten noch sechs weitere Tibeter den Weg der Selbstverbrennung. Damit haben sich innerhalb von nur fünf Tagen insgesamt acht Tibeter in Flammen gesetzt. Ausserdem setzte sich am 4. November noch ein weiterer Tibeter in Brand.

Am 23. Oktober zündete sich in Labrang der 58-jährige Dorjee Rinchen, Vater zweier Kinder, vor dem Büro für Öffentliche Sicherheit an und starb kurz darauf. Zwischen den herbeigeeilten Sicherheitskräften und Tibetern ereignete sich eine Auseinandersetzung um den Abtransport seines Leichnams. Schliesslich gelang es den Anwohnern, die sterblichen Überreste in die Wohnung seiner Familie zu bringen. Sicherheitskräfte verhinderten jedoch, dass Mönche aus dem Kloster Labrang zur Wohnung gelangen konnten, so dass diese die Gebete für den Toten unterwegs am Strassenrand verrichten mussten.

Am 25. Oktober setzten sich zwei Tibeter, der 20-jährige Tsepo und der 25-jährige Tenzin, gemeinsam in der Nähe eines Regierungsgebäudes in Nagchu nördlich von Lhasa in Brand. Beide waren Mönche im Kloster Bankar in der Region Nagchu. Während Tsepo kurz darauf im Spital starb, ist über das Schicksal von Tenzin nichts bekannt. Nach unbestätigten Berichten waren beide Cousins.

Am 26. Oktober zündete sich der 21-jährige Tsepak Kyap (Schreibweise nach anderen Quellen Tsewang Kyab; UM) in den Strassen der Ortschaft Sangkhog in der Region Labrang an und starb am gleichen Tag. Er soll, in Flammen stehend, Parolen für die Freiheit Tibets, die Rückkehr des Dalai Lama, Freiheit für alle politischen Gefangenen und die Freilassung des Panchen Lama gerufen haben, bevor er zusammenbrach. Tsepak Kyap war seit weniger als einem Jahr mit der 18-jährigen Dorjee Dolma verheiratet. Er habe am Tag seiner Selbstverbrennung die Wohnung mit dem Motorrad verlassen und sei nach Sangkhog gefahren, wo er sich gleich nach der Ankunft auf der Hauptstrasse in Brand setzte.

Ebenfalls am 26. Okober setzte sich in der Region Sangchu, Autonome Region Kanlho im Nordosten Tibets, der 24-jährige Lhamo Tseten vor einem Verwaltungsgebäude und dem Quartier der Bewaffneten Volkspolizei in Brand. Er habe davor mit Freunden in einem Restaurant gegessen, sei dann langsam auf die Strasse getreten und habe sich angezündet, ohne dass er vorher von seinem Plan erzählt hätte. Parolen rufend sei er zusammengebrochen und habe dabei seine Hände zum Gebet zusammengelegt. Tibeter verhinderten, dass sein Leichnam von Sicherheitskräften abtransportiert wurde. Danach sei ein grosses Aufgebot von paramilitärischen Kräften in der Ortschaft eingetroffen, und alle Internetverbindungen wurden getrennt.

Am 4. November setzte sich Dorjee Lhundrup in Rebkong im Norden Tibets, heutige chinesische Provinz Qinghai, in Brand. Sein Alter wird mit „Mitte 20“ angegeben. Er zündete sich mitten auf einer Strasse an und starb kurz darauf. Tibetern gelang es, seinen Leichnam in ein nahe gelegenes Kloster zu bringen, wo die Mönche Gebete für ihn verrichteten und seine Urne später an einer Stelle, die normalerweise nur für hohe Würdenträger des Klosters vorgesehen ist, bestatteten. In Rebkong hatte sich am 14. März bereits ein 34-jähriger Mönch verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 19. März 2012; UM].

China setzt hohe Belohnungen für Hinweise auf Selbstverbrennungen aus
Laut einem Aushang in der Provinz Gansu versprechen die Behörden hohe Belohnungen für Hinweise auf Personen, die eine Selbstverbrennung planen, oder solche, die dazu „anstiften“. Die Belohnung wurde mit der - gemessen am tibetischen Jahreseinkommen - horrenden Summe von umgerechnet etwa Fr. 7‘500 ausgesetzt. Für alle Hinweise über die Hintergründe der kürzlichen Selbstverbrennungen (s.o.) wurden umgerechnet etwa Fr. 2‘800 versprochen.

Im Aushang wurden wieder einmal „separatistische Kräfte“ im Ausland sowie der Dalai Lama beschuldigt, die Selbstverbrennungen angezettelt zu haben, um „das Land zu spalten und die soziale Harmonie zu zerstören“.

Restriktionen verschärft: Mobilfunknetz gesperrt, Benzin rationiert
Angesichts der Selbstverbrennungen in der Region um Labrang haben die Behörden dort zahlreiche Restriktionen implementiert. Der Verkauf von SIM-Karten für Mobiltelefone ist bis auf weiteres verboten, das Mobilfunknetz ist lahmgelegt, und Internetcafes sind geschlossen. Der Verkauf von Benzin oder anderen brennbaren Flüssigkeiten ist stark eingeschränkt. Weil Benzin nur noch in kleinen rationierten Mengen verkauft wird, ist die Mobilität stark eingeschränkt.

In der Region um Lhasa benötigen die Tibeter zwei Dokumente, ausgestellt von der lokalen Polizei und von der Regierung, um überhaupt Benzin kaufen zu können. Nicht selten würden bei den zahlreichen Polizeikontrollen in Lhasa Plastikflaschen aus Angst konfisziert, diese würden brennbare Flüssigkeiten enthalten und zu Selbstverbrennungen verwendet.

Einreiseverbot nach Tibet für Ausländer
Seit Ende Oktober ist Tibet für Ausländer komplett gesperrt. Den Reiseveranstaltern wurde ohne Begründung mitgeteilt, dass derzeit keine Einreisen möglich seien.

Im September waren bereits die Einreisebedingungen für Ausländer verschärft worden [vergl. Tibet-Information vom 13. September 2012; UM]. Ausländer durften nur noch nach vorheriger Genehmigung und in Gruppen von mindestens 6 Personen einreisen. Auch diese restriktive Regelung wurde jetzt, nach nur kurzer Gültigkeit, ausser Kraft gesetzt.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia; Die Welt

 

23. Oktober 2012
Am 22. Oktober haben sich wiederum zwei Selbstverbrennungen ereignet. Damit haben sich insgesamt 57 Tibeterinnen und Tibeter selbst angezündet. Zählt man noch den ungeklärten Vorfall vom 6. April (siehe unten) hinzu, steigt die Zahl der Selbstverbrennungen auf insgesamt 59.

 Zwei weitere Selbstverbrennungen
Der 65-jährige Dhondup, ein in einem Dorf nahe dem Kloster Labrang lebender Nomade und Bauer, zündete sich am 22. Oktober auf dem Gelände des Klosters an und starb kurz darauf. Labrang, im Nordosten Tibets in der heutigen Provinz Gansu gelegen, ist eines der grössten tibetischen Klöster.

Dhonpu wählte einen Ort auf der Umwandlungsroute nahe dem Klostereingang für seine Tat (siehe Foto). Soldaten seien kurz darauf erschienen und hätten seinen Körper in einen Sack gesteckt und fortgetragen. Auch hätten Sicherheitskräfte eine Gebetszeremonie am Ort der Selbstverbrennung zu verhindern versucht, die von zahlreichen Mönche und Laien besucht wurde. Das Kloster ist seitdem abgeriegelt, und alle Telefonverbindungen sind unterbrochen.

Am gleichen Tag setzte sich in der Nähe von Labrang ein weiterer, noch unbekannter Tibeter beim in Brand. Ausser, dass sein Körper von Polizeikräften weggetragen wurde, ist nichts weiter bekannt. Angesichts der angespannten Lage ist es sehr schwer, weitere Details von Informanten zu erhalten.

 War ein Hausbrand im April in Wirklichkeit eine Selbstverbrennung?
Am 6. April waren laut regierungsoffiziellen Meldungen ein hochrangiger Mönch und seine Nichte beim Brand ihrer Unterkunft im Bezirk Dartsedo im Osten Tibets, heutige Provinz Sichuan, ums Leben gekommen. Der Brand sei durch unachtsames Hantieren mit Butterlampen anlässlich einer Zeremonie entstanden.

Laut einem ausführlichen Bericht von RFA handelte es sich aber um eine Selbstverbrennung. Sicherheitskräfte hätten den wahren Grund unter massiven Drohungen gegenüber Zeugen zu unterdrücken versucht. Als Beleg für die Selbstverbrennung führt RFA unter anderem Fotos an, die zeigen, dass nur ein kleiner Teil des Hauses verkohlte Holzbalken aufweist. Eine Flucht bei einem unabsichtlich entstandenen Feuer sei sehr einfach gewesen.

Der 45-jährige Tulku Athub und seine 23-jährige Nichte Atse hatten wenige Tage vor dem Brand alle Gläubigen um besonders grosszügige Spenden von Butter gebeten, da sie eine spezielle Zeremonie zu Ehren der bisherigen Opfer der Selbstverbrennungen abhalten wollten. Sie hätten sich dann am 6. April selbst angezündet.

Chinesische Arbeitsbrigaden und die Militärpolizei, die nach dem Brand in die Gegend entsandt wurden, hätten sowohl die Angehörigen als auch den Vorstand des benachbarten Klosters massiv unter Druck gesetzt, die Version eines Unfalls zu verbreiten. Falls dem nicht Folge geleistet würde, sollte das Kloster mitsamt eines angegliederten buddhistischen Instituts und einer Primarschule geschlossen werden. Die Angehörigen erhielten eine Geldsumme und einige Lebensmittel für ihre Verpflichtung zu schweigen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD); Radio Free Asia RFA

 

17. Oktober 2012
Drei weitere Selbstverbrennungen
Zwischen dem 29. September und 13. Oktober verbrannten sich drei Tibeter selbst und starben.

Der 27-jährige Yungdrung zündete sich am 29. September in der Stadt Dzatoe im Norden Tibets an. Nach Berichten von Augenzeugen trug er dabei traditionelle tibetische Kleider und rief Parolen für die Freiheit Tibets, die Rückkehr des Dalai Lama, das Ende der Ausbeutung von Bodenschätzen und religiöse Freiheit.

Wenige Tage vorher hatten die Behörden in der Region wohnende Tibeter dazu gezwungen, bei Filmaufnahmen mitzumachen, die das Bild von glücklichen Tibetern zeichnen sollten. Möglicherweise haben die Unmutsbekundungen der Tibeter gegen die gestellten Aufnahmen zu Yungdrung’s Tat beigetragen. In der gleichen Stadt hatten sich am 20. Juni bereits zwei junge Tibeter verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 21. Juni 2012; UM].

Am 6. Oktober setzte sich der 27-jährige Sangay Gyatso beim Kloster Dokar nahe der Stadt Tsoe im Nordwesten Tibets in Brand. Auch er rief Parolen für die Religionsfreiheit und Beibehaltung der tibetischen Sprache. Zahlreiche Tibeter kamen für die Totengebete in das Haus der Familie, nachdem die Leiche vom Kloster dorthin gebracht worden war. Sicherheitskräfte riegelten das Kloster Dokar ab, unterbrachen alle Kommunikationswege und unterzogen die Mönche intensiven Verhören, obwohl eine Mitwirkung der Mönche an der Selbstverbrennung nicht erkennbar war. Allerdings hatten die Mönche im Jahr 2008 an den Protesten gegen die chinesische Herrschaft teilgenommen. Sangay Gyatso war Vater von zwei Kindern und betrieb in Tsoe ein Geschäft.

Nur eine Woche später verbrannte sich ebenfalls in Tsoe auf dem Gelände des örtlichen Klosters der 54-jährige Tamdin Dorjee. Wiederum marschierten Sicherheitskräfte auf und unterbrachen alle Kommunikationswege zum Kloster. Tamdin Dorjee ist Grossvater des 7. Gungthang Jampal Yang, der eine bedeutende religiöse Persönlichkeit im Kloster Labrang, einem der grössten Klöster Tibets, ist. Am gleichen Ort wie Tamdin Dorjee hatte sich am 7. August eine Mutter zweier Kinder selbst verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 9. August 2012; UM].

Töteten Sicherheitskräfte einen Tibeter der seine Selbstverbrennung geplant hatte?
Phayul berichtet über den mysteriösen Tod eines 57-jährigen Tibeters namens Dorjee Rabten, der in einem Gästehaus in Xining, der Hauptstadt der Provinz Qinghai, tot aufgefunden wurde.

Eine Woche zuvor war Dorjee Rabten in einem anderen Gästehaus im nordosttibetischen Chentsa festgenommen worden. Offenbar hatten Sicherheitskräfte vorher beobachtet, wie er eine grosse Menge Kerosin kaufte. Dorjee Rabten wurde im Haus seines jüngeren Bruders unter Hausarrest gestellt, das dann mehrere Male täglich von Offiziellen aufgesucht und kontrolliert wurde. Wegen der starken psychischen Belastung durch die ständigen Kontrollen sei er nach Xining gereist, um sich medizinisch betreuten zu lassen.

Kurz nach Ankunft in Xining kam er unter nicht bekannten Umständen ums Leben. Informanten von Phayul beschuldigen die Sicherheitskräfte, sie hätten ihn ermordet. Sein ältester Sohn erhielt einen Anruf, er solle allein nach Xining kommen und die Leiche abholen, aber es wurde ihm lediglich die Urne mit seiner Asche überreicht.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul

 

13. September 2012
Zwei weitere Selbstverbrennungen
Am 27. August zündeten sich zwei Tibeter in der Nähe des Osttores des Klosters Kirti, dem Zentrum der Serie von Selbstverbrennungen, an und starben noch am gleichen Tag. Damit erhöht sich die Zahl der Selbstverbrennungen seit Beginn der Serie auf 51.

Lobsang Kalsang, 18 Jahre und Mönch im Kloster Kirti, und sein Cousin Lobsang Damchoe, 17 Jahre und ehemaliger Mönch von Kirti, liefen Slogans rufend noch etwa 20 Meter weit, bevor sie zusammenbrachen. Beide wurden in ein Spital gebracht, wo sie starben. Es ist nicht bekannt, ob die Leichname den Familien übergeben wurden.

Lobsang Damchoe war der jüngere Bruder der Nonne Tenzin Choedron, die sich im Februar selbst verbrannt hatte [vergl. Tibet-Information vom 13. Februar 2012; UM].

Ganzkörper-Scanner in Lhasa, Restriktionen für Touristen
Nach Berichten von mehreren Informanten von RFA haben die Behörden in Lhasa die Zahl der Kontrollpunkte in der Stadt erhöht und setzen dort Ganzkörperscanner ein, wie sie sonst auf Flughäfen verwendet werden. Besonders gross ist die Zahl von Posten mit Scannern um den zentralen Barkhor-Platz, an der Pilgerroute um den Jokhang-Tempel und am Potala-Palast. An allen Posten sind jeweils zehn oder mehr Polizisten stationiert, die mit Gewehren, Schlagstöcken und Feuerlöschern ausgerüstet sind. Die ständigen Kontrollen treffen nicht nur Tibeter, sondern auch Chinesen.

Auch wurde der Zugang nach Lhasa aus den umgebenden Dörfern erheblich erschwert. Tibeter, die von ausserhalb kommen, dürfen zwei Brücken nicht mehr benutzen und werden an den wenigen offenen Zugängen ebenfalls kontrolliert. Diejenigen, die von ausserhalb der „Autonomen Region Tibet“ kommen, werden an ihre Heimatorte ausgeschafft, sofern sie nicht eine Aufenthaltsbewilligung für Lhasa vorweisen können.

Der gesamte Telefonverkehr zwischen Lhasa und dem Ausland wird nach Angaben von Informanten inzwischen überwacht. Alle Anrufe aus dem Ausland würden in der Polizeizentrale registriert.

Die Zahl der Bewilligungen für ausländische Touristen wurde reduziert. Reisende müssen vorab eine Genehmigung bei der chinesischen Botschaft ihres Heimatlandes oder beim Tibetischen Reisebüro in Beijing beantragen und vom Reisebüro gestellte Guides und Fahrer nehmen. Die Minimalzahl für Gruppen beträgt jetzt 6 Personen gleicher Nationalität. Bisher hatten sich oft Einzelreisende ad-hoc zu einer „Gruppe“ zusammengeschlossen und erhielten so die gewünschte Bewilligung, was nun erheblich schwerer wird.

Massenverhaftungen im Bezirk Driru
Laut RFA sind im nördlich von Lhasa gelegenen Bezirk Driru seit März über 1‘000 Tibeter festgenommen worden, die sich in vielfältiger Weise für die tibetische Kultur und Identität eingesetzt haben. Die blutige Niederschlagung der Proteste im Frühjahr 2008 hatte überall in Tibet eine gewaltlose Bewegung ins Leben gerufen, die sich auf die tibetische Identität zurück besinnt. Unter dem Begriff Lhakar (wörtlich „Weisser Mittwoch“) initiierte die nur lose organisierte Bewegung in Tibet, später aber auch im Exil, Gesprächskreise und Aktionen, mit denen in vielfältger Weise an die tibetische Identität erinnert wird. Jeden Mittwoch soll nur tibetisch gesprochen, tibetische Kleidung getragen, tibetisches Essen konsumiert und bei Tibetern eingekauft werden.

Eine weitere Bewegung mit dem Namen „Gesellschaft der weissen Diät“ verzichtet an buddhistischen Feiertagen und jeden Mittwoch auf den Verzehr von Fleisch und ruft stattdessen zum Konsum von Milchprodukten auf.

In Driru, wo sich im März d.J. mehrere grosse Demonstrationen ereignet hatten, wurden darauf über 1'000 Personen, vor allem jüngere Tibeter aus wohlhabenden Familien, verhaftet. Manche wurden nach wenige Stunden oder Tagen wieder entlassen, andere sind noch immer in Haft.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Der Spiegel

 

21. August 2012
Tibeter bei Protestaktion erschossen
Am 15. August erschossen Sicherheitskräfte einen Tibeter und verhafteten sechs weitere, als etwa 1‘000 Demonstranten gegen die Wiederaufnahme der Arbeiten in einem Bergwerk protestierten. Die Tibeter hatten sich in der Ortschaft Choeten in der Autonomen Region Markham versammelt, weil die im Frühjahr suspendierten Arbeiten wieder aufgenommen worden waren.

Die Sicherheitskräfte hatten Tränengas und auch scharfe Munition gegen die Protestierenden eingesetzt. Ein Augenzeuge gab an, dass der später getötete Tibeter namens Tashi von Einsatzkräften umringt war, ohne dass ihm jemand beistehen konnte, bevor der tödliche Schuss fiel.

Der Protest richtete sich gegen eine chinesische Bergwerksfirma, die im Frühjahr nach Protesten von Tibetern ihre Operationen suspendiert hatte. Der Zusicherung Firmenleitung, dass auf die Umwelt Rücksicht genommen würde, schenkten die Anwohner keinen Glauben. In der Meldung von RFA wird nicht erwähnt, was in dem Bergwerk gefördert werden soll. Auch gibt es keine exakten Angaben über die Rechtsform der Bergwerksfirma. Während Mitarbeiter der Firma angaben, es handele sich um eine staatliche Gesellschaft, sprechen die Anwohner davon, dass es sich um eine private Firma handelt, die unter Aufsicht der lokalen Behörden operiert.

Protestaktion gegen Polizeieinsatz
Nur einen Tag später ereignete sich nach Informationen von Free Tibet Campaign ein weiterer grosser Protest in der Stadt Rongwo im Bezirk Rebkong.

Zeugen hatten Polizeikräfte dabei beobachtet, wie sie ein Auto in der Nähe von Rongwo mit vier tibetischen Insassen stoppten. Zwei der Tibeter seien aus dem Auto gezerrt, geschlagen und mit Schusswaffen bedroht worden. Es ist nicht bekannt, was ihnen vorgeworfen wurde und was später mit ihnen geschah.

Als der Vorfall in Rongwo bekannt wurde, zogen zunächst etwa 400 Tibeter zum Gebäude der Öffentlichen Sicherheit, um gegen die Brutalität des Einsatzes zu protestieren. Der Protestzug schwoll später auf etwa 1‘000 Tibeter an, die durch den Ort zogen und vor mehreren Regierungsgebäuden Halt machten. Offenbar unternahmen die Sicherheitkräfte keinen Versuch, die Demonstration aufzulösen.

Reiterfestival in Machu unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen
Das alljährlich im August stattfindende Festival im nordtibetischen Machu, das in der Vergangenheit auch ausländische Touristen anzog, findet dieses Mal unter scharfen Auflagen und Sicherheitsvorkehrungen statt, um Proteste zu verhindern. Mehrere hundert Kräfte der Bewaffneten Volkspolizei wurden am Ort zusammengezogen. Dazu veröffentlichten die Behörden ein Dekret mit 11 Punkten, die unter Strafandrohung von den Festivalbesuchern beachtet werden müssen. Verboten sind unter anderem „Demonstrationen, Proteste, Appelle, Selbstbeschädigungen, Selbstmord, und Selbstanzündungen“. Niemand darf ohne vorherige Genehmigung Dokumente mitbringen, die sich mit „politischen, religiösen, kulturellen oder wirtschaftlichen Angelegenheiten“ befassen. Auch sind Gegenstände wie „Feuerwerkskörper, brennbare Flüssigkeiten, Pfeil und Bogen, Schwerter, andere Gegenstände aus Metall und toxische Substanzen“ verboten.

Am 1. August 2007 hatte der damals 53-jährige Runggye Adak, Vater von 11 Kindern und ein in der Region für sein soziales Engagement hoch angesehener Nomade, sich während des eines Reiterfestivals in Lithang des Mikrofons bemächtigt und unter dem Beifall der Anwesenden die Rückkehr des Dalai Lama, Religionsfreiheit und die Entlassung politischer Gefangener gefordert [vergl. Tibet-Information vom 7. August und 22. September 2007; UM] . Runggye Adak ist noch heute in Haft.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Free Tibet Campaign; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

15. August 2012
Drei weitere Selbstverbrennungen – Demonstrant zu Tode geprügelt
Am 12. August setzte sich der 24-jährige Choepa in Brand und starb noch am gleichen Tag. Einen Tag später zündeten sich der 21-jährige Tashi und der 20-jährige Lungtok an. Tashi starb, über den Zustand von Lungtok ist nicht bekannt. Als sich Tibeter nach den Selbstverbrennungen vom 13. August zum Protest versammelten, wurde nach unbestätigten Angaben ein Demonstrant von Sicherheitskräften zu Tode geprügelt.

Choepa setzte sich am 12. August in der Nomadensiedlung Meruma, 27 km östlich der Stadt Ngaba, in Brand. Er soll noch während des Abtransports durch Sicherheitskräfte gestorben sein. Diese verweigerten der Familie eine traditionelle Bestattung; stattdessen wurde Choepa seitens der Behörden sofort kremiert und die Urne der Familie ausgehändigt.

Choepa war Teilnehmer der blutig niedergeschlagenen Demonstration in dieser Region am 23. Januar [vergl. Tibet- Information vom 23. Januar 2012; UM], bei denen mindestens zwei, möglicherweise aber bis zu sechs Tibeter getötet wurden. Seitdem war er auf der Flucht und konnte trotz Fahndung nicht gefasst werden. Choepa hinterlässt neben seinen Eltern noch 4 Geschwister.
Seit dem Vorfall ist die Ortschaft Meruma von Sicherheitskräften abgeriegelt.

Tashi und Lungtok setzten sich am 13. August nahe der wegen der vielen Selbstverbrennungen nun „Heldenstrasse“ genannten Hauptstrasse von Ngaba in Flammen. Beide konnten noch einige Schritte auf der „Heldenstrasse“ machen. Augenzeugen sahen, wie dann Tashi von Sicherheitskräften getreten und geschlagen wurde, während sie versuchten, die Flammen zu löschen. Beide wurden sofort abtransportiert. Tashi soll am gleichen Tage verstorben sein, über den Zustand von Lungtok ist nichts bekannt.

Kurz darauf versammelte sich Tibeter aus Protest am Ort der Selbstverbrennung. Sicherheitskräfte haben nach Angaben von Informanten sofort mit Metallstangen und nägelbesetzten Keulen auf die Demonstranten eingeschlagen.

Offenbar wurden viele Tibeter verletzt. Augenzeugen sahen mehrere Ambulanzen, die Verletzte wegfuhren. Nach unbestätigten Angaben soll ein schwer verletzter Tibeter inzwischen gestorben sein. Auch wurde eine nicht näher bekannte Zahl von Demonstranten verhaftet.

Lungtok, der als Mönch die Medizinschule des Klosters Kirti besuchte, hatte nach Angaben von Freunden noch am Tag vorher Opfergaben dargebracht; er spendete 1 Yuan für jeden, der als Folge der Selbstverbrennungen starb. Tashi war in der gleichen Medizinschule, hatte jedoch Kloster und Schule im letzten Jahr aus unbekannten Gründen verlassen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA; Der Spiegel; Neue Zürcher Zeitung

 

9. August 2012 (2)
China verstärkt Propaganda und Überwachung in Tibet
Mehrere Äusserungen hoch gestellter Kader und Funktionäre in den beiden letzten Monaten lassen vermuten, dass China Propaganda und Überwachung in Tibet verstärken will. Immer wieder wurde die Stärkung der „nationalen Stabilität“ und „ethnischen Eintracht“ beschworen.

Der Vorsitzende der KP Chinas in Tibet, Chen Quanguo, kündigte auf der Sitzung des Zentralkommittees der Partei am 27. Juni drastische Massnahmen zur Informationskontrolle an. Diese Massnahmen bedeuten vor allem eine schärfere Kontrolle des Internets, der Mobiltelefonie einschliesslich Textnachrichten und eine Verstärkung der Propaganda mittels neuer Fernsehkanäle, neuen Empfängern für das Satellitenfernsehen, Filmvorführungen, lokalen Schulungen und Verteilung von Propagandaschriften in den Dörfern. Es müsse sichergestellt sein, dass „die Stimme der Partei überall auf den 1.2 Millionen Quadratkilometern des Territoriums [von Tibet; UM]“ gehört werde, so dass „Sprache und Bilder feindlicher Kräfte und der Dalai-Clique nirgendwo mehr gehört oder gesehen werden“. Das Eindringen von Informationen von „feindlichen Kräften“ im Ausland, speziell Radio Free Asia und Voice of America, müsse verhindert werden.

Eine ad-hoc-Umfrage von Gallup bei 117 tibetischen Pilgern, die im Dezember 2011 und Januar 2012 nach Indien kamen, ergab, dass 89% den offiziellen chinesischen Medien nicht trauen; die Fernsehkanäle seien nur zur Unterhaltung gut.

Für den Gebrauch des Internets sind schon deutliche Restriktionen in Kraft. Alle Internet-Cafes in Lhasa müssen neue Kartenleser installieren, die in der Lage sind, die neuen Identitätskarten (chin. Shen Feng Teng) zu lesen. Die neuen Identitätskarten enthalten wesentlich mehr persönliche Informationen über den Inhaber als die alten. Jugendliche unter 18 Jahren erhalten gar keinen Zugang mehr zu den Internet-Cafes.

Auf einem Seminar in Lhasa am 11. Juli hob der Propaganda-Leiter der KP Chinas in Tibet, Dong Yunhu, die Wichtigkeit des Schutzes von Staatsgeheimnissen hervor. Tibet stehe an „vorderster Front“ im Kampf gegen „Separatismus“. Es sei wichtig, das Bewusstsein für Geheimhaltung und die Disziplin in der Wahrung von Staatsgeheimnissen zu stärken, da Tibet verstärkt zum Ziel von separatistischen Kräften im In- und Ausland geworden sei. „Feindliche Kräfte und ausländische Geheimdienste“ würden sich bemühen, vertrauliche Informationen zu entwenden. „Nationale und kulturelle Stabilität“ seien die wichtigsten Ziele für Tibet.

Nur wenige Tage später besuchte der Leiter der Propaganda-Abteilung der KP Chinas, Li Changchun, ländliche Gebiete und sprach mit lokalen Kadern und Funktionären. Dabei forderte er sie auf, die „ethnische Eintracht“ zu stärken. Alle müssten in der Propaganda-Arbeit die „Fünf Guten Dinge“ hervorheben: die Kommunistische Partei, den Sozialismus, die Nationalitäten, die Entwicklung, und das chinesische Mutterland. Der Ausbau des Radio- und Fernseh-Empfangs in entlegenen Regionen werde den Aufbau eines gemeinsamen kulturellen Systems für alle ethnischen Gruppen beschleunigen.

Am Ende seines Besuches lobte Li bei seinem Besuch im Jokhang-Tempel von Lhasa die Implementierung von „Modellklöstern“ [vergl. Tibet-Information vom 3. November 2011 und 25. April 2012; UM] als Langzeit-Massnahme, damit sich der tibetische Buddhismus an die sozialistische Gesellschaft anpasst.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; dossiertibet.it

 

9. August 2012 (1)
Zwei Selbstverbrennungen in Tibet
Am 6. und 7. August setzten sich wiederum zwei Tibeter in Flammen und starben.

Am 6. August zündete sich der 21 Jahre alte Mönch des Kirti-Klosters, Lobsang Tsultrum [andere Schreibweise des Namens: Tsultrim; UM] auf einer Strasse nahe des Klosters Kirti an und starb später am Abend des gleichen Tages. Das Kloster Kirti ist das Zentrum dieser Proteste gegen China. Die Strasse, auf der er sich in Flammen setzte, wird von den Bewohnern „Heldenstrasse“ genannt, seit sich viele der Selbstverbrennungen dort ereigneten. Auch Lobsang Tsultrum rief, wie viele andere Protestierende vor ihm, Parolen für die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet.

Sicherheitskräfte, die entlang der Strasse stationiert waren, löschten die Flammen und transportierten ihn ab. Er soll am gleichen Tag im Spital verstorben sein. Am Tag darauf übergaben die Behörden der Familie die Urne mit der Asche des Mönches. Lobsang Tsultrum war auf Veranlassung der Behörden sofort kremiert worden, so dass die Familie nicht die Gelegenheit zu ihren Totenritualen hatte.

Lobsang Tsultrum trat als Jugendlicher in das Kloster Kirti ein und war ein Freund von Phuntsok, der die Serie der Selbstverbrennungen am 17. März 2011 begonnen hatte [vergl. Tibet- Information vom 21. März 2011; UM]. Auch gehörte er zu denjenigen Mönchen, die bei Ausbruch der Proteste im März 2008 festgenommen und misshandelt worden war.

Am 7. August setzte sich die 26 Jahre alte Dolkar Tso [andere Schreibweise des Namens: Dolker; UM] auf dem Gelände des Klosters Tsoe Gaden Choeling im Nordosten Tibets, heutige chinesische Provinz Gansu, in Brand und starb ebenfalls noch am gleichen Tag.

Tibetische Pilger, die sich auf dem Klosterareal befanden, wollten zur Hilfe eilen, aber Dolkar Tso soll diese verweigert haben. Sie habe Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama gerufen. Auch als das Feuer gelöscht war, lebte sie noch und verlangte von den beistehenden Tibetern, sie zu töten, weil sie nicht lebendig in die Hände der Sicherheitskräfte fallen wollte.

Auf Verlangen der Angehörigen wurde sie in ihr Heimatdorf gebracht, starb jedoch auf dem Wege dorthin. Einer anderen Quelle zufolge wurde sie zunächst in ein lokales Spital gebracht, bevor man sie nach Hause transportierte. Dolkar Tso hinterlässt eine 5-jährige Tochter und einen 2-jährigen Sohn.

Die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua bestätigte den Vorfall, gab jedoch an, Dolkar Tso habe sich nach einem Disput mit ihrem Mann angezündet. Informanten von TCHRD widersprachen dieser Darstellung. Ihnen zufolge habe die Familie ohne jegliche Zeichen von Streit am Tag vor der Selbstverbrennung gemeinsam das Kloster besucht und gebetet.

Das Kloster Tso Gaden Choeling war im Jahre 2008 ebenfalls Schauplatz von Protesten.

Strafverfolgung der Eltern eines Verbrennungsopfers
Am 30. Juli starb in einem Spital in der Region Ngaba der 22-jährige Ngawang Norphel, der sich am 20. Juni in Flammen gesetzt hatte [vergl. Tibet- Information vom 21. Juni 2012; UM]. Aufgrund der strengen Abschottung von ihm im Spital erfuhr seine Familie über einen Monat lang nichts von der Selbstverbrennung, bis sein Vater von der Polizei ohne Angabe von Gründen in das Spital zitiert wurde. Erst dort erfuhr er über den Grund des Besuches. Die Sicherheitskräfte befahlen ihm unter Androhung von „ernsten Folgen“, niemandem etwas über die Selbstverbrennung zu erzählen.

Bis zu seinem Tode hatte Ngawang Norphel bei allen Verhören durch Sicherheitskräfte geschwiegen, die immer wieder stattfanden, so lange es sein Zustand erlaubte. Während sein Vater weiter in Amdo verhört wird, finden auch für die übrigen Familienmitglieder am Heimatort Verhöre statt.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA

 

25. Juli 2012
Zwei Selbstverbrennungen in Tibet
Im Juli setzten sich wiederum zwei Tibeter in Flammen und starben.

Am 7. Juli zündete sich der 22 Jahre alte Tsewang Dorjee im Zentrum des Ortes Damshung, nördlich von Lhasa, an und starb später am Abend des gleichen Tages. Nachdem er sich in Flammen setzte, ging er noch mehrere Schritte weiter und rief Parolen für ein langes Leben des Dalai Lama. Seit der Selbstverbrennung ist Damshung durch Militär praktisch von der Aussenwelt abgeschnitten. Auch sind alle Telefonleitungen gekappt. Alle Zeugen des Vorfalls wurden verhaftet, und den Bewohnern ist es verboten, darüber zu reden.

Am 17. Juli zündete sich der 18 Jahre alte Mönch Lobsang Tenzin aus dem Kloster Gyalrong Tsodun Kirti in der Region Ngaba auf dem Platz vor der Gebetshalle des Klosters an. Nachdem er wenige Schritte hin zum lokalen Regierungsgebäude gemacht hatte und Parolen rief, stürzte er zu Boden (Foto rechts) und verstarb kurz darauf. Insgesamt haben sich allein in der Region Ngaba 26 Tibeter verbrannt; Lobsang Tenzin ist der dritte Mönch aus diesem Kloster. Er soll ein besonders begabter Schüler mit herausragenden Leistungen gewesen sein.

Mönche trugen den Leichnam in das Kloster und verweigerten den Sicherheitskräften den Zugang, während Totenrituale abgehalten wurden. Auch am Tag danach wurden Rituale abgehalten, und alle Geschäfte und Restaurants im Ort blieben geschlossen.

Angesichts der gespannten Lage zwischen den Mönchen und Einwohnern einerseits und Sicherheitskräften andererseits entschieden sich die Mönche, statt der Kremation eine Wasserbestattung durchzuführen. Während diese an einem Fluss abgehalten wurde, sah man am anderen Ufer die Sicherheitskräfte, wie sie Kampfübungen abhielten.

Situation in Tibet wurde im UN-Menschenrechtsrat zum Thema
Während der 20. Session des UN-Menschenrechtsrates in Genf brachten unter Traktandum 4 („Menschenrechtsprobleme, die der Aufmerksamkeit des Rates bedürfen“) mehrere Mitgliedsstaaten die dramatische Situation in Tibet zur Sprache. Die Abgesandten von Belgien, Kanada, Dänemark, Frankreich, Schweden und den USA trugen zahreiche Aspekte der Unterdrückung der Religion und Meinungsfreiheit vor, darunter auch die Serie der Selbstverbrennungen.

Die Delegationen Schwedens und Dänemarks forderten China auf, die Rechte aller ethnischen Gruppen, speziell der Tibeter und Uiguren in Xinjiang, vollumfänglich zu garantieren; speziell das Recht zur Meinungsäusserung, Versammlungsfreiheit und Freiheit der Religion, und das Recht auf Bewahrung ihrer eigene Kultur und Sprache.

Die Tschechische Republik forderte, dass alle Regionen in Tibet ohne Einschränkungen für Menschenrechtsbeobachter zugänglich gemacht werden.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; tibetpost.net; International Campaign for Tibet ICT

 

21. Juni 2012
Wiederum drei Selbstverbrennungen in Tibet
Ein etwa 50-jähriger Nomade, dessen Name mit Tamding Thar angegeben wird, hat sich am Morgen des 15. Juni direkt vor einem Lager der Bewaffneten Volkspolizei (People’s Armed Police, PAP) in der im Norden Tibets gelegenen Autonomen Präfektur Malho (chin. Huangnan) in Brand gesetzt. Sofort erschienen Polizisten, die die Flammen löschten und seinen Körper forttrugen. Kurz darauf versammelten sich etwa 400 bis 500 Tibeter vor dem Lager und verlangten die Herausgabe seines Leichnams. Dieser wurde nach einigen Stunden übergegeben und zur Beisetzung an seinen Wohnort gebracht, wo sich mehrere tausend Tibeter und Mönche aus den nahe gelegenen Klöstern für die letzten Riten versammelten. Tamding Thar hinterlässt Frau und Kinder. Er stammt aus einer Nomadenfamilie und wurde vor einigen Jahren im Rahmen der Sesshaftmachung von Nomaden gezwungen, sich in der Region fest niederzulassen.

Die Ortschaft Chentsa, wo sich die Selbstverbrennung ereignete, wird nun von Sicherheitskräften scharf kontrolliert.

Am 20. Juni setzten sich zwei junge Tibeter, der 22-jährige Ngawang Norpel und der 24-jährige Tenzin Khedup, in der osttibetischen Präfektur Jyekundo (chin. Yushu) in Brand. Nach Berichten von Augenzeugen sollen beide tibetische Fahnen in der Hand gehalten und Slogans für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama gerufen haben.

Tenzin Khedup starb sofort. Er war Mönch, trat aber 2006 aus seinem Kloster aus. Über den Zustand von Ngawang Norpel ist nichts bekannt.

Dorfbewohner wegen Protests gegen Korruption verurteilt
Am 14. April hatten Bewohner des Dorfes Adhue gegen die Auszeichnung zweier als korrupt geltender Kader protestiert. Sie warfen den Kadern vor, Zuschüsse für den Bau von Wohnungen im Dorf in die eigene Tasche gesteckt zu haben, und kassierten dafür Schläge von den Sicherheitskräften, die die beschuldigten Kader und Regierungsbeamten im Konvoi begleitet hatten. Mehrere Tibeter wurden verhaftet. Am 1. Mai veranstalteten Dorfbewohnerinnen einen Protestmarsch gegen die andauernde Inhaftierung, und als Zeichen des Protests wurden auch keine Felder mehr bestellt [vergl. Tibet-Information vom 25. April und 12. Mai 2012; UM].

Inzwischen sind zwar die meisten Verhafteten wieder freigelassen, jedoch wurde jetzt bekannt, dass zwei Tibeter zu Haftstrafen von 3 bzw. 2 Jahren verurteilt wurden. Der Grund für die Verurteilung ist nicht bekannt. Es wird angenommen, dass sie angeklagt wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, in die kleinen Behausungen im Dorf einzuziehen. Obwohl ihnen vorab mitgeteilt worden war, dass die Häuser von der Regierung gestellt würden, verlangte man ihnen später einen hohen Geldbetrag plus Zinsen als Eigenleistung ab, den sie nicht zahlen konnten.

Tibetische Lehrer ihres Amtes enthoben
Im nordtibetischen Bezirk Rebkong sind drei Pädagogen ihres Amtes enthoben worden. Obwohl die Gründe nicht bekannt sind, wird vermutet, dass sie mit den Protesten gegen die Einführung des Chinesischen als alleiniger Unterrichtssprache in Verbindung stehen. Bereits im Herbst 2010 hatten sich dort massive Proteste ereignet [vergl. Tibet-Information vom 21. -29. Oktober 2010; UM].

Laut Informanten von RFA ereignete sich im März d.J. ein neuer Protest, weil während den Ferien durch die Behörden alle tibetischen Schulbücher gegen chinesische ausgetauscht worden waren. Die Schüler hätten aus Protest die Bücher zerrissen und aus den Fenstern geworfen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul http://www.tibet.net/; Radio Free Asia RFA; Tibet.net

 

14. Juni 2012
Einreiseverbot für Ausländer
Zehn Tage nach der Selbstverbrennung zweier Jugendlicher in Lhasa [vergl. Tibet-Information vom 29. Mai 2012; UM] haben die Behörden ein Einreiseverbot für Ausländer nach Tibet erlassen. Das Verbot wurde – wie schon früher – nicht in den Medien publiziert, sondern Reiseveranstaltern direkt mitgeteilt. Weder wurde der Grund mitgeteilt, noch wurden Reiseveranstalter darüber informiert, wie lange dieses Verbot gelten wird.

Vermutlich steht das Verbot in einer schon lange praktizierten Tradition, Tibet während „sensibler“ Daten und nach aussergewöhnlichen Ereignissen von der Aussenwelt abzuriegeln. Das jetzt erlassene Verbot fiel in den Monat Mai, in dem das Sagadawa-Fest, erinnernd an die Erleuchtung und den Eingang Buddhas in das Nirwana, gefeiert wird.

Ein Einreiseverbot war bereits für sechs Wochen im Februar und März d.J. erlassen worden, nämlich während des Tibetischen Neujahrsfestes und des Jahrestages des Volksaufstandes. Auch im Juni vorigen Jahres war Tibet während der mit grossem Pomp organisierten Feiern zum 90. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei bereits für Ausländer geschlossen [vergl. Tibet-Information vom 28. Juni 2011; UM].

Ironischerweise meldete das regierungsoffizielle „China Internet Information Center“ am 7. Juni 2012, also einen Tag vor Erlass des Einreisverbots für Ausländer, noch folgendes: „Tibets Tourismusgeschäft läuft rund

Das Autonome Gebiet Tibet wird von immer mehr Touristen besucht. Allein im Monat Mai reisten 900.000 Personen auf das Dach der Welt....“

Sondergesandte des Dalai Lama zurückgetreten
Die beiden Sondergesandten, Lody Gyari und Kelsang Gyaltsen, haben gegenüber der Tibetischen Regierung im Exil ihren Rücktritt eingereicht, der auch angenommen wurde.

Die beiden Sondergesandten hatten seit 2002 insgesamt 9 Dialogrunden mit Vertretern der Regierung der Volksrepublik China, zuletzt im Januar 2010. Ihren Rücktritt begründeten sie damit, dass ihre Tätigkeit nicht zu messbaren Erfolgen geführt hat; im Gegenteil, die Situation in Tibet habe sich seit dem Aufstand im März 2008 drastisch verschlimmert. Auch verliehen sie ihrer Enttäuschung Ausdruck, dass die chinesische Regierung keine konstruktive Reaktion zum Memorandum über die Genuine Autonomie Tibets gezeigt hat, das im Jahre 2008 mit einer Ergänzung im Jahre 2010 überreicht worden war. Einer ihrer chinesischen Dialogpartner habe sogar die Meinung vertreten, der Autonomiestatus sollte gänzlich aus der chinesischen Verfassung gestrichen werden.

Die Tibetische Regierung im Exil teilte mit, sie werde ihre Taskforce für den Dialog verstärken und im Dezember neu beraten, wenn die neue chinesische Führungsspitze im Amt ist.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia

 

5. Juni 2012
Mutter von drei Kindern verbrennt sich
Nur 3 Tage nach der doppelten Selbstverbrennung zündete sich die 36-jährige Rikyo im Bezirk Dzamthang in der Provinz Ngaba an, wo sich bisher die meisten Selbstverbrennungen ereigneten. Sie starb noch am dem Ort, wo sie sich angezündet hatte.

Rikyo hinterlässt drei Kinder im Alter von 9, 7 und 5 Jahren. Sie arbeitete als Viehhirtin und war Nachbarin von drei Tibetern, die sich im Februar und April selbst verbrannten [vergl. Tibet-Information vom 20. Februar und 25. April 2012; UM]. Am Tag vor der Verbrennung soll sie mehrere Stunden lang Niederwerfungen und Gebete verrichtet haben. Ihr verbrannter Körper wurde in das nahe gelegene Kloster Zamthang Gongchen gebracht, wo sich etwa 1000 Mönche versammelten und Gebete sprachen.

Die Behörden verlangten die Herausgabe und sofortige Kremation. Die Mönche gaben die Leiche nicht heraus, äscherten sie aber selbst noch in der Nacht im Kloster ein. Bis in die frühen Morgenstunden soll die auf 5000 Personen angewachsene Menge noch Gebete für Rikyo verrichtet haben.

Polizeikontrollen und Massenverhaftungen in Lhasa
Nach der zweifachen Selbstverbrennung in Lhasa [vergl. Tibet-Information vom 29. Mai 2012; UM] wurde das Sicherheitsaufgebot um den Jokhang-Tempel, wo sich die beiden Tibeter verbrannt hatten, erheblich verstärkt. An zahlreichen Kontrollposten werden Tibeter intensiv kontrolliert. Die von Tibetern bewohnten Quartiere von Lhasa sind von Sicherheitskräften abgeriegelt. Gästehäuser und von Auswärtigen angemietete Unterkünfte werden systematisch durchsucht.

Wegen der zahlreichen Überwachungskameras, die nach den Unruhen im Jahre 2008 überall angebracht worden waren, konnten viele Zeugen der Selbstverbrennungen, die sich gerade am Ort aufhielten, identifiziert werden. Diese wurden genauso zur Vernehmungen verhaftet wie die Besitzer der Verkaufsstände, die auf dem Platz vor dem Jokhang liegen. Auch wurden alle Mobiltelefone und Kameras von Tibetern konfisziert, die sich während der Selbstverbrennungen dort aufhielten.

Insgesamt sollen mehrere hundert Tibeter verhaftet worden sein. Radio Free Asia schätzt die Zahl auf 600 Personen.

Diejenigen Tibeter, die sich ohne gültige Aufenthaltsbewilligung in Lhasa aufhalten, werden ausgeschafft. Tibeter mit einer gültigen Bewilligung, die aus den östlichen Provinzen Kham und Amdo stammen, in denen der Widerstand besonders stark ist, fürchten, dass diese entzogen werden könnte und sie ebenfalls Lhasa verlassen müssen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia

 

29. Mai 2012
Zweifache Selbstverbrennung – erstmals in Lhasa
Am 27. Mai kam es erstmals zu einer Selbstverbrennung in Lhasa. Zwei Tibeter, deren Namen mit Dargye aus der Region Ngaba, und Tobgye Tseten(laut Phayul: Dorje Tseten) von Labrang in der heutigen chinesischen Provinz Gansu, angegeben werden, zündeten sich vor dem Jokhang-Tempel an. Dieser ist einer der ältesten und bedeutendsten Tempel Tibets und gleichzeitig auch eine der wichtigsten Touristenattraktionen in Lhasa. Die Selbstverbrennungen wurden auch von der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua bestätigt. Xinhua machte keine Altersangaben über die beiden Tibeter. Nach Informationen von TCHRD sollen die beiden Tibeter 19 und 22 Jahre alt sein. Phayul nennt 25 Jahre, nicht 22 Jahre, als Alter von Dargye.

Laut Phayul hatten beide Tibeter ein Zimmer in der Nähe des Jokhang gemietet und arbeiteten in einem Restaurant. Kurz nachdem sie sich auf dem Platz vor dem Jokhang-Tempel inmitten von Pilgern anzündeten, eilten Sicherheitskräfte herbei, die das Feuer löschten, alle Touristen vertrieben und beide sofort abtransportierten. Es ist nicht bekannt, ob sie noch am Leben sind. Xinhua hat berichtet, dass einer der beiden starb. Der Platz vor dem Jokhang war bereits 15 Minuten nach dem Vorfall von allen Brandspuren gereinigt. Der Besitzer und das Personal des Restaurants, in dem die Tibeter arbeiteten, wurden festgenommen.

Die Telefonleitungen nach Lhasa waren am 27. Mai stillgelegt und funktionierten erst wieder einen Tag später. Der Jokhang-Tempel ist von Sicherheitskräften seitdem komplett abgeriegelt, und weder Pilgern noch Touristen ist der Zugang möglich. Überall in Lhasa werden strenge Personenkontrollen durchgeführt.

Die Selbstverbrennungen ereigneten sich im heiligen Monat Saga Dawa, in dem der Erleuchtung und des Todes von Buddha gedacht wird.

Damit haben sich bis jetzt insgesamt 37 Tibeter angezündet.

Verbot religiöser Aktivitäten für tibetische Kader
Regierungsbehörden haben ein striktes Verbot religiöser Aktivitäten für Kader ausgesprochen. Das „Komitee für disziplinarische Untersuchungen“ der Autonomen Region Tibet veröffentlichte am 24. Mai in der regierungsoffiziellen Zeitung Tibet Daily eine Direktive, die auch massive Strafen androht.

Wenn Parteimitglieder, Regierungsmitarbeiter oder sogar Studenten an religiösen Anlässen teilnehmen, sei das ein „schwerer Verstoss gegen die politische Disziplin“. Jede Vernachlässigung ihrer Pflichten würde schwer bestraft. Gleichgültig wieviele Verdienste sie bisher errungen hätten oder wie hoch ihre Position in Partei oder Regierung sei, fehlbare Kader würden auf der Stelle entlassen und dieses in allen Medien berichtet.

Bereits am 17. Mai hatte der Radiosender Xizangradio berichtet, dass im Bezirk Toelung Dechen nahe Lhasa 6 Regierungskader degradiert wurden, weil sie ihre Pflichten zur „Wahrung der Stabilität“ nicht wahrgenommen hätten.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia

 

25. Mai 2012
China intensiviert „Kampagne zur Rechtserziehung“
Auf einer Sitzung der Regierung der „Tibetischen Autonomen Region“ (TAR) am 11. Mai wurde laut der regierungsoffiziellen Internetseite ChinaTibetNews.com eine Intensivierung der Umerziehungskampagnen in Klöstern beschlossen. TAR-Gouverneur Pema Thinley wies in seiner Rede auf die schon erzielten Erfolge hin. Die Unterweisungen an Mönche und Nonnen, „das chinesische Mutterland zu lieben und stolz zu sein auf ihre nationale Identität“ hätten zur „Stabilisierung“ in der Region beigetragen. Auch hätten die Auszeichnungen an „Modellklöster“ [vergl. Tibet-Information vom 3. November 2011 und 25. April 2012; UM] den „Enthusiasmus“ der Mönche und Nonnen gefördert, „soziale Harmonie und Stabilität“ zu schaffen.

Der Begriff „Rechtserziehung“ wird in der letzten Zeit in offiziellen Verlautbarungen öfter verwendet anstelle der aggressiver tönenden „Patriotischen Umerziehung“, was aber die im Prinzip die gleiche Kampagne meint. Für Mönche und Nonnen bedeutet es, dass religiöse Unterweisungen häufig unterbleiben zugunsten von Versammlungen mit „Arbeitsteams“, die die „Umerziehung“ durchführen. Die Bewegungsfreiheit in den Klöstern ist massiv eingeschränkt. Alle Besuche ausserhalb des Klosters bedürfen der Genehmigung, manchmal ist es für Mönche und Nonnen sogar kaum noch möglich, Artikel des persönlichen Gebrauchs oder Lebensmittel zu kaufen.

Die im Oktober 2010 erlassenen Verfügungen für den Betrieb der Klöster [vergl. Tibet-Information vom 21. Oktober 2010; UM] verlangen, dass in allen Klöstern die chinesische Fahne und Portraits der chinesischen Führer ausgehängt und regierungsoffizielle Zeitschriften und Fernsehprogramme zugänglich gemacht werden müssen. Seit März 2012 werden die Verwaltungskommissionen der Klöster direkt von Partei und Regierung ernannt [vergl. Tibet-Information vom 19. März 2012; UM]. Obligatorisch ist in diese Kommission eine Parteizelle der Kommunistischen Partei eingebettet.

Zahlreiche neue Kontrollpunkte in Tibet
Überall in Tibet werden neue Polizei-Kontrollpunkte eingerichtet. Besonders zahlreich sind diese auf den Zufahrtsstrassen nach Lhasa, an denen speziell Pilger aus dem Osten Tibets – wo sich die meisten Proteste ereignen – scharf kontrolliert werden. Reisende müssen Identitätspapiere und Lebensmittelkarten vorweisen; wer sie nicht besitzt, wird zurückgeschickt. Allein im Stadtgebiet von Lhasa existieren nach Angaben von Bewohnern 130 dieser Kontrollstationen.

Einmal in Lhasa angekommen, müssen sich Reisende bei der Polizei anmelden und bei Abreise wieder abmelden. Sie dürfen nur maximal einen Monat in Lhasa bleiben und müssen einmal pro Woche auf der Polizeistation erscheinen. Auch müssen sie Namen und Adresse, manchmal sogar den Arbeitgeber, derjenigen angeben, bei denen sie in dieser Zeit wohnen.

Einschränkungen für Besucher von Häflingen
Im März ordnete die Regierung an, dass in allen Internierungslagern und Gefängnissen der Besuch von Verwandten oder Freunden nicht mehr erlaubt ist. Diese Massnahme sei im „Interesse der öffentlichen Sicherheit“.

Anwälte oder andere Personen, die den Gefangenen rechtlich bestehen wollen, benötigen für den Besuch eine Genehmigung des Gefängnisdirektors. Auch deren Besuchszeiten sind streng limitiert.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; tibet.net; Radio Free Asia

 

12. Mai 2012
Tibeter boykottieren aus Protest die Bestellung ihrer Felder
Bewohner des Dorfes Adhue boykottieren als Zeichen ihres Protests gegen die andauernde Inhaftierung von Dorfbewohnern die Frühjahrsbestellung ihrer Felder.

Am 14. April war es im Dorf zu einer Protestaktion gegen die öffentliche Auszeichnung zweier als korrupt geltender Dorfbeamter gekommen [vergl. Tibet-Information vom 25. April 2012; UM]. Dabei wurden die Bewohner von Sicherheitskräften geprügelt und mehrere Tibeter verhaftet.

Am 1. Mai veranstalteten etwa 200 Tibeterinnen aus der Region einen Protestmarsch zum Regierungsgebäude der Provinz Ngaba. Nach etwa 7 km wurden sie von Sicherheitskräften aufgehalten, die die Strasse sperrten. Eine gewaltsame Auseinandersetzung konnte im letzter Minute von Mönchen des Klosters Adhue verhindert werden, die vermittelnd eingriffen.

Danach zerstreuten sich die Demonstrantinnen, aber seitdem boykottieren die Bewohner die Bestellung ihrer Felder und beteiligen sich nicht am Sammeln des Raupenkeulenpilzes (Cordyceps siniensis), der in der traditionellen Medizin Verwendung findet [vergl. Tibet-Information vom 9. Mai 2012; UM], um gegen die Verhaftungen zu protestieren.

Am 5.Mai wurden 7 Tibeter freigelassen, doch mussten sie an einer dreitägigen „Patriotischen Umerziehung“ teilnehmen. Der Boykott der Feldbestellung dauert hingegen weiter an.

Landenteignung für chinesische Migranten
In der Autonomen Präfektur Tsolho im Norden Tibets wurde laut Radio Free Asia das Land von fünf Nomadensiedlungen zwangsenteignet, um Platz für chinesische Migranten zu schaffen. Bei einer Versammlung am 25. April forderten Regierungsvertreter die Vertreter der Nomadenfamilien auf, etwa 60% ihres Landes herzugeben und bis Jahresende mehr als die Hälfte ihres Viehbestandes abzuschaffen. Das abgegebene Land würde eingezäunt, und es dürfe dort kein Vieh mehr weiden. Nach anfänglichem Weigern mussten die Nomadenvertreter unter Zwang der Abtretung zustimmen.

Es wird angenommen, dass auf dem enteigneten Land etwa 30‘000 chinesische Migranten angesiedelt werden sollen. In der Region gibt es bereits eine kleine chinesische Siedlung mit Arbeitern für zwei grosse hydroelektrische Projekte. Zwei weitere Wasserkraftwerke sind in Planung, und es ist davon auszugehen, dass die Arbeiten noch mehr Chinesen anziehen werden.

NGOs in Kardze brauchen behördliche Genehmigung
Ein öffentlicher Aushang im osttibetischen Kardze, der TCHRD im Original vorliegt, ordnet an, dass sich alle NGOs in der Region bei der Verwaltung der Präfektur registrieren müssen. Andernfalls würden sie für illegal erklärt. Die Registrierung werde nur durchgeführt, wenn die Organisationen alle Kriterien der Behörden erfüllen, ohne dass genau gesagt wurde, welches diese Kriterien sind. Auch würden die Aktivitäten der NGOs genau untersucht, und die Genehmigung verweigert oder zurückgezogen, falls die Aktivitäten unzulässig seien.

In Kardze hatten sich in den vergangenen Jahren viele privat finanzierte lokale Organisationen gebildet, die besonders in den Bereichen Erziehung, Religion, Wohlfahrt oder Umweltschutz tätig waren. Auch vermittelten sie oft bei Konflikten zwischen Tibetern und Behördern. In den vergangenen Jahren wurden bereits drei Organisationen zwangsweise geschlossen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia

 

9. Mai 2012
Prügel für tibetische Nomaden
Im osttibetischen Lithang in der Provinz Kardze sind Nomaden unter Drohungen und Schlägen dazu gezwungen worden, ein Dokument zu unterschreiben, in dem sie den Dalai Lama denunzieren. Laut einem Informaten von Radio Free Asia startete die Kampagne vor 2 Monaten in dem Dorf Mola, aus dem die Familie des jetzigen Premierministers der tibetischen Regierung im Exil, Lobsang Sangay, stammt. Den Nomaden sei zuerst erklärt worden, bei dem Dokument ginge es um ein Abkommen, das Streitigkeiten beim Sammeln des Raupenkeulenpilzes (Cordyceps) vermeiden sollte. Dieser Pilz wird in der traditionellen Medizin verwendet und bedeutet wegen seines hohen Preises eine lukrative Einkommensquelle.

Als es um das Unterzeichnen des aus sieben Punkten bestehenden Dokuments ging, zeigte sich, dass die Nomaden in Wirklichkeit eine Erklärung vor sich hatten, in der sie die „spalterischen Tätigkeiten der Dalai Clique“ verurteilen sollten. Nachdem die Nomaden die Unterschrift verweigert hatten, kamen wenig später mehrere hundert Regierungsbeamte und Polizisten in das Dorf, versammelten die Bewohner und fragten, ob jemand Probleme mit dem Dokument habe. Als zwei Frauen ihre Kritik vortrugen, sei auf alle Anwesenden unterschiedlos eingeprügelt worden. Unter Drohung von Verhaftung und Folter seien sie zur Unterschrift gezwungen worden; einigen wurde vorher der Kopf kahlgeschoren.

Private tibetische Schule geschlossen, Lehrer verhaftet
Ebenfalls in der Provinz Kardze wurde Anfang April eine seit 1989 bestehende private tibetische Schule geschlossen. Der 56-jährige Rektor und ein 36-jähriger Englischlehrer wurden verhaftet und an einen unbekannten Ort gebracht.

Die Schule war damals mit ausdrücklicher Genehmigung der Behörden gegründet worden und finanzierte sich aus privaten Spenden. Sie bot den Kindern Unterrichtsstunden in tibetischer Sprache und Kultur an und legte besonderen Wert darauf, dass im Unterricht nur tibetisch gesprochen wurde.

Die Eltern wurden aufgefordert, ihre Kinder auf der staatlichen Schule unterzubringen und auf keinen Fall eine Wiedereröffnung der geschlossenen Schule zu versuchen. Den Famlien der verhafteten Lehrer wurde es nicht gestattet, sie in Haft zu besuchen.

Sorge um bekannten tibetischen Sänger
Am 19. April wurde im nordosttibetischen Jyekundo der populäre Sänger Lo Lo festgenommen. Der 29-jährige Tibeter hatte vor einigen Monaten ein Album mit dem Titel „Hoch mit der tibetischen Fahne, Kinder des Schneelandes“ produziert, das 14 Lieder enthält, die von der tibetischen Unabhängigkeit und der Rückkehr des Dalai Lama erzählen.

Seit der Verhaftung gibt es keine Nachrichten über seinen Verbleib oder Wohlergehen. Auch die World Organization Against Torture (OMTC) hat jetzt dazu aufgerufen, sich in Appellen an die chinesische Regierung für seine Freilassung einzusetzen.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

2. Mai 2012
Analyse über „Kulturellen Genozid“
Die International Campaign for Tibet (ICT) hat eine umfassende Analyse über den Vorwurf des „Kulturellen Genozids“ veröffentlicht, die unter http://www.savetibet.org/resource-center/ict-publications/reports/60-years-chinese-misrule-exec-summary heruntergeladen werden kann.

Die Analyse kommt zu folgenden Schlussfolgerungen (teils gekürzte Übersetzung aus der Originalfassung; UM):

  • Über die vergangenen mehr als 60 Jahre war die chinesische Herrschaft in Tibet vom dem beharrlichen Bestreben geprägt, die authentische und organisch gewachsene tibetische Kultur durch eine staatlich genehmigte und kontrollierte Version zu ersetzen, die sich mit den ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Prinzipien der Kommunistischen Partei verträgt. Dieses Bestreben wird mittels bewusst geplanten Massnahmen verfolgt, die zum Ziel haben, die tibetische Kultur fundamental zu so verändern, dass sie ihrer Essenz beraubt wird und von China lenkbar ist.
  • Die kommunistische Herrschaft in Tibet zeigte ein Muster von Repression, relativer Liberalisierung, ausgeprägter Wiederbelebung der kulturellen Identität der Tibeter, und erneuter Repression. Dieses Muster basiert auf politischen Praktiken, die die Interessen der chinesischen Kommunistischen Partei über diejenigen der Tibeter stellen. Und diese Praktiken wiederum basieren auf ideologischen und nationalistischen Prinzipien, die das Denken der chinesischen Kader tief durchdringen...
  • Die chinesische Politik ... der Repression und Zerstörung der Kultur ist so systematisch und allgegenwärtig, und ihre Folgen sind so schwerwiegend, dass sie Elemente von Kulturellem Genozid aufweisen.
  • Diese Elemente von Kulturellem Genozid, verbunden mit anderen, wie z.B. Akten von Genozid gegen Tibeter in der Vergangenheit... und offiziell sanktionierten Stellungnahmen, die Vorurteile und Hass gegen Tibeter provozieren, sind an anderen Orten als Vorboten von konventionellem Genozid identifiziert worden und sollten die Internationale Gemeinschaft zu entschlossenem Handeln für Tibet auffordern.

„Hartes Durchgreifen“ im Bezirk Kanlho
Im März wurde im osttibetischen Bezirk Kanlho (chin. Gannan) wiederum die Kampagne „Hartes Durchgreifen“ aufgenommen. Diese Kampagne wurde in China im Jahre 1983 ins Leben gerufen und zielte an sich auf das organisierte Verbrechen, wurde aber in Tibet immer wieder zur Unterdrückung unliebsamer politischer Aktivitäten verwendet.

Überall in Kanlho sind Aushänge angebracht, die die Bevölkerung auffordern, „Kriminelle“ zu identifizieren, die „ethnischen Separatismus fördern“, „die nationale Einheit gefährden“, und „Unruhe zwischen den Volksgruppen stiften“. Als verwerflich werden Aktivitäten bezeichnet, die die „Sicherheit des Landes“ oder die „Stabilität der Gesellschaft“ gefährden oder „Gerüchte in sozialen Netzwerken erfinden und verbreiten“.

Für alle, die entsprechende Aktivitäten mit ihren Urhebern an die Polizei melden, wird „persönlicher Schutz“ und eine Belohnung von Yuan 5‘000 (ca. Fr. 700) in Aussicht gestellt.

Quellen: International Campagin for Tibet ICT; Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

25. April 2012 (2)
Vision bei Vollmond bringt Tibeter ins Gefängnis
Eine der vielleicht absurdesten Verhaftungen wird aus der Region Lhasa gemeldet. Hier wurde Anfang April der 20-jährige Tibeter Phurbu Namgyal verhaftet, während er nachts mit Kollegen in den Vollmond schaute, in der Hoffnung, gemeinsam mit ihnen dort eine Vision des Dalai Lama zu sehen.

Phurbu Namgyal arbeitete in einer lokalen Diskothek und erzählte Kollegen, dass er früher einmal das Gesicht des Dalai Lama im Vollmond gesehen habe. Die Gruppe ging nach draussen, um diese Vision bestätigt zu sehen. Danach wurde er von Beamten des Büros für Öffentliche Sicherheit wegen „illegalen Verhaltens“ verhaftet. Über seinen Verbleib ist nichts weiter bekannt.

„Vorbildliche Klöster“ werden ausgezeichnet
Am 19. April fand in Lhasa die erste Zermonie statt, die „Modellklöster“ auszeichnet. Diese Klöster entstanden im Rahmen einer Kampagne der Regierung im letzten Herbst, um „patriotische“ Mönche und Nonnen heranzuziehen, die sich der „Dalai-Clique“ entgegenstellen [vergl. Tibet-Information vom 3. November 2011; UM]. Den Gewinnern wurden verschiedene Vergünstigungen wie Zuschüsse zur Pension und Krankenversicherung sowie eine kostenlose medizinische Untersuchung pro Jahr in Aussicht gestellt.

Während der Zeremonie in Lhasa wurden nun laut der regierungsoffiziellen Webseite ChinaTibetnews.com sage und schreibe 59 Klöster, 58 Verwaltungskommittees, 6773 Mönche und Nonnen sowie 200 weitere „herausragende Kader“ für ihre „gute Arbeit“ ausgezeichnet.

Der lokale Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Chen Quanguo, betonte in seiner Ansprache, dass die Mönche und Nonnen die „reaktionären, heuchlerischen und trügerischen Methoden“ der „Dalai-Clique“ entlarven müssten, und sie dürften sich nicht in separatistische Aktionen verwickeln, die die „soziale Ordnung stören“.

Tibeter bei Protestaktion verprügelt
Am 14. April wurden tibetische Dorfbewohner verprügelt, die gegen eine Auszeichnung für angeblich korrupte Dorfbeamte protestierten. Der Vorfall ereignete sich im Dorf Adhue in der ohnehin unruhigen Region Ngaba, als ein Konvoi mit Regierungsbeamten vorfuhr, um die beiden Beamten zu ehren. Diese stehen bei den Dorfbewohnern im Verdacht, Zuschüsse für den Bau von Wohnungen im Dorf in die eigene Tasche gesteckt zu haben.

Die etwa 100 protestierenden Tibeter wurden von den im Regierungskonvoi mitfahrenden Sicherheitskräften angegriffen und verprügelt; dazu wurden etwa 15 bis 20 Tibeter verhaftet.

Die beschuldigten Beamten waren für den Bau kleiner Unterkünfte für bedürftige Tibeter im Dorf verantwortlich, die ihnen von der Regierung zur Verfügung gestellt werden sollten. Später erklärte die Regierung dann den Bewohnern, dass sie einen Teil der Baukosten selbst tragen müssten, was viele nicht konnten. Mehrere Haushalte seien wegen der ausstehenden Schulden betrieben worden, während die Beamten einen Teil der Regierungszuschüsse in die eigene Tasche abzweigten.

Schon im Jahr 2008 hatte es in der Region Unruhen gegeben, als die Regierung ein Gebäude enteignete, das gemeinschaftlich von der Dorfgemeinschaft für religiöse Veranstaltungen und Versammlungen genutzt wurde. Anstatt dort das versprochene Altenheim zu errichten, wurde auf dem Gelände ein grosses Armeelager gebaut.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; International Campagin for Tibet ICT

 

25. April 2012
Zwei weitere Selbstverbrennungen – Cousins zünden sich an und sterben
Am 19. April haben sich in der Präfektur Ngaba, die Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen war, zwei Cousins gemeinsam angezündet und sind wenige Studen später verstorben. Der Vorfall ereignete sich nahe dem Kloster Dzamthang. Der Bezirk Dzamthang ist einer von drei Bezirken, in denen es im Januar zu Protestaktionen kam, die von den Behörden blutig niedergeschlagen wurden. Mindestens sechs Tibeter kamen dabei ums Leben und 60 weitere wurden teilweise schwer verletzt.

Die Namen der beiden Tibeter werden mit Choepak Kyap and Sonam angegeben; beide waren etwa 20 Jahre alt. Den anwesenden Tibetern gelang es, die Flammen zu löschen und beide vor dem Zugriff von Sicherheitskräften zu bewahren, die in mehreren Fahrzeugen vorfuhren. Trotz medizinischer Hilfe erlagen beide später ihren Brandverletzungen. Im Kloster Dzamthang wurde dann für beide eine Totenzeremonie abgehalten, die von mehreren hundert Mönchen besucht wurde. Die Sicherheitskräfte bestanden darauf, dass die Kremation der Leichen noch am gleichen Abend stattzufinden habe.

Videoclip zeigt Brutalität der Sicherheitskräfte bei Selbstverbrennung
Ein von ICT gerade veröffentlichtes Video dokumentiert, wie Sicherheitskräfte einen Tibeter brutal misshandeln, der sich selbst angezündet hat. Das Video, das unter http://savetibet.org/files/media/LOSANG%20JAMYANG%20SELF-IMMOLATION.MOV einsehbar ist, soll am 14. Januar in Ngaba aufgenommen worden sein, als sich der 22-jährige Lobsang Jamyang in Brand setzte [vergl. Tibet-Information vom 16. Januar 2012; UM]. Lobsang Jamyang hatte sich in einer öffentlichen Toilette mit Benzin übergossen und dann auf der Strasse angezündet. Das Video zeigt, wie erst Tränengas-Granaten abgefeuert werden, um die anwesenden Tibeter zu vertreiben, dann wird Lobsang Jamyang zu Boden geworfen und mit Fusstritten traktiert. Das Video endet, als Tibeter seinen Körper umstellen, um ihn vor dem Zugriff der Sicherheitskräfte zu bewahren.

Danach sollen laut Augenzeugen die Sicherheitskräfte mit nagelbesetzten Keulen auf die Tibeter eingeschlagen und sogar mit scharfer Munition geschossen haben, wobei mehrere schwer verletzt wurden.

Lobsang Jamyang starb zwei Tage später an seinen Brandverletzungen. Seine Verwandten im Exil berichteten, später sei die Polizei mit Schadenersatzforderungen an seine Angehörigen gelangt. Durch das Feuer seien die Polizeiuniformen beschädigt worden.

Protest gegen Schliessung einer lokalen Organisation gewaltsam beendet
Am 14. April erschienen etwa 300 Polizisten im Dorf Da-thama (auch Da-yul genannt), befahlen die Auflösung einer lokalen Organisation und verhafteten ihren Vorsitzenden mitsamt 250 weiteren Anwohnern. In dieser nomadisch geprägten Region im osttibetischen Kardze hatten sich im Jahr 2008 insgesamt 13 Dörfer zu der “Da-yul Thundin Tsogpa” genannten Organisation zusammengeschlossen. Das Ziel der Vereinigung war, lokale Streitigkeiten zu schlichten und gemeinsame Interessen zu verfolgen.

Die Polizei rechtfertigte die Aktion damit, dass die Organisation „illegal“ sei, weil sie politische Ziele verfolge. Als die Tibeter protestierten, wurden sie geprügelt; dabei gab es mindestens 10 Verletzte. Auch am folgenden Tag versammelten sich nochmals etwa 2000 Tibeter aus Protest. Darauf wurden bis auf 33 Personen alle Verhafteten freigelassen.

Seitdem sind die Dörfer von jeder Kommunikation abgeschnitten, so dass es keine weiteren Informationen gibt.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; International Campagin for Tibet ICT

 

7. April 2012 (2)
Überall in Tibet haben sich in den vergangenen Wochen zahlreiche Verhaftungen ereignet, sowohl von bekannten Individuen als auch Massenverhaftungen nach Razzien und Protestaktionen.

Region Drango
Hier wurden mehrere Tibeter verhaftet, bei 12 Personen sind die Namen bekannt. In Drango wurde am 23. Januar ein Protest von Sicherheitskräften blutig niedergeschlagen, wobei es mindestens drei Tote und 36 Verletzte gab [vergl. Tibet-Information vom 23. Januar 2012;UM]. Zahlreiche Tibeter flohen trotz ihrer Verletzungen aus Angst vor Verhaftung danach in die umliegenden Berge.

Sicherheitskräfte schwärmten danach in die Umgebung aus und verhafteten während Razzien und Hausdurchsuchungen in verschiedenen Dörfern mehrere Tibeter, von denen zwölf namentlich bekannt sind. Weiterhin starben zwei Tibeter am 9. Februar, als Sicherheitskräfte von mehreren Seiten das Feuer auf ein Haus eröffneten, in dem sie sich versteckt hatten [vergl. Tibet-Information vom 19. März; UM].

Inzwischen wurde bekannt, dass 11 Tibeter, die sich an den Protesten im Januar beteiligt hatten und festgenommen worden waren, zu Haftstrafen von 3 bis 13 Jahren verurteilt wurden.

Kloster Bora
Etwa 40 Mönche des Klosters Bora wurden in den frühen Morgenstunden des 21. März bei einer Razzia verhaftet. Am Vortag hatten mehr als hundert Mönche einen Protestmarsch vom Kloster in den nahe gelegenen Ort gemacht und dort Portraits des Dalai Lama und die tibetische Nationalflagge gezeigt.

Als Reaktion auf die Verhaftungen fand eine Versammlung von Mönchen im Kloster Bora statt, die den Sicherheitskräften, die das Kloster abgeriegelt hatten, eine Protestnote gegen die Verhaftungen überreichten. Schliesslich wurden die 40 Mönche am gleichen Tag wieder freigelassen, jedoch unter der Bedingung, dass alle eine Erklärung unterzeichnen, in der sie ihre „Fehler“ bereuen und alle Portraits des Dalai Lama und tibetische Flaggen aushändigen. Zwei Tage später wurden erneut 4 Mönche verhaftet und bisher nicht entlassen.

Zatoe, Provinz Yushul
Der hoch angesehene Abt des Klosters Gyegyel Zogchen, Khenpo Gyewala, verschwand am Abend des 8. März spurlos zusammen mit 13 weiteren Personen. Es wird vermutet, dass alle bei einer Razzia des Büros für Öffentliche Sicherheit verhaftet wurden.

Khenpo Gyewala hatte eine Schule gegründet, die während der Winterzeit, wenn die öffentlichen Schulen geschlossen sind, Kinder in tibetischer Sprache, Grammatik, Religion und Kultur unterrichtet. Die Schule wurde von 800 Kindern aus Nomadenfamilien, oder kürzlich im Rahmen der Umsiedlungen sesshaft gemachten Nomadenfamilien, besucht und sollte der steigenden Zahl von Analphabeten entgegen wirken.

Khenpo Gyewala war bereits am 10. Februar verhaftet worden, nachdem er gegen das kurzfristig erlassene Verbot eines religiösen Festes in seinem Kloster protestiert hatte. Nachdem sich etwa 800 protestierende Schüler vor dem Gebäude der Öffentlichen Sicherheit (PSB) versammelt hatten, wurde er wieder frei gelassen, mit der Auflage, sich nicht aus dem Kloster zu entfernen. Dann verschwand er am 8. März, und sein Aufenthaltsort ist bis jetzt unbekannt.

Seine Schwester, die sich mehrfach bei den Sicherheitskräften nach seinem Verbleib erkundigt hatte und immer wieder abgewiesen wurde, sei am 15. März bei einem lauten Disput im PSB-Gebäude plötzlich zusammengebrochen und später in einem Spital verstorben. Nähere Informationen zu diesem Vorfall sind bisher nicht erhältlich.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

7. April 2012
Serie der Selbstverbrennungen reisst nicht ab
In den vergangenen zwei Wochen ereigneten sich wiederum Selbstverbrennungen. Mindestens ein Tibeter erlag seinen Verletzungen. Zum ersten Mal setzten sich zwei Mönche gleichzeitig in Brand.

Lobsang Sherab (20 Jahre, Mönch)
Sherab setzte sich am 29. März in Ngaba, dem Ort der meisten Selbstverbrennungen, auf der Hauptstrasse in Brand, während er Slogans für die Freiheit Tibets rief. Er starb auf der Stelle. Tibeter wollten den Leichnam zur Familie des Mönches bringen, jedoch bemächtigten sich die Sicherheitskräfte seines Körpers und schafften ihn fort. Auch wurden alle Läden im Ort angewiesen, sofort zu schliessen.

Tenpa Dhargyal (22 Jahre) und Chime Palden (21 Jahre), beide Mönche
Beide Möche setzten sich am 30. März gleichzeitig, ebenfalls in der Präfektur Ngaba, in Brand, während sie Parolen für die Freiheit Tibets riefen.

Laut Augenzeugen lebten beide, als sie von Sicherheitskräften in das lokale Spital gebracht wurden, jedoch gibt es seitdem keine Nachrichten über ihren Zustand. Als Mönche von ihrem Kloster von dem Vorfall erfuhren, wollten sie zum Ort der Selbstbrennung eilen, jedoch wurde ihr Fahrzeug unterwegs von Sicherheitskräften aufgehalten.

Chime Palden verbrachte bereits vor 2 Jahren einen Monat in Haft, nachdem Sicherheitskräfte bei einer Razzia ein Foto des Dalai Lama, eine tibetische Flagge und ein verbotenes Freiheitslied auf seinem Mobiltelefon entdeckt hatten.

Handgranaten gegen Protestierende, ein Kind getötet
Am 18. März setzten Sicherheitskräfte Tränengas und Handgranaten gegen protestierende Tibeter ein, wobei ein 12-jähriger Junge tödlich verletzt wurde. Die Proteste hatten am 15. März im nordtibetischen Tsolho (heutige chinesische Provinz Qinghai) begonnen, nachdem 50 Mönche des Klosters Shingtri sowie ein bekannter Sänger mitsamt Frau und zwei Kindern bei einem Protestmarsch verhaftet worden waren. Die Mönche hatten unter anderem die (verbotene) tibetische Nationalflagge gezeigt.

Die friedlichen Proteste gegen die Verhaftungen zogen sich über drei Tage hin, bis dann die Sicherheitskräfte Tränengas und Handgranaten einsetzten. Ausser dem getöteten Jungen wurden noch sieben Tibeter schwer verletzt und in ein Spital gebracht.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

19. März 2012 (2)
Chinesische Regierungskader übernehmen Klöster
Mehrere Klöster in der norttibetischen Region Nagqu wurden dazu gezwungen, die gesamte Administration an speziell von Beijing entsandte chinesische Regierungskader zu übergeben. Ende Februar wurden diese Klöster von jeweils fünfköpfigen „Arbeitsteams“ besucht, die während einer Versammlung der bisherigen Klosteradministration diesen Beschluss mitteilten. Dann katalogisierten die Teams die Besitztümer der Klöster, einschliesslich aller Antiquitäten, und wiesen die Mönche an, keinerlei Transaktionen mehr ohne Genehmigung vorzunehmen. Der Protest der Mönche, dass die Klöster grösstenteils mit privaten Spenden wiederrichtet worden waren, wurde ignoriert. Auch hielten die Kader „Umerziehungssitzungen“ ab, während derer die Mönche nach Kontakten ins Exil befragt wurden.

Viele Mönche verliesen darauf die Klöster. Darauf kam es zu Petitionen der Einwohner, die Mönche ungestört zu lassen, anderfalls sei niemand mehr für die religiösen Rituale da. Ein öffentlicher Aushang in der Ortschaft Markhug drohte den Mönchen sodann, dass man noch „andere Massnahmen“ treffen werde, sollten sie nicht in die Klöster zurückkehren.

Von mindestens drei Klöstern ist bekannt, dass diese nach dem Auszug der Mönche geschlossen wurden. Auch hier waren „Umerziehungssitzungen“ abgehalten worden, und chinesische Offizielle hatten darauf bestanden, dass die Klöster die chinesische Flagge hissen.

In der Region wurden die „Nachbarschaftskommittees“ der Dörfer zur speziellen Wachsamkeit angewiesen. Niemand dürfe Mönchen Herberge anbieten, wenn sie ihre Klöster verlassen hätten, und die Behörden seien umgehend darüber zu informieren.

Jagd auf Protestierende im Bezirk Drango mit Toten
Nach den blutigen Protesten im osttibetischen Bezirk Drango [vergl. Tibet-Information vom 23. Januar 2012; UM] machen die Sicherheitskräfte Jagd auf alle Tibeter, die der Beteiligung daran verdächtigt wurden. Da viele von Überwachungskameras fotografiert wurden, sind manche von ihnen in die nahegelegenen Berge geflohen.

Bei systematischen Hausdurchsuchungen und Festnahmen wird oft Gewalt angewandt. Nicht nur Mönche, sondern auch Intellektuelle, Kulturschaffende und Umweltschützer werden verhaftet, nicht selten mit Gewalt und Misshandlungen. Im Kloster von Drango wurden wieder „Umerziehungssitzungen“ aufgenommen, und in der Schule wird „patriotischer Unterricht“ durchgeführt.

Von besonderer Gewalt war die Familie des Mönches Yeshe Rigsel betroffen. Dieser hatte bei den Protesten am 23. Januar Fotos gemacht. Später war er aus Furcht vor Verhaftung mit seinem Bruder geflohen. Nach einem Bericht von Augenzeugen hatten Sicherheitskräfte beide am 9. Februar im Winterquartier der Familie ausfindig gemacht.

Nachdem sie mit Gewalt in das Haus eingedrungen waren, kam es zwischen den Sicherheitskräften und Familienmitgliedern zu einem Handgemenge. Danach verliesen die Sicherheitskräfte das Haus wieder, aber, anstatt abzuziehen, eröffneten sie von mehreren Seiten das Feuer. Augenzeugen berichten von einem „Kugelhagel“, in dem Yeshe Rigsel und sein Bruder ums Leben kamen. Zahlreiche andere Familienmitglieder wurden von den Kugeln zum Teil schwer verletzt. Yeshe Rigsels Mutter musste später ein Arm amputiert werden.

Später wurde gesehen, wie die Körper von Yeshe Rigsel und seinem Bruder mit Seilen um den Hals weggeschleift wurden. Auch wurden die Motorräder der Familie verbrannt.

 

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

19. März 2012
Weitere vier Selbstverbrennungen
In der vergangenen Woche zündeten sich vier Tibeter an. Mindestens zwei sind ihren Verletzungen erlegen.

Gyepe (18 Jahre, Mönch)
Der Mönch aus dem Kloster Kirti in Ngaba, das im Fokus der chinesischen Repression steht und gleichzeitig Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen war, zündete sich am 10. März, dem Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes von 1959, hinter einem chinesischen Militärlager an. Angeblich handelte es sich bei dem Armeelager um das erste, das die chinesische Armee seinerzeit bei ihrer Invasion in Tibet errichtet hatte. Gyepe starb auf der Stelle; sein Leichnam wurde von Sicherheitskräften entfernt. Am folgenden Tag wurde es laut Radio Free Asia fünf Mönchen erlaubt, der Kremation beiwohnen, seinen Angehörigen hingegen nicht [Das TCHRD meldet allerdings, dass es sich bei den fünf Personen um Angehörige und nicht um Mönche handelte; UM].

Jamyang (34 Jahre, Mönch)
Jamyang setzte sich am 14. März, dem Jahrestag des Aufstandes von 2008, vor der Gebetshalle des Klosters Rongbo Gonchen in der nordtibetischen Region Rebkong in Brand. Die anwesenden Tibeter konnten die Flammen löschen. Mitarbeiter des Büros für Öffentliche Sicherheit brachten ihn in das örtliche Spital, später dann auf Bitten des Klosters zurück nach Rongbo Gonchen. Er soll sich in kritischem Zustand befinden.

Als sich Anwohner in Solidarität zu ihm vor dem Kloster versammelten und Gebete rezitierten, wurden sie von Sicherheitskräften umringt und eingeschlossen, hörten aber trotz Drohungen nicht damit auf, Gebete zu rezitieren.

Einen Tag vor der Selbstverbrennung hatten etwa 4‘000 Mittelschüler in Rebkong und in dem Nachbarbezirk Tsekhog für die Verwendung der tibetischen Sprache im Unterricht demonstriert. Sie wurden daraufhin am Verlassen der Schule gehindert. In der Region war es schon im Herbst 2010 zu Schülerprotesten gegen die Verdrängung der tibetischen Sprache aus dem Schulunterricht gekommen [vergl. Tibet-Informationen vom 22., 25., 29. Oktober, 24. November und 7. Dezember 2010; UM].

Lobsang Tsultrim (20 Jahre, Mönch)
Der Mönch des Klosters Kirti setze sich am 16. März auf der Hauptstrasse von Ngaba in Flammen. Als er Sicherheitskräfte auf sich zueilen sah, drehte er um und rannte, Parolen für die Freiheit rufend, in die entgegengesetzte Richtung. Selbst als ihn die Sicherheitskräfte niederwarfen und festhielten, soll er noch die Arme erhoben und gerufen haben. Über seinen Zustand ist nichts bekannt.

Als Reaktion auf die Selbstverbrennung wurden die Armeeposten vor dem Kloster nochmals verstärkt und weitere Kontrollstationen auf den Einfallstrassen nach Ngaba errichtet.

Sonam Dhargye (43 Jahre, Bauer)
Lobsang Tsultrim verbrannte sich am 17. März auf einer Strassenkreuzung beim Gemüsemarkt der Stadt Rongpo, die nicht weit vom Kloster Rongbo Gonchen in der Region Rebkong liegt. Er sei auf der Stelle gestorben. Wie bei Jamyang am 14. März, versammelten sich zahlreiche Mönche und Laien wiederum vor dem Kloster Rongbo Gonchen zu Gebeten. Weitere Details sind noch nicht bekannt.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

6. März 2012
Weitere drei Selbstverbrennungen: Mutter von 4 Kindern und zwei Teenager sterben
Am 3., 4. und 5. März ereigneten sich weitere drei Selbstverbrennungen. Alle drei Tibeterinnen und Tibeter sind ihren Verletzungen erlegen.

Tsering Kyi (19 Jahre, Mittelschülerin)
Die Mittelschülerin entzündete sich am Nachmittag des 3. März auf dem Gemüsemarkt in Machu im Nordosten Tibets, heute chinesische Provinz Gansu. Es ist der erste Fall von Selbstverbrennung in dieser Provinz. Markthändler hätten noch versucht, die Flammen zu löschen. Die herbei geeilte Polizei hätte hingegen auf ihren brennenden Körper eingeschlagen.

Die Mittelschule von Machu war bereits früher Schauplatz von Spannungen. Schüler seien in den vergangengen Wochen unter dem Verdacht festgenommen worden, an Protestaktionen beteiligt gewesen zu sein.

Unmittelbar nach der Selbstverbrennung wurde die Schule von Sicherheitskräften abgeriegelt. Nicht einmal die Eltern haben noch Kontakt mit ihren Kindern. Die Schülerinnen und Schüler werden einzeln verhört. Internetcafes wurden geschlossen, und Mobiltelefone von Tibetern werden kontrolliert, ob von ihnen Bilder und Nachrichten in das Ausland geschickt wurden.

Rinchen (33 Jahre, vierfache Mutter)
Rinchen setzte sich vor dem Kloster Kirti in Ngaba, das Schauplatz der meisten Verbrennungen war, am 4. März morgens früh in Brand, direkt neben der Zentrale der Sicherheitskräfte, die das Kloster seit Wochen abriegeln. Sie rief, wie alle anderen vor ihr auch, Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama.

Den Mönchen von Kirti gelang es, ihren Leichnam in das Kloster zu bringen.

Rinchen, die verwitet ist, hinterlässt vier Kinder im Alter von 13 Jahren bis wenigen Monaten. Ihr Mann starb vor einem Jahr.

Dorje (19 Jahre)
Dorje entzündete sich am 5. März morgens früh vor einem Regierungsgebäude in der Ortschaft Cha in der Provinz Ngaba, etwa 60 km von der Stadt Ngaba entfernt. Er sei brennend und Parolen rufend auf das Gebäude zugelaufen. Sein Leichnam wurde darauf von Sicherheitskräften weggetragen.

Dorje stammt aus derselben ländlichen Region wie Rinchen, die sich am Tag zuvor selbst verbrannt hatte.

Quellen: Süddeutsche Zeitung;Focus; International Campaign for Tibet

 

2. März 2012
China befiehlt fröhliches Feiern zum tibetischen Neujahr
Zum tibetischen Neujahrsfest wurde eine grosse Propagandauschau organisiert. In Lhasa fand auf Geheiss der Behörden eine viereinhalbstündige Revue statt, die im Fernsehen übertragen wurde. Insgesamt 35 Darbietungen mit Titeln wie „Drache in blühender Zeit“, „Grosse Verheissung des Glücks“ oder „Reigen für ein glückliches Lhasa“ fanden statt, darunter auch ein grosses Pferderennen und ein Tanz am Fusse des Potala-Palastes mit 5000 Teilnehmern. Danach sollten Tibeter über die Stadt verteilt die Tänze wiederholen.

Die Medien berichteten auch über zahlreiche Filmpremieren in den Kinos von Lhasa, über die festliche Beleuchtung seiner historischen Bauwerke einschliesslich der Klöster, von vollen Restaurants und einer „freudig-erwartungsvollen“ Stimmung mit fröhlichen Menschen.

In starkem Kontrast zu diesen Meldungen stehen die Warnungen von Kadern vor „sezessionistischen Sabotageakten“, die angeblich zum 10. März, dem Jahrestag des Volksaufstandes von 1959, von der „Dalai-Clique“ geplant seien. Die in Beijing erscheinende englischsprachige Zeitung „Global Times“ warnte gar mit der Titelzeile „Tibets Offizielle bereiten sich auf Krieg vor.“ Die Überwachung von Internet und Mobiltelefonen wurde nochmals verschärft.

Zunehmende Repression zwingt Mönche zum Verlassen ihrer Klöster
Wegen der aggressiven Durchsetzung der „Patriotischen Umerziehung“ verlassen immer mehr Mönche ihre Klöster. Auch werden Mönche auf Geheiss der Behörden aus Klöstern verwiesen, wenn sie sich der offiziellen Politik verweigern.

Im Kloster Bekar in der nordtibetischen Präfektur Nagchu verliessen die meisten Mönche nach Drohungen von Kadern, die sich zunehmend im Kloster einquartiert hätten, ihre Behausungen. Bewohner des Ortes hätten daraufhin die Leichen von Verstorbenen vor dem Verwaltungsgebäude abgelegt, um dagen zu protestieren, dass niemand mehr die Totenrituale durchführen kann. Auch von anderen Klöstern wird berichtet, dass immer mehr Mönche weggehen, etwa wenn die Behörden religiöse Zeremonien verbieten, oder das Hissen der chinesischen Flagge oder das Aufhängen der Portraits von kommunistischen Führern anordnen.

Protestaktionen und Verhaftungen
Noch immer trotzen Tibeter der massiven Präsenz der Sicherheitskräfte und führen Protestaktionen durch.

In der osttibetischen Präfektur Kardze, nahe Serthar, das bereits im Januar Schauplatz der blutigen Niederschlagung eines Protests war [vergl. Tibet-Information vom 26. Januar 2012; UM], versammelten sich auf einer Strasse Mönche zu einem Gebet, worauf sich weitere Tibeter dazu gesellten, die die verbotene tibetische Nationalfahne hochhielten und ein Transparent mit dem Namen der Personen entrollten, die sich selbst verbrannt hatten. Die Sicherheitskräfte schritten nicht ein, fotografierten aber die Beteiligten – möglicherweise um sie später festzunehmen, ohne Aufsehen zu erregen.

In Yushul in der nordtibetischen Provinz Qinghai führten Mönche des Klosters Zikar einen 11 km langen Protestmarsch an. An einer Brücke versperrten Sicherheitskräfte den Weg, worauf die Menge auf etwa 1000 Personen anwuchs. Während die meisten Tibeter unbehelligt blieben, wurden 25 Mönche als Rädelsführer in einem lokalen Schulgebäude festgesetzt, wo sie ebenso wie die übrigen Mönche im nun abgeriegelten Kloster Zikar einer „patriotischen Umerziehung“ unterworfen werden.

Quellen: Süddeutsche Zeitung; Blick; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)

 

20. Februar 2012
Weitere 2 Selbstverbrennungen
Am 17. und 19. Februar haben sich weitere zwei Tibeter selbst verbrannt. Beide starben noch am gleichen Tag an ihren Verbrennungen.

Damchoe Sangpo (etwa 40 Jahre)
Damchoe Sangpo, ein Mönch aus dem Kloster Bongthak im Norden Tibets, heute chinesische Provinz Qinghai, setzte sich am 17. Februar morgens früh in Brand, als die anderen Mönche aus der Morgenzeremonie kamen. Bemerkenswert ist, dass er ehemals Mitglied des sogenannten „Demokratischen Verwaltungsrats“ war, also eines Gremiums, das die Kontrolle von Staat und Partei über das Kloster sicherstellen sollte. Auch wirkte er als Disziplinmeister und Lehrer.

Er hatte sich in der Vergangenheit den lokalen Behörden entgegenstellt und sie aufgefordert, das Kloster zu verlassen, nachdem sie sich nach einem Vorfall vor einiger Zeit in die Angelegenheiten des Klosters eingemischt hatten. Ein Mönch des Klosters hatte gegen den Abbau von Silber in der Nähe protestiert und war nach seiner Aktion verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Im Januar wurde die Zahl der um das Kloster postierten Sicherheitskräfte erhöht, die die Mönche bei der Abhaltung von Zeremonien hinderten. Die Sicherheitskräfte drohten, das Kloster zu schliessen, wenn die Mönche nicht an der „Patriotischen Umerziehung“ teilnehmen.

Nach seiner Selbstverbrennung wurden alle Telefon- und Internetleitungen in die Region unterbrochen. Laut Informanten führen Sicherheitskräfte Razzien im Kloster durch.

Nangdrol (18 Jahre)
Nangdrol setzte sich am Mittag des 19. Februar vor dem Kloster Zamthang in der Provinz Ngaba in Flammen und starb auf der Stelle.

Sicherheitskräfte versuchten, sich des Leichnams zu bemächtigen, doch gelang es den Mönchen des Klosters, seinen verbrannten Körper zur Abhaltung der letzten Riten ins Kloster zu bringen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)

 

20. Februar 2012
Weitere 2 Selbstverbrennungen
Am 17. und 19. Februar haben sich weitere zwei Tibeter selbst verbrannt. Beide starben noch am gleichen Tag an ihren Verbrennungen.

Damchoe Sangpo (etwa 40 Jahre)
Damchoe Sangpo, ein Mönch aus dem Kloster Bongthak im Norden Tibets, heute chinesische Provinz Qinghai, setzte sich am 17. Februar morgens früh in Brand, als die anderen Mönche aus der Morgenzeremonie kamen. Bemerkenswert ist, dass er ehemals Mitglied des sogenannten „Demokratischen Verwaltungsrats“ war, also eines Gremiums, das die Kontrolle von Staat und Partei über das Kloster sicherstellen sollte. Auch wirkte er als Disziplinmeister und Lehrer.

Er hatte sich in der Vergangenheit den lokalen Behörden entgegenstellt und sie aufgefordert, das Kloster zu verlassen, nachdem sie sich nach einem Vorfall vor einiger Zeit in die Angelegenheiten des Klosters eingemischt hatten. Ein Mönch des Klosters hatte gegen den Abbau von Silber in der Nähe protestiert und war nach seiner Aktion verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Im Januar wurde die Zahl der um das Kloster postierten Sicherheitskräfte erhöht, die die Mönche bei der Abhaltung von Zeremonien hinderten. Die Sicherheitskräfte drohten, das Kloster zu schliessen, wenn die Mönche nicht an der „Patriotischen Umerziehung“ teilnehmen.

Nach seiner Selbstverbrennung wurden alle Telefon- und Internetleitungen in die Region unterbrochen. Laut Informanten führen Sicherheitskräfte Razzien im Kloster durch.

Nangdrol (18 Jahre)
Nangdrol setzte sich am Mittag des 19. Februar vor dem Kloster Zamthang in der Provinz Ngaba in Flammen und starb auf der Stelle.

Sicherheitskräfte versuchten, sich des Leichnams zu bemächtigen, doch gelang es den Mönchen des Klosters, seinen verbrannten Körper zur Abhaltung der letzten Riten ins Kloster zu bringen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)

 

17. Februar 2012
Neuer Leiter der Präfektur Ngaba
Nach der Ablösung von Kadern, denen Versagen bei der Niederschlagung der Protestaktionen vorgeworfen wird [vergl. Tibet-Information vom 13. Februar 2012; UM], setzte China nun einen neuen Leiter der Präfektur Ngaba (chin. Aba) ein. Liu Zuoming, der früher als Staatsanwalt tätig war, bestätigte umgehend, den harten Kurs fortzusetzen. In seiner Antrittsrede sagte er, alles müsse getan werden, um die "Spaltung, Infiltration und Sabotage durch feindliche Kräfte aus dem In- und Ausland" zu bekämpfen.

Aus Indien zurückkehrende Pilger in „Politischer Umerziehung“
Von mehreren hundert Tibetern, die in Indien an der Kalachakra-Zeremonie teilgenommen hatten und bei ihrer Rückkehr via Nepal nach Tibet verhaftet worden waren [vergl. Tibet-Information vom 4. Februar 2012; UM] fehlt weiter jede Spur. Augenzeugen hatten berichtet, dass sie die Verhafteten auf dem Bahnhof von Lhasa sahen, wie sie in Züge mit unbekanntem Ziel verbracht wurden.

Nach Informationen von Human Rights Watch sind diese Tibeter zur „Politischen Umerziehung“ interniert. Diese Massnahme, die zuletzt während der Kulturrevolution in den 70-er Jahren in grossem Stil praktiziert wurde, soll in der Regel zwischen 20 Tagen und 3 Monaten dauern.

Trotz Nachrichtensperre: Bilder und Berichte aus Ngaba
Sowohl BBC als auch The Guardian haben Bildmaterial online gestellt, das die Situation in der schwer belagerten Region Ngaba zeigt. Es gelang Reportern, trotz zahlreicher Kontrollen und Strassensperren in die Region vorzudringen.

Deren eindrucksvolle Berichte samt Bildmaterial sind unter http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-china-16908985 und http://www.guardian.co.uk/world/video/2012/feb/10/inside-tibet-heart-protest-video zu finden.

Quellen: Aargauer Zeitung; Human Rights Watch/Focus; BBC/Guardian

 

14. Februar 2012
Wiederum Selbstverbrennung in Ngaba
Nur 2 Tage nach der letzten Selbstverbrennung einer 18-jährigen Nonne [vergl.Tibet-Information vom 13. Februar 2012;UM] setzte sich am 13. Februar der 19-jährige Mönch Lobsang Gyatso auf der Hauptstrasse von Ngaba in Brand. Lobsang Gyatso stammt aus dem von Sicherheitskräften besetzten und drangsalierten Kloster Kirti. Auch er rief Parolen gegen die Unterdrückung der Tibeter, während er in Flammen stand.

Sicherheitskräfte löschten die Flammen, prügelten aber auch gleichzeitig auf ihn ein. Er wurde fortgeschafft, ohne dass Weiteres über seinen Zustand bekannt ist.

Zwei weitere tibetische Jugendliche, die Zeugen des Vorfalls wurden, wurden ebenfalls von Sicherheitskräften geprügelt. Einer konnte mit Hilfe von anderen Tibetern fliehen, während der zweite, der am Arm und Kopf blutende Wunden aufwies, von Sicherheitskräften abgeführt wurde.

Danach wurde die Zahl der Kontrollstellen mit Sicherheitskräften in Ngaba nochmals erhöht, und Tibeter auf der Strasse werden teils willkürlich durchsucht.

Zehn von 27 in China inhaftierten Journalisten sind Tibeter
Nach der jährlichen Erhebung des Committee to Protect Journalists (CPJ), einer NGO, die sich die Förderung der Pressefreiheit zum Ziel setzt, sind 10 von 27 in China inhaftierten Journalisten Tibeter, weitere 6 sind Uiguren. Diese Zahl könnte auch höher sein, da es noch weitere, unbekannte Fälle von Inhaftierungen geben dürfte. Der häufigste Vorworf gegen diese Journalisten, die von Staat und Partei unerwünschte Nachrichten verbreiten, ist „Verrat von Staatsgeheimnissen“.

Auch sind seit einigen Tagen populäre Internetseiten mit tibetischen Blogs, wie Rangdrol.net und AmdoTibet gesperrt.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

13. Februar 2012
Wiederum 2 Selbstverbrennungen, noch mehr Sicherheitskräfte in Ngaba
Am 8. und 11. Februar ereigneten sich zwei weitere Selbstverbrennungen im Bezirk Ngaba (chin. Aba), der Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen war. Insgesamt steigert sich die Zahl der Selbstverbrennungen auf 22, davon 21 seit einem Jahr.

Am 8. Februar setzte sich der 19-jährige Rinzin Dorjee in Flammen. Sicherheitskräfte löschten die Flammen und brachten ihn in ein Spital. Weiteres ist über ihn nicht bekannt, aber Informanten beschrieben seinen Zustand als „an der Schwelle des Todes“. Rinzin Dorjee hatte aus unbekannten Gründen im Jahre 2010 das Kloster Kirti, das seit der Selbstverbrennung im März 2011 von Sicherheitskräften belagert wird [vergl. Tibet-Information vom 21. März 2011;UM], verlassen und lebte seitdem bei seinen Eltern. Zwei Mönche, die Zeugen seiner Selbstverbrennung waren, wurden verhaftet. Weiteres ist über sie nicht bekannt.

Am 11. Februar folgte die 18-jährige Nonne Tenzin Choedon. Auch sie setzte sich im Bezirk Ngaba an einer Strassenkreuzung, nahe ihrem Kloster, in Flammen und rief Parolen gegen die chinesische Herrschaft in Tibet. Tenzin Choedon stammt aus dem Kloster Dechen Choekhorling. Aus dem gleichen Kloster hatte sich schon am 17. Oktober letzten Jahres eine Nonne selbst verbrannt und war verstorben [vergl. Tibet-Information 18. Oktober 2011; UM]. Tenzin Choedon wurde von Sicherheitskräften in ein Spital gebracht; weiteres über ihren Zustand ist nicht bekannt. Das Kloster ist von Sicherheitskräften umstellt, Bewohner bezeichnen es als „Belagerung“.

Im Ort Ngaba kommen nach Angaben von Bewohnern inzwischen drei Sicherheitskräfte auf jeden Einwohner. Patrouillien mit Schuss- und Schlagwaffen sind überall im Ort zu sehen, und paramilitärische Kräfte marschierten durch die Strassen. Vor dem Kloster Kirti stehen 40 bis 50 Militärfahrzeuge. Eine Gebetsfeier im Kloster musste abgebrochen werden. Selbst chinesische Ladenbesitzer fürchten, dass die Repression nur noch mehr Gewalt provoziert, schlossen ihre Läden und verliessen die Region.

In der Gemeinde Barma im Bezirk Dzamthang, wo am 27. Januar ein Tibeter bei Protesten erschossen wurde, wurden den Tibetern unterschriebene Erklärungen in chinesischer Sprache abverlangt, die die Protestaktionen verurteilen. Wer nicht Chinesisch konnte, musste seine Erklärung auf dem Polizeiposten mündlich vortragen, wo sie dann protokolliert wurde.

Kommunistische Parteifunktionäre wegen „Versagens“ entlassen
Der neue KP-Vorsitzende der Autonomen Region Tibet, Chen Quanguo, geht auch gegen eigene Funktionäre vor, denen angesichts der Protestwelle“Versagen” vorgeworfen wird. In der letzten Woche mussten deswegen drei Funktionäre ihren Posten räumen. Chen Quanguo fordert in seiner Verlautbarung über die Absetzung der Funktionäre unerbittliche Härte bei der “konsequenten Fortsetzung des Kampfes gegen die Dalai-Clique”.

Verwundeter Tibeter auf der Flucht erschossen
Auch auf verwundete Tibeter machen die Sicherheitskräfte Jagd. Ein am 23. Januar bei den Protesten in Drango [vergl. Tibet-Information vom 23. Januar 2012; UM] verwundeter Tibeter wurde von Sicherheitskräften aufgespürt und in seinem Versteck gemeinsam mit seinem Bruder erschossen. Der Tote ist 40-jährige Yeshi Rigsel, ein Mönch aus dem lokalen Kloster. Er stammt wie sein erschossener 38-jähriger Bruder Yeshi Samdup aus einer Nomadenfamilie. Die Brüder hatten sich nach den Protesten am 23. Januar in den nahe gelegenen Bergen versteckt gehalten.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy THCRD; Radio Free Asia; freetibet.org; Wiener Zeitung; Phayul

 

7. Februar 2012

Drei weitere Selbstverbrennungen
In einem entlegenen Ort, etwa 150 km von Serthar entfernt, haben sich am 3. Februar drei Tibeter in Brand gesetzt. Während sie in Flammen standen, hätten alle drei Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama gerufen. Weil der Ort so entlegen ist, gelangte diese Nachricht erst jetzt ins Ausland. In Serthar waren bis zu 5 Tibeter getötet worden, als Sicherheitskräfte das Feuer auf protestierende Tibeter eröffneten [vergl. Tibet-Information vom 26. Januar 2012; UM].

Einer der Tibeter ist nach Informanten von Radio Free Asia sofort gestorben, zwei weitere hätten mit schweren Verbrennungen überlebt. Während die Identität des Toten nicht bekannt ist, wurden die Namen der beiden Überlebenden mit Tsering, 60 Jahre alt, und Kyari, 30 Jahre alt, angegeben. Journalisten riefen eine Beamtin in der lokalen Verwaltung des Bezirks Serthar an, die jedoch den Vorfall dementierte.

Falls diese Nachrichten zutreffen, steigt die Zahl der Selbstverbrennungen seit 2009 auf 20, davon allein 19 seit einem Jahr.

Bilddokumente von Protesten in Drango
Unterdessen gelangten Fotos aus Drango in das Ausland, die Opfer des von Sicherheitskräften blutig niedergeschlagenen Protests vom 23. Januar zeigen [vergl. Tibet-Information vom 26. Januar 2012; UM]. Die Bilder sind zu sehen unter http://www.flexform.de/pppmbeva.

Nach Berichten aus Drango wagen sich Tibeter nicht mehr in die Innenstadt, da sie sonst Gefahr laufen, verhaftet und während Verhören misshandelt zu werden.

Quellen: Radio Free Asia; Der Stern

 

4. Februar 2012
China verschärft die Repression in Tibet
Eine ganze Reihe von Massnahmen, die in der letzten Woche publik wurden, zeigen das Aussmass der neuen Restriktionen, die China in allen Regionen Tibets implementiert. Einmal mehr werden „separatistische Gruppierungen im Ausland“ beschuldigt, hinter den Unruhen zu stehen. „Die Versuche separatistischer Gruppen im Ausland, die Wahrheit zu verdrehen und die chinesische Regierung zu diskreditieren, sind zum Scheitern verurteilt“, erklärte ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums.

Abriegelung von Regionen in Sichuan und Gansu
Die Regionen Tibets, die heute in Sichuan und Gansu liegen, werden hermetisch von der Aussenwelt abgeriegelt. Reporter der Nachrichtenagentur AFP wurden an der Reise in den Westen Sichuans gehindert. Bei einer Kontrolle an der Fernstrasse wurden sie wegen „Schneefalls“ zurückgewiesen. In der Präfektur Kandze (chin. Ganzi) waren die Telefon- und Internetverbindungen gestört oder ganz unterbrochen. Im tibetischen Viertel von Chengdu, der Hauptstadt Sichuans, war es Reportern untersagt, Fotos oder Interviews zu machen.

Aushängen von chinesischen Flaggen und Portraits von Politikern
Im Rahmen der im letzten Dezember vom neuen Parteivorsitzenden in Tibet, Chen Quanguo, in tibetischen Dörfern implementierten Kampagne „Neun Dinge, die man haben muss“, wurden zum chinesischen Neujahr über eine Million chinesischer Flaggen und Wandbilder mit den Portraits von chinesischen Staatsführern an Klöster, Schulen, Büros und Haushalte verteilt. Der Vorsitzende der kommunistischen Regionalregierung in Tibet, Padma Choling, bezeichnete das Aushängen der Portraits als Ausdruck der „von Herzen kommenden Dankbarkeit der Tibeter an die Zentralregierung und die Kommunistische Partei Chinas“.

Ausweiszwang
Alle Personen, die nach Tibet einreisen wollen, müssen ab 1. März einen von der Regierung ausgestellten Personalausweis (chin. shen fen zheng) mit sich führen. Bei einer Inspektionsreise sagte der Vorsitzende der Kommunistischen Partei in Lhasa, Qi Zhala, diese Massnahme diene der „Koordination zwischen den vier Provinzen“ [Qinghai, Gansu, Yunnan und Sichuan, in die jeweils Teile des historischen Tibets aufgenommen wurden; UM]. Die Polizei dürfe „keine kleinen, keine mittleren, und keine grossen Zwischenfälle zulassen“ und müsse gegen „Separatisten hart zuschlagen“. Die Sicherheitsmassnahmen müssten verschärft und die Zahl der Polizisten vergrössert werden, besonders entlang der Überlandstrassen und bei den „Schlüsselklöstern“.

Personenkontrollen und Hausdurchsuchungen
Tibeter in Lhasa klagen, dass sie kaum ein Paar Schritte auf der Strasse machen könnten, ohne von der Polizei kontrolliert zu werden. Es gibt viele Berichte von willkürlichen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Sicherheitskräfte kontrollieren die Identität aller Hotelgäste in Lhasa. Selbst in Beijing wurden die Hotels und Badehäuser vom Büro für Öffentliche Sicherheit angewiesen, auf die Anwesenheit von Tibetern zu achten. Das Personal muss deren Identität kontrollieren und Hotelgäste sofort der lokalen Polizeistation melden.

Aus Indien zurückkehrende Pilger verhaftet
Mehrere Hundert Pilger, die via Nepal aus Indien nach Tibet zurückkehrten, sind verhaftet und in einen Zug nach China mit unbekanntem Ziel verbracht worden. Augenzeugen hatten diese Szene auf dem Bahnhof von Lhasa beobachtet. Über das Schicksal dieser Tibeter ist nichts bekannt.

Am Grenzübergang von Nepal nach Tibet im Ort Drangmo (chin. Zhangmu) wurden vom Büro für Öffentliche Sicherheit eigens 12 Kontrollposten eingerichtet, die zurückkehrende Tibeter kontrollieren und verhören. Schon früher hatten Tibeter geklagt, dass ihnen bei diesen Kontrollen religiöse Gegenstände, sogar ihre Gebetsketten, oder in Indien gekaufte Medikamente weggenommen würden, und dass sie mitunter mit vorgehaltener Waffe bedroht und eingeschüchtert würden.

Quellen: ORF; Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

26. Januar 2012
Unruhen in Tibet weiten sich aus – weitere Todesopfer
Angesichts der offiziellen Nachrichtensperre und dem Einreiseverbot für unabhängige Beobachter ist es derzeit schwer, sich ein angemessenes Bild von den Unruhen in Tibet und der Zahl der Opfer zu machen.

Die Nachrichten von Informanten deuten darauf hin, dass sich an mehreren Orten Proteste ereigneten, denen von Sicherheitskräften mit Waffengewalt begegnet wurde, und dass es mehrere Todesopfer gab.

In Drango[vergl. Tibet-Information vom 23. Januar 2012; UM] soll es unbestätigten Meldungen zufolge nicht nur ein, sondern bis zu 6 Todesopfer gegeben haben. Nahezu 40 verwundete Tibeter sollen im Kloster Zuflucht gesucht haben, da sie sich nicht trauten, aus Furcht vor Verhaftung und Misshandlung das lokale Spital aufzusuchen. Einige von ihnen befinden sich wegen ihrer schweren Schussverletzungen in kritischem Zustand.

In der Nachbarprovinzu Ngaba (chin. Aba), in dem das Kloster Kirti, Ort der meisten Selbstverbrennungen, liegt, sollen mehrere hundert Mönche und Laien einen Sitzstreik veranstaltet haben. Sie entblössten ihren Oberkörper und rezitierten Gebete, später marschierten sie gegen die aufgebotenen Sicherheitskräfte weiter und riefen Parolen zur Freiheit Tibets und für die Rückkehr des Dalai Lama. Es ist nicht bekannt, ob dieser Protest niedergeschlagen wurde.

Eine grosse Zahl von Opfern soll es auch in der Stadt Serthar, Präfektur Kardze (heutige chinesische Provinz Sichuan), gegeben haben. In Serthar, das schon im Oktober Schauplatz eines Protestes wurde [vergl. Tibet-Information vom 4. Oktober 2011; UM], sind nach Meldung von Augenzeugen bis zu 5 Tibeter erschossen worden, weitere 10 seien verwundet und etwa 40 verhaftet worden. Die Proteste begannen am 23. Januar, als im Ort Plakate gesehen wurden, die die offiziell verbotene tibetische Nationalflagge, Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama zeigten und ankündigten, dass weitere Selbstverbrennungen folgen würden, wobei die Leichname nicht in die Hände der Polizei fallen dürften.

Am 24. Januar versammelten sich etwa 300 Tibeter vor der örtlichen Polizeistation von Sertar. Die Sicherheitskräfte hätten wahllos in die Menge geschossen. Niemand traue sich mehr auf die Strasse, da auf alle Menschen, die sich dort bewegen, geschossen werde. Alle Strassenkreuzungen seien von Sicherheitskräften besetzt. Hotels, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen seien geschlossen. Der Ort stehe praktisch unter Kriegsrecht mit einer Ausgangssperre.

Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua gab schlussendlich die Unruhen zu und sprach von einem „Mob“, der die Polizeistation und eine Bank zu stürmen versuchte. Die Sicherheitskräfte hätten erst zu den Waffen gegriffen, als alle anderen Versuche fehlschlugen, wobei es zwei Todesopfer gab. Der Dalai Lama und Organisationen im Exil hätten diese „vorbereitete und organisierte Gewalt“ zu verantworten.

Quellen: Tibetan Center for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia RFA; Der Standard (Österreich)

 

16. Januar 2012
Weitere Selbstverbrennung in Tibet – Polizei erschiesst Protestierende
Am 14. Januar kam es wiederum zu einer Selbstverbrennung in Ngaba, das schon vorher Schauplatz von 11 Selbstverbrennungen war.

Ein tibetischer Laie, dessen Namen und Alter unbekannt sind, erlag noch am Ort seinen Brandverletzungen. Nach Berichten von Augenzeugen löschte zwar die herbeigeeilte Polizei die Flammen, habe aber während des Löschens mit einem Schlagstock auf die Person eingeprügelt.

Als sich daraufhin etwa 700 aufgebrachte Tibeter versammelten und die Herausgabe des Leichnams forderten, setzte die Polizei Tränengas und Schusswaffen ein. Während ICT berichtet, der Protest habe sich am Ort der Verbrennung zugetragen, schildert Phayul die lokale Polizeistation als Ort des Aufruhrs.

Auch gehen die Berichte auseinander, was die Opfer angeht. Laut ICT starben zwei Tibeter durch die Schüsse, während Free Tibet Campaign von einer weiteren getöteten Tibeterin berichtet. Übereinstimmend berichten Augenzeugen auch von einem „starken Gas“, das eingesetzt wurde, um die Protestierenden zu zerstreuen, worauf „viele zu Boden fielen“ und von Sicherheitskräften verprügelt wurden. Es soll weitere Verletzte gegeben haben, wobei unklar ist, ob durch Schüsse, Schläge oder durch das Gas. Auch sollen zahlreiche Personen verhaftet worden sein.

China diskreditiert Tibeter, die sich selbst verbrannten
Eine neue Erklärungsvariante für die Welle der Selbstverbrennungen wurde in den letzten Tagen von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua verbreitet. Während früher behauptet wurde, die Selbstverbrennungen würden durch den Dalai Lama und die tibetische Regierung im Exil gelenkt, zitiert Xinhau nun einen Tibetologen des Forschungszentrums für Tibetologie in der Provinz Sichuan mit einer neuen Sicht auf das Problem. Dieser sagte, es handele sich dabei um Personen, „die früher für Vergehen bestraft wurden, zum Beispiel für Unzucht, Glücksspiele und Einbruch, oder die Schulden wegen Glücksspielen haben.“

Quellen: Phayul; International Campaign for Tibet ICT, Free Tibet Campaign

 

10. Januar 2012
Die 15. Selbstverbrennung in Tibet
Nur zwei Tage nach den Selbstverbrennungen zweier Tibeter in Ngaba [vergl. Tibet-Information vom 9. Januar 2012; UM] setzte sich am 8. Januar der etwa 40-jährige Sonam Wangyal, ein hoch geachteter reinkarnierter Mönch, in Brand und starb auf der Stelle. Dieses ist der 15. Fall seit Beginn der Serie vor fast einem Jahr.

Sonam Wangyal, auch kurz Sopa genannt, trank Kerosin und verteilte den Rest auf seiner Kleidung, bevor er sich vor einer Polizeistation in Darlag in der Region Golog in Nordost-Tibet anzündete. Während er in Flammen stand, rief er Parolen zur Freiheit Tibets und ein langes Leben für den Dalai Lama. Er hinterliess ein Schriftstück, auf dem er mitteilte, er tue dieses nicht „zum persönlichen Ruhm, sondern für Tibet und für das Glück der Tibeter.“ Er ergänzte unter anderem: „Die Tibeter sollten in ihrer Entschlossenheit nicht nachlassen. Die Tage der Freude werden sicher kommen.“

Nachdem Sicherheitskräfte die verbrannte Leiche entfernt hatten, versammelten sich hunderte von Tibetern, um die Herausgabe zu verlangen. Später hielten dort etwa 2‘000 Menschen mit Kerzen eine Mahnwache ab, worauf ihnen die Polizei den Leichnam übergab.

Nach Informationen von RFA sind die Sicherheitskräfte in der Region Golog massiv verstärkt worden, nachdem Plakate auftauchten, die Sopas Tat loben und zu einem Boykott chinesischer Waren aufrufen. Auch werden in den kommenden Tagen tausende von Tibetern zu einer Gedenkfeier in seinem Kloster erwartet.

Beide Tibeter, die sich am 6. Januar anzündeten, sind verstorben
Die Namen der beiden Tibeter werden mit Tsultrim und Tenyi angegeben. Beide seien etwa 20 Jahre alt gewesen. Tenyi starb noch am gleichen Tag, Tsultrim einen Tag später.

Als Zeichen der Wertschätzung und Trauer waren alle tibetischen Läden in Ngaba am Tag darauf geschlossen.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA

 

9. Januar 2012
Wieder Selbstverbrennungen in Tibet
Am 6. Januar haben sich zwei weitere Personen in Ngaba, dem Ort der meisten Selbstverbrennungen seit letztem Jahr, in Brand gesetzt. Es handelt sich um die 13. und 14. Fälle seit Beginn der Serie vor fast einem Jahr.

Die Namen der beiden Männer sind nicht bekannt. Einer der beiden sei ein Mönch gewesen, der andere ein Laie. Beide zündeten sich auf einer Hauptstrasse in Ngaba, nahe des Klosters Kirti, in Brand. Sie hätten die Hände zu einer Gebetsgeste geformt und sich dem Kloster zugewandt, dabei Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama gerufen.

Sicherheitskräfte hätten die Flammen gelöscht und beide abtransportiert. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt.

Der Vorfall wurde durch einen Tibeter aus der Region bestätigt, der sich derzeit zur Kalachakra-Zeremonie in Bodh Gaya in Nordindien aufhält und telefonisch Kontakt zu Angehörigen in Ngaba hatte.

Am Ort der Erleuchtung Buddhas hält sich auch der Dalai Lama auf, der die religiösen Belehrungen zur Kalachakra-Zeremonie gibt. Nach Angaben des Pilgerbüros in Bodh Gaya sind dort über 9‘000 Tibeter und schätzungsweise 1‘200 chinesische Buddhisten registriert.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia

Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

19. Dezember 2013
Weitere Selbstverbrennung in Tibet
Am Nachmittag des 19. Dezember hat sich der 42-jährige Mönch Tsultrim Gyatso in Amchok, Präfektur Malho in der chinesichen Provinz Gansu, selbst verbrannt. Er war Mönch im Kloster Amchok. Nach Berichten von Augenzeugen starb er auf der Stelle. Anderen Mönchen und zufällig anwesenden Laien gelang es, seinen Leichnam vor Eintreffen von Polizei in das Kloster zu bringen. Dort versammelten sich über 400 Mönche für die Totenrituale.

Tsultrim Gyatso hinterliess Notizen in Versform, die TCHRD nur teilweise übersetzen konnte, weil nicht alle leserlich waren. Darin fordert er die Rückkehr des Dalai Lama, die Freilassung des Panchen Lama und Massnahmen zum Wohlergehen für alle Tibeter, beklagt aber auch die rücksichtlose Ausbeutung von Bodenschätzen durch China und die drakonischen Unterdrückungsmassnahmen.

Damit steigert sich die Zahl der Selbstverbrennungen seit 2009 auf insgesamt 125.

Tibetischer Gelehrter in Haft zu Tode geprügelt
Am 17. Dezember starb der Mönch Ngawang Jamphel, 45, in der Haft in Lhasa, mutmasslich durch erlittene Misshandlungen. Er war am 23. November mit zwei weiteren Mönchen festgenommen worden, als sie ihre Ferientage in Lhasa verbrachten.

Ngawang Jamphel war im Kloster Tarmoe im nordtibetischen Bezirk Driru ein sehr angesehener buddhistischer Gelehrter. Driru war seit Oktober Schauplatz mehrerer Proteste, Verhaftungen und „Umerziehungskampagnen“, nachdem sich Anwohner den erzwungenen Loyalitätskundgebungen für China verweigert hatten [vergl. Tibet-Informationen vom 8. und 9. Oktober sowie 11. November 2013; UM].

Sein Leichnam wurde am 17. Dezember der Familie übergeben, die in Lhasa die Einäscherung durchführte. Nach Angaben von Familienmitgliedern ist die erlittene Gewalt während der Haft so gut wie sicher die Todesursache, da er sich bei der Verhaftung in ausgezeichnetem Gesundheitszustand befand. Das Schicksal der beiden anderen verhafteten Mönche ist unklar. Die Behörden verboten den Familienangehörigen, über seinen Tod zu sprechen. Würden diese Nachrichten ausserhalb Tibets verbreitet, drohe ihnen „das gleiche Schicksal“.

Ngawang Jamphel hatte zwischen 1989 und 2007 im indischen Exil höhere buddhistische Studien betrieben und mit dem Titel eines Geshe, vergleichbar mit Bachelor, abgeschlossen. Nur ein Jahr nach seiner Rückkehr nach Tibet wurde er wegen „Verrats von Staatsgeheimnissen“ verhaftet und verbrachte 2 Jahre in Haft. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis unterrichtete er Mönche und Laien im Kloster Tarmoe in buddhistischer Dialektik und beteiligte sich an zahlreichen sozialen Initiativen, wie z.B. dem Schlichten von Streitigkeiten oder Massnahmen, Jugendliche vom Alkohol oder Glücksspiel abzuhalten. Sowohl im Kloster als auch im Dorf war er wegen seiner Kenntnisse der buddhistischen Lehre hoch angesehen.

Das Kloster Tarmoe wurde gleich nach der Verhaftung von Sicherheitskräften durchsucht und ist seitdem geschlossen. Als die Mönche sich weigerten, die Schlüssel zu ihren Mönchszellen auszuhändigen, wurden die Türen aufgebrochen und zahlreiche Gegenstände wie Laptops, Mobiltelefone, Satellitenschüsseln, aber auch Fotografien und andere persönliche Habseligkeiten mitgenommen. Regierungskader verlangten, dass alle Mönche des Klosters, die sich zu buddhistischen Studien im Ausland oder in den benachbarten Provinzen aufhalten, unverzüglich zürückgerufen werden, und dass alle Mönche unter 17 Jahren aus dem Kloster fortgewiesen werden. In zwei benachbarten Klöstern wurden insgesamt 8 Mönche verhaftet.

Die Verhaftung von Ngawang Jamphel ist nur eine weitere in der langen Reihe von Verhaftungen seit 2008, die vor allem auf gut ausgebildete Tibeter abzielt. Damit sollen vor allem die möglichen Wortführer von Protesten zum Schweigen gebracht werden. Mönche, die sich im indischen Exil oder in Nachbarprovinzen weitergebildet haben, gelten als besonders gefährlich und sind Ziel strikter „Umerziehungsmassnahmen“. Driru gilt laut Regierungsquellen generell als „instabile“ Region und soll vordringlich „befriedet“ werden, um „negative Folgen“ für andere Regionen in Tibet zu verhindern.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

5. Dezember 2013
30-jähriger Tibeter verbrennt sich
Am späten Nachmittag des 3. Dezember hat sich der 30-jährige Tibeter Kunchok Tseten in der Ortschaft Meruma in der osttibetischen Präfektur Ngaba selbst verbrannt. Er setzte sich mitten im Ort in Brand und soll, Parolen für ein langes Leben des Dalai Lama und die Wiedervereinigung aller Tibeter rufend, nach wenigen Schritten zusammengebrochen sein. Dabei habe er nach Berichten von Augenzeugen noch seine Hände zur Gebetshaltung geformt. Schon vor längerer Zeit habe er Freunden gegenüber bemerkt, er könne die „Grausamkeiten der chinesischen Regierung nicht mehr ertragen“.

Polizisten auf einer Routinepatrouille hätten sofort seinen brennenden Körper umringt, um zu verhindern, dass Tibeter diesen wegtrugen. Nach einem Gerangel mit den anwesenden Tibetern wurde sein Körper schliesslich von der Polizei abtransportiert. Er sei dabei noch am Leben gewesen, aber nach Angaben der Polizei auf dem Weg in ein Spital verstorben. Ohne die Angehörigen zu informieren, wurde sein Leichnam kremiert und die Urne am nächsten Tag einem Verwandten übergeben.

Mehrere Tibeter, die an dem Zusammenstoss mit der Polizei beteiligt waren, wurden festgenommen. Auch nahm die Polizei kurz darauf seine 28-jährige Frau und mehrere Verwandte fest. Kunchok Tseten hinterlässt zwei Kinder im Alter von 3 und 4 Jahren.

Die Polizei konfiszierte alle Mobiltelefone der Zeugen der Selbstverbrennung, ordnete die Schliessung alle Geschäfte und Restaurants in Meruma an und schaltete das Internet und Mobilfunknetz ab.

Neue Technolgie für Internetüberwachung in China
Die Tsinghua-Universität in China hat eine neue Technologie entwickelt, mit der sich sämtliche Internetkommunikation in den Sprachen der „ethnischen Minderheiten“ kontrollieren lässt. Diese Technologie schliesst damit eine Schwachstelle in der ohnehin schon umfassenden Internetkontrolle in China. Meistens waren lokale chinesische Kader, die mit der Kontrolle beauftragt waren, nicht der lokalen Sprachen wie Tibetisch oder Uigurisch mächtig.

Professor Ding Xiaoqing, die das Entwicklungsteam leitete, präsentierte die neue Technologie der Öffentlichkeit und erklärte, dass diese auch über das Internet geführte Telefongespräche, Textnachrichten und in Abbildungen und Grafiken eingebettete Mitteilungen in zahlreichen nicht-chinesischen Sprachen entzifferen könnte. Ausser Tibetisch und Uigurisch beherrsche das System die Sprachen aller grösseren ethnischen Minderheiten in China, dazu habe man auch Arabisch und Japanisch eingeschlossen. „Mittels dieser Technologie können sie [die Überwacher; UM] Informationen in Echtzeit und aus erster Hand erhalten. Sie können auf ein System zurückgreifen, das mehrere Sprachen gleichzeitig beherrscht. Eine immer grössere Zahl an Informationen fliesst über das Internet in einem Format, das bisher die Überwachung der Regierung unterläuft. Die meisten Einrichtungen können heutzutage damit nicht umgehen“, führte Professor Ding aus. So könne man viel früher das Mass an „öffentlicher Aufregung“ bestimmen, das sich in einer anderen Sprache als Putonghua in Internet-Einträgen finden lässt.

Allerdings kann die neue Technologie Informationen in nur jeweils einer einzigen Sprache zu einer gegebenen Zeit entschlüsseln, und man ist nach wie vor auf Ermittler angewiesen, die der jeweiligen lokalen Sprache mächtig sind, um die herausgefilterten Informationen zu analysieren.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA; Reuters

 

28. November 2013
WHO verhindert Auszeichnung für tibetisches Spital im Exil
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat durch einen Einspruch die Verleihung einer Auszeichnung für Tuberkulose-Bekämpfung an das im indischen Exil gelegene Delek-Hospital verhindert. Das in Dharamsala gelegene Spital wurde im vergangenen Monat von Stop TB Partnership, einer internationalen Körpferschaft innerhalb der WHO, informiert, dass dem Delek-Hospital für ihr Programm zur Tuberkulosebekämpfung eine mit US-$ 65‘000 dotierte Auszeichnung verliehen wird. Das Geld wird von der Kochon Foundation, einer Nonprofit-Organisation in Südkorea, gestiftet, und die Gewinner der Auszeichnung werden von Stop TB Partnership ausgewählt.

Die Volksrepublik China erhob Einspruch mit dem Argument, dass das Programm des Delek-Hospitals wegen seiner Verbindungen zur Tibetischen Regierung im Exil eine „politische Organisation“ sei. Gemäss den Statuten der WHO muss die Generalsekretärin, Margaret Chan, der Selektion des Gewinners zustimmen. Diese verweigerte jedoch ihre Zustimmung. Frau Chan ist Bürgerin der Volksrepublik China. Ein Sprecher der WHO erklärte, dass diese Frage auch von der Rechtsabteilung der WHO erörtert worden sei, die zu dem Schluss kam, dass die WHO „keine Entität anerkennen kann, die nicht als legale Entität von der UNO anerkannt“ sei.

Das Delek-Hospital gab an, dass es als gemeinnützige Organisation in Indien registriert ist und weder finanziell noch administrativ von der Tibetischen Regierung im Exil abhängig ist. Das Kosten werden durch Spenden von NGOs und Individuen bestritten. Das Hospital behandelt sowohl Tibeter als auch Inder. Die Inzidenz von Tuberkulose ist unter Tibetern, die in Indien leben, mehr als doppel so hoch wie unter Indern. Nach eigenen Angaben werden zurzeit etwa 300 Patienten behandelt, und man rechnet mit 200 neuen Fällen pro Jahr. Im vergangenen Jahr sei die Erfolgsquote der Behandlungen bei über 90% gelegen.

Weitere Verhaftungen nach Selbstverbrennung am 11. November
Nach der jüngsten Selbstverbrennung [vergl. Tibet-Information vom 12. November 2013; UM] sind weitere 7 Tibeter im Bezirk Pema in der nordöstlichen Region Golok verhaftet worden, darunter 3 Mönche aus dem gleichen Kloster wie Tsering Gyal, der sich am Abend des 11. November in Flammen gesetzt hatte. Die Namen der Verhafteten, denen Mithilfe vorgeworfen wird, sind noch nicht bekannt, weil die Kommunikation nach Pema erschwert ist. Alle Internetverbindungen sind getrennt.

Informanten von RFA berichten, dass jeweils Gruppen von 15 Angehörigen der Sicherheitskräfte an allen Strassenkreuzungen postiert sind. Diese durchsuchen alle ortsfremden Tibeter, manchmal mit vorgehaltener Schusswaffe.

Das Haus der Familie von Tsering Gyal ist unter ständiger Bewachung. Kondolenzbesuche sind nicht erlaubt, und jede Bewegung der Familienangehörigen wird observiert. Der ältere Bruder von Tsering Gyal wurde zum Verhör auf die Polizeistation bestellt, aber danach wieder nach Hause gelassen. Funktionäre warnen vor härtesten Bestrafungen für Helfer oder Mitwisser, falls sich nochmals eine Selbstverbrennung ereignet.

Quellen: Wall Street Journal; Radio Free Asia RFA

 

12. November 2013
Die 123. Selbstverbrennung in Tibet
Am 11. November hat sich der 20-jährige Mönch Tsering Gyal im Bezirk Pema in der nordosttibetischen Region Golok selbst verbrannt. Nach Augenzeugenberichten zündete er sich abends im Stadtzentrum, unweit des Gebäudes der Bezirksregierung, an. In Flammen stehend, soll er noch gerufen haben: „Möge Seine Heiligkeit der Dalai Lama davon erfahren.“ Polizisten brachten ihn in das lokale Spital, wo er den Brandverletzungen kurz darauf erlag. Sein Leichnam wurde später in sein Kloster gebracht, wo die Totenzeremonien abgehalten wurden.

Phayul zitiert einen Informanten, dem Tsering Gyal seine letzten Worte vor der Selbstverbrennung mitgeteilt habe. Er soll gesagt haben: „Ich verbrenne mich heute für die Wiedervereinigung aller Tibeter. Meine einzige Hoffnung ist die auf Einigkeit unter allen Tibetern und die Erhaltung der tibetischen Religion und Tradition. Wenn uns das gelingt, werden alle Tibeter wieder vereinigt sein.“

Kurz nach der Selbstverbrennung wurden die Sicherheitskräfte im Bezirk Pema verstärkt und überwachen alle Bewegungen der Anwohner.

Mehr Tibeter verweigern das Hissen der chinesischen Flagge
Nach den Protesten und Verweigerungen von Einwohnern im Bezirk Driru in Zentraltibet, die chinesische Flagge auf ihren Häusern zu hissen [vergl. Tibet-Information vom 8. und 9. Oktober 2013; UM], meldet RFA ähnliche Vorkommnisse auch aus mehreren anderen Regionen in Tibet.

In der Region Dongkhor im osttibetischen Bezirk Kardze beriefen Regierungsangestellte dazu extra mehrere Versammlungen in verschiedenen Dörfern ein, um die Tibeter zum Flaggenhissen zu drängen. Angesichts der hartnäckigen Weigerung der Tibeter sollen die Kader darauf hingewiesen haben, dass diejenigen Ortschaften, in denen chinesische Flaggen gehisst wurden, in den Genuss „grosszügiger Regierungshilfen“ gekommen seien. Obwohl jeder seine Meinung kundtun dürfe, könne niemand die Folgen der anhaltenden Verweigerung vorhersagen.

Auch im Bezirk Dzatoe, wo im August Proteste gegen eine angeblich illegale Diamantenmine blutig niedergeschlagen wurden [vergl. Tibet-Information vom 26. August 2013; UM], mussten Regierungsangestellte intervenieren, um die Anwohner zum Hissen der Fahne zu bewegen. Wie ein Informant an RFA meldete, wurden in der Vergangenheit nur Familien, die an Protestaktionen teilgenommen hatten, dazu gezwungen. Ebenso wurden die Regierungsangestellten selbst dazu verpflichtet, auf ihren Häusern die chinesische Flagge zu hissen. Jetzt befürchten die Tibeter, dass dieses Gebot für alle gelten soll. Unabhängige Informanten bestätigten allerdings gegenüber RFA, dass trotzdem praktisch nirgendwo Flaggen auf Hausdächern zu sehen seien.

Lokale Kader führen Untersuchungsgruppe aus Beijing in die Irre
Eine Gruppe mit Reportern und Regierungsangestellten aus Beijing, die im Namen der Zentralregierung den Protesten gegen den Abbau von Bodenschätzen und die Umweltschäden im Bezirk Dzatoe nachgehen sollte, ist laut Informationen von RFA von lokalen Kadern absichtlich in die Irre geschickt worden.

Die Gruppe sei an Orte geleitet worden, an denen im Moment keine Abbautätigkeit stattfindet und auch keine Umweltschäden sichtbar seien, anstatt sie dorthin zu führen, wo die Proteste stattfanden. Ausserdem soll die Gruppe daran gehindert worden seien, mit den Betroffenen zu sprechen. Stattdessen wurden ihnen andere Tibeter als Gesprächspartner präsentiert, die die offizielle Linie der Bezirksregierung vertraten.

Nachfolger der entlassenen Dorfvorsteher verweigern ihr Amt
Im Oktober waren in Dzatoe drei Dorfvorsteher ihres Amtes enthoben worden, weil sie die brutale Niederschlagung der Proteste gegen die Diamantenmine kritisiert hatten [vergl. Tibet-Information vom 6. November 2013; UM]. RFA meldet jetzt, dass sich alle drei designierten Nachfolger geweigert hätten, ihr Amt anzutreten.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA

 

6. November 2013
Polizei beendet Sitzstreik von enteigneten tibetischen Familien
Unter Drohungen beendete die Polizei am 20. Oktober einen fast 5 Wochen währenden Sitzstreik von tibetischen Familien in Ngaba in der heutigen chinesischen Provinz Sichuan.

Mitglieder von insgesamt 16 Familien protestierten gegen eine bereits 27 Jahre (!) zurückliegende Enteignung ihres Landes, die ohne die versprochenen Entschädigungen vorgenommen wurde. Die Familienmitglieder hatten den lokalen Behörden am 14. September eine Petition zukommen lassen, in der sie an die Einlösung der damals bei der Enteignung gegebenen Versprechen auf Kompensation erinnern. Sie forderten, dass, wie seinerzeit versprochen, mindestens ein Mitglied pro Familie eine Arbeitsstelle erhält, alle Familien für die letzten 27 Jahre entschädigt werden und ihnen ein kleiner Teil des enteigneten Landes, das bis heute nicht genutzt wird, zurückgegeben wird. Um der Petition Nachdruck zu verleihen, begannen sie am 17. September auf dem enteigneten Land in selbst errichteten Zelten einen Sitzstreik rund um die Uhr. Die Polizei beendete die Aktion am 20. Oktober mit der Drohung, alle Streikenden zu inhaftieren. Sie würden die Bauarbeiten auf dem enteigneten Land stören, was jedoch nicht stimmte, da diese wegen des nahenden Winters ohnehin eingestellt waren.

Die betroffenen Familien hatten seit der Enteignung nicht weniger als 50 Petitionen an die Behörden gerichtet. Das Land war ursprünglich enteignet worden, weil dort ein Schlacht- und Kühlhaus gebaut werden sollten. Diese Pläne wurden aber nie verwirklicht. Erste Diskussionen der Betroffenen mit den Behörden über eine angemessene Entschädigung verliefen nach 1990 im Sande, nachdem der Bezirksvorsteher starb. Das Thema wurde 2006 wieder aufgenommen, doch die Behörden baten die Familien um einen Aufschub, weil durch die Diskussion um Entschädigung sonst andere Infrastrukurprojekte in Ngaba gefährdet seien. Nach den Unruhen im Jahre 2008 schwiegen die Familien wieder für einige Jahre, bis sich jetzt abzeichnete, dass die Behörden die Gelder anstatt für das Schlacht- und Kühlhaus für den Bau von lukrativen mehrstöckigen Wohnhäuser verwenden, von denen einige schon vor der Fertigstellung stehen.

Drei tibetische Dorfvorsteher entlassen
Im Bezirk Dzatoe teilte die lokale Regierung am 16. Oktober mit, dass drei tibetische Dorfvorsteher ihres Amtes enthoben werden. Die Entlassungen stehen im Zusammenhang mit den Protesten in Dzatoe gegen Minenarbeiten [vergl. Tibet-Informationen vom 26. August und 2. September 2013;UM]. Den drei Dorfvorstehern wird laut einem Informanten von RFA vorgeworfen, sie hätten die lokale Regierung wegen der Gewaltanwendung bei der Beendigung der Proteste kritisiert.

Sicherheitskräfte hatten den friedlichen Protest mit Schlägen, Tränengas und möglicherweise auch Tasern aufgelöst. Die Tibeter protestierten gegen den ihrer Meinung nach illegalen Abbau, da die Genehmigungen gefälscht seien.

Seit August sind in Dzatoe Sicherheitskräfte in grosser Zahl stationiert, die jede Bewegung der Bewohner kontrollieren. Als Zeichen der Loyalität verlangen die Behörden, dass die Bewohner auf ihren Hausdächern die chinesische Nationalflagge hissen.

Quellen:Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA

 

14. Oktober 2013
Behörden-Erlass macht Tibeter zu „Gesellschaftlichen Gefangenen“
In der Präfektur Nagqu, in der der Unruhebezirk Driru liegt [vergl. Tibet-Informationen vom 8. und 9. Oktober 2013; UM], haben die Behörden den Status des „Gesellschaftlichen Gefangenen“ erfunden. Diesen erhalten Mönche und Nonnen, die die „Autonome Region Tibet“ (TAR) verlassen, um in den Nachbarprovinzen Gansu, Sichuan und Qinghai ihren religiösen Studien nachzugehen. Der Mangel an religiösen Lehrern in der TAR zwingt viele zu diesem Schritt.

Unter dem Status des „Gesellschaftlichen Gefangenen“ werden Mönche und Nonnen zwar nicht inhaftiert, dürfen aber die Region nicht mehr verlassen, müssen sich aber alle zwei bis vier Wochen auf der lokalen Polizeistation melden und werden nicht selten verhört und drangsaliert. Würden sie nochmals die TAR verlassen, so wird ihnen angedroht, würde dieses genauso wie ein illegaler Grenzübertritt nach Indien gewertet. Den Klöstern in der Region wird auferlegt, nicht mehr als 17 Novizen pro Jahr aufzunehmen.

Weitere Nachrichten über die Situation in Driru
In Driru wurden ein bekannter tibetischer Schriftsteller, der 27-jährige Tsultrim Gyaltsen, und sein Freund, der 26-jährige ehemalige Polizeioffizier Yugyal, verhaftet. Offiziere des „Büros für Öffentliche Sicherheit“ (PSB) erschienen am 11. Oktober nachts im Haus von Tsering Gyaltsen und verhafteten ihn, weil er „separatistischen Aktivitäten“ nachgegangen sei und die „öffentliche Sicherheit durch die Verbreitung von Gerüchten“ gefährdet habe. Yugyal, der vor einem Jahr die Polizei aus Ärger über die politische Überwachung verlassen hatte, wurde einen Tag darauf verhaftet.

Tsultrim Gyaltsen hatte die „Hochschule für Nationalitäten“ in Lanzhou besucht und dort chinesische Sprachwissenschaften studiert. Dort wurde er auch Herausgeber des jährlich erscheinenden Literaturjournals „Die Neue Generation“. Er war bekannt als Verfasser von prägnanten und oft respektlosen Essays und Blogs sowohl in tibetischer als auch chinesischer Sprache. Mit anderen Studenten hielt er Debattierrunden ab. Nur Monate vor seinem Abschluss wurde er – wohl aus politischen Gründen – von der Hochschule verwiesen und eröffnete nach der Heimkehr nach Driru ein Gästehaus.

Unterdessen wurde bekannt, dass in einem Nachbarbezirk von Driru, in Sog, Familien ebenfalls unter Drohungen gezwungen werden, die chinesische Flagge auf ihren Hausdächern zu hissen. Wer sich weigert, dem wird der Strom abgeschaltet. Wenn sich die Familien weiter weigern, wird ihnen wegen „politischer Vergehen“ Haft angedroht.

Polizei in Lhasa überwacht Tibeter aus Nagqu und kommuniziert mit geheimen Codes
TCHRD fiel ein Dokument in die Hände, in dem die Behörden von Lhasa den zahlreichen Polizeistationen in der tibetischen Hauptstadt detaillierte Instruktionen geben, wie sie Zugereiste aus der Präfektur Nagqu zu überwachen haben. Dazu müssen sich die Polizeistationen einer Geheimsprache bedienen.

Die Polizeistationen müssen alle Besucher aus der Präfektur Nagqu, die nach Lhasa einreisen oder sich dort schon aufhalten, rund um die Uhr überwachen und jede ihrer Bewegungen der nächsten Polizeistation melden, sobald sich die Tibeter innerhalb der Stadt bewegen. Tibeter aus Nagqu müssen in der Kommunikation als „männliche“ oder „weibliche Touristen“ bezeichnet werden. Kommen sie beispielsweise aus dem Bezirk Driru, dann werden sie „Touristen aus A“ bezeichnet, Tibeter aus Sog sind „Touristen aus B“. Sobald ein solchermassen überwachter Tibeter das Revier der benachbarten Polizeistation betritt, wird dieser gemeldet, diesem „Touristen Gastfreundschaft zu erweisen“.

Quellen:Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

9. Oktober 2013
Schüsse auf Tibeter – 60 Verletzte
Im Bezirk Driru ereigneten sich weitere Proteste [vergl. Tibet-Information vom 8. Oktober 2013; UM], wobei etwa 60 Tibeter durch Schüsse von Sicherheitkräften verletzte wurden. Die Proteste begannen, als Nachrichten von zwei Verhaftungen publik wurden. Um dagegen zu protestieren, hatten sich am 6. Oktober Tibeter in der Ortschaft Dathang versammelt, worauf etwa 300 Sicherheitskräfte das Feuer auf sie eröffneten.

Bereits am 3. September war der 68-jährige Dayang verhaftet worden, weil er bei einer Kulturvorstellung Parolen für die Freiheit Tibets rief und die Rückkehr des Dalai Lama forderte. Tanz- und Musikvorstellungen sind Teil der gegenwärtigen „Massenlinien“-Kampagne, bei denen die Tibeter chinesische Fahnen zu schwenken haben und „glücklich“ erscheinen sollen. Dayang konnte nach dem Protest zunächst in sein Haus zurückkehren, wurde aber mitten in der Nacht verhaftet. Erst mehrere Tage nach seiner Verhaftung erfuhren Angehörige, dass er im örtlichen Spital wegen Verletzungen behandelt wurde, die mutmasslich von Misshandlungen in der Haft herrühren. Am 7. Oktober wurde er in ein anderes Spital in Lhasa verlegt. Angehörige dürfen ihn nicht besuchen, und Details über seinen Zustand sind nicht zu erfahren.

Die zweite Verhaftung, die die Proteste auslöste, war die eines tibetischen Jugendlichen namens Dorje Dragtsel. Er war bekannt für seine Ablehnung gegen die die kommunistischen Kader, die die gegenwärtige Kampagne durchführen. Er war mit Freunden auf dem Weg in die Bezirksstadt Nagqu und verschwand dort spurlos.

Auch im Dorf Tsachu gab es etwa 100 Verletzte durch Schläge von Sicherheitskräften, als sich Dorfbewohner im Protest gegen die Verhaftung von Dayang versammelten. Nach Informationen von TCHRD dürfen die Bewohner, auch die Verletzten, nicht ihre Häuser verlassen.

Weitere Nachrichten über Protestaktion in Mowa
TCHRD erhielt weitere Einzelheiten über Verhaftungen und die Lage im Dorf Mowa nach dem Beginn der Proteste am 29. September [vergl. Tibet-Information vom 8. Oktober 2013; UM]. Das Dorf Mowa ist praktisch unter Hausarrest. Die Bewohner dürfen ihre Häuser nicht verlassen; nicht einmal, um sich um ihre Viehherden zu kümmern. Alle Kommunikationsleitungen, ob Mobiltelefonie oder Internet, sind blockiert. Alle Strassen sind gesperrt, und es ist niemandem erlaubt, in das Dorf zu reisen.

Einer der verletzten Tibeter, der 25-jährige Tsering Gyaltsen, der der Gruppe von 40 Tibetern angehörte, die nach den Ereignissen am 28. September eine Petition an die Behörden richtete [vergl. Tibet-Information vom 8. Oktober 2013; UM], wurde bei der Aktion von Sicherheitskräften eingekesselt. Nach Angaben von Augenzeugen sollen ihn Sicherheitskräfte als einen bekannten „Separatisten“ identifiziert und besonders schwer geschlagen haben. Erst einige Tage später, am 5. Oktober, erfuhren Angehörige, dass er sich wegen schwerer innerer Verletzungen in einem Spital in Lhasa befindet. Zwei Freunde machten sich auf den Weg, um ihn zu besuchen. Einer von ihnen, ein Tibeter namens Choezin, verschwand spurlos, nachdem er das Spital betreten hatte. Sein Freund, der ihn begleitete, fürchtet, dass er von Sicherheitskräften verhaftet wurde, die Tsering Gyaltsen dort bewachen.

Quellen:Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

8. Oktober 2013
Proteste gegen „Massenlinien“-Kampagne zur totalen Überwachung
Seit dem 28. September ereigneten sich im Bezirk Driru mehrere, teils gewaltsam niedergeschlagene Protestaktionen gegen die Kampagne zur totalen Überwachung und Kontrolle tibetischer Ortschaften. Die Proteste richteten sich gegen die Auflagen der sogenannten „Massenlinien“-Kampagne, die vom neuen Parteivorsitzenden Xi Jinping lanciert wurde [vergl. Tibet-Information vom 7. Juli 2013; UM].

Die Kampagne beinhaltet unter anderem die „Neun Dinge“, die jeder tibetische Haushalt besitzen muss: ein Portrait der chinesischen Führung, die chinesische Nationalflagge, Strassen, Wasser, Elektrizität, Radio und Fernsehen, Kommunikationsmittel, Zeitungen und Zugang zu Bibliotheken; sowie eine Reihe von Massnahmen zur politischen Überwachung der Haushalte und zur „Erhaltung der Stabilität“.

Am 28. September kam es zu einer ernsten Konfrontation mit Sicherheitskräften, als sich die Bewohner des Dorfes Mowa im Bezirk Driru, der Schauplatz von vier Selbstverbrennungen im vergangenen Jahr war, weigerten, auf den Hausdächern die chinesische Nationalflagge zu hissen und diese stattdessen in den nächsten Fluss warfen. Traditionell sind die Hausdächer den Gebetsfahnen vorbehalten. Nach unbestätigten Meldungen sollen Sicherheitskräfte Schüsse auf die protestierenden Tibeter abgegeben haben, die mit Stöcken und Steinen auf sie losgingen. Über Opfer ist nichts bekannt. Als sich die Nachrichten von dem Zusammenstoss verbreiteten, wollten 40 Tibeter aus benachbarten Dörfern eine Petition an die Behörden richten, von Gewalt abzusehen. Offiziere des Büros für Öffentliche Sicherheit (PSB) nahmen die 40 Tibeter fest und sollen sie mit Schlägen traktiert haben.

Gleichzeitig drohten die Behörden allen Beteiligten mit empfindlichen Strafen. Ihre Kinder würden von der Schule verwiesen, kranke Familienangehörige würden nicht mehr medizinisch behandelt, und das Sammeln des Raupenkeulenpilzes würde verboten. Letzteres ist für die zwangsweise sesshaft gemachten Nomaden eine schmerzhafte Massnahme, da der Verkauf des Pilzes, der als Heilmittel verwendet wird und einen hohen Preis erzielt, ihre einzige Einkommensquelle ist.

Mit der Festnahme der 40 Tibeter eskalierte der Protest weiter, und etwa 1000 Tibeter hielten abends einen Hungerstreik vor dem Gebäude der Bezirksregierung ab, die schliesslich die verhafteten Tibeter freiliessen. Einige von ihnen sollen schwere Verletzungen davongetragen haben.

Am 29. September traten etwa 4000 Schüler in Driru in einen Streik, nachdem sie hörten, dass die Behörden Kinder aus den Familien der Protestierenden von der Schule verweisen wollten. Daraufhin wurden die Schulen geschlossen und der Unterricht nur für 60 Kinder von chinesischen Regierungsangestellten fortgesetzt.

Am 2. Oktober blockierten Tibeter in Driru die Zufahrsstrassen aus Protest gegen die Gewaltanwendung im Dorf Mowa. Danach gelang es jedoch Sicherheitskräften, die Verstärkung von anderen Regionen erhielten, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Sechs Kontrollpunkte wurden errichtet, und alle am Protest beteiligte Dörfer werden nun durch regelmässige Patrouillen überwacht. Am 4. Oktober konfiszierten Sicherheitskräfte die Mobiltelefone der Bewohner und löschten Fotografien der Protestaktionen. Viele Telefone seien bis heute nicht ihren Besitzern zurückgegeben worden.

Tibet auf dem Weg in den Polizeistaat?
Offizielle chinesische Medien berichteten im letzten Monat, dass über 60‘000 Kader zur Durchsetzung der diversen Kampagnen nach Tibet entsandt wurden, davon allein 18’00 nach Driru.

Über die Kampagne „Die Fundamente festigen – Nutzen für die Massen“, in der sich unter anderem Kader in Privatwohnungen einquartieren, hatte Human Rights Watch bereits in Sommer berichtet [vergl. Tibet-Information vom 7. Juli 2013; UM].

Seit Mai 2013 wird die Kampagne der „vereinten Haushalte“ betrieben. Demnach werden jeweils etwa 10 Haushalte mit unterschiedlichem sozio-ökonomischem Status zu einer Einheit zusammengefasst. In mindestens einem dieser Haushalte muss eine Person der Kommunistischen Partei angehören. Jeder Einheit wird ein „Inspektor“ zugeordnet, der ein besonderes Augenmerk auf Jugendliche und „problematische“ Mitglieder wie ehemalige politische Gefangene und Dissidenten richten soll. Auch sollen sich die Haushalte gegenseitig überwachen und verdächtige Tätigkeiten melden. In einem Bezirk in Shigatse wurden die Inspektoren mit Erkennungsmerkmalen wie roten Armbändern, Helmen, Trillerpfeifen, Taschenlampen, Stiefeln und Ausweisen ausgestattet. In einem Quartier von Lhasa wurden die Inspektoren auch aufgefordert, sich unter die Besucher von öffentlichen Orten wie Teehäusern zu mischen und verdächtige Aktivitäten umgehend der nächsten Polizeistation zu melden.

Insgesamt sind in den Bezirken von Lhasa und Shigatse bereits über 30‘000 Haushalte mit der Kampagne erfasst. Nach Einschätzung von TCHRD ist das Ausmass der Überwachung so übermächtig, dass sich viele Tibeter in ihr Schicksal ergeben und resignieren. Die Kampagne soll grössere Proteste wie etwa gegen die zwangsweise Räumung der Verkaufsstände auf dem Pilgerweg Barkhor, die einem Einkaufszentrum weichen sollen [vergl. Tibet-Information vom 22. Mai 2013; UM], im Keim erstickt haben.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

1. Oktober 2013
Vater von 3 Kindern verbrennt sich in Ngaba
Der 41 Jahre alte Sichung, Vater von 2 Kindern, hat sich am 28. September in der Ortschaft Thawa in der Präfektur Ngaba selbst verbrannt. Laut Augenzeugen verliess er am Nachmittag des 28. September das jährlich in der Ortschaft stattfindende Gebetsfest und ging zurück zu seinem Haus. Dann entzündete er eine Butterlampe vor einem Portrait des Dalai Lama. Kurz darauf wurde er vor dem Eingangstor seines Hauses in Flammen stehend gesehen und starb, nachdem er noch einige Schritte gelaufen war, auf der Stelle.

Als sich die Selbstverbrennung herumsprach und die Anwohner zu seinem Leichnam strömten, entwickelte sich eine Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften, die beim Gebetsfest ohnehin in grosser Zahl anwesend waren und die Anwesenden beobachteten. Die Sicherheitskräfte wollten den Leichnam entfernen und sollen den protestierenden Tibetern schon mit gezogenen Waffen gegenübergestanden haben, als im letzten Moment noch ein Kompromiss ausgehandelt wurde. Es wurde zugestanden, dass die Totenrituale noch in seinem Wohnhaus abgehalten werden durften. Später am Abend erschienen die Sicherheitskräfte ohne Vorankündigung und nahmen den Leichnam in einem Lieferwagen mit, der dann in Richtung Ngaba fuhr. Über den Verbleib des Leichnams ist nichts mehr bekannt.

Sichung hinterlässt seine Frau und drei Kinder. Er galt in der Region als ein sehr talentierter Schneider, der seine Kleider meist anlässlich von Festen verkaufte. Ein Freund berichtete, dass Sichung wenige Tage vorher ihm gegenüber beklagt habe, dass die Chinesen auf die Tibeter verächtlich herabschauten und sie nicht in Frieden leben lassen wollten.

Gedenk-Konferenz über berühmten Schriftsteller verboten
Die Behörden in der Präfektur Ngaba, die Schauplatz einer grossen Zahl von Selbstverbrennungen war, haben eine Konferenz zum Gedenken an den Schriftsteller Gendun Choephel (1903-1951) verboten. Geplant wurde diese Konferenz gemeinsam von einer Gruppe von Mönchen aus Klöstern der Region Ngaba und Laien, die auch die nötigen Geldmittel aufgetrieben hatten. Diese Konferenz sollte am 24. August in einem Restaurant stattfinden. Die Teilnehmer wollten das Lebenswerk von Gendun Choepel und seinen Einfluss auf die heutige Zeit diskutieren. Wenige Tage vor der Konferenz wurde diese aber von den lokalen Behörden verboten.

Der Hintergrund des ausgesprochenen Verbots ist nicht klar. Gendun Choephel galt als brillianter, aber auch kontroverser Schriftsteller, der in Tibet und Indien wirkte. Er kritisierte das tibetische Establishment und wurde deswegen sogar vom offiziellen China als „progressive Gestalt“ der zeitgenössischen tibetischen Kultur gewürdigt. Auf der anderen Seite unterstützte er aber auch die tibetische Unabhängigkeit.

Das Verbot der Konferenz folgt auf eine Serie von Verhaftungen tibetischer Schriftsteller, Musiker und Künstler in den vergangenen Monaten.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; freetibet.org; Radio Free Asia RFA

 

2. September 2013
Verschärfung der Repression nach Geburtstagszeremonie für Dalai Lama
Nach der gewaltsam aufgelösten Geburtstagszeremonie für den Dalai Lama am 6. Juli [vergl. Tibet-Information vom 11. Juli 2013; UM] haben die Behörden mit einem 5-Punkte-Plan die Repression in Tawu verschärft. Am 6. Juli hatten Sicherheitskräfte mit Tränengas und scharfer Munition eine Gruppe von mehreren hundert Tibetern angegriffen, die am Fusse des Berges Machen Pomra eine religiöse Zeremonie abhielt. Nach letzten Meldungen wurden mindestens 14 Personen verletzt.

Jetzt wurden Massnahmen veröffentlicht, die der „Wahrung der Stabilität“ dienen sollen. Abgesehen von der Eröffnung von 5 neuen Polizeistationen in der Region wurde ein 5 Punkte umfassender Plan bekannt gegeben, der vor allem auf die Arbeit von Regierungs- und Parteikadern auf Bezirks- und Gemeindeebene abzielt.

In Zukunft sollen alle Kader entfernt werden, die möglicherweise Sympathie mit den tibetischen Anliegen zeigen könnten. Diese sollen durch erfahrene Kader ersetzt werden, und unerfahrene Kader erhalten zunächst eine Schulung in anderen Regionen über „stabilitätswahrende“ Massnahmen, bevor sie ihr Amt antreten. Alle 3 Jahre sollen die Kader in eine andere Region rotieren. Besonderes Gewicht wird auf die politische Einstellung der Kader gelegt; solche, die „separatistische Absichten“ hegen, werden bestraft und aus dem Amt entfernt. Jeder Kader muss mindestens eine Veranstaltung pro Woche in der betreffenden Region organisieren, und zweimal im Jahr muss dort eine grössere Umerziehungsveranstaltung stattfinden, zu der mindestens 3 Kader aus anderen Regionen eingeladen werden müssen.

Lokale Kader müssen in speziell problematischen Gemeinden auch für jeweils mindestens 10 Tage mit der lokalen Bevölkerung „leben, essen und arbeiten“, was bedeutet, dass sich „Arbeitsteams“ aus 2 bis 4 Personen in tibetische Haushalte einquartieren. Alle Bewohner einer Gemeinde werden in „Einheiten“ eingeteilt und gezielt und systematisch von Arbeitsteams besucht und betreut.

Minenarbeiten nach gewaltsamer Auflösung des Protests wieder aufgenommen
Nachdem ein Protest von Tibetern gegen eine illegale Diamentenmine in Dzatoe gewaltsam aufgelöst wurde [vergl. Tibet-Information vom 26. August 2013; UM], wurden an einer von zwei Schürfstellen die Arbeiten wieder aufgenommen, während an der zweiten Stelle noch keine Arbeiter gesehen wurden.

Beim gewaltsam aufgelösten Protest waren insgesamt 8 Tibeter festgenommen worden. Sechs von ihnen wurden inzwischen wieder freigelassen, aber mit der strikten Auflage, die Gegend nicht zu verlassen. Die 2 Tibeter, die weiter in Haft sind, dürfen von ihren Angehörigen nicht besucht werden. Für alle Bewohner der Region wurden strikte Auflagen erlassen, die ihre Bewegungsfreiheit beeinträchtigen. Zwei weitere Tibeter, die zu den Anführern des Protests zählen, sind vermutlich geflohen. Der Tibeter, der bei der Auflösung des Protests einen Selbstmordversuch unternahm, ist inzwischen ausser Lebensgefahr, aber noch in Spitalbehandlung.

Die Protestierenden wollen jedoch nicht aufgeben. Wie RFA erfuhr, wollen sie den Protest in Form einer Petition nach Beijing tragen, wenn die Arbeiten weiter gehen und die Verhafteten nicht entlassen werden. Dabei berufen sich die Tibeter auf frühere Reden von Regierungsmitgliedern, die dem Umweltschutz einen hohen Rang einräumen.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

26. August 2013
Tränengas und Schläge gegen Umweltaktivisten
Am 16. August beendeten paramilitärische Kräfte gewaltsam einen Protest gegen eine illegale Diamentenmine im Bezirk Dzatoe in der Präfektur Yushu im Norden Tibets. Mehrere Hundert Tibeter hatten sich dort seit dem 13. August zu einem friedlichen Protest versammelt, nachdem chinesische Arbeiter angerückt waren und mit den Abbauarbeiten zu beginnen. Angeblich seien die Genehmigungen für den Abbau gefälscht gewesen. Die Angehörigen der Bewaffneten Volkspolizei (PAP) warfen Tränengas in die Gruppe der protestierenden Tibeter und traktieren sie mit Schlägen, angeblich auch mit Tasern. Fotos der Aktion sind zu sehen unter: http://www.flickr.com/photos/freetibetorg/sets/72157635099223268/

Die Protestierenden hatte ein grosses Banner mit einem Bild des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping und einem Ausschnitt aus seiner Rede über die Bedeutung des Umweltschutzes ausgehängt, das von den PAP-Einheiten sofort entfert wurde. Ein Tibeter versuchte nach Angaben von Augenzeugen, Selbstmord zu begehen, wurde in einem Fahrzeug abtransportiert und sei jetzt im Spital. Ein weiterer Tibeter verschwand spurlos; vermutlich wurde er festgenommen.

Hintergrund: Das San Jiang Yuan Naturschutzgebiet
Der Bezirk Dzatoe liegt in dem sogenannten San Jiang Yuan Three Rivers Headwaters Nature Reserve (SNNR), das im Jahre 2000 eingerichtet wurde, um die Region um die Quellen der drei grossen Ströme Mekong, Yangtse und Gelber Fluss zu schützen. Eine Gedenktafel des damaligen Präsidenen Jiang Zemin ist am Eingang angebracht, in der dieser die Bedeutung der Region für das ökologische Gleichgewicht beschwört. Drei Jahre nach der Einrichtung wurde die Region von einem regionalen zu einem nationalen Naturschutzgebiet aufgewertet. Noch im Mai d.J. hatte der jetzige Staatspräsident Xi Junping gesagt, dass wirtschaftliches Wachstum nicht auf Kosten der Umwelt gehen dürfe, und wer dagegen verstosse, würde „lebenslänglich“ dafür zur Rechenschaft gezogen.

Die SNNR verfügt über einen grossen Reichtum an Pflanzen und Tierarten, von denen mehrere als bedroht gelten, wie die Tibetische Antilope, Wildesel und Schwarzhalskraniche. Auch befinden sich dort Vorkommen seltener Heilpflanzen. Die dort entdeckten Goldvorkommen zählen zu den grössten in China. Die Kehrseite der Errichtung der SNNR ist, dass mehrere zehntausend Nomaden angeblich im Namen des Umweltschutzes zwangsweise umgesiedelt wurden. So hat kann die Regierung mit der Sesshaftmachung der Nomaden eine stärkere soziale Kontrolle durchsetzen und hat freie Hand, die Bodenschätze auszubeuten. Beispielsweise wurden die Grenzen der SNNR willkürlich geändert, um den Goldabbau zu ermöglichen.

Seit 2009 protestieren Tibeter in der Region gegen die illegale Ausbeutung von Bodenschätzen und die durch Chemikalien verursachte Umweltverschmutzung, die auch zu einer Erhöhung der Krebserkrankungen, Fehlgeburten und Kindsmissbildungen geführt haben soll. Im Mai 2009 gingen Sicherheitskräfte im Bezirk Surmang mit Tränengas und auch scharfer Munition gegen protestierende Tibeter vor. Danach wurden die Tibeter gewarnt, dass ihr Engagement als politisches Vergehen gedeutet würde.

Laut einer Petition, die die Bewohner von Surmang im März 2010 in Beijing einreichten, soll seit 2003 ein chinesischer Geschäftsmann namens Zheng Qingfeng über Jahre hinaus unter Missachtung der Gesetze zum Umweltschutz rücksichtslos Bodenschätze ausgebeutet haben. Die lokalen Behörden hätten mit ihm unter eine Decke gesteckt und die eklatanten Verstösse geduldet.

Quellen: freetibet.org; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

19. August 2013
Nach Selbstverbrennung der Ehefrau: Todesurteil für Mann
Ein Gericht in der Präfektur Ngaba hat den 32-jährigen Dolma Kyab zum Tode verurteilt, weil er im März d.J. seine Ehefrau umgebracht haben soll. Wie die offiziellen chinesischen Medien berichten, soll er am 11. März die 29-jährige Kunchok Wangmo erwürgt haben. Danach habe er die Leiche verbrannt, um die Spuren zu verwischen und eine Selbstverbrennung vorzutäuschen. Der Tat sei eine Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten über die angebliche Trunksucht von Dolma Kyab vorausgegangen.

Nach Informanten von TCHRD soll sich Kunchok Wangmo aber am 13. März aus freien Stücken auf der Hauptstrasse von Dzoege in der Präfektur Ngaba selbst verbrannt haben. Das Verhältnis der Eheleute sei nie von Streit getrübt gewesen. Selbst die offizielle chinesische Nachrichtenagentur gibt an, dass der Strafverteidiger von Dolma Kyab einwandte, dass auch die Eltern von Kunchok Wangmo nicht an einen Mord glaubten. Dolma Kyab war einen Tag nach der Selbstverbrennung seiner Frau festgenommen worden, weil er sich geweigert hatte, eheliche Probleme als Gründe anzugeben [vergl. Tibet-Information vom 25. März 2013; UM].

Das Todesurteil gegen Dolma Kyab ist das erste seiner Art im Zusammenhang mit Selbstverbrennungen. Unklar ist, wer für seine alte Mutter und die 8-jährige Tochter sorgt.

In den vergangenen Monaten hat es mehrere Versuche seitens der Behörden gegeben, Hinterbliebene mit dem Angebot von Geld zum Schweigen zu bringen und dazu zu veranlassen, die Selbstverbrennungen irgendwelchen persönlichen Problemen anzulasten. Donhue, der Ehemann von Dolkar Tsoe, die sich am 7. August 2012 selbst verbrannte [vergl. Tibet-Information vom 9. August 2012; UM], wurde inhaftiert, nachdem die Geldannahme verweigert hatte. Auch den Eltern von Sangay Gyatso, der sich am 6. Oktober 2012 selbst verbrannt hatte [vergl. Tibet-Information vom 17. Oktober 2012; UM] wurde eine grosse Geldsumme angeboten, wenn sie eine Erklärung unterzeichnen, dass die Selbstverbrennung keine politischen Hintergründe habe. Im Januar 2012 hatte ein Mitarbeiter des Forschungszentrums für Tibetologie in der Provinz Sichuan angegeben, bei den Selbstverbrennungen es handele sich um Personen, „die früher für Vergehen bestraft wurden, zum Beispiel für Unzucht, Glücksspiele und Einbruch, oder die Schulden wegen Glücksspielen haben.“ [vergl. Tibet-Information vom 16. Januar 2012; UM]

In diesem Jahr war auch ein signifikanter Anstieg von Verhaftungen von Tibetern zu verzeichnen, denen in irgend einer Art „Mithilfe“ bei Selbstverbrennungen vorgeworfen wurde. Allein im Februar wurden in der nördlichen Provinz Qinghai 70 Tibeter verhaftet, von denen 12 mittlerweile verurteilt wurden. Die Länge der Haftstrafen geht bis 10 Jahre.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

14. August 2013
Sicherheitsschleusen bei Festival in Drepung
Beim jährlichen Shoton-Festival mit Enthüllen einer grossen Thangka (Rollbild) im Drepung-Kloster nahe Lhasa zeigen Fotos, die heimlich von Tibetern aufgenommen wurden, eine starke Präsenz von Militär sowie Sicherheitsschleusen und Detektoren, die die Besucher passieren mussten.

Auf den unten stehenden Fotos ist deutlich zu sehen, wie Sicherheitskräfte lückenlos aneinander stehen und den Strom der Pilger und Schaulustigen abgrenzen. Auch sind die Sicherheitsschleusen am Klostereingang zu sehen, genauso wie sie auf Flughäfen errichtet sind. An ihrem Ende mussten die Besucher, die in Einerreihen durch die Schleusen geleitet wurden, Detektoren passieren.

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Fotos der chinesischen Staatsmedien zeigen lediglich den Strom der Pilger und die Enthüllung der Thangka, vermieden es aber, Sicherheitskräfte in grösserer Zahl abzubilden. Andererseits suggeriert die grosse Menge der Pilger eine starke Entschlossenheit der Tibeter, trotz Furcht erregender Militärpräsenz ihren religiösen Traditionen nachzugehen.

Das Shoton (Joghurt) Festival gründet in der Tradition, aus der Sommerpause zurückkehrenden Mönchen Joghurt zu offerieren. Das Festival wird begleitet von Musikdarbietungen.

Homepage des Dalai Lama gehackt
Die Internet-Sicherheitsfirma Kaspersky Lab berichtet, dass die chinesischsprachige Homepage des Dalai Lama Ziel einer Attacke geworden ist. Diese Attacke soll sich am 12. August ereignet haben, und der Schade ist noch nicht behoben, so dass derzeit vor Besuchen gewarnt wird.

Wenn Besucher diese infizierte Homepage aufsuchen, kann auf ihren Computern ein sogenannter Trojaner installiert werden. Der Trojaner installiert ein Schadprogramm auf den betroffenen Computern, mit dem diese für Zugriffe von aussen geöffnet werden.

Die englischsprachige Homepage des Dalai Lama soll nicht betroffen sein. Hinter solchen Attacken wird immer wieder die chinesische Regierung, oder von ihr beauftragte Hacker, vermutet. Betroffen sind von der gegenwärtigen Attacke nur wenige Computer, nämlich von solchen Personen, die an Nachrichten des Dalai Lama in chinesischer Sprache interessiert sind. Das Ziel dieser Art von Attacken wird im Computer-Jargon - analog zur Tränke von Tieren - als „Wasserloch“ bezeichnet, also ein Ort im Internet, der häufig und regelmässig von einem eng umschriebenen Personenkreis aufgesucht wird.

Quellen: International Campaign for Tibet; Reuters

 

6. August 2013
Zweite Selbstverbrennung eines Tibeters in Nepal
Am heutigen Morgen (Ortszeit) verbrannte sich der Mönch Karma Nyedon Gyatso in der Nähe der Stupa von Bodnath in Kathmandu. Augenzeugen berichten, dass sie den Mönch mit gekreuzten Beinen sitzen sahen, als Flammen an ihm hochloderten. Er soll schweigend dort gesessen haben, bis ihn jemand mit Wasser übergoss und eine weitere Person die Flammen mit einem Feuerlöscher bekämpfte, jedoch verstarb er auf der Stelle. Karma stammt aus dem zentraltibetischen Damshung und war Ende Januar 2012 im Flüchtlingszentrum in Kathmandu angekommen. Nepalische Polizisten trugen den Leichnam weg.

Chinesischer Schlägertrupp überfällt tibetisches Dorf
Der Vorfall ereignete sich am 17. Juli im Kontext einer jahrelangen Feindschaft zwischen zwei benachbarten Dörfern in der Region Dolan im Nordosten Tibets. Bereits seit 30 Jahren befehden sich das von Chinesen bewohnte Dorf Tsomen und das tibetische Dorf Arik Dragkar wegen eines Konflikts um Acker- und Grasland. Die Tibeter werfen den Chinesen vor, sich mehrmals Land angeeignet zu haben, das dem Dorf Arik Dragkar gehört. In der Vergangenheit soll es bei Auseinandersetzungen auch Tote gegeben haben.

Beim jetzigen Vorfall griffen laut Schilderungen der tibetischen Dorfbewohner etwa 100 Chinesen, die mit Nagelbrettern, Stöcken und geschärften Steinen bewaffnet waren und mit Autos und auf Pferden anrückten, den von Tibetern errichteten Sicherheitsposten an. Der Dorfvorsteher von Arik Dragkar erlitt mehrere Arm- und Beinbrüche, und zwei andere Tibeter wurden am Kopf verletzt. Vierzehn weitere Tibeter wurden weniger schwer verletzt, andere flohen in die Berge. Mehrere Regierungskader und Polizisten erschienen später und versprachen, den Konflikt zu schlichten.

Kloster in Nagchu geschlossen, religiöse Aktivitäten verboten
Am 30. Juli schlossen die Behörden das Kloster Shag Rongpo Ganden Dhargyeling und wiesen alle Mönche aus. Das über 300 Jahre alte Kloster wurde geschlossen, als Vorbereitungen für das Rongpo Gutor Festival im Gange waren, und alle religiösen Aktivitäten wurden verboten.

Die Sanktionen sind vermutlich im Kontext der Verhaftung und Verurteilung des ranghöchsten Mönchs, Lama Dawa, zu 7 Jahren Gefängnis im Mai 2010 zu sehen. Lama Dawa war vorgeworfen worden, wegen der Wiedergeburt des Schutzheiligen des Klosters, Rongpo Choejey, heimlich mit dem Dalai Lama kommunziert zu haben. Ein weiterer Mönch hatte Selbstmord begangen, weil er dem Druck der Chinesen zur Denunziation anderer Mönche nicht gewachsen war, und zwei weitere Mönche waren wegen nicht spezifizierter politischer Vergehen ebenfalls verhaftet worden. Immer wieder war es zu Streitereien zwischen Mönchen und dort stationierten Sicherheitskräften gekommen.

Am 6. August trafen nochmals über 300 chinesische Soldaten am Kloster ein und campieren jetzt dort in Zelten. Aus Solidarität mit den Mönchen weigerte sich eine tibetische Tanzgruppe, bei einem dem von der Regierung jährlich veranstalteten Sommerfest aufzutreten. Selbst Drohungen, ihre Weigerung könnte als politisches Vergehen interpretiert werden, liessen die Tanzgruppe nicht von ihrem Entscheid abweichen, und sie traten ohne Auftritt die Heimreise an.

Appelle an die Behörden, die Verbote rückgängig zu machen und die Verhafteten freizulassen, blieben unbeantwortet.

Quellen: Phayul

 

25. Juli 2013
Junger Mönch verbrennt sich in Dzoege – die 121. Selbstverbrennung
Am 20. Juli zündete sich der 18-jährige Mönch Konchok Sonam vor einem Kloster im Bezirk Dzoege in der osttibetischen Präfektur Ngaba an und starb. Während er in Flammen stand, rief er Parolen für die Freiheit Tibets. Mehrere hundert Tibeter fanden sich am Ort der Selbstverbrennung ein und konnten es verhindern, dass sich die sofort herbeigeeilten Sicherheitskräfte des Leichnams bemächtigen konnten.

In Dzoege haben sich in diesem Jahr bereits 5 Selbstverbrennungen ereignet. Im Juni war der lokale Sekretär der Kommunistischen Partei, Tenzin Yarphel, seines Amtes enthoben und auf eine unbedeutende Position in Ngaba transferiert worden. Angeblich sei er unter den Tibetern zu populär gewesen, da er mehrere religiöse Veranstaltungen genehmigt hatte. Informanten berichten auch, dass in Dzoege in praktisch allen Dörfern Informanten platziert seien, die die Bewohner überwachen.

Dalai-Lama-Bilder konfisziert
In der nördlichen Provinz Qinghai im Gebiet von Yulshul haben Behörden umfangreiche Kontrollen von Fahrzeugen durchgeführt und dort entdeckte Fotos des Dalai Lama und tibetischer Schutzheiliger konfisziert. Wer sich weigerte, wurde geschlagen. Radio Free Asia liegen auch Berichte vor, dass zwei Mönche, die sich der Konfiszierung widersetzten, in Haft genommen wurden.

Diese Berichte widersprechen Spekulationen über eine Lockerung des Verbotes, Dalai-Lama-Bilder zu besitzen und auszustellen, wie sie im Juni als „Experiment“ in einigen Regionen präsentiert wurden [vergl. Tibet-Information 28. Juni 2013; UM]. Die Regionalregierung der Präfektur Golog in Qinghai verbreitete sogar eine Stellungnahme mit dem Titel „Nicht auf Gerüchte hören“, die eine Änderung der Politik ausdrücklich dementiert.

Umfangreiche Enteignungen von Weideland
In der Präfektur Ngaba im Osten Tibets haben die Behörden umfangreiche Enteignungen von Weideland der dort lebenden Nomaden vorgenommen. Angeblich soll dort ein Wasserkraftwerk entstehen.

Laut Berichten von Betroffenen, die TCHRD zugingen, sind von den Enteignungen mehrere Nomadenlager betroffen, die auch die Weiden verloren, die traditionell für ihre Herden im Herbst genutzt werden. Keine der betroffenen Nomadenfamilien wurde vorab informiert oder konsultiert. Auch wurde ihnen keine Kompensation angeboten. Da es schwierig ist, aus der Region detaillierte Informationen zu erhalten, konnte TCHRD nicht in Erfahrung bringen, ob es bereits zu Umsiedlungen von Nomaden kam.

Parallel dazu wurden in der Region mehrere neue Polizeistationen errichtet. Eine der neuen Polizeistationen sollte ursprünglich direkt im Kloster von Muge eingerichtet werden. Nach Protesten verzichteten die Behörden darauf und wählten ein anderes Gebäude in der Nähe des Klosters.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

12. Juli 2013
Schüsse bei Geburtstagszeremonie für den Dalai Lama: 9 Tibeter schwer verletzt
Mindestens 9 Tibeter erlitten schwere Schussverletzungen, nachdem Sicherheitskräfte auf eine Gruppe von Laien, Mönchen und Nonnen schossen, die am 6. Juli eine Zeremonie anlässlich des Geburtstags des Dalai Lama durchführten.

Mehrere Hundert Tibeter hatten sich am heiligen Berg Machen Pomra in Tawu in der osttibetischen Provinz Kardze versammelt, um wie in jedem Jahr dort den Geburtstag des Dalai Lama in einer Zeremonie zu begehen. Nach Angaben von Free Tibet versperrten Sicherheitskräfte ihnen jedoch den Weg zum Gipfel, wo sie Weihrauch verbrennen wollten. Nach Angaben von anderen Quellen soll die Zeremonie mit dem Verbrennen von Weihrauch und dem Anbringen von Gebetsfahnen und dem Portrait des Dalai Lama bereits begonnen haben, als die Sicherheitskräfte einschritten. Einige Tibeter versuchten zu schlichten, andere wiesen darauf hin, dass diese Zeremonie nach chinesischem Recht nicht illegal ist, und weitere kehrten zurück, um die Zeremonie an einem anderen Ort abzuhalten.

Aus noch ungeklärten Gründen eröffneten die Sicherheitskräfte das Feuer auf die Menschenmenge. Ein Mönch wurde durch einen Kopfschuss schwer verletzt und ist in kritischem Zustand, und weitere acht Tibeter erlitten ebenfalls schwere Schussverletzungen. Zahlreiche andere Tibeter wurden durch Tränengas, Gummigeschosse und Schläge verletzt. Auf Druck der Bevölkerung wurden später alle verhafteten Tibeter wieder freigelassen. Auch wurde die Abriegelung des Klosters Nyatso, aus dem der am schwersten verletzte Mönch stammt, nach einigen Tagen beendet.

Neue Regeln für die Zulassung religiöser Lehrer
Ende letzten Jahres erliess die chinesische Regierung neue Regeln, die die Prozesse und Kriterien für die Zulassung als religiöse Lehrer exakt definieren. TCHRD befürchtet, dass mit der Zeit die alten, in der langen buddhistischen Tradition geschulten Lehrer aussterben und durch junge, regierungs- und parteihörige Personen ersetzt werden.

Nur wer regierungsoffiziell registriert ist, darf religiöse Lehren ausüben. Dafür müssen die künftigen Lehrer eine Reihe von Anforderungen erfüllen. Sie müssen „die Führung der Kommunistischen Partei und das sozialistische System unterstützen, Patriotismus und Disziplin zeigen, Recht und Gesetz wahren, die Interessen des Volkes achten, die nationale Einheit schützen und religiöse und soziale Harmonie bewahren“. Auch dürfen sie sich nicht ausländischen Individuen und Organisationen zu Aktivitäten anstacheln lassen, und müssen den Weisungen der [weltlichen, von der Regierung kontrollierten] Klosterverwaltung folgen.

Kandidaten, die von der Klosterverwaltung vorgeschlagen werden, durchlaufen dann einen mehrstufigen Evaluations- und Prüfungsprozess. Nach einer Begutachtung auf Bezirks- und Präfekturebene müssen sie eine Prüfung ablegen. Wenn sie die Prüfung bestehen, folgen wieder Begutachtungen auf der Ebene der Provinz und der Autonomen Region durch die „Buddhistische Vereinigung Chinas“, ein Organ der staatlichen Behörde für Religiöse Angelegenheiten. Erst dann erfolgt die Zulassung als Lehrer, die für 5 Jahre gültig ist und danach erneuert werden muss.

Bei Verstössen gegen ihre Aufgaben werden Sanktionen angedroht, die von mündlichen Belehrungen bis zum Entzug der Zulassung als Lehrer reichen. Besonders schwere Verstösse sind das Nichtbefolgen der Anordnungen der Klosterverwaltung, Handlungen auf Veranlassung ausländischer Individuen und Organisationen, Verbreiten „separatistischer Gedanken“, Anstacheln anderer zu „illegalen und strafbaren Handlungen“, und die Beteiligung an Aktivitäten, die „ethnische und soziale Stabilität stören oder das Mutterland spalten“.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Free Tibet

 

7. Juli 2013
„Die Fundamente festigen – Nutzen für die Massen“: Kampagne zur totalen Überwachung
Human Rights Watch weist in einem Bericht auf eine dreijährige Kampagne unter diesem Namen hin, die im Oktober 2011 implementiert wurde und vorgeblich der Erhöhung des Lebensstandards in dörflichen Regionen Tibets dienen soll, in Wirklichkeit aber ein System totaler Überwachung bedeutet.

Etwa 5‘000 Arbeitsteams mit insgesamt 21‘000 Kadern wurden während der Kampagne in Dörfern stationiert. Diese verrichteten nicht selten Tätigkeiten, die zum „Nutzen der Massen“ sein sollten, wie Hilfestellung bei Schneeräumung, Erschliessung der Wasserversorgung, Strassenbau, Montieren von Solarzellen oder Kommunikationstechnologie, Durchführung von Schreibunterricht, oder sogar Schlichten von Streitigkeiten.

Human Rights Watch zeigt auf, dass diese Tätigkeiten nicht etwa die Kernaufgabe der Teams bilden, sondern ganz am Ende einer Reihe viel wichtigerer Aufgaben stehen. Laut Parteidokumenten soll vor allem die Rolle der Kommunistischen Partei auf Dorfebene gestärkt werden, um die „Stabilität zu bewahren“ gegenüber „feindlichen Aktivitäten der Dalai-Lama-Clique“. Jedes Dorf solle zu einer „Festung“ im Kampf gegen „Separatisten“ werden. Überall sollen Parteizellen gebildet werden, indem diejenigen, die „versiert im Reichwerden“ sind, zur Übernahme der Parteimitgliedschaft und einer führenden Rolle im Dorf überzeugt werden sollen.

Als zweites Ziel wurde die Sammlung von möglichste umfassenden Informationen über den sozialen Status, das soziale Netzwerk im Dorf und die politischen Überzeugungen der Dorfbewohner genannt. Im Zuge der Kampagne zogen Mitglieder der Arbeitsteams reihum jeweils für einige Wochen in die Wohnungen der Dorfbewohner ein. Informanten berichteten, dass es den Hausbewohnern nicht mehr gestattet war, Türen abzuschliessen. Die Wohnungen wurden nach Bildern des Dalai Lama, missliebigen Schriften oder Tonträgern durchsucht, manche Räume sogar fotografiert. Weiter wurden umfassende biografische Daten und die Einkommensquellen aller Bewohner, einschliesslich Mönchen und Nonnen in lokalen Klöstern, dokumentiert.Dann wurden umfassende Interviews durchgeführt, in denen alle, sogar Kinder ab 10 Jahren, umfassend nach ihrer Haltung zum Dalai Lama und zu politischen Aktivitäten im Dorf befragt wurden.

Die Interviews dienten dazu, die Bewohner in 3 Kategorien einzuordenen. Als unproblematisch wurden diejenigen eingestuft, die „Wohlstand anstreben“ und Partei und Regierung unterstützen. In einer zweiten Kategorie wurden alle zusammengefasst, die den Dalai Lama verehren, aber keinen aktiven Widerstand ausüben. Alle, die in die dritte Kategorie fallen, nämlich „sich der Umerziehung verweigern und kein Vertrauen in das Mutterland und die Partei haben“, konnten für bis zu 6 Wochen zur „politischen Umerziehung“ interniert werden. Manche Dorfvorsteher wurden angehalten, im Dorf „Schlüsselpersonen“ zu identifizieren, das heisst solche, von denen Widerstandsaktionen ausgehen könnten.

Aus mehreren Regionen Tibets berichteten Informanten, dass auf Dorfebene „Sicherheitseinheiten“ gebildet werden. Diese bestehen aus jungen Personen, die „die Partei und die Nation lieben, und den Separatismus bekämpfen“. Sie sind mit Uniformen, Helmen, Taschenlampen sowie Schlagstöcken ausgerüstet und unternehmen Kontrollgänge, auf denen sie vor allem ortsfremde Personen kontrollieren.

Schliesslich wurden tausende von „Umerziehungssitzungen“ abgehalten. Familien, die nicht mindestens ein Mitglied dorthin entsenden, bekämen „ernste Probleme“, wurde vorab mitgeteilt. Solche, die sich den Inhalten der Sitzungen verweigerten, wurden zu „Extrasitzungen“ einberufen. Ausserdem erwähnt ein regierungsoffizieller Bericht, dass 90‘000 Portraits von Mao Zedong sowie 70‘000 chinesische Nationalflaggen verteilt wurden. Auf Haus- und Klosterdächern müssen nun die traditionellen Gebetsfahnen eingeholt und durch chinesische Flaggen ersetzt werden. Die Portraits von Heiligen sollen den mit Gebetsschleifen verzierten Bildern politischer Führer weichen. Der Bericht zählt auch zahlreiche lokale Veranstaltungen auf, wie z.B. das Begehen des vor wenigen Jahren geschaffenen „Jahrestages der Befreiung von der Sklaverei“ [dieser Jahrestag wurde erst im Jahr 2009 erfunden und soll jeweils im März begangen werden, um vom Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes am 10. März abzulenken; vergl. Tibet-Information vom 20. Januar 2009; UM], Aufführungen „erzieherischer und patriotischer Filme“, „roter“ Musikstücke sowie Fotoausstellungen.

Die Kampagne, die laut einem Regierungsdokument inzwischen in fast 5‘500 Dörfern der Autonomen Region Tibet durchgeführt wurde, kostet etwa 1.5 Milliarden Yuan (umgerechnet Fr. 200 Millionen), was ungefähr ein Viertel des gesamten regionalen Regierungsbudgets ausmacht.

Quellen: Human Rights Watch

 

28. Juni 2013
Überdenkt China die Tibet-Politik?
Zwei Ereignisse der letzten Wochen haben Spekulationen Nahrung gegeben, die neue chinesische Führung würde die Tibet-Politik grundlegend überdenken. Gleichzeitig warnen aber auch Skeptiker vor zu viel Optimismus.

„Gespräche wieder aufnehmen und das Tibet-Problem lösen“
Diesen Titel trägt ein Interview mit der Zeitschrift „Asian Weekly“ in Hong Kong, das Prof. Jin Wei von der Zentralen Schule der Kommunistischen Partei am 6. Juni gab.

In diesem bemerkenswerten Interview schlägt sie vor, dass man gegenüber den Tibetern zunächst gravierende politische Differenzen wie den „Mittleren Weg“ beiseite lassen und mit einfacheren Dingen beginnen sollte. So könnte die Regierung den Dalai Lama – sofern er wirklich glaubhaft nur noch eine religiöse Rolle spiele – zu einem Besuch nach Hong Kong oder Macau einladen, wo er möglicherweise auch leben könne. Wenn er sich auf Dauer wirklich von jeder politischen Rolle distanziere, könne man ihm sogar einen Besuch in Tibet erlauben.

Hinter diesen Vorschlägen steht laut diesem Interview eine gründliche Analyse der Situation in Tibet. Prof. Jin Wei erklärt, sie habe selbst Tibet für längere Zeit besucht und festgestellt, dass dort immense Fortschritte in der Infrastruktur und im wirtschaftlichen Wohlstand festzustellen seien, wofür die Tibeter der Kommunistischen Partei auch „tief dankbar“ seien. Auf der anderen Seite würden die Tibeter aber den Dalai Lama tief verehren, und viele Parteifunktionäre hätten mir ihrer repressiven Politik zu dem tiefen Graben zwischen ihnen und den Tibetern beigetragen. Speziell erwähnt sie die Serie der Selbstverbrennungen, die zwar eine „ansteckende, virtuelle Hysterie“ seien, aber sich doch zu einer „realen Bewegung“ entwickelt hätten. Massnahmen, diese zu verhindern, seien fehlgeschlagen und hätten die Spannungen oft nur verschärft. Die Situation könne möglicherweise noch ernstere Konflikte herauf beschwören. Insgesamt sei alles von einem Problem zwischen der Zentralregierung und der „separatistischen Dalai-Lama-Clique“ zu einem ethnischen Konflikt zwischen Chinesen und Tibetern eskaliert.

Im Interview wird auch ein gewisses Kalkül deutlich. Es müsse mit allen Mitteln erreicht werden, dass der nächste Dalai Lama in China inkarniert wird, um eine Situation wie die gegenwärtige mit zwei Panchen Lamas zu verhindern. Würde der Dalai Lama im Exil inkarniert und Beijing einen zweiten Dalai Lama einsetzen, hätte das „gravierende Folgen für die Sicherheit und Stabilität in der tibetischen Region“. Eine einvernehmliche Lösung mit dem Dalai Lama würde dazu führen, dass sich die „Obsession“ für den Dalai Lama in den westlichen Staaten und damit der internationale Druck auf China vermindere. Auch dürfte sich dieses positiv auf die Taiwan-Frage auswirken.

Bedeutsam ist, dass dieses Interview auf keinen Fall ohne Erlaubnis des engsten Führungskreises der Kommunistischen Partei veröffentlicht wurde. Der Präsident der Parteischule, Liu Yunshan, ist Mitglied im Ständigen Kommittee des Politbüros, dem eigentlichen Führungszirkel der Partei. Sein Vorgänger von 2006 bis zu diesem Jahr war Xi Jinping, der neue chinesische Staatspräsident.

Ende der Denunziation des Dalai Lama – ein „Experiment“
In den mehreren tibetischen Regionen im Norden und Osten, die den heutigen chinesischen Provinzen Sichuan und Qinghai angehören, dürfen Mönche und Laien wieder öffentlich den Dalai Lama verehren. Auch wurde mitgeteilt, dass man den Dalai Lama nicht mehr öffentlich denunzieren solle.

Die wichtigste öffentliche Ankündigung dieser überraschenden Veränderung erfolgte am 14. Juni bei einer Konferenz der Buddhistischen Schule der Provinz Qinghai, wo auch ein neuer Parteisekretär ernannt wurde. Laut einem dort verabschiedeten Dokument „sollen [die Tibeter] den Dalai Lama respektieren und dürfen ihm folgen“, und zwar als „religiöse Person“. Man dürfe ihm aber nicht als „politische Person“ folgen, denn „Religion und Politik sollen getrennt bleiben“. Ähnliche Ankündigungen werden aus Kardze im heutigen Sichuan und vom Kloster Kumbum in Qinghai gemeldet. Am 19. Juni verlasen im Bezirk Tsigorthang in Qinghai Regierungsmitglieder ein Dokument, nach welchem wieder Fotos des Dalai Lama an öffentlichen Orten ausgestellt werden dürfen, und „niemand sei es gestattet, ihn mit [herabsetzenden] Namen zu kritisieren“. Die Erlaubnis zum Ausstellen von Bildern des Dalai Lama in Klöstern und Wohnhäusern wurde auch im Süden aus der Grenzstadt Dram an der Grenze zu Nepal gemeldet.

Offizielle Dokumente beschreiben diese Änderungen aber als „experimentell“ mit der impliziten Warnung, dass alles auch kurzfristig wieder zurückgenommen werden kann. Laut Beobachtern könnte die chinesische Führung in der Tat in begrenzten Regionen Tibets „experimentieren“, wie sich diese Lockerungen auswirken.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia; The Irrawady; Institute for Peace and Conflict Studies (New Delhi)

 

30. Mai 2013
Erneute Selbstverbrennung
Am 27. Mai verbrannte sich in der osttibetischen Region Adril der 31-jährige Mönch Tenzin Sherap und starb. Kurz darauf erschienen Sicherheitskräfte und konfiszierten den Leichnam. Allerdings wurde dieser am folgenden Tag seiner Familie ausgehändigt.

Tenzin Sherap hatte niemanden etwas über seinen Plan erzählt, aber Freunden einige Tage vorher anvertraut, er könne das Leben unter der „ständigen Folter und Repression durch China“ nicht länger ertragen.

Tausende Tibeter protestieren gegen Mine in Driru
Am 24. Mai haben sich im osttibetischen Driru nahezu 5‘000 Tibeter zum Protest gegen eine Mine versammelt. Der Protest begann, nachdem etwa 100 Arbeiter einer chinesischen Firma am nahe der Mine gelegenen heiligen Berg Naglha Dzambha erschienen. Sie begannen, Strommasten zu errichten und Kabel zu verlegen, angeblich um mit einem „hydroelektrischen Projekt“ zu beginnen. Die Tibeter glaubten dieser Darstellung nicht, und etwa 3‘500 von ihnen zogen darauf zu einer Pilgerstätte, um diese zu schützen, weil sie glaubten, in Wirklichkeit sollten dort Mineralien abgebaut werden. Die chinesische Firma gab an, dass diese Arbeiten zu mehr Wohlstand in der Region führen würden.

Eine Abordnung von 6 Tibetern gelangte darauf mit einer Petition an die Firma, die Arbeiten einzustellen. Schliesslich wurden die Arbeiter zurückgezogen, gleichzeitig fuhren jedoch etwa 50 Transportfahrzeuge mit Sicherheitskräften auf. Obwohl die Arbeiten zunächst nicht weitergeführt werden, beschreiben Augenzeugen die Situation immer noch als „gespannt“.

In Driru ereignete sich im letzten Jahr eine grosse Verhaftungswelle. Zwischen März und September waren etwa 1‘000 vorwiegend jüngere Tibeter aus wohlhabenden Elternhäusern verhaftet worden. Die meisten Verhafteten hatten sich einer gewaltlosen Bewegung angeschlossen, die versucht, die tibetische Kultur und Lebensweise zu erhalten [vergl. Tibet-Information vom 13. September 2012;UM]

Quellen: Phayul; Radio Free Asia

 

22. Mai 2013
Alter Pilgerweg in Lhasa wird zur Shoppingmeile
Der Barkhor, der heiligste Pilgerweg für tibetische Buddhisten, soll zu einer Einkaufsstrasse umgebaut werden. Nun wurden Pläne bekannt, den Barkhor in eine Shoppingmeile mit 150'000 Quadratmetern Ladenfläche mitsamt einer Tiefgarage für über 1‘000 Autos zu verwandeln. Dafür sollen auch viele der ältesten Bauwerke in Lhasa, die teilweise aus dem 7. Jahrhundert datieren, abgerissen werden.

Laut Phayul sollen die Stände für den Strassenverkauf, die sich bisher am Barkhor aufreihen, verschwinden und in das Einkaufszentrum integriert werden. Die Bewohner der angrenzenden Häuser werden in ein Quartier am westlichen Rand von Lhasa umgesiedelt. Wer sich schon jetzt für den Umzug entscheidet, soll Geld erhalten, wer sich weigert, könnte später als „politischer Problemfall“ angesehen werden.

Das Jokhang-Kloster war seitens der chinesischen Regierung bereits 1981 unter nationalen Denkmalsschutz gestellt worden. Mitsamt dem Potala-Palast zählt das Jokhang-Kloster seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe. Einmal im Leben sollte jeder gläubige Buddhist den 800 Meter langen Weg zurücklegen, der Lhasas wichtigsten Tempel, den Jokhang, umrundet.

Auch die in Beijing lebende tibetische Schriftstellerin Woeser schlug in einem Blog mit dem Titel „Rettet Lhasa“ Alarm. Nachdem dieser über 10‘000 Mal angeklickt wurde, entfernten Zensoren sämtliche Einträge. Woeser auch wies darauf hin, dass der Bau des im letzten Jahr eröffneten Einkaufszentrums Shenli Shidai nördlich der Altstadt zu Rissen in den anliegenden Altbauten führte. Da Lhasa auf Morastboden liegt, hätten die Untergeschosse der Tiefgarage während der Bauarbeiten zwei Jahre lang mit Pumpen entwässert werden müssen.

Die Zerstörung der Altstadt von Lhasa
Woeser weist darauf hin, dass die Verwandlung des Pilgerwegs in ein Shopping-Zentrum nur ein Aspekt der Zerstörung der Altstadt von Lhasa ist. Sie nennt zahlreiche weitere Beispiele.

Vor vier Jahren wurde das im Jahr 1838 gebaute und unter Denkmalschutz stehende Geburtshaus des 11. Panchen Lama in ein Hotel verwandelt. Wo die Räume für die Buddha-Statuen und buddhistischen Schriften waren, befinden sich seitdem die teuersten Hotelzimmer.

Der Potala-Palast wurde im letzten Jahr von über 1 Millionen Touristen besucht, obwohl der Einlass wegen der fragilen Bausubstanz eigentlich strikt auf ein Drittel dieser Zahl festgelegt war.

Nachdem sich am 27. Mai 2012 zwei Tibeter auf dem Barkhor selbst vebrannten [vergl. Tibet-Information vom 29. Mai 2012; UM], wurde das Hotel, in dem sie wohnten, beschlagnahmt. Nun heisst es „Verwaltungssitz Barkhor-Altstadt“, und die nahe gelegene Polizeistation heisst „Polizeihauptstelle Barkhor-Altstadt“. Mehr noch als die baulichen Veränderungen besorge sie, so Woeser, der neue Begriff „Barkhor-Altstadt“, der erst seit Kurzem verwendet werde und möglicherweise die Verwandlung in ein „Folklore-Altstadtquartier“ für Touristen signalisiere.

Quellen: Phayul; Aargauer Zeitung; Die Welt

 

14. Mai 2013
Zweifache Selbstverbrennung
Am 24. April verbrannten sich zwei Mönche des Klosters Kirti, das Schwerpunkt der Welle der Selbstverbrennungen seit 2 Jahren ist, und starben. Ihre Namen wurden von Phayul mit Lobsang Dawa (20 Jahre) und Kunchok Woeser (23 Jahre) angegeben. Sie zündeten sich abends nahe einer Gebetshalle an. Ihre Leichname wurden von anderen Mönche in ihre jeweiligen Behausungen gebracht, wo auch die Totenrituale abgehalten wurden. Auf Druck der Behörden mussten die Einäscherungen gleich am nächsten Morgen erfolgen.

Beide Mönche waren als Kinder in das Kloster Kirti eingetreten und galten als ausgezeichnete Schüler.

„Anleitung zur psychischen Gesundheit“ für Sicherheitskräfte
TCHRD erhielt ein brisantes Handbuch zugespielt, das den psychischen Stress aufzeigt, dem Sicherheitskräfte bei ihren Einsätzen in Tibet ausgesetzt sind. In dem zurzeit zirkulierenden Entwurf, der von fünf Militärpsychiatern aus der Provinz Sichuan für die Bewaffnete Volkspolizei (People’s Armed Police, PAP) Anfang d.J. verfasst wurde, geben Psychologen und Psychiater Antworten auf 29 Fragen, wie Offiziere „wirksam mit den häufigsten psychischen Traumata umgehen, die mit den Schrecken ihrer Arbeit in Tibet“ einhergehen und „ihre Fähigkeiten zur stabilitätserhaltenden Arbeit in Tibet weiter stärken“. Das Handbuch enthüllt, dass einige Offiziere durch die Implementierung der repressiven Politik der Regierung psychisch traumatisiert sind bis zu dem Grad, dass sie die Sicherheitskräfte verlassen oder psychisch erkranken.

Beispielsweise befasst sich Frage 11 mit denjenigen Offizieren, die bei den Protesten vom 16. März und 18. März 2009 in Ngaba im Einsatz waren. Dort hatte sich Phuntsok als zweiter Tibeter selbst verbrannt, und in den nachfolgenden Protesten hatten Sicherheitskräfte wahllos in die demonstrierende Menge gefeuert. Das Handbuch enthüllt, dass zahlreiche Offiziere nicht in der Lage sind, sich gegen die immer wiederkehrenden Erinnerungen an den blutigen Einsatz zu wehren und unter Schlaflosigkeit und Alpträumen leiden. Im Handbuch wird in martialischer Sprache bemerkt, dass die Arbeit in Tibet „hart und konfliktgeladen ist, und einen täglichen Kampf zwischen Leben und Tod im Hagelsturm von Schwerten und Gewehren bedeutet“. Und weiter: „Viele Offiziere und Soldaten, die zum ersten Mal in Tibet im Einsatz sind, werden von psychischen Problemen belastet, so dass sie ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren können, oder sie sind angsterfüllt bis zu dem Grad, dass sie ihr Selbstvertrauen verlieren. Besonders während kritischer Situationen oder unerwarteter Vorfälle erstarrt eine Handvoll von Offizieren vor Angst und Wahn und ist unfähig, rechtzeitig zu reagieren.“

Frage 16 bemerkt dazu: „Manche Genossen verlieren ihre Entschlossenheit und werden verwirrt, wenn sie tibetische Unruhestifter sehen, die sie mit Schwerten und Steinen bedrohen, und andere fühlen sich unwohl, wenn sie protestierende Mönche in ihren roten Roben sehen. Manche fürchten sich sogar davor, darauf zu reagieren... Solche Reaktionen schwächen die bewaffneten Streitkräfte...Es sind Massnahmen ergriffen worden, damit sie ihre Arbeit erfolgreich durchführen können.“

Ganz im Widerspruch zur offiziellen Regierungsposition, dass in China „Harmonie“ zwischen den verschiedenen Völkern herrsche, verstärkt das Handbuch den Mythos des tibetischen „Barbaren“: „Gleichgültig wie stark oder furchteinflössend die tibetischen Separatisten aussehen, werden wir den Willen der Massen durchsetzen... und den Kampf für den Fortbestand der Stabilität in Tibet weiterführen.“

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

18. April 2013
Junge Tibeterin stirbt nach Selbstverbrennung
Eine junge Tibeterin, die 20-jährige Chuktso, verbrannte sich am 16. April in der Präfektur Ngaba, das Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen war. Die Mutter eines 3 Jahre alten Kindes setzte sich vor dem Jonang-Kloster in Brand und starb sofort.

Ihr Leichnam wurde von Tibetern in das Kloster gebracht, wo die Totenrituale abgehalten wurden. Danach wurde der Leichnam in ihr Wohnhaus überführt. Sicherheitskräfte und Behörden setzten laut Informanten von TCHRD die Angehörigen unter Druck, die Kremation noch in der gleichen Nacht vorzunehmen, ansonsten würde die Leiche konfisziert.

Damit steigt die Zahl der Selbstverbrennungen auf insgesamt 115.

Mehrjährige Haftstrafen nach Studentenprotest
Acht Stundenten wurden wegen „Beschädigung der nationalen Stabilität“ zu Haftstrafen zwischen 3 und 4 Jahren verurteilt. Am 26. November letzten Jahres war an der Universität in Chabcha im Nordostern Tibets ein Protest ausgebrochen, nachdem den Studenten in einer „Umerziehungsaktion“ Materialien unterbreitet worden waren, die den Dalai Lama diffamieren. Den Studenten wurden Propagandaschriften gegeben, die sie studieren und danach Fragen beantworten sollten wie z.B. „Was ist die Natur der Selbstverbrennungen?“, „Was sind die Folgen von illegalen Versammlungen und Demonstrationen?“, oder „Unter wessen Führung wurde die Gleichheit der Nationalitäten verwirklicht?“ [vergl. Tibet-Information vom 26. und 28. November 2012; UM]

Der Protest war damals nach zweistündiger Dauer von Sicherheitskräften unter massiven Schlägen, nach unbestätigten Berichten auch unter Einsatz von Tränengas und Schusswaffen, aufgelöst worden.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

11. April 2013
Tibeterin zündet sich aus Protest gegen Häuserabriss an
Am 4. April setzte sich eine Tibeterin, deren Namen nicht bekannt ist, in der Stadt Kyegudo in Brand, um gegen den Abriss von Häusern zu protestieren. Die Flammen konnten von Tibetern gelöscht werden, so dass die Frau ohne lebensgefährliche Verletzungen überlebte. Ihre Tat geschah aus Protest gegen den Abriss behelfsmässiger Wohnungen, die die Tibeter nach dem Erdbeben dort errichtet hatten.

In dieser osttibetischen Region hatte sich vor genau 3 Jahren ein schweres Erdbeben ereignet, das mehrere tausend Todesopfer forderte [vergl. Tibet-Information vom 19. und 23. April 2010; UM]. Schon kurz nach dem Erdbeben waren Vorwürfe laut geworden, die Behörden seien nicht daran interessiert gewesen, die zerstörten Häuser für Tibeter an gleicher Stelle wieder aufzubauen. Vielmehr wurden viele tibetische Liegenschaften enteignet, besonders solche, die an lukrativer Lage an den zwei Hauptstrassen des Ortes lagen. Dort gibt es Pläne, neue Geschäftshäuser und Touristenunterkünfte zu bauen. Die Tibeter wurden stattdessen nur unvollständig entschädigt und in minderwertige Gebäude in der Peripherie umgesiedelt. Teilweise protestierten Tibeter dagegen, indem sie in den Ruinen ihrer Häsuer campierten. Es kam auch zu einem Massenprotest vor dem Gebäude der Lokalverwaltung [vergl. Tibet-Information vom 24. Juni und 11. August 2010; UM].

Zum jetzigen Protest kam es, als die Behörden Unterkünfte und Zelte gewaltsam niederreisen liessen. Als Grund wurde angeführt, die Bewohner seien nicht offiziell registriert gewesen. Es wurden offenbar auch Behausungen abgerissen, die Tibeter provisorisch auf ihrem eigenen Land errichtet hatten. Mitunter hätten die Tibeter nicht einmal Zeit gehabt, vor dem Abriss ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen.

Hintergrundbericht zum Berkwerksunglück in Gyama
Am 30. März begrub ein Erdrutsch im Bergwerk von Gyama im Bezirk Medrogungkar, etwa 70 km von Lhasa entfernt, 83 Arbeiter, von denen niemand überlebte. Die Tibetische Regierung im Exil befürchtet, dass dieser Erdrutsch das Resultat von rücksichtslosem Abbau ist.

In Gyama wird der Abbau von Kupfer, Molybdän, Gold, Silber, Blei und Zink betrieben. Das Bergwerk wurde im vergangenen Jahr als „Pilotprojekt“ für Nachhaltigkeit, „soziale Verantwortung“, und „nationale Einheit“ ausgewählt. Es sollte höhere Standards als andere für sichere Produktion, „Harmonie mit der Gemeinschaft und Verantwortung für das Wohlergehen der Gesellschaft“ einhalten.

Im Gegensatz zu diesen Prinzipien sei der Abbau seit der Fusion von 4 kleineren Anlagen zum jetzigen Bergwerk im Jahre 2007 besonders aggressiv und rücksichtslos vorangetrieben worden. Die Anlage umfasst insgesamt fast 150 Quadratkilometer. Die Betreiber hätten in ihrem Expansionsdrang teilweise ganze Berge abgetragen. Auch zog die Expansion zahlreiche chinesische Wanderarbeiter an. Das könnte die Tatsache erklären, dass sich unter den 83 Todesopfern nur 2 Tibeter befinden.

Mehrfach kam es zu Protesten der Anwohner gegen Zwangsenteignungen, Umleitungen von Flüssen mit Versiegen des Grundwassers, vergifteten Abraum und verschmutzte Gewässer [vergl. Tibet-Information vom 10. Januar 2011; UM]. Nach einer Untersuchung, die in einem renommierten niederländischen Wissenschaftsjournal veröffentlicht wurde [Science for the Total Environment, Elsevier-Verlag, September 2010; UM], haben im Flussbett des Gyama-Flusses die Konzentrationen von mehreren Metallen in den letzten 20 Jahren erheblich zugenommen. Die Autoren des Berichts warnen vor den Gesundheitsrisiken, wenn diese Metalle Aufnahme in die Nahrung finden. Mehr noch, der Gyama-Fluss mündet in den Kiychu-Fluss, der durch Lhasa mit seinen über 180‘000 Einwohnern fliesst und schliesslich in den Yarlung Tsangpo mündet, der schliesslich als Brahmaputra in Bangladesh in das Meer mündet. Damit gefährden Rückstände potenziell eine grosse Bevölkerungszahl.

Quellen: Radio Free Asia; Central Tibetan Administration

 

3. April 2013
Mutter von 4 Kindern verbrennt sich
Am 24. März verbrannte sich die 30-jährige Kalkyi in der Nähe eines Klosters im Bezirk Dzamthang und starb. Tibeter konnten ihren Leichnam in das Kloster Jonang bringen, noch bevor Sicherheitskräfte eintrafen, und führten dort die Totenrituale durch. Diese wurden nach Augenzeugenberichten, die TCHRD zitiert, von 4000 Tibetern besucht. Sicherheitkräfte warnten die Tibeter, dass sie die Leiche gewaltsam wegtransportieren würden, wenn die Einäscherung nicht sofort vorgenommen würde.

Kalkyi hinterlässt drei Söhne und eine Tochter, alle noch unter 15 Jahren. Sie ist die 16. Frau, die diesen Schritt wählte.

Waldarbeiter stirbt in selbst errichtetem Scheiterhaufen
Nur einen Tag nach der Selbstverbrennung von Kalkyi wurde im Bezirk Sangchu in der Präfektur Kanlho morgens der verbrannte Leichnam des 43-jährigen Lhamo Kyab gefunden. Er hatte noch vor Morgengrauen einen Haufen aus Reisig und Holz errichtet, diesen mit Kerosin angezündet und sich in die Flammen gesetzt. Als Tibeter dort eintrafen, war sein Körper schon weitgehend verbrannt.

Kurz darauf erschienen Sicherheitskräfte und riegelten den Ort der Selbstverbrennung ab.

Dritte Selbstverbrennung in der gleichen Woche
Am 28. März verbrannte sich der 28-jährige Kunchok Tenzin auf einer Strassenkreuzung in der Nähe des Klosters Mori in der Präfektur Kanlho im Nordosten Tibets. Tibeter konnten seinen Leichnam bergen und in das Kloster bringen, wo am gleichen Abend die Totenrituale und Kremation erfolgten. Sicherheitskräfte riegelten das Kloster darauf ab. Auch in den Dörfern nahe des Klosters ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Kunchok Tenzin trat als Junge in das Kloster ein und soll einer der besten Schüler gewesen sein.

Kunchok Tenzin ist insgesamt der 112. Tibeter, der sich selbst verbrannte, 91 von ihnen sind gestorben.

Liste von „13 gesetzeswidrigen Verhaltensweisen“
In der Präfektur Malho, in der sich viele Selbstverbrennungen ereigneten, haben die Behörden eine Liste von verbotenen Verhaltensweisen veröffentlicht, die Radio Free Asia vorliegt. Die Publikation der Liste soll laut offizieller Verlautbarung dazu dienen, „die soziale Stabilität und Disziplin aufrecht zu erhalten“ und „gesetzeswidrige Taten zu unterbinden“. Unter anderem ist es verboten, Selbstverbrennungen zu filmen, dazu aufzurufen, Sicherheitskräfte zu behindern, Regierungskader „einzuschüchtern“, oder Informationen über Selbstverbrennungen an „ausländische separatistische Kräfte“ zu übermitteln. Auch ist es nicht erlaubt, Spenden zu sammeln [was oft geschah, um Hinterbliebene nach Selbstverbrennungen zu unterstützen; UM], zum Schutz der Umwelt oder der tibetischen Sprache aufzurufen, und religiöse Zeremonien abzuhalten, sofern diese Handlungen „Andeutungen“ über die Unabhängigkeit Tibets beinhalten.

Diese Liste folgt auf die im Februar d.J. neu lancierte „Patriotische Umerziehung“, die ebenfalls mit zahlreichen Strafandrohungen auf Selbstverbrennungen zu reagieren versucht [vergl. Tibet-Information vom 22. Februar 2013; UM] .

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia

 

25. März 2013
Selbstverbrennung – und danach Ehemann verhaftet
Am 13. März zündete sich die 30-jährige Kunchok Wangmo auf der Hauptstrasse der Stadt Dzoege in der Präfektur Ngaba an und starb sofort. Ihr Leichnam wurde von Sicherheitskräften entfernt. Später wurde dem Ehemann nach der Kremation nur noch die Asche in einer Urne ausgehändigt.

Die Behörden setzten den Ehemann, Dolma Kyab (31), unter Druck, einen Familienstreit als Ursache der Selbstverbrennung auszugeben. Als er sich weigerte, wurde er verhaftet. Auf Grund der Nachrichtensperre in die Region Ngaba sind weitere Details nicht bekannt. Auch war nicht in Erfahrung zu bringen, wer sich um die 8-jährige Tochter kümmert.

Weitere Selbstverbrennung im Kloster Kirti
Vor der Tür seiner Unterkunft im Kloster Kirti setzte sich am 16. März der 28-jährige Mönch Lobsang Thokmey in Brand. Er wurde in das lokale Spital gebracht, erlag dort aber kurz darauf seinen Verletzungen.

Die Selbstverbrennung erfolgte am Jahrestag des Massakers vom 16. März 2008, als während der Unruhen Sicherheitskräfte in eine unbewaffnete Gruppe von mehreren hundert Demonstranten feuerten und mindestens 13 Tibeter starben, darunter ein 16-jähriges Mädchen.

Am 16. März 2011 hatte sich der Mönch Phuntsog aus Kirti selbst verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 21. März 2011; UM] und damit die bis jetzt anhaltende Welle von Selbstverbrennungen begonnen. Genau 1 Jahr später setzte sich Lobsang Tsultrim, ebenfalls ein Mönch des Klosters Kirti, in Brand [vergl. Tibet-Information vom 19. März 2012; UM] und starb 2 Tage später.

Quellen: freetibet.org

 

12. März 2013
Nach Satellitenschüsseln: Nun Razzien auf Mobiltelefone
Nachdem die Behörden im Januar Razzien auf Satellitenschüsseln durchgeführt haben [vergl. Tibet-Information vom 14. und 31. Januar 2013;UM], kommen nun Mobiltelefone an die Reihe. Am 7. März kam ein „Arbeitsteam“ nach Lhasa, das aus technischen Experten für die Mobiltelefonie besteht. Diese durchkämmen seitdem alle grossen Klöster in Lhasa nach persönlichen Mobiltelefonen, mit denen Mönche Informationen in das Ausland liefern können. Für jedes grosse Kloster, beginnend mit Drepung, gefolgt von Sera, Ganden, Ramoche und Jokhang, seien je 4 bis 5 Arbeitstage eingeplant. Unklar ist, was mit den Mobiltelefonen und ihren Eignern geschieht, sollte sich herausstellen, dass damit Informationen in das Ausland geschickt wurden.

Im Januar waren in der Präfektur Malho in Razzien sämtliche Satellitenschüsseln entfernt und zerstört worden, mit denen sich ausländische Sender empfangen lassen. Auch wurden diese aus allen Läden entfernt und durch solche Anlagen ersetzt, mit denen sich nur noch staatliche chinesische Programme empfangen lassen.

Fünf Festnahmen nach Protestaktion zum 10. März
Im osttibetischen Bezirk Kardze wurden 5 Tibeter verhaftet, die am Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes an einer Protestaktion beteiligt waren. Drei Mönche des Klosters in der Bezirkshauptstadt Sershul trugen ein grosses Banner mit einem Portrait des Dalai Lama über die Strasse und riefen Slogans für Freiheit, Demokratie und eine Lösung gemäss dem „Mittleren Weg“ [Autonomie, keine Unabhängigkeit für Tibet; UM].

Als die Sicherheitskräfte auf die Demonstration aufmerksam wurden und anrückten, wollten zwei Tibeter schlichtend eingreifen, doch wurden sie ebenfalls verhaftet. Es ist nicht bekannt, wo sich die Verhafteten derzeit befinden.

Verhaftungen und Verurteilungen wegen “Beihilfe zur Selbstverbrennung”
Weiter versucht China, mit Verhaftungen und Verurteilungen die These von der „Fremdsteuerung“ der Selbstverbrennungen aus dem Ausland zu belegen. Nach dem Todesurteil mit Hinrichtungsaufschub für einen Tibeter im Januar [vergl. Tibet-Information vom 31. Januar 2013; UM] und der Verhaftung von insgesamt 70 Tibetern im Osten Tibets [vergl. Tibet-Information vom 14. Februar 2013; UM] berichteten offizielle chinesische Zeitungen Anfang März von langjährigen Haftstrafen für drei Tibeter, die der „Beihilfe“ zu einer Selbstverbrennung im November beschuldigt wurden. In einem Prozess, der in der Region Kanlho, welche Schauplatz mehrerer Selbstverbrennungen war, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter starken Sicherheitsvorkehrungen stattfand, wurden drei Tibeter zu Haftstrafen von 15, 11 und 10 Jahren verurteilt.

Ebenfalls meldete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua die Verhaftung von 5 Tibetern in Osttibet, die angeblich „im Auftrag“ der Radiosender Radio Free Tibet und Voice of America sowie der Exilorganisation Tibetan Youth Congress (TYC), der für die Unabhängigkeit Tibets eintritt, Freiwillige für Selbstverbrennungen rekrutiert hätten. Die verhafteten Tibeter wären angeblich stets gleich nach Selbstverbrennungen vor Ort gewesen und hätten Bilder ins Ausland geschickt. Sowohl die Radiosender als auch TYC dementierten energisch, dass sie zu Selbstverbrennungen animieren würden.

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

7. März 2013
Zahl der Selbstverbrennungen steigt auf 107
Am 19. Februar verbrannten sich wiederum zwei tibetische Teenager. Der 17-jährige Rinchen und der 18-jährige Sonam Dhargey setzten sich in der Präfektur Ngaba in Brand und starben. Es ist derzeit nicht bekannt, welche Slogans sie bei der Selbstverbrennung riefen.

Beide hatten die Primarschule in der Ortschaft Kyangtsa in Ngaba besucht. Rinchen hatte nach dem Abschluss der Schule in der Provinz Qinghai im Norden Tibets eine Anstellung gefunden und war während des tibetischen Neujahrs bei seiner Familie in Ngaba zu Besuch. Beide Leichname wurden zu ihren Eltern gebracht, welche hoffen, die Totenrituale ungestört durchführen zu dürfen.

Damit sind 20 der Tibeter, die sich selbst verbrannten, 18 Jahre alt oder jünger.

In der osttibetischen Region Ngaba zündete sich am Morgen des 26. Februar der Tibeter Sangdag auf einer Hauptstrasse im Bezirk Ngaba an. Sangdag, dessen Alter nicht bekannt ist, war Mönch im Kloster Dhiphu. Sicherheitskräfte, die sofort am Ort der Selbstverbrennung erschienen, brachten seinen Körper zuerst in das lokale Spital, später dann aber an einen unbekannten Ort. Über seinen Zustand sind bisher keine weiteren Details bekannt.

Mehrere Verletzte bei Protestaktion in Osttibet
Mindestens 6 Tibeter wurden bei einer Protestaktion anlässlich des tibetischen Neujahrsfestes im osttibetischen Chamdo verletzt, darunter zwei mit Knochenbrüchen. Die Behörden hatten angeordnet, dass alle Anwohner in der Ortschaft Meyul am 10. Februar, dem Tag vor dem Beginn des Neujahrsfestes, die chinesische Nationalflagge auf den Hausdächern hissen.

Stattdessen warfen die Tibeter die Flaggen auf den Boden und traten mit ihren Füssen auf sie. Auch die als Dank verteilten Solarzellen wurden von ihnen sofort zerstört. Einen Tag darauf trafen Sicherheitskräfte in Meyul ein und verhafteten die Tibeter, die als Anführer des Protests identifiziert wurden. Dabei erlitt ein Tibeter mehrere Rippenbrüche, ein anderer einen Armbruch. Mindestens vier weitere Tibeter wurden bei der Verhaftung zusammengeschlagen. An den Strassen, die aus Meyul herausführen, sind Kontrollpunkte eingerichtet. Sicherheitskräfte erfassen die Personalien in sämtlichen Haushalten in der Region.

Seit diesem Vorfall sind alle Telefon- und Internetverbindungen in die Region unterbrochen, so dass weitere Details nicht in Erfahrung zu bringen sind.

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia

 

21. Februar 2013
Zwei Teenager verbrennen sich
Zwei Teenager, der 17-jährige Rinchen und der 18-jährige Sonam Dhargye, setzten sich gemeinsam am 19. Februar in der Stadt Kyangtsa in der osttibetischen Präfektur Ngaba in Flammen und starben auf der Stelle. Ihre Leichname wurden von Tibetern in deren jeweilige Elternhäuser gebracht, wo die Familien hofften, ungestört die Totenrituale durchführen zu können. Rinchen war extra über die Feiertage anlässlich des tibetischen Neujahrs von seinem Arbeitsort in der Provinz Qinghai zu seiner Familie gereist.

Damit steigt die Zahl der Selbstverbrennungen auf 104.

Bereits am 14. Februar, dem dritten Tag des tibetischen Neujahrsfestes, hatte sich der 26-jährige Drukpar Khar, Vater von 3 Kindern, in der Stadt Amchok in der Präfektur Kanhlo in Brand gesetzt.

Am 17. Februar starb der 46-jährige Namlha Tsering, Vater von 4 Söhnen, in der Stadt Sangchu, ebenfalls in der Provinz Kanhlo, nachdem er sich mit gekreuzten Beinen auf einer stark befahrenen Strasse in Brand gesetzt hatte. Sicherheitskräfte schafften seinen Leichnam weg und versuchten, die Brandspuren an der Stelle, wo er sich verbrannt hatte, zu verdecken.

Tibeter werden gezwungen, Neujahr zu feiern
Aus verschiedenen Regionen in Tibet wurde bekannt, dass Partei- und Regierungskader Haushalte besuchten und Familien dazu zwangen, das tibetische Neujahr zu feiern, das in diesem Jahr am 11. Februar begann. Wie schon im vergangenen Jahr [vergl. Tibet-Information vom 2. März 2012; UM] entschlossen sich die Tibeter in Tibet und im Exil, im Gedenken an die Selbstverbrennungen die Festtage im Gebet und ohne die traditionellen Feiern zu begehen.

Die Funktionäre versuchten die Tibeter mit einer Mischung aus Drohungen und angebotenen Belohnungen zum Feiern zu veranlassen. Sie wurden aufgefordert, sich wie üblich neu zu kleiden, Angehörige und Freunde zu opulenten Essen einzuladen und die traditionellen Reiterwettkämpfe und Bogenschiessen zu veranstalten. Allen, die sich verweigerten, wurden massive Strafen angedroht. Es ist unmöglich, umfassende Informationen zu erhalten, ob diesen Anordnungen Folge geleistet wurde, jedoch gibt es aus verschiedenen Regionen Berichte, dass sich Tibeter diesen Anordnungen widersetzten und die Feiertage stattdessen mit Gebeten in Klöstern verbrachten. Tibetische Läden weigerten sich auch, Feuerwerk zu verkaufen, das an diesen Tagen normalerweise entzündet wird.

In Rebkong dekorierten Kader die Regierungsgebäude und an Strassenkreuzungen errichtete Gerüste mit Drachenmotiven, dem chinesischen Nationalsymbol. In Lhasa besuchten hohe Funktionäre das Ramoche-Kloster und ordneten an, dass die Wände neu gestrichen und Flaggen gehisst werden, wie es ansonsten der Tradition zum Neujahr entspricht. Wenn sich Mönche weigerten, das Neujahrsfest entsprechend der Tradition zu begehen, würde das als politisches Vergehen angesehen. Das Ramoche-Kloster, eines der ältesten tibetischen Klöster überhaupt, hatte seit dem Aufstand im Jahr 2008 keine Feiern zum Neujahr durchgeführt.

„Patriotische Umerziehung“ fokussiert auf Selbstverbrennungen
Diejenigen, die andere „zu Selbstverbrennungen anstiften, verleiten oder drängen“, werden der vorsätzlichen Tötung angeklagt. Ebenso machen sich solche, die „Sicherheitskräfte, medizinisches Personal oder andere, die die Selbstverbrenner schützen wollen“, bei der Ausübung ihrer Pflichten behindern, des gleichen Vergehens schuldig. Ihnen wird im schlimmsten Fall die Todesstrafe angedroht. Es erhalten diejenigen schwere Strafen, die andere „zu Versammlungen aufrufen, die Leichname von Selbstverbrennern in Prozessionen durch die Strassen tragen oder anderweitig den öffentlichen Verkehr oder die Ordnung stören“. In der Vergangenheit hatte es mehrfach Auseinandersetzungen zwischen Tibetern und Sicherheitskräften gegeben, wenn letztere versuchten, die Körper von Tibetern nach Selbstverbrennungen, ob tot oder lebendig, möglichst rasch vom Ort des Geschehens fortzuschaffen. Diese Strafandrohung zielt offensichtlich darauf ab, zu verhindern, dass die Leichname an ihre Heimatorte gebracht und Totenrituale abgehalten werden. Auch werden alle mit Haftstrafen von 5 bis 15 Jahren bedroht, die „fälschlich“ Bilder oder Videos von derartigen Ereignissen verbreiten.

Quellen: Radio Free Asia; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

14. Februar 2013
Die 100. Selbstverbrennung in Tibet, eine weitere in Kathmandu
Durch die Selbstverbrennung des 37-jährigen Lobsang Namgyal erreicht die Zahl in Tibet nun 100. Lobsang Namgyal, ein Mönch des Klosters Kirti, Ort mehrerer Selbstverbrennungen im vergangenen Jahr, setzte sich schon am 3. Februar in Flammen und starb, jedoch wurde dieses erst vor Kurzem im Exil bekannt.

Am gleichen Tag zündete sich auch in Nepals Hauptstadt Kathmandu ein junger tibetischer Mönch an. Sein Name ist nicht bekannt, ebenso gibt es keine Informationen über seinen Zustand.

Massenverhaftungen wegen „Beihilfe“ zu Selbstverbrennungen
Insgesamt 70 Tibeter wurden in Osttibet in den vergangenen Wochen verhaftet, weil sie angeblich in irgendeiner Weise „Beihilfe“ zu Selbstverbrennungen im November letzten Jahres geleistet hätten.

Die propagandistische Ausschlachtung der Verhaftungen durch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua dient zum einen dazu, andere Tibeter davon abzuschrecken, Totenrituale für die Opfer der Selbstverbrennungen abzuhalten, den betroffenen Familien Kondolenzbesuche abzustatten oder ihnen materielle Zuwendungen zukommen zu lassen. Zum anderen werden die Tibeter, die sich selbst verbrannt haben, als vom Ausland „gesteuert“ oder als Menschen mit gravierenden persönlichen Problemen dargestellt.

Einige der Festgenommenen im osttibetischen Malho hätten Fotos der Selbstverbrennungen in das Ausland geschickt, um durch den dort zu erlangenden „Ruhm“ weitere Tibeter zu dieser Tat zu ermutigen. Andere seien „frustriert“ und des Lebens müde gewesen, hätten sich aber durch die Selbstverbrennung noch Respekt und Ansehen verschaffen wollen.

Quellen: International Campaign for Tibet; Phayul

 

31. Januar 2013
„Hardliner“ als neuer Gouverneur von Tibet
Der frühere Bürgermeister von Lhasa, der 55-jährige Lobsang Gyaltsen, wurde zum neuen Gouverneur von Tibet ernannt. Laut der offiziellen Biografie lehrte er auch marxistische Theorie. Er ist dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei in Tibet, dem Chinesen Chen Quanguo, unterstellt; diese Position hatte noch nie ein Tibeter inne.

In seiner ersten Rede nahm Lobsang Gyaltsen gleich eine harte Haltung an und sprach von der Notwendigkeit eines „entschlossenen Kampfes“ gegen den Dalai Lama. Seine Rede enthielt die schon lange üblichen Formeln über „Wachsamkeit“, einen „festen politischen Standpunkt“, und Wahrung der „nationalen Einheit“. Jeglicher Fortschritt seit der „friedlichen Befreiung“ sei der Führung der Kommunistischen Partei und dem sozialistischen System zu verdanken.

Todesurteil für „Anstiftung zur Selbstverbrennung“
Ein Mönch des Klosters Kirti, dem Zentrum des tibetischen Widerstandes und der Selbstverbrennungen, wurde von einem Gericht der Provinz Ngaba wegen „Anstiftung zur Selbstverbrennung“ zum Tode verurteilt. Der 41-jährige Lobsang Konchok wurde im August 2012 verhaftet und jetzt angeklagt, weil er angeblich 8 Tibeter zur Selbstverbrennung angestiftet habe; drei von ihnen seien dabei gestorben. Sein Neffe, der 31-jährige Lobsang Tsering, wurde wegen Beihilfe zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Beobachter erwarten nicht, dass die Todesstrafe sofort vollstreckt wird. Nicht selten wird die Exekution fur 2 Jahre ausgesetzt und bei „Besserung“ in eine langjährige Haftstrafe umgewandelt.

Über diesen Fall war in den offiziellen chinesischen Medien bereits vor Prozessbeginn breit berichtet worden. Hier, und auch bei anderen Verhaftungen wegen der gleichen Beschuldigungen, betonen die offiziellen Medien stets, dass die Verhafteten Kontakte zu Exiltibetern hatten, um so die Theorie einer „Steuerung“ der Selbstverbrennungen aus dem tibetischen Exil zu untermauern. Seit Dezember wurden allein in der Region Kanlho, wo sich auch mehrere Selbstverbrennungen ereignet hatten, 15 Tibeter verhaftet. Diese sollen mit „spalterischen Kräften“ im Ausland in Verbindung gestanden, Informationen über Selbstverbrennungen verbreitet, oder andere zu dieser Tat angestiftet haben.

Kampagne zur Zerstörung von Satellitenempfängern wird verschärft
Nach einer neuen behördlichen Anordnung vom 24. Januar im Bezirk Rebkong in der Präfektur Malho, die Phayul vorliegt, werden nun alle Tibeter ultimativ und unter Strafandrohung dazu aufgefordert, ihre alten Satellitenanlagen gegen neue auszutauschen, die allein die staatlichen Medien empfangen können. Wer dieses bis zum 27. Januar nicht gemacht habe, müsse mit einer Geldstrafe von Yuan 5‘000 und „weiteren Massnahmen“ rechnen.

Die Kampagne hatte in Malho bereits Anfang 2013 begonnen [vergl. Tibet-Information vom 14. Januar 2013; UM]. Behördenvertreter konfiszierten nicht nur unerwünschte Anlagen aus Haushalten, sondern auch aus den örtlichen Läden und verboten den Händlern ihren Verkauf. Die eingesammelten Satellitenempfänger wurden dann öffentlich verbrannt. Am 18. Januar erschien eine grössere Gruppe von Offiziellen im Kloster Rongwo, wo sie sogleich die Anlagen demontierten, einsammelten, und alle Empfangskabel in den Räumlichkeiten des Klosters und den Mönchszellen durchtrennten.

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy; Radio Free Asia RFA

 

28. Januar 2013
Zweite und dritte Selbstverbrennung seit Jahresbeginn
Am 18. Januar starb der Tibeter Drubchog, dessen Altern nicht bekannt ist, nachdem er sich in der Präfektur Ngaba angezündet hatte. Drubchog hinterlässt seine Frau und zwei Töchter im Alter von 3 und 4 Jahren. Er zündete sich auf einem Basketballfeld nahe einer viel befahrenen Strasse an, aufrecht in Gebetshaltung sitzend, und starb sofort. Sicherheitskräfte transportierten den Leichnam in die benachbarte Stadt Barkham und führten sofort die Einäscherung durch, ohne die Angehörigen zu informieren. Sein Heimatdorf steht jetzt unter verstärkter Überwachung durch Sicherheitskräfte.

Am 22. Januar starb Kunchok Kyap (auch unter dem Namen Kunbey bekannt) im Hof des Klosters Bora in der Präfektur Kanlho, während die Mönche in der Halle eine Zeremonie abhielten. Sein Alter ist ebenfalls nicht bekannt. Er war verheiratet und Vater eines knapp einjährigen Kindes. Das Kloster Bora war bereits am 2. Dezember Schauplatz einer Selbstverbrennung [vergl. Tibet- Information vom 12. Dezember 2012; UM].

Sicherheitskräfte schafften sofort seinen Leichnam fort. Als das bekannt wurde, versammelten sich Bewohner von Bora und weiterer Dörfer vor dem lokalen Regierungsgebäude und forderten die Herausgabe des Leichnams. Anstatt dem Folge zu leisten, warnten Behördenvertreter die Anwesenden strikt davor, zu dem Haus der Angehörigen zu ziehen und ihr Beileid auszudrücken. Allen Mönchen wurde untersagt, irgendwelche Totengebete zu sprechen. Anstatt sich dem Verbot zu beugen, beschlossen die Tibeter, die Totenrituale direkt vor dem Regierungsgebäude abzuhalten, worauf die Zahl der Anwesenden noch anwuchs.

17-jähriger Tibeter stirbt vor Selbstverbrennung
Am 19. Januar wurde der 17-jährige Jigjey Kyab tot an einem Strassengraben in der osttibetischen Region Luchu aufgefunden. Seine Kleider waren mit Kerosin getränkt, und in den Händen hielt er zwei Feuerzeuge. Es wird vermutet, dass er Kerosin trank, bevor er sich anzuzünden versuchte. Neben seinem Bett im Elternhaus fand sich ein handgeschriebener Abschiedbrief, in dem er die Tibeter dazu aufrief, sich zu erheben. Phayul zeigt ein Foto dieses Briefs auf der Homepage.

Unter anderem schrieb er: „Mögen meine Sehnsüchte erfüllt werden...Seine Heiligkeit der Dalai Lama lebe tausende von Weltzeitaltern...Meine Gebete für das Glück von Tibet.“

Privatunterricht verboten
In der osttibetischen Provinz Ngaba, die Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen war, ist der Unterricht in tibeitscher Sprache und Kultur während der offiziellen Winterferien verboten worden. Mit diesem Unterricht in der Ortschaft Muge Norwa war in Privatinitiative vor einem Jahr begonnen worden, damit die tibetischen Kinder während der Schulferien in ihrer eigenen Sprache unterrichtet werden können. Auch aus anderen Gemeinden erhielt die Schule viel Zuspruch. Nach einer Intervention der Behörden musste der Unterricht im letzten Jahr in ein Privathaus verlegt werden, doch nun wurde er endgültig verboten.

Ebenfalls verboten wurde der tibetische Sprachunterricht, der von mehreren Klöstern in dieser Region angeboten wurde.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul

 

14. Januar 2013
Weitere Selbstverbrennung
Am 12. Januar zündete sich im Nordosten Tibets, in der Ortschaft Achok, Autonome Präfektur Kanlho (heute chinesische Provinz Gansu), der junge Tibeter Tseba an und starb sofort. Nach unbestätigten Angaben soll er 19 Jahre alt gewesen sein. Damit erhöht sich die Zahl der Selbstverbrennungen auf insgesamt 96.Als er in Flammen stand, habe er Parolen für die Rückkehr des Dalai Lama gerufen. Tibeter brachten seinen Leichnam für die Totenrituale in Sicherheit, bevor Sicherheitskräfte den Ort erreichten.

Behörden konfiszieren Satellitenempfänger
In der Präfektur Malho, die Ende letzten Jahres Schauplatz mehrerer Selbstverbrennungen war, haben die Behörden mit einem Programm zur Beschlagnahme von Satellitenschüsseln begonnen. Insgesamt sollen bereits mehrere hundert Empfänger abmontiert und zerstört worden sein. So soll die Verbreitung von Nachrichten über Selbstverbrennungen unterdrückt werden. Auch sollen die Inhaber zu Geldstrafen für ihren Besitz verurteilt worden sein.

Ziel der Kampagne sind solche Satellitenschüsseln, die den Empfang ausländischer Radio- und Fernsehprogramme wie zum Beispiel Radio Free Asia oder Voice of America erlauben. Die Tibeter werden aufgefordert, nur noch Satellitenempfänger zu kaufen, die ausschliesslich die staatlichen chinesischen Sender empfangen können. Einige Tibeter vermuten, dass sich in diesen Empfängern auch Einrichtungen zur Überwachung der Haushalte befinden könnten.

Propagandafilm über die „wahre Natur der Selbstverbrennungen“
China hat Ende letzten Jahres einen Film ausgestrahlt, der die parteioffizielle Sichtweise über die Selbstverbrennungen wiedergeben soll, nämlich dass diese von „Drahtziehern im Ausland“, namentlich der „Dalai-Clique“, organisiert werden, um China zu schwächen und zu spalten.

Unterstützt wurde diese publizistische Kampagne durch eine Serie von Zeitungsartikeln und Interviews mit „Tibetologen“ in verschiedenen Zeitungen, die diese Sichtweise bekräftigen.

In dem Film sind Interviews mit verhafteten Tibetern zu sehen, die angeben, dass sie aus dem Ausland zur Planung und Durchführung von Selbstverbrennungen angestachelt wurden, und im Film als „Opfer“ dieser Kampagne dargestellt werden. Zuerst wurde der Film in CCTV-4 gezeigt, der sich in chinesischer Sprache an im Ausland lebende Chinesen wendet, danach aber auch in den englischen, spanischen, französischen, arabischen und russischen Kanälen von CCTV.

Schon am 20. Dezember hatten chinesische Medien von der Verhaftung zweier Tibeter in einem Gästehaus in Rongwo in der Präfektur Malho berichtet, die dort angeblich mit einem Kanister Benzin und Baumwolle aufgegriffen wurden. Die angebliche „Anstiftung“ aus dem Ausland wurde nach offizieller Darstellung damit belegt, dass beide Verhafteten nach ihrer Flucht aus Tibet im Jahre 2005 im tibetischen Exil in Indien gelebt und Kontakte mit dem Tibetischen Jugendkongress hatten, der im Gegensatz zur Regierung im Exil die Unabhängigkeit Tibets propagiert.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul

 

8. Januar 2013
Dokumentation zur Situation der Kinder in Tibet
Anlässlich des Menschenrechtstages präsentierten Free Tibet Campaign und Tibet Watch eine Dokumentation zur Situation der Kinder in Tibet zuhanden des UN-Ausschusses für die Rechte der Kinder (siehe http://www.freetibet.org/about/tibets-children). Zusammenfassend kommt die Dokumentation zum Schluss: „Es kann keine normale Kindheit geben in einer abnormen Gesellschaft. Die Kinder in Tibet sind allen Problemen eines Lebens unter der Besetzung [durch China; UM] ausgesetzt, und in vielen Fällen sind sie aktiv Beteiligte im Widerstandskampf. Das heisst, dass auch sie Opfer der systematischen und allgegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen sind.“

Unmittelbarer Ausgangspunkt der Dokumentation war die Tatsache, dass zwei Drittel der Selbstverbrennungsopfer in Tibet jünger als 25 Jahre sind, acht von ihnen sogar unter 18 Jahre. Vier von ihnen sind tot, über den Verbleib der anderen gibt es keine Informationen.

Weiterhin dokumentiert der Bericht, wie Kinder

  • geschlagen, inhaftiert, oder gar getötet werden, wenn sie für ihre Rechte eintreten,
  • bedroht, misshandelt und zu Waisen gemacht werden, wenn ihre Eltern sich am Widerstand gegen die Besetzung beteiligen
  • gehindert werden, ihre eigene Sprache und Kultur zu erlernen und durch diese „Ausbildung“ zu Bürgern Zweiter Klasse werden, und
  • dennoch Informationen austauschen und an Demonstrationen teilnehmen.

Im Übrigen erinnert der Bericht daran, dass der vom Dalai Lama als Inkarnation des Panchen Lama anerkannte Gendun Choekyi Nyima im Jahre 1995 im Alter von 6 Jahren verschleppt wurde, ohne dass bis heute Informationen über seinen Verbleib und sein Wohlergehen erhältlich sind.

China hat die Internationale Konvention über die Rechte des Kindes unterzeichnet, und es wird an die UN appelliert, China an die daraus resultierenden Verpflichtungen zu erinnern.

Ultimatum für “Verbrecher”, Belohnungen für Denunzianten
Im Dezember verkündeten die Behören im osttibetischen Malho nach der Serie der Selbstverbrennungen und Massenproteste im November sowohl ein Ultimatum an „Verbrecher“, sich zu stellen, als auch Belohnungen für Denunzianten.

Laut der Ankündigung, die Phayul zugespielt wurde, wurde „fehlbaren“ Tibetern, die sich bis Ende November freiwillig stellen, eine mildere Strafe versprochen. Alle diejenigen, die die Frist verstreichen lassen, würden hart bestraft.

Als „Verbrechen“, die unter die Strafmilderung fallen, zählt die Ankündigung auf: „Aufhetzen zur Selbstverbrennung“, Zeigen von Dalai-Lama-Bildern bei Gedenkversammlungen nach Selbstverbrennungen und Beileidsbekundungen an Angehörige, „separatistische“ Parolen rufen, „rechtswidriges“ Fotografieren oder Filmen von Selbstverbrennungen und Versand des Materials in das Ausland, „Verbreiten von Gerüchten“ und „provokative Gespräche“.

Wenn Personen der Polizei Informationen über geplante Selbstverbrennungen übermitteln oder die Namen derjenigen verraten, die Beileidsbesuche abstatten, werden Geldsummen von umgerechnet Fr. 150 bis 30‘000 als Belohnung versprochen.

Quellen: Free Tibet Campaign; Tibet Watch; Phayul

 

 

<p><span class="datumorange" lang="DE-CH">2. September 2013</span><br>
  <strong><span lang="DE-CH">Verschärfung der Repression nach Geburtstagszeremonie für Dalai Lama<br>
</span></strong><span lang="DE-CH">Nach der gewaltsam aufgelösten Geburtstagszeremonie für den Dalai Lama am 6. Juli <em>[vergl. Tibet-Information vom 11. Juli 2013; UM]</em> haben die Behörden mit einem 5-Punkte-Plan die Repression in Tawu   verschärft. Am 6. Juli hatten Sicherheitskräfte mit Tränengas und   scharfer Munition eine Gruppe von mehreren hundert Tibetern angegriffen,   die am Fusse des Berges Machen Pomra eine religiöse Zeremonie abhielt.   Nach letzten Meldungen wurden mindestens 14 Personen verletzt.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Jetzt   wurden Massnahmen veröffentlicht, die der &bdquo;Wahrung der Stabilität&ldquo;   dienen sollen. Abgesehen von der Eröffnung von 5 neuen Polizeistationen   in der Region wurde ein 5 Punkte umfassender Plan bekannt gegeben, der   vor allem auf die Arbeit von Regierungs- und Parteikadern auf Bezirks-   und Gemeindeebene abzielt.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">In   Zukunft sollen alle Kader entfernt werden, die möglicherweise Sympathie   mit den tibetischen Anliegen zeigen könnten. Diese sollen durch   erfahrene Kader ersetzt werden, und unerfahrene Kader erhalten zunächst   eine Schulung in anderen Regionen über &bdquo;stabilitätswahrende&ldquo; Massnahmen,   bevor sie ihr Amt antreten. Alle 3 Jahre sollen die Kader in eine   andere Region rotieren. Besonderes Gewicht wird auf die politische   Einstellung der Kader gelegt; solche, die &bdquo;separatistische Absichten&ldquo;   hegen, werden bestraft und aus dem Amt entfernt. Jeder Kader muss   mindestens eine Veranstaltung pro Woche in der betreffenden Region   organisieren, und zweimal im Jahr muss dort eine grössere   Umerziehungsveranstaltung stattfinden, zu der mindestens 3 Kader aus   anderen Regionen eingeladen werden müssen.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Lokale   Kader müssen in speziell problematischen Gemeinden auch für jeweils   mindestens 10 Tage mit der lokalen Bevölkerung &bdquo;leben, essen und   arbeiten&ldquo;, was bedeutet, dass sich &bdquo;Arbeitsteams&ldquo; aus 2 bis 4 Personen   in tibetische Haushalte einquartieren. Alle Bewohner einer Gemeinde   werden in &bdquo;Einheiten&ldquo; eingeteilt und gezielt und systematisch von   Arbeitsteams besucht und betreut.</span></p>
<p><strong><span lang="DE-CH">Minenarbeiten nach gewaltsamer Auflösung des Protests wieder aufgenommen<br>
</span></strong><span lang="DE-CH">Nachdem ein Protest von Tibetern gegen eine illegale Diamentenmine in Dzatoe gewaltsam aufgelöst wurde <em>[vergl. Tibet-Information vom 26. August 2013; UM]</em>,   wurden an einer von zwei Schürfstellen die Arbeiten wieder aufgenommen,   während an der zweiten Stelle noch keine Arbeiter gesehen wurden.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Beim   gewaltsam aufgelösten Protest waren insgesamt 8 Tibeter festgenommen   worden. Sechs von ihnen wurden inzwischen wieder freigelassen, aber mit   der strikten Auflage, die Gegend nicht zu verlassen. Die 2 Tibeter, die   weiter in Haft sind, dürfen von ihren Angehörigen nicht besucht werden.   Für alle Bewohner der Region wurden strikte Auflagen erlassen, die ihre   Bewegungsfreiheit beeinträchtigen. Zwei weitere Tibeter, die zu den   Anführern des Protests zählen, sind vermutlich geflohen. Der Tibeter,   der bei der Auflösung des Protests einen Selbstmordversuch unternahm,   ist inzwischen ausser Lebensgefahr, aber noch in Spitalbehandlung.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Die   Protestierenden wollen jedoch nicht aufgeben. Wie RFA erfuhr, wollen   sie den Protest in Form einer Petition nach Beijing tragen, wenn die   Arbeiten weiter gehen und die Verhafteten nicht entlassen werden. Dabei   berufen sich die Tibeter auf frühere Reden von Regierungsmitgliedern,   die dem Umweltschutz einen hohen Rang einräumen.</span></p>
<p><strong><em>Quellen:</em></strong><em> Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD</em></p>
<p>&nbsp;</p>

Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

15. Dezember 2015
Abriss tibetischer Häuser, obwohl in gutem Zustand
In drei Bezirken nahe Lhasa wurde den Bewohnern eröffnet, dass ihre in tibetischem Stil errichteten Häuser im nächsten Jahr abgerissen und durch neue Häuser ersetzt werden sollen. Eine Begründung wurde den Tibetern in den Bezirken Tagtse, Lhundrub und Maldro Gongkar nicht mitgeteilt, und sie hätten auch keine Möglichkeit des Einspruchs gehabt. Obwohl die Häuser nach Angaben der Bewohner in gutem Zustand seien, müssten sie neuen Häusern in chinesischem Baustil weichen. Zunächst würden alle Häuser von Tibetern abgerissen, die vom Staat soziale Unterstützung beziehen, danach kämen die Häuser aller anderen an die Reihe. Allen Bewohnern wurde befohlen, sich vor dem Abriss bei der Behörde registrieren zu lassen. Angeblich sollten sie später umgehend in die neu errichteten Häuser einziehen können. Zumindest in Maldro Gongkar müssen die Tibeter dafür aber die für lokale Verhältnisse horrende Summe von umgerechnet etwa Fr. 30‘000 aus eigener Tasche aufwenden.

Radio Free Asia, 4. Dezember 2015

„Dalai Lama unterstützt Islamischen Staat“
Der Vorsitzende der Kommission für Religiöse Angelegenheiten, Zhu Weiqun, hat in einem Interview mit der chinesischen Zeitung Global Times den Dalai Lama beschuldigt, den IS zu unterstützen. Der Dalai Lama hatte kurz zuvor in einem Interview mit der italienischen Zeitung La Stampa gesagt, dass Dialog nötig sei, um religiösen Extremismus zu besiegen. Um den IS anzugehen, müsse man akzeptieren, dass ein Dialog geführt werden müsse. Zhu Weiqun legte das Interview so aus, dass „der Dalai Lama in tiefster Seele mit dem IS sympathisiert und ihn unterstützt“. Die Verdrehung der Äusserungen des Dalai Lama dürfte dazu dienen, ihn weiter in eine gewalttätige Ecke zu rücken. Schon für die Selbstverbrennungen machte die chinesische Regierung den Dalai Lama verantwortlich, indem sie ihm unterstellte, Tibeter dazu anzuzetteln. Ausserdem helfen derartige Anschuldigungen der Regierung, sich selbst als reines „Opfer von Terrorismus“ in der uigurischen Provinz Xinjiang darzustellen.

Sowohl in Tibet als auch in Xinjiang sieht sich die Kommunistische Partei vor grossen Herausforderungen bezüglich der Linientreue von Kadern. In Tibet war im Oktober eine neue Kampagne zur Disziplierung von solchen Parteikadern angekündigt worden, die „heimlich“ weiter religiös seien und mit dem Dalai Lama sympathisierten [vergl. Tibet-Information vom 30. November 2015; UM]. In Xinjiang regt sich Widerstand gegen die harte Hand von Staat und Partei. Hier waren über 350 Parteimitglieder wegen „Verletzung der politischen Disziplin“ bestraft worden. In seltener Offenheit hatte aber der Vorsitzende der lokalen Disziplinarkommission, Xu Hairong, die harte Linie kritisiert. Diese könnte dazu führen, dass immer mehr Kader an den Rand gedrängt würden und sich radikalisieren.

Washington Post, 4. und 9. Dezember 2015

Chinas Panchen Lama soll sich vom Dalai Lama distanzieren
Anlässlich des 20. Jahrestages der Einsetzung des Panchen Lama nach chinesischer Version drängte der lokale Vorsitzende der Kommunistischen Partei in Tibet, Chen Quanguo, bei einem Treffen mit ihm, sich explizit vom Dalai Lama zu distanzieren. Er hoffe, der Panchen Lama würde „unbeirrbar mit der Partei marschieren und die nationale Einheit sichern.“ Er möge „entschlossen eine klare Linie gegenüber dem Dalai Lama ziehen und alle subversiven separatistischen Aktivitäten zurückweisen“.

Der vom Dalai Lama anerkannte Panchen Lama verschwand wenige Tage nach seiner Identifikation als damals sechsjähriger Junge mitsamt seiner Familie spurlos, lebt angeblich an einem unbekannten Ort und möchte nach regierungsoffizieller Sprachregelung „nicht gestört werden“.

Im Mai hatte sich der Panchen Lama mit einer ungewöhnlich kritischen Stellungnahme zu Wort gemeldet: er beklagte die immer kleiner werdende Zahl von Mönchen und fürchtete, der tibetische Buddhismus könnte bald nur noch „auf dem Papier existieren“. Für diese Äusserung wurde er bei einem Treffen mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping gerügt [vergl. Tibet-Informationen vom 24. Mai und 15. Juni 2015; UM].

Reuters, 8. Dezember 2015

Datenbank für Wiedergeburten
Die chinesische Bürokratie treibt eine neue Blüte: die Regierung kündigte an, eine Datenbank zu erstellen, in der alle etwa 350 tibetische Wiedergeburten erfasst werden. Mit der Erstellung ist die Staatliche Verwaltungsbehörde für Religion beauftragt. Als Endprodukt des „spirituellen Katalogisierens“, wie diese Unternehmung ironisch vom Time Magazin genannt wurde, soll sogar eine Online-Version erscheinen. Ausländische Beobachter vermuten, dass dieser Effort dazu dienen soll, nochmals den staatlichen Anspruch auf Anerkennung aller Inkarnationen zu unterstreichen, und sich gleichzeitig auf das Ableben des Dalai Lama mit der fraglichen Reinkarnierung vorzubereiten.

Time Magazine, 11. Dezember 2015

 

30. November 2015
„Kampf gegen den Separatismus“, „Auslöschen der Loyalität zum Dalai Lama“ und noch mehr Kontrolle
Im Oktober meldete sich wieder einmal ein hochrangiger Politiker in Tibet mit einer Stellungnahme zu Wort, um eine Verschärfung der Massnahmen gegen „Separatismus“ zu fordern. Der Beitrag des lokalen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei in Tibet, Chen Quanguo, in der offiziellen Zeitung People’s Daily weist auf nach wie vor bestehende grosse Besorgnis der Regierung über die Situation in Tibet hin und zeigt auf, mit welchen Massnahmen man sich eine Stabilisierung erhofft – durch totale Kontrolle bis in das letzte Dorf.

Tibet müsse zu einer „Festung“ gegen Separatismus werden. Chinas Stabilität basiere auf der Stabilität und Sicherheit in Tibet, und nichts sei schädlicher als dortiges Chaos. Man müsse hochrangige chinesische und tibetische Kader ausbilden, die in jeder Region und in jedem Dorf positioniert seien. Er fuhr fort, man müsse „Basisorganisationen ausbilden, die den Massen dienen, die Entwicklung fördern, eine standhafte Festung im Kampf für Stabilität sind und sich gegen Separatismus wehren“. Die „ideologische Sicherheit“ in Tibet benötige die Kontrolle der öffentlichen Meinung, der Medien und des Internets durch die Partei, und jedes Haus in jedem Dorf müsse [offzielles; UM] Fernsehen und Radio empfangen können. „Arbeiten wir hart, um eine spirituelle Heimat für alle ethnischen Gruppen zu schaffen, konzentrieren wir uns darauf, eine starke positive Kraft für ein vereintes, schönes, harmonisches und glückliches sozialistisches Tibet zu sein.“

World Tibet Network News / The Guardian, http://tibet.ca/en/library/wtn/13296, 22. Oktober 2015

In einem Interview mit der Antikorruptions- und Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei kündigte Chen Quanguo überdies an, man werden nun auch gegen Partei- und Regierungskader vorgehen, die „zwei Gesichter“ zeigten. Gemeint sind solche, die vorgeben, sie seien nicht religiös, aber im Verborgenen doch ihre Religion praktizieren und der „Clique“ des 14. Dalai Lama folgten, indem sie zum Beispiel selbst zu religiösen Belehrungen nach Indien reisen oder ihre Kinder oder Verwandten zur Ausbildung in das indische Exil senden. Es seien bereits 19 derartige Fälle aufgedeckt und insgesamt 20 Kader bestraft worden.

Bis 2012 waren Ausreisen von Tibetern zu Zeremonien wie der Kalachakra-Initiation in Indien noch weitgehend toleriert worden, jedoch signalisierte die Verhaftung von über 100 zurückkehrenden Tibetern im Februar 2012 erstmals eine härtere Gangart [vergl. Tibet-Information vom 17. Februar 2012; UM]. Durch die neuen restriktiven Bestimmungen für die Ausstellung von Reisepässen [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2015; UM] ist die offizielle Ausreise für solche Anlässe aber praktisch zum Erliegen gekommen.

New York Times, http://tibet.ca/en/library/wtn/13308, 11. November 2015

Ebenfalls im November kündigte die Lokalregierung des Bezirks Nangqian an, dass in den insgesamt 103 Klöstern Regierungskader stationiert werden, die den „Lebensstandard“ der Mönche verbessern und gleichzeitig „negative Einflüsse von separatistischen Ideen“ abwehren sollen. Offiziell sollen die Kader den oft abgelegenen Klöstern bei der Verbesserung der lokalen Infrastruktur helfen und ihnen für ihre Anliegen die langen Reisen zur Bezirksregierung abnehmen, aber auch „ideologische, moralische und juristische Erziehung“ vornehmen. Die meisten Mönche seien gesetzestreu, aber einige wenige würden von „feindlichen Kräften im Ausland“ wie zum Beispiel dem Dalai Lama missbraucht und damit für ihre Klöster und die Gesellschaft „Schaden anrichten“.

Global Times, http://www.globaltimes.cn/content/954985.shtml, 26. November 2015

Delegation des US-Repräsentantenhauses sieht „Potemkin-Lhasa“
Einer Delegation des US-Kongresses wurde bei einem offiziell genehmigten, aber nicht vorher angekündigten Tibet-Besuch im November 2015 unter scharfer Beobachtung durch Agenten eine Normalität vorgegaukelt, die lokale Tibeter als „Potemkin-Lhasa“ bezeichneten. Im Vorfeld des Besuches wurden die Einwohner von Lhasa noch masssiver als sonst indoktriniert und kontrolliert. Ein anonymer Brief aus Lhasa an Radio Free Asia sprach von einer so massiven Indokrinierung und Kontrolle der freien Rede in allen Lebensbereichen, „dass man sich kaum noch bewegen konnte“.

Bei der Ankunft der Delegation in Lhasa verschwanden zur Verwunderung der Bewohner plötzlich alle sichtbaren Kontrollposten an Strassenkreuzungen und Metalldetektoren vor den Sehenswürdigkeiten. In jedem Wohnquartier von Lhasa wurde eine bestimmte Zahl von Tibetern dazu genötigt, religiösen Betätigungen nachzugehen, wie zum Beispiel den Jokhang-Tempel zu umwandeln oder dort zu beten. Einige gaben an, dass man ihnen dafür Bezahlung anbot.

Die sechsköpfige US-Delegation wurde angeführt von der Abgeordneten Nancy Pelosi, die für ihre scharfe Kritik an der Menschenrechtssituation in China und ihr Eintreten für Tibet bekannt ist. Die Delegation zählte 30 Sicherheitsoffiziere, die sie bei Rundgängen begleiteten und dafür sorgten, dass sie nicht von der festgesetzten Route abwich. Laut Frau Pelosi war dieses eher eine „konservative Einschätzung“, da ihr noch ungezählte weitere Personen auffielen, die mit Funkgeräten ausgestattet waren und ihrer Route ebenfalls folgten.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/pelosi-11202015170710.html, 20. November 2015

 

16. November 2015
Reglementierung in Driru
Ein offizielles Regierungsdokument aus dem Bezirk Driru, das in das tibetische Exil gelangte, erlässt zahlreiche Bestimmungen, die das religiöse Leben bis in das letzte Detail reglementieren. Driru, im Osten der „Autonomen Region Tibet“ gelegen, gilt für die chinesische Regierung als eine der problematischsten Regionen in Tibet überhaupt, wo sich die Bewohner standhaft gegen alle Kampagnen und erzwungenen Loyalitätskundgebungen wehren. Das sogenannte „Dokument 224“, das am 19. September von der Bezirksregierung verabschiedet wurde und dem Tibetan Centre for Human Rights and Democracy vorliegt, definiert insgesamt 24 Massnahmen, die speziell das Leben in den Klöstern betreffen.

  • Alle finanziellen Transaktionen von religiösen Institutionen sollen strikt kontrolliert werden. Das betrifft alle Zuwendungen an Dritte, einschliesslich Spenden an Opfer von Naturkatastrophen oder Darlehen an Bedürftige.
  • Politische Erziehung wird zum Pflichtfach, und Mönche und Nonnen müssen jeden Donnerstag an einer solchen Sitzung teilnehmen.
  • Die Anerkennung von Reinkarnationen darf nur durch die Regierung vorgenommen werden. Von ihnen, und auch von allen anderen in die Klöster aufgenommenen Mönchen und Nonnen, wird erwartet, dass sie strikt die Regierungs- und Parteilinie im Kloster vertreten.
  • Klöster, in denen die festgelegte Obergrenze für Mönche und Nonnen überschritten wird, werden geschlossen. Neuaufnahmen sind für die nächsten 4 Jahre ohnehin untersagt. Jegliche Reisen von Klosterangehörigen, selbst in die unmittelbare Nähe, müssen genehmigt werden.
  • Die Schlichtung bei Streitigkeiten unter der lokalen Bevölkerung, die traditionell oft von angesehenen religiösen Gelehrten vorgenommen wurde, ist nicht mehr erlaubt.
  • Detailliert werden Strafen für alle Regierungs- und Parteikader, sowie Klosterverwaltungen aufgezählt, wenn sie diese Bestimmungen nicht strikt durchsetzen und ihre Einhaltung überwachen. Selbst Familienangehörige von fehlbaren Kadern können bestraft werden. Die Strafen reichen von Gehaltskürzungen über den Verlust der Arbeitsstelle bis zu Geld- und Haftstrafen, dem Sammelverbot für den Raupenkeulenpilz – eine essentielle Einkommensquelle für viele  - und die Streichung staatlicher Zuwendungen.

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD), http://www.tchrd.org/document-exposes-intensification-of-state-sanctioned-religious-repression-in-troubled-tibetan-county/

 

9. November 2015
Solo-Demonstrationen statt Selbstverbrennung: eine neue Form des Protests?
Eine neue Form des Protests, die möglicherweise anstelle der Selbstverbrennungen treten, ist seit Juli in Tibet zu verzeichnen [vergl.Tibet-Information vom 18. September 2015; UM]. Insgesamt mindestens neun Proteste haben sich in der Unruheregion Ngaba ereignet. Trotz der massiven Präsenz von Sicherheitskräften und tiefgreifenden Kontrollen im Alltag wagten sich Tibeterinnen und Tibeter jeweils zu einem Solo-Protest auf die Strasse. Diese Einzelaktionen verliefen immer nach dem gleichen Schema: die Tibeter liefen über die Hauptstrasse, zeigten Bilder des Dalai Lama und riefen Parolen für die Freiheit in Tibet und die Rückkehr des Dalai Lama. Alle wurden jeweils nach wenigen Minuten verhaftet und müssen nun mit schwerster Folter rechnen. Unter den Protestierenden befinden sich fünf Frauen im Alter von 20 bis über 60 Jahren, sowie ein 15-jähriger Mönch und ein 31-jähriger Mann, Vater von vier Kindern. Auch Tibeterinnen und Tibeter, die zufällig Zeugen der Verhaftungen wurden und dagegen protestierten, wurden festgenommen. Die ohnehin schon scharf kontrollierten Kommunikationskanäle nach Ngaba wurden zeitweise völlig unterbunden. Dennoch gelangten Fotos und kurze Videoaufnahmen in das Ausland. Eine Zusammenfassung der Ereignisse ist bei International Campaign for Tibet zu finden (http://www.savetibet.org/wave-of-solo-peaceful-protests-in-ngaba-repression-and-further-restrictions-imposed/).

 

26. Oktober 2015
Wegweisung von Nonnen, Verbot religiöser Studien und Abriss von Häusern in Driru
Im Unruhebezirk Driru gehen die Behörden weiter gegen religiöse Institutionen und traditionell tibetische Lebensweise vor.

Im Nonnenkloster Gaden Khachoeling der Bön-Gemeinschaft, der vorbuddhistischen Religion Tibets, in der Ortschaft Pekar wurden 100 der insgesamt 200 dort lebenden Nonnen weggewiesen. Dieses habe ein Regierungsfunktionär nach einem dreitägigen Besuch im Kloster verfügt. Den 100 weggewiesenen Nonnen wurde es auch verboten, ihre Studien an anderen Orten fortzusetzen. Bei Zuwiderhandlungen wurde sowohl ihnen als auch den Dorfvorstehern ihrer Heimatdörfer und Angehörigen Strafen bis hin zur Inhaftierung angedroht.

Weil auch nur 49 der im Kloster verbleibenden 100 Nonnen offiziell dort registriert sind, dürfen die anderen 51 Nonnen nicht mehr dort wohnen. Sie sind nun gezwungen, mit Arbeit in den örtlichen Läden und Gästehäusern ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Bereits im letzten Jahr wurden 26 Nonnen, die über 50 Jahre alt waren, weggewiesen, obwohl sie dort offiziell registriert waren. Hier wurde ein dem Kloster bis dahin unbekannte Bestimmung zitiert, gemäss derer die obere Altersgrenze für eine Registrierung 50 Jahre beträgt.

Ein weiteres, sehr altes Bön-Kloster in Pekar, Ngotsar Phunstokling, ist ebenfalls von Verboten betroffen. Das Kloster hatte einen sehr erfolgreichen Studiengang für höhere buddhistische Studien begonnen, der begleitend zu Anleitungen in meditativer Praxis angeboten wurde. Dieser Studiengang wurde jetzt ohne Begründung verboten; davon sind 60 Praktizierende betroffen.

Das Weideland der Nomaden in den Ortschaften Santsa und Yangshoe in Driru wird Schritt für Schritt enteignet. Dort errichtete Wohnhäuser von Tibetern wurden abgerissen, wenn sie eine bestimmte Grösse überschritten. Die Behörden ordneten an, dass die Tibeter neue Häuser gemäss offiziellen Regierungsstandards errichten können, aber sie müssen vorab für den Abriss der alten Häuser selbst bezahlen.

Vor einem Jahr wurde im Bezirk Driru eine Verfügung veröffentlicht, nach der alle angeblich „illegal“, d.h. seit Anfang 2011, errichteten religiösen Bauwerke, seien es Klöster, Einsiedeleien oder selbst Mani-Mauern, niedergerissen werden müssen [vergl. Tibet-Information vom 27. November 2014; UM].

Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4751-china-expels-nuns-banns-buddhist-studies-and-destroys-homes-in-tibet

 

15. Oktober 2015
Über 300 tibetische Behausungen am Kokonor-See zerstört
Mitte Oktober wurden auf Veranlassung der lokalen Regierung über 300 tibetische Behausungen und Verkaufsstände am Kokonor-See (chinesisch: Qinghai See) zerstört. Tibeter hatten diese temporären Behausungen errichtet, um Touristen und Pilger an dem populären See zu beherbergen und Waren zu verkaufen. Fünf Tibeter wurden bei der mehrtägigen Zerstörungsaktion geschlagen und verhaftet, später aber freigelassen. Einer der Tibeter, ein 60-jähriger Mann, sei mit einer auf seinen Kopf gerichteten Waffe abgeführt worden.

Mit der Zerstörungsaktion haben nun die betroffenen Tibeter ihre einzige Einkommensquelle verloren und sind nicht selten auch noch verschuldet, weil sie Darlehen für ihr Geschäft aufgenommen haben. Die offizielle Begründung für die Zerstörungsaktion lautet, dass die Tibeter die Gegend „verschmutzt“ hätten. Die Betroffenen hegen indessen den Verdacht, dass so der Weg für chinesische Siedler und Gewerbetreibende frei gemacht werden soll.

Bereits im Mai d.J. waren mehrere Behausungen am Kokonor-See zerstört worden, angeblich weil sie die „schöne Aussicht“ auf den See störten [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2015; UM].

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/destroy-10212015135346.html, 21. Oktober 2015

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36644&article=Over+300+Tibetan+houses%2c+shops+demolished+at+Kokonor+lake&t=1&c=1 , 22. Oktober 2015

 

30. September 2015
Tibeter in Ngaba nach Protest verhaftet
Zwölf Tibeter wurden am 22. September im Bezirk Dzoege in der Präfektur Ngaba verhaftet, nachdem sie gegen die Zwangsenteignung und nicht erfolgte Rückgabe ihres Landes protestierten. Ihr Land war bereits vor 5 Jahren angeblich für ein „Entwicklungsprojekt“ der lokalen Regierung zwangsweise enteignet worden. Bereits am 15. Mai hatten die betroffenen Familien an die Behörden appelliert, ihr Land zurückzugeben, weil in den vergangenen Jahren seit der Enteignung nichts mit dem Land geschah. Stattdessen hatten die Behörden begonnen, das Land an Privatpersonen zu verpachten.

Verärgert über den Appell, entzogen die Behörden den Familien alle Regierungszuschüsse. Nachdem die Familien weiter protestierten, versprach die Lokalregierung eine Lösung bis zum 20. September. Als bis dahin wieder nichts geschehen war, besetzten die Familien ihr Land. Am 22. September erschien dann die Polizei und verhaftete 12 Tibeter, darunter 6 Autoren des Appells vom Mai. Eine Tibeterin wurde später freigelassen, nachdem sie in Haft verprügelt wurde.

Der 39-jährige Jigje Kyab und Bruder der verprügelten Tibeterin, der Autor des Appells vom Mai ist, ist seit April d.J. untergetaucht. Nachdem ihn Offizielle in seinem Haus aufsuchten und mit Verhaftung drohten, hält er sich versteckt. In einer Videobotschaft erklärte er, dass er auch die Dokumente bewahre, die die Rechtmässigkeit der Ansprüche der Tibeter auf ihr Land bewiesen. Jigje Kyab hatte schon eine führende Rolle bei einem früheren Protest der Betroffenen am 28. Januar d.J. in der Hauptstadt der Provinz Sichuan, Chengdu. Dort hatten die betroffenen Familien vor einem Regierungsgebäude während der Sitzung des Volkskongresses von Sichuan protestiert. Die Polizei nahm damals 11 Tibeter fest, von denen 9 später freigelassen wurden.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/detentions-09242015174127.html. 24. September 2015

Zwei religiöse Veranstaltungen in Tibet zugelassen
Die Behörden haben im September in Tibet zwei bedeutende religiöse Anlässe erlaubt, wenngleich zumindest einer dieser Anlässe unter strenger Polizeiaufsicht stattfand.

In einem der grössten tibetischen Klöster, Kumbum in der chinesischen Provinz Gansu, konnte vom 18. – 21. September mit offizieller Genehmigung die Kalachakra-Zeremonie („Rad des Lebens“) stattfinden. Diese bedeutende Zeremonie wird ansonsten oft im Exil vom Dalai Lama geleitet.

Informanten von Radio Free Asia schätzten die Zahl der Anwesenden auf nahezu 200‘000. Nicht nur Tibeter, sondern auch Mongolen und Han-Chinesen seien dort gewesen. Die vom Gelehrten Geja Rinpoche geleitete Zeremonie wurde mittels 100 Lautsprechern und 10 Video-Wänden für diejenigen übertragen, die keine Sicht zur Bühne hatten. Das Kloster Kumbum sorgte auch für ausreichend Parkplätze und die Regelung des Verkehrs.

Im letzten Jahr waren allerdings lokale tibetische und chinesische Regierungskader unter Androhung von administrativen Strafen vor der Teilnahme an dieser Zeremonie gewarnt worden.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/ceremony-09182015170431.html , 18. September 2015

Über 700 tibetische Mönche nahmen im Kloster Ragya in der Präfektur Golog vom 25. – 30. September an den Jang Gunchoe Belehrungen („Winterbelehrungen“) teil, die laut Augenzeugen allerdings wegen ungewöhnlich starker Polizeipräsenz „in gedrückter Stimmung“ stattfanden. An den diesjährigen Belehrungen, die zum 21. Mal abgehalten wurden, nahmen Mönche aus insgesamt 27 Klöstern Tibets teil, dagegen waren im Unterschied zu den vorigen Jahren nur wenige Laien zugegen. Im Vorjahr hatte es auch Belehrungen für Laien über Ethik und Lebensführung gegeben.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/attend-09252015180400.html, 25. September 2015

 

18. September 2015
Anhaltende Solo-Proteste in Ngaba
Innerhalb von einer Woche hat sich eine Serie von Solo-Protesten in der Präfektur Ngaba im Osten Tibets ereignet, und dieses trotz erheblich verschärfter Überwachung. Nach dem Solo-Protest des 19-jährigen Mönchs Lobsang Kalsang am 7. September [vergl. Tibet-Information vom 9. September 2015; UM] kam es noch zu vier weiteren Aktionen. Alle liefen gleich ab: die Protestierenden liefen alleine durch die Strassen von Ngaba und riefen Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Alle wurden innerhalb weniger Minuten verhaftet; manchmal kam es zu kurzen Raufereien zwischen der Polizei und umstehenden Tibetern, die damit ihre Sympathie für die Aktion bekundeten. Auffallend ist, dass alle Protestierenden sehr jung waren.

Am 9. September lief der 21-jährige Mönch Jampal Gyatso durch Ngaba, am 10. September waren es in unabhängigen Aktionen der 20-jährige Mönch Lobsang Drakpa und der Mönch Lobsang mit unbekanntem Alter. Am 13. September schliesslich wurde die 22-jährige Tibeterin Dekyi Dolma nach wenigen Minuten verhaftet.

Seit dem 9. September sind die Internet-Verbindungen in Ngaba unterbrochen. Nach Schilderungen von Augenzeugen ist an jeder Strassenkreuzung Sicherheitspersonal stationiert, und zusätzliche Polizeifahrzeuge wurden nach Ngaba verlegt, wo sie Patrouille fahren.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/detention-09152015171118.html , 15. September 2015

China sagt Konzerte mit Bon Jovi ab
Nur wenige Tage vor dem geplanten Beginn hat die chinesische Konzertagentur AEG Live Asia die Konzerttour des Rocksängers Bon Jovi und seiner Band gestrichen und die Musiker ausgeladen. Als Begründung für die Absage der geplanten Konzerte in Shanghai am 14. September und in Beijing am 17. September wurden lapidar „unvorhergesehene Gründe“ angegeben.

Offenbar waren die Zensoren im chinesischen Kultusministerium darauf aufmerksam geworden, dass Bon Jovi bei einem Konzert in Taiwan vor fünf Jahren einmal ein Foto des Dalai Lama als Bühnenhintergrund verwendet hatte. Die Absage der Konzerte erfolgte am gleichen Tag wie die mit grossem Pomp abgehaltenen Feiern zum 50. Jahrestag der „Autonomen Region Tibet“ am 9. September.

Bon Jovi hatte, um das Interesse an seiner China-Tour zu schüren, kürzlich ein berühmtes chinesisches Liebeslied aus den 1970er Jahren in Mandarin gesungen. AEG Live Asia entschuldigte sich bei den aufgebrachten Fans für die „Unannehmlichkeiten und Enttäuschung“ durch die Absage. Die Fans hatten ihrem Ärger in sozialen Medien Luft gemacht. Zwar werden die Kosten für die gekauften Tickets rückerstattet, aber nicht wenige Fans hatten auch Zug- oder Flugreisen zu den Konzerten gebucht, deren Kosten nicht ersetzt werden.

Die Ausladung von missliebigen Musikern ist nicht neu. Die isländische Sängerin Björk hatte 2008 bei einem Konzert in Shanghai zu einem Song mit dem Titel „Declare Independence“ spontan „Tibet, Tibet“ ausgerufen und kann seitdem nicht mehr in China auftreten. Ein für den 19. September d.J. in Shanghai vorgesehenes Konzert der US-Band Maroon 5 wurde schon im Juli abgesagt, als sich herausstellte, dass ein Bandmitglied einen Tweet über ein Treffen mit dem Dalai Lama verfasst hatte.

CBC, http://www.cbc.ca/news/arts/jon-bon-jovi-shows-in-china-cancelled-for-unforeseen-reasons-1.3220722 , 9. September 2015

 

8. September 2015
Trotz Verboten: Gebetszeremonien für Tenzin Delek Rinpoche
An zahlreichen Orten in Tibet wurden am 49. Tag nach dem Tode des hoch geachteten Gelehrten Tenzin Delek Rinpoche trotz Verboten und Restriktionen Gebetszeremonien abgehalten. Tenzin Delek war am 12. Juli in einem Hochsicherheitsgefängnis in der chinesischen Provinz Chengdu unter unklaren Umständen gestorben. Sein Leichnam wurde in aller Eile kremiert, zwei seiner Verwandten, die eine unabhängige Untersuchung der Todesursache forderten, vorübergehend inhaftiert, und die Urne mit seiner Asche beschlagnahmt [vergl. Tibet-Informationen vom 15. Juli und 24. Juli 2015; UM].

Obwohl die Behörden im Heimatbezirk von Tenzin Delek, Nyagchuka, allen Bewohnern explizit Diskussionen über seinen Tod verboten und Mobiltelefonnetze und das Internet blockiert hatten, wurden am wichtigen 49. Tag nach seinem Tod in mehreren Klöstern längere Gebetszeremonien abgehalten. Dabei trugen die Mönche auch Portraits des Dalai Lama in die Klöster.

Ähnliche Zeremonien wurden auch in mehreren Klöstern in den Bezirken Bathang und Lithang abgehalten.

Beim alljährlich stattfindenden Rukyil-Fest in Lithang, das wegen seiner Pferderennen bekannt ist, wurden an diesem Tag alle Veranstaltungen abgesagt und stattdessen Gebete abgehalten. Auch in einer anderen Region in Lithang, wo nach traditionellen Gebetszeremonien Pferderennen stattfinden, wurden letztere zugunsten von Gebeten abgesagt.

Das Heimatkloster von Tenzin Delek ist weiterhin von Sicherheitskräften umstellt, die nur Personen einlassen, die von den Behörden eine spezielle Bewilligung erhalten haben. In der Region werden politische Umerziehungsveranstaltungen abgehalten, und junge Männer müssen unter Strafandrohung bei Verweigerung an militärischen Übungen teilnehmen.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/monk-09022015143012.html , 2. September 2015

Parade und Weissbuch: “Tibet erlebt Goldenes Zeitalter”
Am 8. September feierte die Volksrepublik China den 50. Jahrestag der Gründung der „Autonomen Region Tibet“ mit einer grossen Parade vor dem Potala-Palast in Lhasa. Entgegen Spekulationen nahm Chinas Partei- und Staatspräsident Xi Jinping nicht an der Zeremonie teil. Der lokale Parteivorsitzende in Tibet, Yu Zhengsheng, beschwor in einer landesweit übertragenen Ansprache einmal mehr die Notwendigkeit, mit Entschiedenheit die „Stabilität“ in Tibet zu bewahren.

Nach dem Weissbuch im April d.J., in dem die chinesische Regierung dem „Mittleren Weg“ des Dalai Lama eine klare Absage erteilt [vergl. Tibet-Information vom 8. Juni 2015; UM], wurde anlässlich des Jahrestages ein weiteres Weissbuch publiziert, das die Annexion Tibets mit wirtschaftlichen Kennzahlen rechtfertigen soll.

Der Vorschlag des „Mittleren Weges“ negiere die „regionale ethnische Autonomie“, die zum „Fortschritt“ in Tibet beigetragen habe, so das Weissbuch. Und weiter: „Die separatistischen Aktivitäten der Dalai-Gruppe verletzen die Verfassung der Volksrepublik China und schaden den fundamentalen Interessen aller ethnischen Gruppen in Tibet. Deswegen trafen sie [die separatistischen Aktivitäten; UM] auf starke Ablehnung aller Völker Chinas, einschliesslich derjenigen aller ethnischen Gruppen in Tibet... Die ethnische Autonomie hilft allen Gruppen in Tibet, damit sie ihr Schicksal selbst bestimmen und volle demokratische und weitgehende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Freiheit geniessen.“

Danach werden mehrere wirtschaftliche Kennzahlen, wie Bruttosozialprodukt, pro-Kopf-Einkommen, Exportvolumen und Steuereinkünfte angeführt, die alle in 50 Jahren einen dramatischen Anstieg erfuhren und weiter deutlich steigen, so dass Tibet jetzt sein „Goldenes Zeitalter“ erlebe. Die tibetische Kultur, Religionsfreiheit und der Schutz der Umwelt würden sorgfältig beachtet.

Press Trust of India, http://www.ptinews.com/news/6474820_China-showcases-50-yrs-of-its-hold-on-Tibet-nbsp--.html , 8. September 2015

Polizei verhaftet tibetischen Mönch nach Solo-Protest

Nur einen Tag vor der grossen Parade in Lhasa wurde der 19-jährige Mönch Lobsang Kalsang verhaftet, nachdem er auf der Hauptstrasse im osttibetischen Ngaba einen Solo-Protest durchführte. Ein heimlich aufgenommenes Video (https://www.youtube.com/watch?v=EccakZkk3rA) zeigt, wie er allein mit einem Schild, das vermutlich ein Bild des Dalai Lama zeigt, über die Hauptstrasse läuft. Dabei soll er Parolen zur Freiheit Tibets gerufen haben. Nur wenige Minuten später ist zu sehen, wie sich Polizisten auf ihn stürzen und ihn abdrängen. Die umstehenden Tibeter zeigten nach der Verhaftung gegenüber den Polizisten ihre Sympathie für die Prostestaktion.

Lobsang Jinpa stammt aus dem Kloster Kirti, das Schauplatz zahlreicher Selbstverbrennungen war. Sein zwei Jahre älterer Bruder wurde im November 2014 zu 2 Jahren Haft wegen „separatistischer Aktivitäten“ verurteilt.

Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4707-buddhist-monk-arrested-after-lone-protest-in-amdo-ngaba-tibet , 7. September 2015

 

4.September 2015
„6. Arbeitsforum zu Tibet“ bestätigt kompromisslose Haltung
Am Ende einer Serie von Massnahmen, die der Stärkung der Sicherheit und Einschüchterung von Protestierenden galten [vergl. Tibet-Information vom 31. August 2015; UM], fand in Beijing das sogenannte 6. Arbeitsforum zu Tibet statt. Diese „Arbeitsforen“ sind Strategie-Meetings, die seit der Invasion im Jahr 1950 regelmässig stattfinden. Das 6. Forum, an dem alle Politbüro-Mitglieder teilnahmen, wurde von Partei- und Staatspräsident Xi Jinping persönlich geleitet, was die hohe Bedeutung anzeigt, die der Tibet-Frage zurzeit beigemessen wird.

Nach Meinung von Press Trust India (http://tibet.ca/en/library/wtn/13255, 27. August 2015) hatte besonders die Ankündigung des Dalai Lama, dass es möglicherweise keine weitere Inkarnation von ihm geben wird, grosse Sorge in der chinesischen Parteiführung über die „Stabilität“ in Tibet ausgelöst. So betonten auch die Stellungnahmen nach Abschluss des Arbeitsforums in auffallender Weise die Notwendigkeit, „Stabilität“ in Tibet herzustellen. Wenn der Ausdruck „Stabilität“ verwendet wird, ist dieses in der Regel mit Massnahmen von Polizei und paramilitärischen Truppen verbunden. Ausdrücklich wird nicht nur die Autonome Region Tibet als Ziel der Massnahmen genannt, sondern alle von Tibetern besiedelten Gebiete, die in chinesische Provinzen eingegliedert wurden; dieses wahrscheinlich vor dem Hintergrund, dass sich die grösste Zahl von Selbstverbrennungen und anderen Protesten eben in letztgenannten Regionen ereigneten. Auffallend ist auch, dass das 6. Arbeitsforum nicht mehr, wie noch im 5. Forum im Jahr 2010, ausschliesslich ökonomische Ziele definiert, sondern sich auch zu politischen Zielen äussert.

Laut einer anonymen Quelle soll Xi Jinping bei diesem Meeting gesagt haben, dass China die Periode des nächsten Dalai Lama bestimmen werde, aber wenn alles nicht so verlaufen würde wie geplant, könnte man auch „korrigierende Massnahmen“ ergreifen.

In der offiziellen Stellungnahme (“Why the Sixth Forum on Tibet is held now?” China Tibet Online, http://eng.tibet.cn/2012sy/xw/201508/t20150826_3928217.html , 26. August 2015) werden folgende Massnahmen für Tibet definiert:

  • Verstärkte Bemühungen zur Förderung des Wirtschaftswachstums und des “sozialen Fortschritts”
  • Verbesserung der lokalen Infrastruktur
  • Beibehaltung der finanziellen und steuerlichen Anreize für Investoren
  • Verbesserung der Lebensbedingungen und des „sozialen Zusammenhalts“
  • Zielgerichtete Massnahmen zur Verminderung von Armut und Lösung von „Schlüsselproblemen“
  • Anreize für Bauern und Nomaden, in den Städten eigene Betriebe zu eröffnen
  • Erziehung zu „sozialistischen Kernwerten“ in den Schulen
  • Gebrauch der [chinesischen; UM] Nationalsprache und –schrift populärer machen
  • Fördern der „Liebe zur Partei“ und von Personen, die für sozialistische Werte eintreten
  • Ausbau zu einer bedeutenden internationalen Tourismus-Destination

Direkt zur Frage der Inkarnation des Dalai Lama wurde nicht Stellung genommen, jedoch ist die Stellungnahme der „United Front“, der für Chinas „Minderheiten“ und im Ausland lebenden Staatsbürger zuständigen Organisation, vom 26. August 2015 eindeutig (http://eng.tibet.cn/2012sy/xw/201508/t20150826_3928554.html ). Wörtlich teilte die United Front mit, dass man „weder in der Vergangenheit, noch heute, noch in der Zukunft den Mittleren Weg akzeptiert“. Damit wird die Tür für neue Gespräche zwischen Gesandten des Dalai Lama und der United Front wohl auf absehbare Zeit zugeschlagen.

 

12. August 2015
China wiederholt Anspruch auf Anerkennung der Reinkarnation des Dalai Lama
In einer Klausurtagung am 30. Juli, an der führende Mitglieder von Partei und Regierung unter Leitung von Staatspräsident Xi Jinping zusammentrafen, wurde nochmals der Anspruch der chinesischen Regierung bestätigt, die nächste Reinkarnation des Dalai Lama anzuerkennen. In einer Stellungnahme wurde darauf hingewiesen, dass die Anerkennung der Reinkarnation „schon immer“ unter die Jurisdiktion einer chinesischen Regierung gefallen sei.

Die Tagung wurde unter dem Motto „Sicherstellen der nationalen Einheit und Stärkung der ethnischen Eintracht“ abgehalten. Diskutiert wurden laut Abschlussdokument „Massnahmen zur Stabilität in Tibet und Bekämpfung des Separatismus“.

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36311&article=Tibetans+rubbish+Chinese+claim+over+Dalai+Lama+reincarnation&t=1&c=1 , 3.August 2015

Tibeter werden gezwungen, mit Pelzen besetzte Kleider zu tragen...
Tibeter in der Unruheregion Driru, in der sich vor allem in letzten Jahr lang anhaltende Proteste und Selbstverbrennungen ereignet hatten, wurden in einer absurd anmutenden Bestimmung dazu gezwungen, sich in einer „Talentschau“ zu zeigen, um weiter die Genehmigung zum Sammeln des Raupenkeulenpilzes (tibet. Yartsa Gunbo, lat.ophiocordyceps sinensis) zu erhalten. In der Region Driru sind die Tibeter in ihrem Einkommen sehr stark vom Sammeln und Verkauf des Pilzes abhängig, dem heilende Wirkungen zugeschrieben werden und der auf dem Markt zu hohen Preisen verkauft wird.

Laut der publizierten Bestimmung wird die Sammelgenehmigung nur erteilt, wenn man vorher an einer „Talentschau“ genannten Aufführung von traditionellen Tänzen und Gesängen als Akteur oder Zuschauer teilnimmt. Mehr noch, die Akteure werden gezwungen, dabei Kostüme zu tragen, die mit Pelzen von Wildtieren besetzt sind. Diese Kostüme wurden nach Angaben von Informanten von den Behörden sogar extra zur Aufführung transportiert. Nach Angaben von Tibet Post International fanden die Aufführungen anlässlich einer offziellen Veranstaltung statt. Aus den Angaben ist nicht ganz klar, ob es sich um den 1. August handelt, den Jahrestag der Gründung der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Jedenfalls solle das Tragen dieser Kleider demonstrieren, dass Tibet wirtschaftlich blühe.

Ein Regierungsmitglied des Bezirks Driru dementierte allerdings, dass es eine solche Bestimmung gebe. Es habe auch kein Anlass am 1. August stattgefunden.

Der Zwang, diese Kleider zu tragen, soll offensichtlich einen Appell des Dalai Lama aus dem Jahre 2006 unterlaufen. Dieser hatte dazu aufgerufen, aus Respekt vor den Lebewesen keine mit Pelzen besetzten Kleider mehr zu tragen. Diese Kleider gehören traditionell zum wertvollen Familienbesitz und werden über Generationen weitergegeben. Nach dem Aufruf fanden sich Tibeter in Massen zusammen, um ihre Kleider in einer öffentlichen Demonstration zu verbrennen. Associated Press schätzte, dass bei solchen Verbrennungsaktionen, an denen teilweise über 10‘000 Personen teilnahmen, Kleider im Wert von $400 Millionen vernichtet wurden [vergl. Tibet-Information vom 15. Februar, 4. März und 3. Mai 2006; UM]. Eine weitere Verbrennungsaktion ereignete sich im Februar 2015 [vergl. Tibet-Information vom 17. März 2015; UM]. Die Behörden wurden von diesen Aktionen, die sich über die eigentliche Verbrennung hinaus zu einer grossen Loyalitätskundgebung für den Dalai Lama entwickelten, zunächst völlig überrascht und unterbanden diese später.

Was nun die Behörden in Driru zu dieser Bestimmung motivierte, ist unklar.

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36332&article=Livelihood+clampdown+on+Tibetans+in+Diru+County&t=1&c=1 , 7. August 2015.
Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4676-tibetans-forced-to-wear-wild-animal-furs-official-in-tibet-denies , 12. August 2015.

… und wegen “unglückem Gesichtsausdruck” geprügelt
Tibet Post Internation berichtet von einem offensichtlich weiteren Vorfall im Bezirk Nangchen in Osttibet, wo ebenfalls Tibeter aus 10 verschiedenen Dorfgemeinschaften gezwungen wurden, in pelzbesetzten Kleidern Tänze und Gesänge aufzuführen. Während der Proben zwischen dem 1. und 3. August für ein Sommerfestival sollen die teilnehmenden Tibeter durch Polizisten, die in vier Fahrzeugen erschienen, massiv eingeschüchtert worden sein. Während der eigentlichen Aufführung am 3. August seien ebenfalls Polizisten mit Waffen und elektrischen Schlagstöcken zugegen gewesen. Nach der Aufführung seien Polizeikräfte ohne Vorwarnung in die Zelte der Tibeter eingedrungen und hätten mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen. Insgesamt 30 Tibeter wurden mit teils schweren Verletzungen in umliegende Spitäler gebracht. Als Grund sei ihnen später mitgeteilt worden, sie hätten während der Aufführung einen „unglücklichen Gesichtsausdruck“ gezeigt.

Tibet Post International, http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4675-tibetans-severely-beaten-for-sad-expressions-of-wearing-animal-furs , 11. August 2015

Bilder der verletzten Tibeter sind auf Flickr platziert (http://freetibet.org/news-media/na/police-beat-tibetans-after-cultural-show?utm_source=Free+Tibet+email+updates&utm_campaign=31ac534e58-News_Update_Cultural_show_non_members_8_12_2015&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-31ac534e58-49802621&mc_cid=31ac534e58&mc_eid=524401721d )

 

24. Juli 2015
Nach dem Tod von Tenzin Delek: Verwandte in Haft, Urne konfisziert
Nach seinem Tod in Haft am 12. Juli [vergl. Tibet-Information vom 15. Juli 2015; UM] hatten Angehörige von Tenzin Delek Rinpoche – wie auch zahlreiche NGOs im Ausland – eine unabhängige Untersuchung der Umstände seines Todes in Haft verlangt. Zwei Schwestern waren kurz zu seinem Sterbebett vorgelassen worden, wo er noch in Anstaltskleidung in seiner Zelle lag. Verfärbungen an Fingern und Lippen hatten Gerüchte um eine Vergiftung aufkommen lassen. Eine Todesbescheinigung mit Angabe der Todesursache wurde bisher nicht ausgestellt. Nach Abgabe der Petition für eine Untersuchung wurden eine Schwester und ihre Tochter am 22. Juli in Haft genommen. Näheres über ihren Verbleib oder die Vorwürfe gegen sie sind nicht bekannt.

Tenzin Delek Rinpoche wurde noch im Hochsicherheitsgefängnis kremiert. Angehörige und Freunde wollten die Asche in sein Heimatkloster bringen, aber die Urne wurde vor Beginn der Bestattungszeremonie von der Polizei konfisziert. Nach Angaben eines Verwandten in Indien drangen Polizisten nachts in die Unterkunft ein, in der die Gruppe auf halbem Wege zum Heimatkloster übernachtete und nahmen die Urne mit. Sie drohten sogar, die Überreste in den benachbarten Fluss zu werfen. Wo sich

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36277&article=Torment+continues+for+Tulku%E2%80%99s+kin&t=1&c=1 , 22. Juli 2015

Weiterer Todesfall in Haft
Am 19. Juli starb in einem Spital in Lhasa der 64-jährige Lobsang Yeshi ebenfalls aus unklarer Ursache. Lobsang Yeshi, Vater von 8 Kindern und einziger Ernährer der Familie, war vor 14 Monaten festgenommen worden, als er eine unabhängige Ursache zum Tod von zwei Tibetern gefordert hatte. Die zwei Tibeter hatten nahe der osttibetischen Stadt Chamdo gegen Minenarbeiten protestiert und waren dabei zu Tode gekommen. Einer der beiden soll sich selbst Stichverletzungen beigebracht haben, der andere sprang von einem Gebüude in den Tod, nachdem er sich ebenfalls mit einem Messer Stiche beigebracht hatte [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai und 22. Mai 2014; UM] .

Lobsang Yeshi war vor seiner Verhaftung am 2. Mai 2014 Dorfvorsteher und setzte die Proteste gegen die Weigerung einer Untersuchung über den Tod der beiden noch tagelang gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern fort, selbst als die Behörden ihm mit Strafen drohten. Nach seiner Verhaftung dauerte es ein Jahr, bis er zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Wenige Tage vor seinem Tod wurde er wegen unklarer Bauchbeschwerden und Schwindel in ein Spital in Lhasa eingeliefert, wo er starb. Nach Angaben von Informanten von Phayul sei er in Haft regelmässig misshandelt worden und habe über Schwindelanfälle geklagt.

In einer Parallele zu Tenzin Delek verweigerten auch hier die Behörden die Herausgabe des Leichnams und kremierten ihn am 21. Juli. Nur auf intensives Drängen seiner Angehörigen wurde schliesslich einem Mönch gestattet, vor der Kremation die Totenrituale durchzuführen. Zwei Angehörige durften der Kremation beiwohnen.

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36282&article=Tibetan+political+prisoner+dies+in+custody%2c+family+kept+at+bay&t=1&c=1 , 23. Juli 2015; Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/china-tibet-07232015164859.html, 24. Juli 2015

 

15. Juli 2015
Einer der prominentesten politischen Gefangenen stirbt in Haft
Am 12. Juli starb im Alter von 65 Jahren der seit 2002 inhaftierte Tenzin Delek Rinpoche in einem Gefängnis in Chengdu, Provinz Sichuan. Er war in seiner Heimatregion in der Präfektur Kardze bis zu seiner Inhaftierung für sein religiöses und soziales Engagement hoch geachtet.

Menschenrechtsgruppen hatten seit Frühjahr 2015 eine Kampagne gestartet, um eine Freilassung aus medizinischen Gründen zu erwirken. Es war bekannt, dass Tenzin Delek schwer herzkrank war, ohne dafür in Haft angemessene Behandlung zu bekommen. Bereits am 2. Juli hatten die Behörden in Kardze seine beiden Schwestern aufgefordert, nach Chengdu zu reisen, weil er ernsthaft krank sei. Dort wurden die Schwestern für 10 Tage in einem Gästehaus untergebracht, ohne ihn sehen zu dürfen. Am 12. Juli wurden sie über seinen Tod informiert. Bis heute ist sein Leichnam nicht zur Bestattung freigegeben. Auf Fragen nach der Todesursache und dem Zeitpunkt der Freigabe des Leichnams teilten die Behörden mit, darüber würde eine interne „Besprechung“ stattfinden.

Tenzin Delek Rinpoche war wegen angeblicher Beteiligung an einem Bombenanschlag in Chengdu vom 3. April 2002 verhaftet worden. Während 8 Monaten wurde er in Isolationshaft gehalten, ohne dass er einen Rechtsbeistand erhielt. Dann verurteilte ihn ein Gericht in einer Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 5. Dezember 2002 zusammen mit seinem Neffen Lobsang Dhondup zum Tode. Während Lobsang Dhondup am 22. Januar 2003 hingerichtet wurde, erhielt Tenzin Delek einen Aufschub für 2 Jahre [vergl. Tibet-Information vom 10. Februar 2003; UM]; später wurde die Todesstrafe auf internationalen Druck in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt.

Tenzin Delek hatte stets seine Beteiligung an dem Bombenanschlag bestritten. Während der 13 Jahre in Haft war er völlig isoliert und konnte seine Verwandten insgesamt nur sieben Mal sehen, und das nur für jeweils 30 Minuten unter strenger Aufsicht von Gefängnispersonal. Der letzte Besuch wurde im November 2013 genehmigt. Tenzin Delek soll in den letzten Jahren nur noch an Stöcken gelaufen sein, weil er durch die Misshandlungen in Haft Beinverletzungen erlitten hatte.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/monk-07132015015651.html, 13. Juli 2015

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD), http://www.tchrd.org/, 15. Juli 2015

Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36249&article=Uproar%2c+sadness+after+prominent+Tibetan+Lama%27s+death+in+Chinese+jail&t=1&c=1 , 14. Juli 2015

Schüsse und Verletzte nach Protesten anlässlich Tenzin Deleks Tod
In Nyagchuka, dem Nachbarbezirk von Lithang, der Heimat von Tenzin Delek, versammelten sich über 1000 Menschen, um seiner zu gedenken und gegen die unmenschliche Behandlung in Haft zu protestieren. Dabei sollen Tibeter auch Steine auf die Polizei geworfen haben. Nach übereinstimmenden Berichten verschiedener Quellen hat die Polizei Tränengas und Schusswaffen gegen die Protestierenden eingesetzt. TCHRD erklärt, dass ihr Fotos vorliegen, die mindestens 7 Tibeter mit Schussverletzungen zeigen. Die Zahl der Verletzten liege aber wahrscheinlich wesentlich höher. Die Region sowie die Verbindungsstrasse zwischen Lithang und Nyagchuka sind von Sicherheitskräften mittlerweile abgeriegelt.

Auch vor dem Gefängnis in Chengdu, wo Tenzin Delek starb, versammelten sich etwa 100 Tibeter zum Protest. Über Zwischenfälle ist hier nichts bekannt.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/marchers-07132015172716.html, 13. Juli 2015

 

10. Juli 2015
26-jähriger Mönch verbrennt sich
Am 9. Juli hat sich der 26-jährige Mönch Sonam Topgyal in der Stadt Kyegundo in der Präfektur Yulshul angezündet. Er tat dieses am frühen Abend auf einem belebten Platz (TCHRD, http://www.tchrd.org/, 10. Juli 2015). Sofort trafen Sicherheitskräfte ein, blockierten alle Zugänge zu dem Platz und schafften seinen Körper fort. Nach unbestätigten Berichten soll er die Selbstverbrennung überlebt haben und sich in einem Spital befinden. Weitere Sicherheitskräfte seien kurz darauf nach Kyegundo gebracht worden, die alle Zufahrsstrassen zum Platz sperrten und Telefon- und Internet-Verbindungen kappten.

Kyegundo war Zentrum des verheerenden Erdbebens vom 14. April 2010 mit über 3‘000 Todesopfern und weitgehender Zerstörung der Infrastruktur. Seitdem haben sich die Spannungen zwischen lokalen Tibetern und den Behörden verschärft. Verschiedentlich kam es zu Protesten, weil Land und Liegendschaften, die Tibetern seit Generationen gehörten, willkürlich enteignet wurden, um Platz für kommerzielle Bauten zu schaffen [vergl. Tibet-Information vom 11. August 2010, 6. Juni 2014 und 24. Januar 2015; UM]. Aus Protest dagegen hatte sich vor 2 Jahren schon eine Tibeterin in Kyegundo verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 3. April 2013; UM].

Besorgnis über Chinas „Gesetz zur Nationalen Sicherheit“
NGOs und Menschenrechtler, sowie Anwälte in China und im Ausland, sind über die Auswirkungen des kürzlich vom Nationalen Volkskongress verabschiedeten Gesetzes besorgt. Dieses stellt die „nationale Sicherheit“ über alles und ist in vielen Passagen so unbestimmt formuliert, dass hier grob willkürliche Auslegungen möglich sind und so zahlreiche NGOs, Menschenrechtler und vor allem Tibeter treffen kann (TCHRD, http://www.tchrd.org/, 9. Juli 2015; Süddeutsche Zeitung, http://www.sueddeutsche.de/politik/china-sicherheit-fuer-die-herrscher-1.2546024, 1. Juli 2015). Als Bestandteile der „Sicherheit Chinas“ und damit Geltungsbereich des Gesetzes werden beispielsweise genannt: „religiöse Überzeugungen“, „negative kulturelle Einflüsse“, „ethnische Minderheiten“, aber selbst auch die Tiefsee, die Polarregionen und der Weltraum.

NGOs werden der direkten Kontrolle durch das Polizeiministerium unterstellt. Als Ziel fordert das Gesetz „sichere und kontrollierbare Internetverbindungen“. In diesem Kontext weist die Süddeutsche Zeitung auch darauf hin, dass ein Papier der Kommunistischen Partei ausdrücklich Pressefreiheit und Zivilgesellschaft als Themen nennt, die zu bekämpfen seien.

Zwei Artikel verlangen für Sicherheitsdienste ausdrücklich die Verwendung von modernster Technologie zur Überwachung von Individuen in China sowie von kommerziellen Transaktionen und Technologien.

Für Tibeter relevant sind Bestimmungen, die zwar Religionsfreiheit nennen, aber als Pflicht den „Widerstand gegen ausländische Einflüsse“, das „Mitwirken bei Bemühungen um Sicherheit“ und das „Nichtverbreiten von Staatsgeheimnissen“ diktieren, was schon allein den Besitz von Bildern oder Lehrreden des Dalai Lama zum Strafbestand machen könnte. Auch fällt vermutlich die Verbreitung von Nachrichten über Selbstverbrennungen darunter; gemäss Gesetz können öffentlich verbreitete Nachrichten nachträglich zu „Staatsgeheimnissen“ erklärt werden. Tibeter wurden schon verhaftet unter dem Vorwurf, Selbstverbrennungen nicht verhindert zu haben, was nun offiziell unter den Tatbestand der „Behinderung von Sicherheitsbemühungen“ fällt.

 

8. Juli 2015
Früherer Chef der Staatssicherheit in Tibet unter Korruptionsverdacht
Wie die unabhängige Tageszeitung South China Morning Post aus Hongkong meldet http://tibet.ca/en/library/wtn/13209, 29. Juni), wurde der frühere Spitzenfunktionär Le Dake unter Korruptionsverdacht gestellt. Die Chinesische Zentralkommission für Disziplin CCDI gab nur an, dass Le Dake unter Verdacht steht, spezifizierte aber die Vorwürfe nicht weiter.

Le Dake war von 2004 bis Januar 2013 Leiter des Büros für Staatssicherheit in Tibet, vorher war er Stellvertrender Leiter der gleichen Behörde in seiner Heimatprovinz Jiangxi. Er ist der erste hochrangige Funktionär in Tibet, gegen den Rahmen der landesweiten Anti-Korruptionskampagne untersucht wird. Es ist unklar, ob sich die Korruptionsvorwürfe auf seine Amtszeit in Tibet beziehen.

Der Parteivorsitzende Xi Jinping hatte angekündigt, nicht nur die „Fliegen“, niederrangige Personen, sondern auch hochrangige Funktionäre, „Tiger“, bei Korruption zu belangen.

Tibetischer Umweltaktivist ertrinkt
Der tibetische Umweltaktivist und Buchautor Kawa Nyingchak ist bei dem Versuch ums Leben gekommen, Fischernetze von illegalen Fischern aus dem Wasser zu ziehen (Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/attempt-06292015162712.html, 29. Juni 2015). Kawa Nyingchak, der auch durch seine Kinderbücher in Tibet bekannt ist, hatte sich zwei Tage vorher bei der Polizei beklagt, dass Chinesen illegal im Qinghai-See (Koko-nor) fischen. Dort wurde ihm aber nur beschieden, dass der Polizei nichts über illegales Fischen bekannt sei.

Darauf machte er sich mit einigen Freunden auf den Weg zum Ufer und begann, Fischernetze aus dem Wasser zu ziehen, um seine Vorwürfe zu beweisen. Dabei ergab sich eine Auseinandersetzung mit den chinesischen Fischern. Als Kawa Nyingchak einige Schritte in den See ging, um ein Fischernetz zu leeren, sei er im Wasser versunken. Weil niemand schwimmen konnte, ertrank er, bevor es anderen gelang, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Bericht von Informanten von Radio Free Asia lässt es offen, ob es sich um einen Unfall handelte oder ob er durch äussere Einwirkung infolge der Auseinandersetzung ertrank.

In den letzten Jahren hatten sich die Vorwürfe von lokalen Tibetern gehäuft, dass im Qinghai-See illegal gefischt werde, so dass schliesslich von den Anwohnern Beobachtungsposten errichtet wurden. Kawa Nyingchak, der an der Universität für Nationalitäten in Lanzhou, Provinz Gansu, studiert hatte, gehörte zu dieser lokalen Gruppe von Umweltaktivisten. Ausser einem Kinderbuch hatte er auch ein Lehrbuch der tibetischen Sprache und Gedichte verfasst.

Nepal erlaubt überraschend Geburtstagsfeier für Dalai Lama
Die Behörden in Kathmandu haben der grossen Tibeter-Gemeinschaft in Nepal überraschend die Erlaubnis erteilt, eine Geburtstagsfeier anlässlich des 80. Geburtstages auszurichten (Phayul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36202&article=Nepal+to+allow+Dalai+Lama%27s+birthday+celebrations&t=1&c=1, 3. Juli 2015). Die Feier fand am 6. Juli auf dem Sportplatz der Namgyal-Schule statt und zog tausende Tibeter an.

Die Zahl der in Nepal lebenden Tibeter wird auf ca. 20‘000 geschätzt. Der Schritt der Behörden kam völlig überraschend, da China einen grossen Einfluss auf die nepalische Politik ausübt. Aufgrund von Interventionen seitens der chinesischen Regierung waren öffentliche Feiern für den Dalai Lama und auch das Begehen des tibetischen Neujahrsfestes in der Vergangenheit verboten worden.

 

26. Juni 2015
Tibeter trotzen Verboten – Geburtstagsfeiern für Dalai Lama überall
In zahlreichen Regionen in Tibet, vor allem im Osten und Norden, hielten Tibeter Feiern zum 80. Geburtstag des Dalai Lama ab, obwohl die Behörden diese bei Androhung von Strafen verboten hatten [vergl. Tibet-Information vom 17. Juni 2015; UM]. Die Feiern fanden zum Beginn des Monats des tibetischen Kalenders statt, in dem der Dalai Lama 80 Jahre alt wird [21. Juni; der eigentlich Geburtstag ist am 6. Juli nach europäischem Kalender; UM]. Informanten von Radio Free Asia berichteten von Feiern an zwei Orten in der Präfektur Kardze, weiteren Anlässen in der Präfektur Golog und in den Bezirken Tongde und Pema (Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/defiance-06222015160655.html, 23. Juni 2015). Einige dieser Feiern fanden in der Öffentlichkeit im Freien statt, sogar mit aufgebautem Altar und Foto des Dalai Lama, an anderen Orten in Klöstern oder wegen der Restriktionen in Privatwohnungen. Es wurden Langlebensgebete rezitiert, Weihrauch verbrannt und Feuerwerk abgefeuert. Im Bezirk Pema wollten die Tibeter ein Fasten-Retreat beginnen, was jedoch von der Polizei untersagt wurde. Stattdessen ging die Gruppe zum Markt und bewahrte eine grosse Zahl von Fischen vor der Tötung, was als segensgebende Handlung zu Ehren des Dalai Lama gilt.

Im Kloster Khagya Toe in der Präfektur Kanlho wurde ebenfalls ein grosses Portrait des Dalai Lama aufgebaut, vor dem Gebete rezitiert wurden und Tibeter in langen Reihen anstanden, um weisse Schleier am Altar niederzulegen. Ausserdem wurde eine Reihe von gefangenen Vögeln freigelassen, und es wurden Theaterstücke über den legendären König aus dem 8. Jahrhundert, Trisong Detsen, und den Sagenhelden Gesar Ling inszeniert. Die Polizei habe alles beobachtet, ohne aber einzugreifen.

Im Bezirk Chone in der Präfektur Kanlho trotzten Tibeter ebenfalls den Verboten und rezitierten über einen Monat vom 5. Mai bis 5. Juni zahlreiche Langlebensgebete.

Restriktionen an anderen Orten durchgesetzt - Blogger verhaftet
Im Bezirk Rebgong in der Präfektur Malho gelang es den Behörden, viele geplante Feiern zu unterbinden. Vorab war ein Verbot publiziert worden, sich in grösseren Gruppen zu versammeln, Picknicks zur Feier zu organisieren oder sogar soziale Medien mit diesem Thema zu verwenden. Viele Familien feierten stattdessen in ihren Häusern. In zwei Klöstern, Riwo und Palden Gyurme, wo sich Mönche zu Gebeten versammelt hatten, wurde Laien der Eintritt verweigert. Diese mussten am Eingang sogar ihre Mobiltelefone zur Durchsuchung auf verbotene Bilder, Musikstücke und Texte abgeben.

Ebenfalls in Rebgong wurde ein 25-jähriger Tibeter verhaftet, weil er die verbotene tibetische Flagge und ein Foto des Dalai Lama in WebChat, einem sozialen Netzwerk, platziert hatte. Es ist bekannt, dass China den Datenverkehr auf WeChat detailliert verfolgt. Ein Informant von Radio Free Asia gab an, dass in den Strassen von Rebgong sogar speziell ausgerüstete Messfahrzeuge patrouillieren, die den Online-Datenverkehr abhören können.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/detention-06232015155348.html , 23. Juni 2015).

Auch indische Würdenträger nehmen an Feiern teil
In Dharamsala nahm der Chefminister der Provinz Himachal Pradesh, Virbhadra Singh, an den offiziellen Feiern in Anwesenheit des Dalai Lama teil. Dieses dürfte China besonders verärgern, weil Teile von Himachal Pradesh auch von China beansprucht werden. Seitens der Zentralregierung in New Delhi waren Dr. Mahesh Sharma, Minister für Kultur und Tourismus, sowie der Innenminister Kiren Rijiju vertreten (Phyaul, http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=36167&article=Tibetans+greet+Dalai+Lama+on+80th+birthday%2c+offer+long+life+prayer&t=1&c=1, 21. Juni 2015).

 

17. Juni 2015
Rüffel für von China eingesetzten Panchen Lama?
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping hat bei einem Treffen mit dem von der chinesischen Regierung eingesetzten Panchen Lama für die "nationale Einheit" geworben. Xi habe den Panchen Lama gebeten, die "patriotische Tradition" des tibetischen Buddhismus fortzusetzen, berichtete die staatliche Tageszeitung "China Daily" am Donnerstag (http://africa.chinadaily.com.cn) am 10. Juni 2015). Wörtlich sagte Xi Jinping [Übersetzung aus der englischsprachigen Meldung; UM], er hoffe, der Panchen Lama werde „weiter das Mutterland und sein Volk im Herzen behalten und sich weiterhin entschieden für die Einigkeit des Landes und aller ethnischen Gruppen einsetzen“. Er solle die „Tradition seiner Vorgänger fortsetzen, um den tibetischen Buddhismus in die sozialistische Gesellschaft zu integrieren“. Der Begriff „patriotisch“ wird in China oft synonym mit „loyal“ zur Regierung verwendet.

Im Mai hatte der Panchen Lama, der in einem umstrittenen Verfahren eingesetzt wurde und bisher nie mit kritischen Äusserungen hervortrat, die Religionspolitk der chinesischen Regierung kritisiert. In einer Rede vor hohen Funktionären hatte er davor gewarnt, dass angesichts der schweren Restriktionen gegen Klöster, der „Patriotischen Umerziehung“ und anderer Kampagnen bald zu wenige Mönche verfügbar seien. Der Buddhismus in Tibet drohe „nur noch auf dem Papier“ zu existieren [vergl. Tibet-Information vom 24. Mai 2015; UM].

China verbietet öffentliche Feiern zum 80. Geburtstag des Dalai Lama
Überall in Tibet ergreifen die Behörden Massnahmen, um jegliche öffentliche Feiern zum bevorstehenden 80. Geburtstag des Dalai Lama zu verhindern.

Im Bezirk Machu in der heutigen chinesischen Provinz Gansu wurden am 5. Juni 2 Tibeter verhaftet, die vom 10. – 13. Juni ein Pferderennen organisierten, das für alle Tibeter aus den ehemaligen tibetischen Provinzen Kham und Amdo offenstehen sollte. Die Organisatoren hatten zur Bedingung gemacht, dass alle Teilnehmer mindestens ein Tier vor dem Schlachten bewahren und diese Tat dem langen Leben des Dalai Lama gewidmet wird. Auch wollten die Organisatoren den übermässigen Konsum von Alkohol und Glücksspiele während der Veranstaltung verbieten. Nach der Verhaftung der beiden, über deren Schicksal nichts weiter bekannt ist, wurden auch alle Zusammenkünfte auf dem vorgesehenen Gelände für das Pferderennen untersagt und eine grössere Zahl von Sicherheitskräften dort stationiert.

Im Kloster Jonang im Bezirk Dzamthang in der Präfektur Ngaba wurde eine Gebetszeremonie verboten, die ab dem 8. Juni für zwei Wochen dauern sollte und für die etwa 3‘000 Mönche und Nonnen eingeladen waren. Neben den Gebeten waren auch Debattierveranstaltungen über religiöse Themen geplant. Das Verbot erfolgte mit der Begründung, dass jegliche Feiern für den 80. Geburtstag des Dalai Lama verboten seien, und dass diese Veranstaltung auch in diesem Kontext stehe. Die Zahl der Sicherheitskräfte, die das Kloster überwachen, wurde erhöht.

Im Bezirk Pema in der Präfektur Golog zirkuliert eine offizielle Liste der Behörden mit dem Titel „20 Punkte für Stabilität“. Im einzelnen werden verboten: das Hissen der tibetischen Nationalflagge, Proklamieren von Slogans oder Komponieren von Liedern für die tibetische Unabhängigkeit, Abhalten von jeglichen Veranstaltungen zur Feier des Geburtstages, Aufstellen von Fotos des Dalai Lama, aber auch öffentliche Feiern nach der Entlassung von Gefangenen aus der Haft.

Radio Free Asia, http://www.rfa.org/english/news/tibet/blocks-06102015160216.html , 10. Juni 2015

 

10. Juni 2015
Tibeter und Uiguren auf „schwarzer Liste“ bei Hotelbuchungen
Wenn Tibeter oder Uiguren ein Hotelzimmer buchen, landen sie automatisch auf einer „schwarzen Liste“. Das ergaben Probeanrufe von Radio Free Asia in zahlreichen Hotels überall in China.

Die Hotels bestätigten, dass, sobald eine Person tibetischer oder uigurischer Nationalität an der Hotelreception erscheine, die Daten von ihrer Identitätskarte an die lokale Polizeistation übermittelt werden müssten. Darauf würde die Polizei im Hotel erscheinen und das betreffende Hotelzimmer durchsuchen. Während viele Hotels bestätigten, dass die Betroffenen danach im Hotel bleiben könnten, gaben andere aber an, dass sie Reservierungen von vornherein ablehnten, wenn sich die potenziellen Gäste vorab bei der Reservation als Tibeter oder Uiguren zu erkennen gäben.

Noch strenger werden Reservationen in der Provinz Xinjiang und in Tibet selbst behandelt. In der Präfektur Ili in Xinjiang gaben Regierungsangestellte an, dass alle Pässe oder Identitätskarten von Gästen eingesammelt und erst nach einer gründlichen Untersuchung zurück gegeben würden. In der tibetischen Präfektur Nyingchi gab ein Hotel an, dass sie überhaupt keine Reservationswünsche von Tibetern annehmen würden. Nur ganz wenige, und eher teure, Hotels dürften mit behördlicher Genehmigung auch Tibeter beherbergen. Noch weniger Chancen auf Unterbringung hätten Tibeter aus dem Ausland. In Xinjiang sei es in manchen Regionen verboten, Burkas, Kopftücher, Schleier oder gar Bärte zu tragen.

Selbst einem Han-Chinesen, der in Xinjiang wohnt, erging es bei einer Reise nicht besser, wie er Radio Free Asia mitteilte. Er hatte sich zunächst vergewissert, dass in dem gewünschten Hotel Zimmer frei seien. Als er aber in der Nacht im Hotel ankam und seine Herkunft aus Xinjiang bekannt machte, seien „alle Zimmer besetzt“ gewesen. Mit Mühe habe er noch ein anderes Hotel gefunden, das ihn aufnahm, aber er hätte sich zuerst auf der lokalen Polizeistation melden müssen.

Tibetern werden Reisen in das Ausland verboten
Mehrere Reiseunternehmen in Chengdu, Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan, gaben gegenüber Radio Free Asia an, dass sie derzeit keine Buchungen von Tibetern für Gruppenreisen in das Ausland annehmen dürfen. Das Verbot gelte vom 20. Mai bis zum 15. Juli. Niemand konnte aber klare Gründe für das Verbot nennen; alle beriefen sich auf entsprechende behördliche Anweisungen ohne weitere Erklärungen.

Alle Reiseunternehmen in Sichuan hätten einen neuen Passus in die Reisebedingungen aufgenommen, der besagt, dass die Kunden vor definitiver Buchung gültige Reisedokumente vorlegen müssen, die eine Erlaubnis zur Auslandsreise belegen.

Gleiche Anweisungen sind auch in der Provinz Xinjiang erlassen worden. Auch hier dürfen Tibeter nicht ausreisen, wärend es Uiguren nach wie vor gestattet ist.

Verhaftungen nach Protesten gegen Strassenbau
Im Bezirk Luchu in der Präfektur Kanlho im Nordosten Tibets, heutige chinesische Provinz Gansu, wurde am 2. Juni ein Protest von Tibetern gegen den Bau einer Strasse aufgelöst. Insgesamt 10 protestierende Tibeter wurden festgenommen.

Die Tibeter hatten sich versammelt, als schwere Baumaschinen auffuhren, um mit einem Strassenbau an einem Ort zu beginnen, den Tibeter als ihr Eigentum betrachten. Das nicht bebaute Stück Land wurde seit einem Jahr von den Bewohnern für Veranstaltungen und Feiern verwendet. Bereits früher hatten die Behörden den Bau einer Strasse geplant, diese Pläne aber angesichts der Einwände der Tibeter zurück gestellt. Nun umringten Polizeikräfte die Tibeter, die sich an diesem Ort versammelt hatten, zerstreuten die Menge und nahmen 10 Tibeter fest.

Bereits vor 2 Jahren hatten Polizeikräfte in Luchu protestierende Tibeter vertrieben, als die Behörden ein Stück Land in Besitz nehmen wollten, das die Tibeter als ihren Besitz reklamierten. Den Tibeter wurde nur mitgeteilt, dass das betreffende Stück Land an die Behörden „übereignet“ sei.

Bis zu 8 Jahre Haft für chinesischen Anwalt wegen Kritik an Tibet-Politik
Der chinesische Menschenrechtsanwalt Pu Zhiqiang wurde von der Staatsanwaltschaft in Beijing wegen „Anzettelns von ethnischen Spannungen“, sowie „Aufgreifens von Auseinandersetzungen und Provokation von Problemen“ angeklagt. Nach Angaben seines Verteidigers droht ihm dafür, sowie für vergangene Vergehen, eine Gefängnisstrafe von bis zu 8 Jahren. Auf der offiziellen Blog-Seite der Staatsanwaltschaft erschien eine ausführlichere Schilderung seiner „Verbrechen“. Wiederholt habe Pu Äusserungen von sich gegeben, die „ethnischen Hass schüren, andere Personen angreifen und die soziale Ordnung stören“. Deswegen wiegen seine Vergehen schwer.

Pu wurde vor einem Jahr verhaftet, als er an einer Gedenkversammlung zum 25. Jahrestag der Niederschlagung des Protestes auf dem Platz des Himmlischen Friedens teilgenommen hatte. Er hatte sich seit 2011 mehrfach mit sarkastischer Kritik an der Kommunistischen Partei an die Öffentlichkeit gewandt und besonders die Politik in Tibet und Xinjiang kritisiert. Speziell das Gebot zum Aufhängen der Portraits von Partei- und Regierungsführern in tibetischen Klöstern und das Verbot von Bärten für Männer und Schleiern für Frauen in Xinjiang nannte er „verrückt“.

In der Vergangenheit hatte Pu mehrmals Regierungskritiker wie zum Beispiel den Künstler Ai Weiwei in Strafverfahren verteidigt. Beobachter gehen davon aus, dass an ihm ein Exempel statuiert werden soll, um andere Menschenrechtsanwälte einzuschüchtern.

Quellen: Radio Free Asia RFA; South China Morning Post

 

8. Juni 2015
141. Selbstverbrennung
Am 27. Mai zündete sich die 36-jährige Sangye Tso, Mutter einer Tochter und eines Sohnes, in der Ortschaft Chone in der Präfektur Kanlho an und starb. Als Ort wählte sie – wie schon viele Tibeterinnen und Tibeter vor ihr – ein Regierungsgebäude mit Polizeistation aus, in dem Veranstaltungen zur „Patriotischen Umerziehung“ durchgeführt werden. Nahe dem Ort, an dem sie sich selbst verbrannte, befindet sich das Kloster Tashi Choekhorling, in dem gerade Belehrungen anlässlich Saga Dawa (Geburt, Erleuchtung und Eingang Buddhas in das Nirwana) stattfanden.

Die Angehörigen vo Sangye Tso wurden unruhig, als sie eine Nachricht von ihr im sozialen Netzwerk WeChat vorfanden, in der sie sich kritisch zur Situation in Tibet äusserte. Diese war offenbar ihre Abschiedsnachricht an die Familie. Ihr verbrannter Leichnam wurde sofort von Sicherheitskräften abtransportiert und alle Kommunikationsleitungen in die Region unterbrochen. Mehrere Angehörige wurden zum Verhör einbestellt und ihre Wohnungen durchsucht.

Belohnungen für „patriotische“ Klöster, Sanktionen für „schlechte“
Tibeter „dürfen sich selbst verbrennen, wenn sie wollen“
In der Präfektur Kardze in Osttibet werden Klöster mit grösseren Geldsummen belohnt, wenn sie nicht in Selbstverbrennungen oder andere Protestaktionen involviert waren. Das kündigten Partei- und Regierungskader an, als sie Anfang Mai mehrere Klöster in der Region besuchten. Andere Klöster hingegen, die Ursprung von Protesten waren, würden der „Patriotischen Umerziehung“ unterzogen. Davon sind laut einem Informanten von Radio Free Asia etwa 30 Klöster betroffen. Gerade die Klöster in Kardze gelten wegen ihrer starken tibetischen Identität als „problematisch“ und waren oft Ausgangspunkt von Protesten.

Unterdessen protestierten zahlreiche Tibeter im Bezirk Tawu gegen die repressiven Massnahmen der Behörden. Hier hatte sich am 20. Mai Tenzin Gyatso selbst verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 25. Mai 2015; UM]. Am 22. Mai gelangte eine Delegation zunächst mit der Bitte an die Behörden, diejenigen Tibeter freizulassen, die kurz nach der Selbstverbrennung von Tenzin Gyatso verhaftet worden waren. Diese Bitte wurde abgeschlagen; dabei soll ein chinesischer Funktionär der Delegation gesagt haben, sie „könnten ruhig Benzin an diejeinigen liefern, die sich verbrennen wollten“. Daraufhin versammelten sich am 24. Mai etwa 1000 Tibeter aus Protest im nahen Kloster. Offenbar liessen die Sicherheitskräfte diese aber gewähren, ohne einzuschreiten.

Neues chinesisches Weissbuch attackiert Dalai Lama...
Die chinesische Regierung veröffentlichte im April eine neues Weissbuch, das alt bekannte Attacken gegen den Dalai Lama erneuert. Im Weissbuch lobt die Regierung die Entwicklung von Wirtschaft und Infrastruktur in Tibet, während sie heftige Kritik an dem vom Dalai Lama vorgeschlagenen „Mittleren Weg“ übt, der eine „genuine Autonomie“ ohne Unabhängigkeit der historischen Regionen Tibets vorschlägt.

Dem Dalai Lama wird vorgeworfen, in Wirklichkeit mit der Autonomie-Forderung einen „Staat im Staate“ erreichten zu wollen, um damit China letztendlich zu „spalten“. Noch heftiger sind die Attacken auf die Person und Institution des Dalai Lama. Die Dalai Lamas hätten in der Vergangenheit „spirituellen Terrorismus“ in den „letzten Bastionen der feudalen Skalvenhaltergesellschaft“ ausgeübt. Der 14. Dalai Lama und seine Anhänger seien „sentimentale Anhänger“ der „alten theokratischen Gesellschaft“. Die Selbstverbrennungen seien vom Dalai Lama und seinen Anhängern mit angestiftet.

Am Ende des Weissbuches wird jedem Vorschlag nach Autonomie eine klare Absage erteilt. Das bedeutet nach Beobachtern auch ein Ende der möglicherweise abgehaltenen Geheimgespräche über eine Pilgerreise des Dalai Lama nach China. Mehrere Zeitungen hatten über angeblich vertraulich verlaufende Diskussionen zwischen Vertrauten des Dalai Lama und der chinesischen Regierung berichtet, nach denen der Dalai Lama möglicherweise eine private Pilgerreise zu heiligen Stätten in China durchführen könnte [vergl. Tibet-Information vom 1. September 2014; UM].

...während „Chinas Panchen Lama“ seine eigene Regierung kritisiert
Grosse Überraschung erzeugte eine Meldung im Nikkei Asian Review vom 12. Mai. Der von China installierte Panchen Lama übte Kritik an der Religionspolitik der eigenen Regierung. In einer Rede vor hohen Funktionären warnte er davor, dass angesichts der schweren Restriktionen gegen Klöster, der „Patriotischen Umerziehung“ und anderer Kampagnen bald zu wenige Mönche verfügbar seien. Der Buddhismus in Tibet drohe „nur noch auf dem Papier“ zu existieren.

Die in chinesischer Sprache gehaltene Rede erstaunt sehr. Bisher galt Gyaltsen Norbu als von China implementierter Panchen Lama und damit als völlig loyal zur Regierung.

Die Kritik an der chinesischen Regierung kostete den Vorgänger, den 10. Panchen Lama, 14 Jahre Gefangenschaft. Er, der nicht mit dem Dalai Lama geflohen war, und zum Vorsitzenden der Autonomen Region Tibet ernannt wurde, kritisierte nach Reisen durch Tibet zwischen den Jahren 1959 und 1962 ebenfalls heftig die Politik der chinesischen Regierung. Mao nannte seinen Bericht daraufhin einen „Giftpfeil“, der von „reaktionären Lehensherren“ auf die Partei abgeschossen wurde. Es bleibt abzuwarten, wie Partei und Regierung dieses Mal mit dem neuerlichen „Giftpfeil“ umgehen.

Quellen: International Campaign for Tibet; Radio Free Asia RFA; The Diplomat; Nikkei Asian Review

 

25. Mai 2015
140. Selbstverbrennung aus Protest gegen Repressionen
Aus Protest gegen anhaltende Repressionen hat sich am 20. Mai der 34-jährige Tenzin Gyatso im Ort Tawu in der Präfektur Kardze in Flammen gesetzt und starb. Der Vater von vier Kindern setzte sich auf einer Brücke nahe einem Regierungsgebäude in Flammen, in dem „Patriotische Umerziehungskampagnen“ durchgeführt wurden. Sein Körper wurde sofort von Sicherheitskräften, die herbeigeeilt waren, fortgeschafft, ohne dass zunächst ersichtlich war, ob er noch lebte oder nicht. Die Tibeter, die sich am Ort der Selbstverbrennung eingefunden hatten und Slogans gegen die Sicherheitskräfte riefen, wurden mit Schlägen auseinander getrieben. Mehrere Tibeter wurden verhaftet und angeblich in Polizeigewahrsam misshandelt.

Einen Tag später, am 21. Mai, riefen Behördenvertreter bei der Familie an und unterrichteten sie darüber, dass Tenzin Gyatso verstorben sei. Gleichzeitig bestellten sie die Familienangehörigen zum Verhör in die Bezirksstadt Dhartsedo ein. Es ist nicht bekannt, ob der Leichnam zur Bestattung übergeben wird, und was mit den Familienmitgliedern geschah.

Laut Informanten sind nun in der Region Kontrollposten an jeder grösseren Strassenkreuzung postiert, kontrollieren die Tibeter und hätten bereits mehrere verhaftet, weil sie eine „feindselige“ Haltung zur Schau getragen hätten.

Hintergrund der Selbstverbrennung: Repressionen
Laut Informanten sei die Selbstverbrennung offenbar durch durch die in der Region forcierte „Patriotische Umerziehung“ motiviert gewesen, die der neue Vizegouverneur des Bezirks veranlasste. Damit sollten Feiern zum 80. Geburtstag des Dalai Lama unterbunden werden. Den Familien in der Region sei mit Androhung von Strafen mitgeteilt worden, dass alle Geburtstagsfeiern als Versuche gewertet würden, „die Nation zu spalten“. Ebenso würde es denjenigen ergehen, die für die Tibeter beten würden, die sich selbst verbrannt hätten. Alle Familien hätten eine schriftliche Erklärung unterzeichnen müssen, dass sie keinerlei Feiern abhielten. Sicherheitskräfte seien in den Ortschaften aufgezogen und würden mit martialischem Gehabe und Übungen die Tibeter einschüchtern. Etwa 80 Tibeter seien im Mai teils willkürlich verhaftet worden.

Unruhe-Region Tawu
Der Bezirk Tawu galt schon lange als „problematische“ Region. Eine der ersten Selbstverbrennungen durch den Mönch Tsewang Norbu ereignete sich dort am 15. August 2011; kurz darauf zündete sich die Nonne Palden Choetso am 3. November 2011 an [vergl. Tibet-Information vom 17. August und 3. November 2011; UM].

Am 6. Juli 2011 stoppte die Polizei eine Gruppe von über 1000 Tibetern, die am heiligen Berg Nyitso den Geburtstag des Dalai Lama feiern wollte. Am gleichen Ort erschossen zwei Jahre später Sicherheitskräfte zwei Tibeter und verwundeten weitere acht schwer, die dort anlässlich des Geburtstages zu Picknick und Gebeten versammelt hatten [vergl. Tibet-Information vom 17. August 2011 und 11. Juli 2013; UM].

Quellen: International Campaign for Tibet; Radio Free Asia RFA

 

13. Mai 2015
Tibeter erhalten kaum noch Reisepässe
TCHRD erläutert die Folgen eines Regierungserlasses vom April 2012 und kommt zum Schluss, die die verfügten Hürden und Restriktionen für die Ausstellung von Reisepässen an Tibeter dazu geführt haben, dass kaum noch jemand einen Pass erhält.

Die Verfügung vom 29. April 2012 definiert einen langen Weg mit zahlreichen Überprüfungen, bis einem Antragssteller ein Pass ausgehändigt wird. Sie entzieht sogar allen bisherigen Inhabern den gegenwärtigen Pass, selbst wenn dieser noch gültig war. Die Pässe von Tibetern, die sich gerade in Nepal befanden, wurden ebenfalls für ungültig erklärt, so dass sie ohne einen neuen Antrag nicht nach Tibet zurückkehren konnten.

Ein neuer, elektronischer Pass kann laut Erlass nur nach “strenger Prüfung” ausgestellt werden. Der Antrag wird von nicht weniger als 10 verschiedenen Instanzen innerhalb des Büros für Öffentliche Sicherheit (PSB) und der Regierung geprüft. Dafür gibt es keinerlei Zeitbegrenzung, und es ist auch kein Rekursrecht für den Antragsteller erwähnt, falls der Passantrag abgelehnt wird.

Das hat laut TCHRD dazu geführt, dass während eines Jahres nach Veröffentlichung des Erlasses nicht ein einziger Reisepass an Tibeter ausgestellt wurde, die nicht in offizieller Mission unterwegs waren.

Alle Tibeter, die aus dem Ausland zurückkehren, müssen ihren Pass spätestens 7 Tage nach Ankunft abgeben und werden vom PSB befragt. Der Erlass definiert keinen Zeitrahmen für die Dauer der Befragung oder die Rückgabe des Passes.

Diese Regelungen gelten nicht für Staatsbürger der Volksrepublik China ausserhalb Tibets.

Chinesische Wissenschaftler warnen vor Dammbau in Tibet
In ungewöhnlicher Offenheit publizierte die regierungsoffizielle Zeitschrift China Daily eine Warnung von Wissenschaftlern vor dem Bau eines Staudammes am Brahmaputra-Oberlauf in Tibet. Der Bau des angeblich viertgrössten Staudamms weltweit in Modog nahe der Grenze zur indischen Provinz Arunachal Pradesh soll das Habitat einer erst kürzlich entdeckten Affenart bedrohen.

Die drei Wissenschaftler, darunter der führende chinesische Primatologe Fan Pengfei von der Dali-Universität in Yunnan, warnen vor den Folgen des Dammbaus. Die steigenden Wassermassen würden grosse Bereiche des Waldes überfluten. Dazu würden Strassenbau, Neubau von Wohnungen für die Arbeiter und andere Abholzungen das Habitat dieser Affenart zerstören. Ausserdem könnten noch weitere, bisher nicht entdeckte Tierspezies in der Region ausgelöscht werden.

Angeblich „illegale“ Häuser zum zweiten Mal abgerissen
Behörden im Bezirk Mangra in der Präfektur Tsolho haben in der ersten Maiwoche eine tibetische Siedlung im Dorf Benshul Jeyna abgerissen, die angeblich „illegal“ errichtet war. Dieses geschah, nachdem die Bewohner ihre Behausungen vor einem Jahr bereits nach einer ähnlichen Aktion mit grosser Mühe und erheblichen Unkosten wieder aufgebaut hatten.

Benshul Jeyna ist die grösste von insgesamt 16 Siedlungen von überwiegend nomadisch lebenden Tibetern im Bezirk Mangra. Der Vorstand eines anderen Dorfes in diesem Bezirk sei am 5. Mai zusammen mit weiteren Dorfvorständen und Sicherheitskräften erschienen und erklärte die Siedlung für „illegal“. Darauf hätten sich die Sicherheitskräfte trotz Protesten der Dorfbewohner gleich an die Abrissarbeiten gemacht, die mehrere Tage dauerten.

Die Motive für den Abriss von Benshul Jeyna sind nicht ganz eindeutig. Oft eignen sich Behörden das Land an, um den Weg für lukrative Neubauprojekte frei zu machen. Obdachlose Tibeter hatten beispielsweise nach dem Erbeben in Kyegundo vor 5 Jahren dagegen protestiert, dass ihre zerstörten Häuser nicht am gleichen Ort wiederaufgebaut wurden. Stattdessen vertrieben die Behörden die Tibeter und gaben ihnen Land in der Peripherie, um die lukrative Lage der zerstörten Häuser für Neubauprojekte zu nutzen [vergl. Tibet-Information vom 11. August 2010; UM]. In der Tat wurden dort inzwischen Geschäftshäuser und Hotels errichtet.

In der gleichen Woche wurden ebenfalls Häuser abgerissen, die Tibeter am Ufer des Koko-nor errichtet hatten. In mehrern Dörfern am Ufer hatten halbnomadisch lebende Tibeter provisorische Unterkünfte aus Metallplatten errichtet. Die Behörden gaben bekannt, dass diese illegal errichtet seien und ausserdem die „schöne Aussicht“ auf den See störten.

Beim Abriss am 5. Mai wurden insgesamt vier Tibeter, die sich dagegen gesträubt hatten, verhaftet. Am 7. Mai wurde bekannt gemacht, dass künftig keine Häuser dieser Art mehr am Ufer errichtet werden dürfen. Informanten von RFA teilten mit, dass einige Tibeter dem Abriss entgingen, weil sie Offizielle bestochen hatten.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Indian Express; Radio Free Asia RFA

 

3. Mai 2015
Vater von 7 Kindern verbrennt sich - Zweite Selbstverbrennung in einem Monat
Nach der 47-jährige tibetische Nonnen Yeshi Khando [vergl. Tibet-Information vom 16. April 2015; UM] starb am 15. April der etwa Mitte 40 Jahre alte Nei Kyab. Er setzte sich im Hof seines Hauses im Dorf Soruma im Bezirk Ngaba in Brand. Sein Leichnam wurde von der Polizei fortgeschafft und bisher nicht den Anghörigen übergeben. Sein Bruder wurde kurz darauf zum Verhör bei der Polizeistation einbestellt.

Kurz vor der Selbstverbrennung hatte noch vor einem Altar mit Bildern des Dalai Lama und Panchen Lama Opfergaben dargebracht. Auch hatte er einige Tage vorher einem Freund ein Bild geschickt, das ihn mit Blumen in der Hand zeigt.

Nei Kyab, auch Damkar genannt, war vor einem Jahr verwitwet. Er hinterlässt 7 Kinder. Ein Bekannter im Exil bezeichnet ihn als Menschen, der sich verpflichtet hatte, bei persönlichem Zwist niemand anderem zu schaden. Diese Verpflichtung habe er aus Respekt vor den Selbstverbrennungen abgeschlossen. Eine Vereinigung von 42 lokalen Klöstern hatte ihn für sein friedensförderndes Wirken mit einer Auszeichnung versehen. Sein Schwager, Dargye, hatte sich im Mai 2012 gemeinsam mit einem anderen Tibeter vor dem Jokhang-Tempel in Lhasa selbst verbrannt [vergl. Tibet-Information vom 29. Mai 2012; UM].

Nepal verweigert taiwanesischem Rettungsteam die Einreise
Nach dem verheerenden Erdbeben hat die Regierung von Nepal einem 20-köpfigen Rettungsteam aus Taiwan die Einreise verweigert, angeblich aus Angst, damit die Volksrepublik China zu verärgern. Die VR China verfügt über grossen Einfluss auf die nepalesische Regierung.

Der Vize-Aussenminister von Taiwan gab gegenüber Medien an, dass Nepal die Einreise mit dem Fehlen von diplomatischen Beziehungen und direkten Flugverbindungen zwischen Taipei und Kathmandu begründete. Ein Sprecher des Aussenministeriums von Nepal gab hingegen an, dass ihm kein Hilfsangebot aus Taiwan bekannt sei.

Die Rettungskräfte aus Taiwan gelten als besonders gut ausgebildet, da Taiwan selbst in einer erdbebengefährdeten Zone liegt.

Nomaden blockieren Strassenbau
Im Bezirk Sangchu im Nordosten Tibets begannen Nomaden am 10. April mit einer Sitzblockade gegen den geplanten Bau einer Strasse, die ihr Weideland zerschneiden würde. Eine Gruppe von Tibetern blockiert seitdem Tag und Nacht die aufgefahrenen Strassenbaumaschinen. Sicherheitskräfte schritten bisher nicht ein, jedoch wurden Dorfälteste zum Verhör geladen, und es wurden Konsequenzen angedroht, sollte die Blockade nicht aufgegeben werden.

Nach Angaben von Informanten von RFA sind ungefähr 700 Nomaden von dem Strassenbau betroffen, der nicht nur ihre Weideländer zerschneidet, sondern auch eine wichtige Wasserstelle für das Vieh bedroht. Finanzielle Entschädigungen für den Strassenbau seien ihnen nicht angeboten worden.

Protestaktion gegen Minenarbeiten und Strassenbau gewaltsam beendet
Im Osten Tibets im Bezirk Gonjo wurde dagegen ein Protest von Tibetern gewaltsam beendet; es gab eine unbekannte Zahl von Verhaftungen und Verletzten.

Der Protest entzündete sich letztes Jahr an Plänen, Minenarbeiten am heiligen Berg Mini zu beginnen. Nach Protesten der Anwohner wurden die Pläne zunächst auf Eis gelegt. Anfang April d.J. wurde den Anwohnern der Bau eines Badehauses angeboten, das aus den lokalen Geysiren gespeist werden sollte. Die Einkünfte aus dem Betrieb des Badehauses sollten die Dorfbewohner frei verwenden können. Unmittelbar nachdem die Anwohner ihre Zustimmung für das Badehaus gegeben hatten, wurden die Strassenbauarbeiten zum Berg Mini wieder aufgenommen.

Einer Delegation von 10 Tibetern, die um Erklärung baten, wurde gesagt, dass der Strassenbau durch Dekret des Bezirkspräsidenten von Gonjo genehmigt sei; sie dürften die Einkünfte aus dem Badehaus behalten, sollten sich aber ansonsten aus allen Protesten heraushalten. Als die Tibeter sich weigerten, diesen Deal anzunehmen, wurden sie verhaftet. Dieses wiederum führte zu weiteren Protesten von Anwohnern, in deren Verlauf eine unbekannte Zahl verhaftet und von Polizeikräften verletzt wurde. Das lokale Spital verweigerte die Aufnahme der Verletzten, so dass diese in ein privates Spital transferiert werden mussten.

Auch eine Gruppe von Händlern aus Gonjo, die sich in Lhasa aufhielt und beim lokalen Verbindungsbüro für die Präfektur Chamdo, in der Gonjo liegt, gegen die Gewaltanwendung protestiert, wurde verhaftet. Über ihr Schicksal ist nichts weiter bekannt.

Quellen: Radio Free Asia; Phayul; Radio Free Asia RFA

 

16. April 2015
138. Selbstverbrennung – Tibetische Nonne stirbt
Am 8. April starb die 47-jährige tibetische Nonne Yeshi Khando, die sich als insgesamt 138. Person selbst anzündete. Sie setzte sich nach einer Umwandlung des Kloster Chokri Ngagong in der Präfektur Ngaba in Flammen und rief Parolen für die Rückkehr des Dalai Lama, für sein langes Leben und für Freiheit in Tibet.

Kurz nachdem sie sich anzündete, sei sie zusammengebrochen. Sicherheitskräfte hätten das Feuer gelöscht und ihren Körper fortgeschafft. Am nächsten Morgen wurden ihre Angehörigen zur lokalen Polizeistation bestellt, wo ihnen mitgeteilt wurde, dass sie verstorben sei. Informanten von Phayul berichten, dass kurz nach der Selbstverbrennung zahlreiche Sicherheitskräfte in Ngaba eingetroffen seien. Diese würden überall in Restaurants und Cafes, teilweise in Zivilkleidung, die Tibeter beobachten.

Yeshi Khando hatte nach Angaben von Informanten am Abend vorher das Kloster besucht und sich mit Freunden getroffen. Sie soll sie aufgefordert haben, etwas für Tibet zu tun, einschliesslich einer Selbstverbrennung. Niemand habe geahnt, dass sie diesen Plan am folgenden Tag in die Tat umsetzen würde. Yeshi Khando soll seit 2008 an mehreren friedlichen Protesten gegen die chinesische Herrschaft beteiligt gewesen sein.

Die Selbstverbrennung ereignete sich am gleichen Tag wie ein Zeitungsartikel von dem lokalen Parteivorsitzenden, Chen Quangdo. Dieser beschwor die Ziele der Parteiarbeit, für „harmonische Modellklöster“ mit „patriotischen, gesetzestreuen Mönchen und Nonnen“ zu sorgen. Dafür müssten alle Klöster die chinesische Flagge hissen und mit Lesesälen, Zeitungen und Telefonverbindungen ausgerüstet werden, so dass sich die Mönche und Nonnen für mehr „Patriotismus“ weiterbilden könnten.

China plant Bahnline nach Nepal – mit Tunnel unter dem Mt. Everest
Laut der regierungsoffiziellen Zeitschrift China Daily plant die chinesische Regierung eine 540 km lange Bahnlinie von Tibet nach Nepal. Diese soll im Jahr 2020 den Betrieb aufnehmen. Wang Mengshu, ein Experte der Chinesischen Akademie für Ingenieurswissenschaften, gab gegenüber China Daily an, dass dieses Projekt vor allem durch die enormen Höhendifferenzen eine Reihe von Herausforderungen mit sich bringe. Um diese zu mindern, sei ein Tunnel unter dem Mt. Everest sinnvoll. Züge würden dennoch nicht schneller als 120 km/h fahren können.

Die Bahnlinie würde die bestehende Linie von Zentralchina nach Tibet bis Nepal verlängern. Während in Indien die Besorgnis über den Ausbau des chinesischen Einflusses auf Nepal wächst, begründete Wang Mengshu das Vorhaben mit rein wirtschaftlichen und menschlichen Erwägungen. „ Der bilaterale Handel, besonders mit landwirtschaftlichen Produkten, wird stark wachsen, zusammen mit dem Tourismus und zwischenmenschlichen Kontakten“, gab er gegenüber China Daily an. Auch der Vorsitzende des Instituts für Internationale Beziehungen, Hu Shisheng, betonte, dass die geplante Bahnlinie der „regionalen Wirtschaft und dem Lebensstandard“ diene.

Weiterhin plant China auch den Ausbau der Bahnverbindung nach Bhutan.

Quellen: New York Times; Radio Free Asia; Phayul; Press Trust of India

 

6. April 2015
China belohnt Nepal für Unterdrückung „anti-chinesischer“ Aktivitäten
Beim Asien-Forum in Boao in der chinesischen Provinz Hainan hat der chinesische Präsident Xi Jinping grosszügige Infrastrukturhilfen für Nepal versprochen. Gegenüber dem nepalesischen Präsidenten Yadav wurde die Aufstockung der jährlichen Hilfszahlungen von US$ 24 Millionen auf US$ 128 Millionen angekündigt, die in Infrastrukturprojekte wie Eisenbahn- und Strassenbau fliessen sollen. So soll Nepal an das „Seidenstrassen-Projekt“ angehängt werden, das Chinas Handelswege nach Europa ausbauen soll. Xi Jinping sagte anlässlich des Treffens beider Präsidenten, dass er „Nepals standhafte Unterstützung für Chinas Kerninteressen, einschliesslich derer gegenüber Tibet und Taiwan“ sehr schätze und hoffe, Nepal werde es nie „anti-chinesischen separatistischen Kräften“ erlauben, sein Territorium für ihre Aktivitäten zu benutzen.

Politische Beobachter merken an, dass Chinas Einfluss in Nepal seit Beendigung des Bürgerkriegs „exponentiell“ gewachsen sei und das Land mehr oder minder einen Vorposten Chinas gegen Indien darstelle. Die insgesamt 20‘000 tibetischen Flüchtlinge in Nepal erlebten ihre schlimmste Zeit, weil die Regierung nahezu sämtliche ihrer Aktivitäten unterdrücke. Kürzlich wurde in Kathmandu ein amerikanischer Staatsangehöriger festgenommen, nur weil er ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Tibet“ trug. Die Zahl der Flüchtlinge von Tibet nach Nepal ist von jährlich 2‘000 im Jahre 2008 auf 200 im letzten Jahr gesunken, weil die Grenze schärfer kontrolliert wird und aufgegriffene Flüchtlinge vermehrt nach Tibet zurück deportiert werden.

„Konfuzius-Klassen“ unterwandern britische Schulen
Ein Bericht der Free Tibet Campaing äussert Besorgnis, dass britische Schulen das Projekt der „Konfuzius-Klassen“ unkritisch überrnehmen. Das „Konfuzius-Projekt“ wird von der Kommunistischen Partei Chinas finanziert und bietet offiziell „Sprachunterricht“ an Schulen anderer Länder an. Sogenannte „Konfuzius-Institute“ wurden vor über 10 Jahren von Hanban, dem Büro für Internationalen Sprachaustausch in China, ins Leben gerufen. Sie sind schon seit Längerem dafür kritisiert worden, dass sie ein einseitig positives Bild der Volksrepublik China zeichnen und unliebsame Kritik nicht zulassen.

Oft sei das Geld, so der Bericht von Free Tibet Campaign, bei den finanziell klammen Schulbehörden in Grossbritannien willkommen. Hanban zahlt umgerechnet etwa Fr. 10‘000 an jede ihrer Unterorganisationen in Grossbritannien, die wiederum die umliegenden Primar- und Sekundarschulen mit Lehrern und Unterrichtsmaterial versorgen. Die zur Verfügung gestellten Lehrer beziehen ihr Salär von der chinesischen Regierung.

Nur eine Minderheit der 95 Schulen, an denen die „Konfuzius-Klassen“ implementiert wurden, habe die angebotenen Hilfen kritisch hintergfragt, und nur ein einziger Verantwortlicher habe grössere Bedenken gegenüber potenzieller Indoktrination geäussert. Auch in anderen Ländern wurde das Projekt kritisiert. In Toronto/Kanada wurden „Konfuzius-Klassen“ wegen Einseitigkeit von der Schulbehörde untersagt. In den USA warnten Erziehungswissenschaftler, dass die „Konfuzius-Institute“ gegen grundlegende akademische Freiheiten verstossen. Isabel Hilton, eine amerikanische Schriftstellerin, berichtete, wie ihre Beiträge vom „Konfuzius-Institut“ zensiert wurden und warnte davor, dass sich China „in das Erziehungssystem einkaufen“ wolle.

Quellen: Phayul; Press Trust of India; The Telegraph

 

17. März 2015
Tibeter verbrennen mit Pelzen und Tierfellen besetzte Kleider
Am 27. Februar verbrannten Einwohner im Bezirk Dechen, in der heutigen chinesischen Provinz Yunnan, öffentlich ihre mit Pelzen besetzten Kleider. Damit folgten sie einem Aufruf des Dalai Lama, den dieser schon vor 9 Jahren verbreitet hatte.

Kleider, die mit Fuchspelzen oder anderen Tierfällen wie Leopard oder Otter verbrämt sind, gehören traditionell zum wertvollen Familienbesitz und werden über Generationen weitergegeben. Den teilnehmenden Familien war bewusst, dass die Behörden dieses als Loyalitätskundgebung für den Dalai Lama interpretieren könnten, mit Konsequenzen bis zur Verhaftung und Misshandlungen.

Hintergrund: Die Verbrennungskampagne im Jahre 2006
Im Februar 2006 hatte die Bewegung mit Verbrennungen an mehreren Orten vor allem im Osten Tibets begonnen und sich zu einer regelrechten Massenbewegung entwickelt, nachdem der Dalai Lama im Exil die Tibeter gebeten hatte, aus Respekt für Lebewesen das in Mode gekomme Tragen von solchen Kleidern zu unterlassen. Nach Schätzungen von Associated Press im März 2006 waren bei solchen Verbrennungsaktionen, an denen teilweise über 10‘000 Personen teilnahmen, Kleider im Wert von $400 Millionen vernichtet worden [vergl. Tibet-Information vom 15. Februar, 4. März und 3. Mai 2006; UM] .

Das Tragen von exotischen Tierfellen hatte sich seit Mitte der 90-Jahre als eine Modeerscheinung in Tibet entwickelt. Viele waren von Funktionären und Kadern getragen worden, um sich als „neumodisch“ und reich darzustellen. Vor allem öffentliche Anlässe, ob traditionelle tibetische oder solche der kommunistischen Partei, wurden als „Laufstege“ benutzt, um sich dort – nicht selten unter Anwesenheit des Fernsehens – entsprechend darzustellen.

Die Verbrennungsaktionen hatten damals die Behörden völlig überrascht und verwirrt. Manche versuchten, sich selbst an die Spitze der Bewegung zu stellen, die im Übrigen im Einklang mit chinesischen Umweltgesetzten steht, und hätten diese als Resultat ihrer Umweltkampangen bezeichnet. Als man erkannte, dass dieses im Grunde eine Loyalitätsbekundung für den Dalai Lama war, schlug die Reaktion in Repression um. So wurden die Kameras derjenigen konfisziert, die die Verbrennungen fotografieren wollten. Auch nahm man 8 junge Anführer fest; unter diesen sich interessanterweise 3 Chinesen befanden. Kader wurden gewarnt, dass ihre Teilnahme an einer Vernichtungsaktion die Entlassung nach sich ziehen würde. Auch wurden Kader in die Dörfer entsandt, um dort eindringlich auf das Verbot hinzuweisen.

Mitarbeiter des Fernsehsenders Qinghai Television wurden unter Drohungen gezwungen, als Gegenreaktion Kleider mit wertvollen Pelzen zu tragen. Zwei offizielle Vertreter der Propaganda-Abteilung der Provinzregierung von Qinghai und der Kommunistischen Arbeiterfront besuchten den Fernsehsender und drohten den Mitarbeitern mit Konsequenzen, wenn sie nicht wieder die mit Pelzen verbrämten traditionellen tibetischen Kleider trügen. Der Chef des Fernsehsenders führte allerdings rein ästhetische Gründe für diese Aufforderung an. Gegenüber Radio Free Asia bemerkte er damals: „Der Grund dafür ist, dass unsere Mitarbeiter alte Kleider tragen, die nicht schön und bunt sind… Wir wollten gern die traditionellen Kleider mit einem neueren Design verbessern.“ Die Kosten dafür werden von der Arbeiterfront getragen, weil der Sender dafür kein Geld hat.

Im Zuge der Kampagne zur Vernichtung von Tierfellen fielen auf dem Markt in Lhasa die Preise für die (illegal gehandelten) Pelze teilweise erheblich. Beispielsweise fielen die Preise für Tiger- und Leopardenfelle um die Hälfte.

Nonnen werfen geschenkte Schuhe fort
Am 9. März besuchten chinesische Funktionäre das Nonnenkloster Drakkar Choeling in der osttibetischen Präfektur Kardze. Die Funktionäre verlangten, dass die Nonnen ihre Loyalität zu China erklären. Gleichzeitig warnten sie, dass sie „ernste Strafen“ zu befürchten hätten, wenn sie sich an anti-chinesischen Protesten beteiligen würden.

Als Geschenk hatten die Funktionäre Schuhe mitgebracht, die sie den Nonnen überreichen wollten. Die Nonnen entgegneten, dass sie mehr als genug Schuhe hätten, ihnen aber die Freiheit fehlen würde. Aus Protest warfen sie die geschenkten Schuhe in den Klosterhof. Es ist nicht bekannt, wie die offizielle Reaktion ausfiel; hingegen ist diese Aktion mit Berichten in sozialen Netzwerken und Fotos (http://www.rfa.org/english/news/tibet/nuns-03112015150734.html) von mehreren Quellen bestätigt.

Quellen: Radio Free Asia; Tibet Information Network; Basler Zeitung; Associated Press

 

24. Januar 2015
Tibeter protestieren gegen erzwungenen Verkauf ihres Landes
Vier Tibeter sind am 30. Dezember in Dzamthang in der Präfektur Ngaba von Polizisten schwer misshandelt worden, weil sie gegen den erzwungenen Verkauf ihres Landes protestierten. Einer der vier Tibeter, die alle der gleichen Familie angehören, soll sich in kritischem Zustand befinden.

Nach Angaben von Informanten soll der Vizegouverneur von Dzamthang die Familie bedrängt haben, ihr Land zu verkaufen, damit dort Unterkünfte für Polizisten gebaut werden können. Die Familie weigerte sich aber, ihr Land zu verkaufen, weil dieses ihre einzige Einkommensquelle ist. Wegen der unterbrochenen Kommunikationsleitungen in die Region sind keine weiteren Informationen über den Zustand der Verletzten zu erhalten.

Umgesiedelte Familien aus ihren Häusern vertrieben
Mehrere hundert Polizisten wurden am 21. Januar in neugebaute Siedlungen entsandt, in denen tibetische Familien nach dem Erdbeben in Kyegudo im April 2010 untergebracht worden waren. Die Polizei soll Zahlungen eintreiben, die die betroffenen Familien angeblich leisten müssen.

Die Familien waren in monotonen Siedlungen mit je 80 qm Land einquartiert (Foto: http://www.rfa.org/english/news/tibet/evict-01232015144958.html). Sie beklagten sich über zu wenig Platz und boten an, zusätzliches Land zu kaufen und später zu bezahlen. Nun erschienen Polizeikräfte, die von Tür zu Tür gehen und sofortige Bezahlung für die zusätzlichen Leistungen der Regierung fordern. Die Familien, die nicht sofort zahlen können, oder sich weigern, werden gezwungen, die Häuser zu verlassen und in kleinere Häuser in einer entlegenen Gegend zu ziehen. Die leerstehenden Häuser werden dann von der Regierung umgehend an lokale Geschäftsleute verkauft.

Wiederum Protest gegen Minenarbeiten
Tibeter in der Präfektur Tsojang im Nordosten Tibets beklagen sich über Umweltschäden durch den rücksichtlosen Abbau von Bodenschätzen. In der Region waren vor einigen Jahren umfangreiche Vorkommen von Eisen, Kupfer und Kalkstein gefunden worden, die nun ohne Rücksicht auf die Umwelt und die dort siedelnden Nomaden abgebaut würden. Den Nomaden waren Kompensationszahlungen für den Verlust ihres Weidelandes angeboten worden, wurden angeblich aber nie ausgezahlt. Ihr Weideland sei durch den Abbau drastisch geschrumpft. Die Nomaden klagen auch über abgetragene Hügel, Staub und Dunst in den Tälern und verschmutzte Gewässer. Wegen Sprengungen trauen sie sich nicht mehr, den sehr begehrten und teuren Raupenkeulenpilz zu sammeln, der in der Region wächst.

Ein älterer Tibeter, der im letzten Jahr bei den Behörden vorsprach und um die Beendigung der Arbeiten bat, sitzt in Haft. Minenbetreiber und lokale Behörden würden angeblich unter einer Decke stecken, und Abbauarbeiten würden gegen Bestechungsgelder weiter genehmigt.

Polizei stoppt Protestmarsch wegen manipulierter Prüfungen
Die Polizei hat einen Protestmarsch von über 100 tibetischen Studenten und ihren Angehörigen zum Regierungsgebäude der Präfektur in Kanlho gestoppt. Die Tibeter wollten gegen die Manipulation ihrer Prüfungen für einen Regierungsposten protestieren.

Im Oktober letzten Jahres hatten die Studenten eine Eingangsprüfung für eine Regierungsposition absolviert. Nachher fanden sie heraus, dass ihre Prüfungsunterlagen von chinesischen Offiziellen manipuliert worden waren. Diese hatten gegen Bestechungsgelder die Namen auf den Testbögen mit guten Noten ausgetauscht und an andere Studenten verkauft, die schlechter abgeschnitten hatten.

Zunächst hatten die Studenten und ihre Angehörigen über 2 Wochen erfolglos vor dem Regierungsgebäude des Bezirks Luchu protestiert, wo die Prüfungen stattgefunden hatten. Sie warteten einen vollen Tag auf ein Treffen mit dem Bezirkspräsidenten, der aber nicht erschien. Einen Tag später trafen sie mit untergeordneten Repräsentanten des Bezirks zusammen, die aber keine Zusagen machten. Schliesslich entschlossen sie sich, ihren Protest in Kanlho fortzusetzen. Ihr Marsch, auf dem sie Banner mit Parolen wie „Selbstbestimmung für unsere Region“ trugen, wurde aber nach etwa 15 km von der Polizei gestoppt. Dort erschienen schliesslich Offizielle der Präfektur, die versprachen, sich der Vorwürfe anzunehmen.

Quellen: Radio Free Asia

 

Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

27. Dezember 2014
Dritte Selbstverbrennung in einem Monat – Schüsse auf protestierende Tibeter
Am 23. Dezember, nur einen Tag nach der Selbstverbrennung der 19-jährigen Tsepey Kyi, starb der 38-jährige Mönch Kelsang Yeshi in der Ortschaft Tawu in der Präfektur Kardze. Er hatte sich vor der Tür der Polizeistation, die sich auf dem Gelände des lokalen Klosters befindet, angezündet und starb nur wenige Minuten später, nachdem er in Flammen stehend die Rückkehr des Dalai Lama forderte.

Tibeter, die sich in grosser Zahl an der Stelle der Selbstverbrennung einfanden, forderten die Polizei auf, den Leichnam herauszugeben, damit er in Würde kremiert werden kann. Stattdessen sahen sie, wie der noch brennende Körper auf die Ladefläche eines Fahrzeugs geworfen und hastig weggefahren wurde. Die Polizei versuchte, die Tibeter mit Sirenengeheul und Schüssen in die Luft zu vertreiben. Später wurde scheinbar auch gezielt in die Menge geschossen, wobei mehrere Tibeter Schussverletzungen erlitten.

Der Leichnam von Kelsang Yeshi wurde unter Aufsicht der Polizei kremiert. Zwei Angehörige von ihm seien danach mit vorgehaltener Schusswaffe gezwungen worden, seine Asche in einen Fluss zu werfen.

Kelsang Yeshi war 1997 in das indische Exil geflohen und hatte seine buddhistischen Studien am Kloster Ganden Jhangtse in Südindien absolviert. Später kehrte er freiwillig in seine tibetische Heimatregion Tawu zurück.

Dort unterrichtete er inkarnierte Mönche und Klosteräbte. Hohes Ansehen genoss er auch wegen seines Engagements zur Bekämpfung des Analphabetentums und der Gründung einer lokalen Wohlfahrtsorganisation mit angeblich 100 Mitgliedern.

Tawu war Ort eines Zwischenfalls im Juli 2013, als Tibeter, die den Geburtstag des Dalai Lama feiern wollten, mit Tränengas und Schüssen auseinandergetrieben wurden. Dabei erlitten mehrere der Feiernden Schussverletzungen und Knochenbrüche [vergl.Tibet-Information vom 11. Juli 2013; UM].

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

23. Dezember 2014
Weitere Selbstverbrennung – Zahl steigt auf 135
Am 22. Dezember verbrannte sich die 19-jährige (nach anderen Quellen 20- oder 21-jährige) Tsepey Kyi in der Ortschaft Meruma im Bezirk Ngaba. Sie setzte sich nachmittags auf der Hauptstrasse von Meruma in Flammen und starb sofort. Fotos von Augenzeugen (http://www.savetibet.org/tibetan-woman-sets-herself-on-fire-in-ngaba-tibet/) zeigen ihren verkohlten Körper, der von Sicherheitskräften in ein Fahrzeug geladen wird.

Tsepey Kyi ist eines von sieben Kindern einer Nomadenfamilie und hat angeblich selbst nie eine Schulbildung erhalten. Nach der Selbstverbrennung wurden sowohl ihre Eltern, die um die 60 Jahre alt sind, und einer ihrer älteren Brüder von der Polizei mitgenommen. Es ist nicht bekannt, wo sie sich befinden. Auch der Leichnam sei noch in Gewahrsam der Behörden.

Schweigegeld für Eltern eines getöteten Tibeters
Der Streit mit Raufereien über die erwungene Wahl eines den Behörden genehmen lokalen Regierungsvertreters in Darlag, Präfektur Golog, am 7. Dezember [vergl. Tibet-Information vom 10. Dezember 2014; UM] hat, wie erst jetzt bekannt wurde, ein Todesopfer gefordert.

In Darlag wollten Behördenvertreter einen Tibeter als Kandidaten ihrer Wahl durchsetzen, obwohl sich die Dorfbewohner für einen anderen Tibeter aussprachen und diesen wählen wollten. Während des Wahlvorgangs kam es deswegen zu Beschimpfungen und Tätlichkeiten. Erst jetzt wurde infolge der unmittelbar danach verhängten Nachrichtensperre bekannt, dass der 22-jährige Tibeter namens Karmey während der Auseinandersetzungen verhaftet wurde, angeblich weil er gerade sein Telefon benutzte. Einen Tag nach dem Vorfall wurde sein Leichnam der Familie übergeben. Laut einem Informanten von RFA soll er in Haft schwer misshandelt worden sein und erlag seinen Verletzungen noch am 7. Dezember.

Die Eltern von Karmey erhielten nach Angaben von RFA eine Geldsumme von Yuan 10‘000 (umgerechnet etwa Fr. 1‘500) als „Entschädigung“. Würden sie über den Vorfall schweigen, seien ihnen nochmals eine Zahlung von Yuan 70‘000 (Fr. 10‘500), eine monatliche Rente und sogar ein neues Haus versprochen worden.

Geldzahlungen an Angehörige von Opfern, um sie zum Schweigen zu bewegen, sind in Tibet nicht neu.

Der Familie von Sangay Gyatso, der sich am 6. Oktober 2012 verbrannte, wurden umgerechnet Fr. 140‘000 angeboten, wenn sie schwieg; die Familie schlug jedoch das Geld aus [vergl. Tibet-Information vom 17. Oktober und 8. November 2012; UM].

Dolma Kyab wurde im August 2013 wegen angeblichen Mordes an seiner Frau zum Tode verurteilt, nachdem sich diese am 13. März selbst verbrannt hatte. Dolma Kyab wurde schon direkt nach ihrer Selbstverbrennung bedrängt, einen Ehestreit als Grund anzugeben, weigerte sich aber [vergl. Tibet-Information vom 25. März und 19. August 2013; UM].

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA; International Campaign for Tibet; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

18. Dezember 2014
Erste Selbstverbrennung nach 3 Monaten
Am 16. Dezember zündete sich der 33-jährige Sangye Khar vor der Polizeistation der Ortschaft Amchok in der Präfektur Kanhlo (heutige chinesische Provinz Gansu) an. Laut Augenzeugen soll die Polizei noch versucht haben, die Flammen zu löschen, jedoch sei alle Hilfe zu spät gekommen. Angeblich wurde sein Körper unter Protesten der anwesenden Tibeter von Sicherheitskräften abtransportiert; die Kremation habe kurz darauf im nahe gelegenen Kloster Labrang stattgefunden.

Der Zeitpunkt der Selbstverbrennung fällt auf den Todestag des Gelehrten und Heiligen Tsongkapa, der die Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus begründete, der auch der Dalai Lama angehört. Der Gedenktag, bei dem traditionell Butterlampen entzündet werden, wurde unterdessen von einer grossen Menschenmenge in Lhasa vor dem Jokhang-Tempel begangen. Die Feiern der Gläubigen waren von einem grossen Aufmarsch an Sicherheitskräften und auch Feuerwehrmännern begleitet.

Fotos von Sangye Khar, der Menschenmenge in Lhasa und des Aufmarsches der Sicherheitskräfte sind zu sehen bei ICT: http://www.savetibet.org/self-immolation-in-eastern-tibet-and-major-troop-deployments-in-lhasa-as-tibetans-mark-religious-anniversary/.

Von Sangye Khar ist nur bekannt, dass er aus der gleichen Region stammt. Die meisten Familien leben dort vom Ackerbau. Nach der Selbstverbrennung wurden alle Kommunikationsleitungen nach Amchok blockiert, und es seien Sicherheitskräfte in grosser Zahl aufmarschiert. Damit steigt die Zahl der Selbstverbrennungen auf 134.

Angesehener Dorfvorsteher stirbt in Haft
Der ungeklärte Tod eines in der Unruhe-Region Driru hoch angesehenen Dorfvorstehers in Haft hat Vorwürfe laut werden lassen, er sei gezielt umgebracht worden, weil er zu grossen Einfluss hatte. Der Tibeter Bachen Gyalwa, auch Gyachen oder Ngawang Monlam genannt, starb nach seiner erzwungenen Absetzung und Verhaftung am 21. November in der Haftanstalt des Bezirks Driru. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht bekannt.

Bachen Gyalwa war früher Mönch in einem lokalen Kloster gewesen. Fest steht, dass er in seinem Dorf Ushung wegen seines sozialen Engagements sehr hohes Ansehen genoss. Während seiner Amtszeit wurde im Dorf eine grosse Versammlungshalle gebaut, in der religiöse Belehrungen und Feiern abgehalten wurden und kulturelle Anlässe stattfanden. Auch habe er dafür gesorgt, dass Tibeter Schreib- und Leseunterricht bekamen und so die Probleme durch Alkohol, Glücksspiel und Diebstahl unter den ungebildeten und oft arbeitslosen Jugendlichen vermindert wurden.

Als Grund für seine Verhaftung sehen viele Tibeter, dass er den lokalen Behörden mit seinem Engagement und Ansehen ein Dorn im Auge war. Inzwischen wurde ein neuer Dorfvorsteher eingesetzt. Mit Bachen Gyalwa wurden mindestens vier weitere Tibeter verhaftet, die ihm verbunden waren, deren Schicksal aber unbekannt ist. Nach Bekanntwerden seines Todes mussten sich alle Dorfbewohner mit Unterschrift oder Fingerabdruck unter ein Dokument verpflichten, darüber Stillschweigen zu bewahren. Andernfalls wurden Strafen angedroht.

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia; International Campaign for Tibet ICT

 

10. Dezember 2014
NGO-Aktivist stirbt mutmasslich nach Folter in Haft
Zwei Tage nach seiner vorzeitigen Haftentlassung ist der 33-jährige Tenzin Choedak, auch Tenchoe geannt, an seinen mutmasslich durch Folter erlittenen Verletzungen gestorben. Tenchoe hatte weniger als sechs seiner insgesamt 15 Jahre Haft im Chushur-Gefängnis in Lhasa verbüsst, als er in von seinen Verwandten in moribundem Zustand in das Institut für traditionelle tibetische Medizin in Lhasa (tib. Mentsekhang) eingeliefert wurde und dort nur wenige Stunden später starb. Zeugen berichteten, dass er von seinen Verwandten kaum erkannt wurde, so entstellt war er von Hirnverletzungen; dazu erbrach er Blut.

Tenchoe floh als neunjähriger Junge nach Indien und besuchte dort die Schule im Tibetan Children‘s Village in Dharamsala, bevor er 2005 aus freien Stücken nach Lhasa zurückkehrte. Er arbeitete für eine mit dem Roten Kreuz assozierte NGO sowie in Umweltprojekten in Lhasa und Shigatse.

Seine Festnahme erfolgte im Jahre 2008 unter dem Vorwurf, einer der Anführer der Unruhen in Lhasa vom März gewesen zu sein, und wurde nach Angaben von Verwandten und Zeugen schwer gefoltert. Während der Verhöre konzentrierten sich die Ermittler auf die Verbindung zu seinem Vater Khedup, der 1993 ins indische Exil geflohen war, und angeblich Tenchoe zu seinen Taten angestiftet habe.

Nachdem er zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Mehrfach sei er, jeweils in Hand- und Fussfesseln, schon in Spitäler eingeliefert worden. Die vorzeitige Entlassung aus der Haft soll erfolgt sein, weil ihn die behandelnden Ärzte aufgaben.

Vorzeitige Haftentlassungen, wenn sich der Gesundheitszustand so verschlechtert, dass mit dem Tod gerechnet werden muss, sind in Tibet nichts Neues. Noch im März 2014 war der 43-jährige Tibeter Goshul Lobsang ebenfalls nach schweren Misshandlungen entlassen worden und starb kurz darauf [vergl. Tibet-Information vom 1. April 2014; UM]. Bei ihm wurde erstmals auch über den Einsatz schmerz erzeugender Injektionen als Foltermethode berichtet.

Vor einem Jahr hatte eine Expertengruppe, die für die Vereinten Nationen Minimalstandards für die Behandlung von Gefangenen ausarbeitet, eine Empfehlung gegeben, dass auch Todesfälle unmittelbar nach Haftentlassung untersucht werden müssten. China hatte sich heftig gegen diese Regeländerung gesträubt. Das Treffen der Expertengruppe in Brasilien, auf dem diese Änderungen besprochen werden sollten, wurde angesichts der dortigen Unruhen im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft auf unbestimmte Zeit verschoben.

Zusammenstoss mit Offiziellen nach erzwungener Wahl
Am 7. Dezember ereignete sich in der Ortschaft Darlag in der Präfektur Golog ein Zusammenstoss zwischen Bewohnern und lokalen Regierungsmitgliedern. Der Grund dafür war, dass die Offiziellen einen ihnen genehmen Kandidaten für ein Amt in der Lokalregierung wählen lassen wollten. An diesem Tag wurden in allen Ortschaften des Bezirks die Wahlen abgehalten.

Die Wahlberechtigten in Darlag verweigerten sich der Wahl des von der Bezirksregierung vorgeschlagenen Kandidaten namens Tenkyab und favorisierten ihren Kandidaten, Lokar, der angeblich die grössere Regierungserfahrung aufwies. Dieses Verhalten erzürnte den Präsidenten des Bezirks, Rinchen Tso, so sehr, dass er die Wähler beschimpfte. Zwei von ihnen wurden von Rinchen Tso and den Haaren gezogen und geschlagen. Die Rauferei endete damit, dass Rinchen Tso kurzerhand einen grossen Teil der schon abgegebenen Stimmen einzog; gewählt wurde Tenkyab mit den übrig gebliebenen Stimmen.

Darlag war im Juli d.J. Schauplatz eines tödlichen Unfalls, als ein Tibeter auf seinem Motorrad von einem chinesischen Lastwagenfahrer überrollt wurde [vergl. Tibet-Information vom 1. April 2014; UM]. Danach kam es zu Unruhen, weil der Lastwagenfahrer nur einen Bruchteil seiner Geldstrafe abzahlen musste. Seitdem waren die Sicherheitsmassnahmen in Darlag erheblich verstärkt worden.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

27. November 2014
Über 100 Nonnen aus Kloster fortgewiesen
Laut Informationen einer nach Indien geflohnen Nonne wurden schon im März mehr als 100 Nonnen aus dem Kloster Changlo im Bezirk Dingri, nahe der Grenze zu Nepal, fortgewiesen. Die geflohene Nonne, die selbst davon betroffen war, berichtete RFA, dass am 4. März alle Nonnen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung im Kloster für 2 Monate an ihre Heimatorte zurückkehren mussten. Im Kloster lebten nur 21 Nonnen mit offizieller Bewilligung, aber ungefähr 200 Nonnen ohne Erlaubnis. Die Nonnen wurden nicht nur gezwungen, an ihre Heimatorte zurückzukehren, sondern mussten auch ihre Roben ablegen. Die Nachricht von der Wegweisung der Nonnen folgt unmittelbar nach einem Bericht über das gleiche Ereignis im Kloster Jada, wo 26 Nonnen betroffen waren [vergl. Tibet-Information vom 19. November 2014; UM].

Nach Ablauf der zweimonatigen Frist hätten einige Nonnen versucht, wieder in das Kloster aufgenommen zu werden, aber es ist nicht bekannt, ob sie eine offizielle Bewilligung erhielten. Andere hielten sich in den umliegenden Wäldern versteckt.

Da es dem Kloster nicht erlaubt war, neue Unterkünfte zu bauen, hätten sich schon vor der Wegweisung fünf oder sechs nicht registrierte Nonnen in ein Zimmer zwängen müssen. Die Nonnen, die sich dort mit offizieller Bewilligung aufhielten, haben hingegen ein komfortables Zimmer mit Fernseher.

Erzwungene Beinamputation nach versuchter Selbstverbrennung
Der Tibeter Sungdue Kyab hatte sich am 12. Dezember 2012 nahe dem Kloster Bora in der Präfektur Kanlho angezündet und war in ein Spital eingeliefert worden [vergl. Tibet-Information vom 12. Dezember 2012; UM]. Die Polizei brachte ihn am 23. Oktober d.J. wieder zurück zu seinen Eltern, nachdem ihm beide Beine amputiert worden waren.

Die Eltern waren schon vorher vom Spital informiert worden, dass ihm wegen der Schwere der Brandverletzungen beide Beine amputiert werden müssten. Gleichzeitig wurde es ihnen aber nicht erlaubt, ihren Sohn zu besuchen und sich über seinen Zustand zu informieren, so dass sie die Zustimmung zur Amputation verweigerten. Auch spätere Versuche Anfang diesen Jahres, ihn im Spital zu besuchen, um ihm Essen und Bettzeug zu bringen, blieben erfolglos. Den Eltern wurde mitgeteilt, dass Sungdue Kyab in eine Haftanstalt eingliefert worden sei und er keinen Besuch empfangen dürfe. Falls sie irgendwelche Informationen an Dritte weitergeben würden, drohten ihnen „Konsequenzen“.

Erst jetzt, bei der Ankunft in seinem Elternhaus, erfuhren die Eltern dann, dass die Amputation erfolgt war. Das Haus ist seitdem unter Polizeibewachung, so dass diese Informationen erst jetzt RFA erreichten. Über Sungdue Kyab gibt es widersprüchliche Informationen; laut der damaligen Nachricht von TCHRD sei er bei der versuchten Selbstverbrennung 29 Jahre alt gewesen und Vater eines Kindes. Die jetzige Meldung von RFA nennt ein Alter von unter 20 Jahren.

„Verbesserungskampagne“ in Driru
Die kürzliche Ausweisung von 26 Nonnen aus dem Jada-Kloster in der Präfektur Driru [vergl. Tibet-Information vom 19. November 2014; UM] ist nach Auffassung von ICT ein erstes Zeichen der umfassenden, im September 2014 beschlossenen „Verbesserungskampagne“. Diese wurde in einem Dekret, das ICT vorliegt und ins Englische übersetzt wurde, am 12. September veröffentlicht. Die neue Kampagne stellt auch ein Eingeständnis dar, dass in der Unruheregion Driru, wo sich Laien, Mönche und Nonnen seit über einem Jahr allen Loyalitätsbezeugungen verweigern, die „Politische Umerziehung“ allein nicht ausreichte.

Die Bestimmungen und Strafandrohungen der neuen Kampagne sind wohl bewusst mehrdeutig formuliert, um den Behörden je nach Situation grossen Spielraum bei ihren Massnahmen zu geben. So wird Mönchen und Nonnen mit Ausweisung aus ihren Klöstern und einer sechsmonatigen „Erziehungsmassnahme“ gedroht, wenn sie sich in jegliche „Regierungsangelegenheiten einmischen“. Das gleiche gilt für „Einmischung in soziale Auseinandersetzungen“. Diese Bestimmung könnte alle Tibeter treffen, die sich bisher erfolgreich als Schlichter bei Disputen über Land oder die Rechte zum Sammeln des teuren Raupenkeulenpilzes betätigten [vergl. Tibet-Information vom 30. Juni 2014; UM], aber auch solche, die einfach nur privaten tibetischen Unterricht anbieten.

Die gleiche Strafe droht Mönchen und Nonnen, die Bilder des Dalai Lama besitzen. Laien, die solche Bilder besitzen, droht dazu noch der Entzug der Bewilligung zum Sammeln des Raupenkeulenpilzes, was besonders umgesiedelte und verarmte Nomaden trifft, die sich damit einen Lebensunterhalt verdienen wollen. Selbst Regierungskadern werden Strafen angedroht, wenn sie die Einhaltung dieser Bestimmungen nicht konsequent durchsetzen.

Eine weitere Bestimmung verfügt den Abriss aller „illegal“, d.h. seit Anfang 2011, errichteten religiösen Bauwerke, seien es Klöster, Einsiedeleien oder selbst Mani-Mauern.

Schliesslich werden auch alle bestraft, die „Auseinandersetzungen über die Verehrung der Gottheit Shugden anzetteln“. Der Dalai Lama hatte alle Tibeter aufgerufen, diese Gottheit nicht zu verehren, weil sie der Religionsausübung abträglich sei. Seither wird der Dalai Lama auf Auslandsreisen wegen dieser Anweisung regelmässig von Shugden-Anhängern auf das Gröbste angegriffen. China nützt den religiösen Disput aus, ermutigt Tibeter zur Shugden-Verehrung und spendet ihnen sogar Geld. Die Bestimmung in Driru kann nun leicht dazu verwendet werden, Mönche und Nonnen zu bestrafen, die die Haltung des Dalai Lama unterstützen.

Quellen: Radio Free Asia RFA; International Campaign for Tibet ICT

 

19. November 2014
Personaldokumente von protestierenden Nomaden konfisziert
Eine Gruppe von Nomaden in der Autonomen Präfektur Yulshul musste sämtliche Personaldokumente abgeben, als sie gegen ihre erzwungene Umsiedlung protestierte. Als die Nomaden am 25. Oktober ihren Umzug in eine entlegene Siedlung verweigerten, mussten sie sämtliche Personaldokumente wie Identitätskarte, Fahrausweis und Aufenthaltsbewilligung abgeben. Die Behörden rechtfertigten diesen Schritt mit dem „Ungehorsam“ der Betroffenen. Als am 1. November eine Delegation der Nomaden zum Verwaltungsbüro der Ortschaft Domda ging und um die Rückgabe bat, wurde ihnen mitgeteilt, dass dieses nur gegen eine sehr hohe Geldbusse möglich sei. Diese konnten sie aber nicht bezahlen.

Im letzten Jahr war bereits eine Gruppe von 200 Nomaden aus Domda umgesiedelt worden. Ihre Lebensbedingungen werden aber als „extrem schlecht“ beschrieben. Die Häuser stünden in einer abgelegenen Region, die nur sehr schlecht erreichbar sei. Viele von ihnen hätten ihre Häuser bereits wieder zu einem geringen Preis verkauft und wären weggezogen. Obwohl die Behörden Weiterbildungsmassnahmen versprochen hätten, damit die Nomaden neue Einkommensquellen finden, würden diese in der Realität nur selten angeboten. Viele Nomaden versuchen, ein Geschäft für billige Gebrauchsgegenstände zu eröffnen, oder sie finden ab und zu schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs im Strassen- oder Häuserbau.

Nonnen aus Kloster weggewiesen
Im Kloster Jada im Bezirk Driru sind kürzlich 26 Nonnen weggewiesen worden, weil sie neben den 140 offiziell erlaubten Nonnen nicht offiziell registriert waren. Das Nonnenkloster ist weit über die Region hinaus bekannt für die Ausbildung in tibetischer Philosophie und hat Nonnen aus allen Regionen Tibets angezogen.

Schon früher hatte es Kontrollen seitens der Behörden gegeben, um die Einhaltung der Höchstzahl zu kontrollieren; nicht registrierte Nonnen hätten sich dann jeweils in den umliegenden Hügeln verstecken können. Nachdem sich die Nonnen geweigert hatten, an einer offiziellen Kampagne gegen den Dalai Lama teilzunehmen, seien die Kontrollen aggressiver durchgeführt worden. Die jetzt weggewiesenen Nonnen wüssten oftmals nicht, wohin sie sich nun wenden können.

Driru gilt bei den Behörden als „Unruheregion“, nachdem es immer wieder Proteste gegen erzwungene Loyalitätsbekenntnisse gegeben hatte.

Pläne zum Ausbau des Bahnnetzes in Tibet beunruhigen Indien
Nach der Eröffnung des Bahnabschnittes zwischen Lhasa und Shigatse im August hat die chinesische Regierung weitere Ausbaupläne für das Bahnnetz in Tibet bekanntgegeben. Für Besorgnis in Indien sorgt vor allem eine lange transversale Achse, die von Sichuan im Osten stets unmittelbar entlang der Grenze zu Indien bzw. Nepal und Bhutan bis zur westlichen Provinz Himachal Pradesh führen soll. Die Bahnlinie berührt Regionen, in denen der Grenzverlauf zwischen China und Indien umstritten ist.

Abgesehen von Sicherheitsbedenken Indiens werden von Kritikern auch Umweltrisiken angeführt. Die transversale Achse erlaubt nicht nur effiziente Truppentransporte und den beschleunigten Abbau von Bodenschätzen, sondern wird nochmals den Zustrom von Siedlern beschleunigen. Da die Linie durch Regionen mit einem labilen Ökosystem führt, werden zusammen mit der globalen Erwärmung erhebliche Umweltschäden befürchtet. Schon kurz nach Eröffnung der Bahnlinie nach Lhasa vor acht Jahren hatten chinesische Medien über Risse im Fundament der Geleise berichtet, die durch den auftauenden Permafrostboden verursacht sind. Auch die neue Linie führt grösstenteils durch infolge der globalen Erwärmung gefährdete Permafrostregionen.

Die ehrgeizigen Ausbaupläne des Bahnnetzes wurden vom damaligen Minister für Eisenbahnen und seinem Stellvertreter entworfen. Beide wurden inzwischen wegen Korruption zum Tode verurteilt; das Todesurteil wurde später in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt.

Quellen: International Campaign for Tibet ICT; Radio Free Asia RFA

 

7. November 2014
Demonstration gegen unfaire Preise für Land
Allen Repressionen zum Trotz haben am 3. November Tibeter und auch einige in der Region lebende Chinesen in Sangchu im Nordwesten Tibets in der heutigen Provinz Gansu gegen unfaire Preise für den Kauf von Land durch die Lokalregierung protestiert. Fotos, die ICT zugespielt wurden (http://www.savetibet.org/tibetan-demonstrations-over-land-education-policy/) und Amateurvideos, zeigen Demonstranten mit einem Banner und von Sicherheitskräften errichtete Barrikaden, die den Marsch der Demonstranten vom Versammlungsort zum lokalen Regierungsgebäude unterbinden sollten.

Der Protest richtete sich gegen gegen unfaire Preise beim Kauf von Land, das Tibetern gehörte, durch die Behörden; diese hätten Preise für den Landkauf bei mehreren Gelegenheiten nach Gutdünken zu ihren Gunsten verändert. Die Landkäufe sind zu sehen im Kontext der Umsiedlung von Nomaden im Rahmen der Kampagne „Ein neues sozialistisches Landleben aufbauen“. Ein Amateurvideo zeigt die Demonstranten, unter ihnen auch Frauen und Kinder, wie sie den Sicherheitskräften ihr konfisziertes Banner wieder entreissen, dazu hört man aus einer Gruppe von Tibetern und Sicherheitskräften Rufe, dass Letztere mit Schlagstöcken prügelten.

Schülerdemonstration gegen Sprachunterricht
Anlässlich eines offiziellen Meetings über den Sprachunterricht in Schulen haben am 1. November über 100 tibetische Schülerinnen und Schüler gegen die Verdrängung der tibetischen Sprache demonstriert. Die Regierung hatte am 29. Oktober in Dzoege in der Präfektur Ngaba einen Workshop abgehalten. Dort sei unter anderem der Vorschlag diskutiert worden, in Schulen zwei Leistungsniveaus pro Klassenstufe einzuführen. Die Schüler fürchteten, dass durch ein elitäres Konzept die schwächeren Leistungsstufen keine Weiterbildungs- und Berufschancen mehr hätten. Ausserdem richteten sich die Proteste gegen das Konzept des „bilingualen Unterrichts“. Was auf den ersten Blick wie ein Konzept zur Gleichberechtigung von chinesischer und tibetischer Sprache im Schulunterricht aussieht, bedeutet in der Realität, dass Chinesisch erste Unterrichtssprache wird und Tibetisch auf das Niveau von Fremdsprachenunterricht degradiert wird.

Der Schülerprotest, von dem es ein heimlich aufgenommenes Amateurvideo gibt (https://www.youtube.com/watch?v=d2c3pfm4nGM) , entstand, nachdem ein Offizieller einen Vortrag gehalten hatte und sich über das geringe Bildungsniveau unter tibetischen Nomaden beklagte. Die Schüler riefen Slogans wie „Gleichheit der Sprachen“ und „Lieber hunderten helfen als einem“.

Tibeter erhalten Gefängnisstrafen wegen „Hilfe zur Selbstverbrennung“
In der Präfektur Ngaba wurden acht Tibeter, von denen drei namentlich bekannt sind, zu Gefängnisstrafen von bis zu 5 Jahren verurteilt, weil sie Hilfe zu einer Selbstverbrennung geleistet hätten, was vom Gericht als „Mord“ gewertet wurde. Unter den Verurteilten befindet sich mit einer dreijährigen Haftstrafe Dolma Tso. Diese hatte nach Angaben ihres im Exil lebenden Bruders lediglich dabei geholfen, den verkohlten Körper in ein Fahrzeug zu laden. Kunchok Tseten, ein 30-jähriger Vater zweier Kinder, hatte sich am 3. Dezember 2013 in Meruma in der Präfektur Ngaba angezündet und war auf der Fahrt in ein Spital gestorben [vergl. Tibet-Information vom 5. Dezember 2013; UM].

Quellen: International Campaign for Tibet ICT; Phayul; Radio Free Asia RFA

 

31. Oktober 2014
China stoppt Arbeiten in Diamantenmine in Dzatoe
Im Bezirk Dzatoe in der Präfektur Yulshul wurden auf Anordnung der Zentralregierung alle Minenarbeiten gestoppt.

Dort wurde im August 2013 ein friedlicher Protest von Tibetern von paramilitärischen Kräften gewaltsam beendet. Mehrere Hundert Tibeter hatten sich am Ort der Mine versammelt, nachdem chinesische Arbeiter angerückt waren, um mit den Abbauarbeiten zu beginnen. Die Angehörigen der Bewaffneten Volkspolizei (PAP) warfen Tränengas in die Gruppe der protestierenden Tibeter und traktieren sie mit Schlägen, angeblich auch mit Tasern [vergl Tibet-Information vom 26. August 2013; UM]. Acht Tibeter wurden verhaftet, mehrere verletzt.

Der Bezirk Dzatoe liegt in dem sogenannten San Jiang Yuan Three Rivers Headwaters Nature Reserve (SNNR), das im Jahre 2000 eingerichtet wurde, um die Region um die Quellen der drei grossen Ströme Mekong, Yangtse und Gelber Fluss zu schützen. Nun wurden auf Anordnung der Behörden an Strassen Steinpfosten eingesetzt, deren Inschrift das ganze Gebiet zur Naturschutzzone erklärt. Auch die acht verhafteten Tibeter sind wieder in Freiheit. Die Entscheidung fiel offenbar, nachdem über die Proteste und die Minenarbeiten in dieser Region in mehreren internationalen Medien berichtet worden war. Die Protestierenden hatten seinerzeit die Korruption unter den lokalen Behörden angeprangert. Auch stellten sich die offiziellen Genehmigungen zur Aufnahme der Arbeiten als Fälschungen heraus; es hatte sich lediglich um Genehmigungen zur geologischen Erkundung gehandelt.

Nepal stellt keine Flüchtlingspapiere mehr für Tibeter aus
Die nepalesische Regierung hat beschlossen, ankommenden Flüchtlingen aus Tibet keine Flüchtlingspapiere mehr auszustellen. Ein Sprecher der Nationalen Flüchtlingskommission erklärte: „Wenn wir sie weiter [als Flüchtlinge; UM] anerkennen, sehen wir uns bald einer neuen Welle von Immigranten ausgesetzt. Wir haben keinen Platz mehr.“ Asia News zitiert eine Quelle aus Regierungskreisen, die von starkem Druck aus China berichtet. Aus chinesischer Sicht können Tibeter in Nepal nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, weil es in Tibet weder religiöse noch ethnische Diskriminierung gebe.

Die Zahl der tibetischen Flüchtlinge ist seit 2008 von etwa 2‘000 jährlich auf 200 im Jahre 2013 zurückgegangen. Auch ohne Identitätsdokumente ermöglicht ein „Gentlemen’s Agreement“ zwischen UNHCR und Nepal den Flüchtlingen einen Transit nach Indien. In der Praxis wird dieses aber immer wieder ignoriert, und Grenzkräfte schieben Flüchtlinge – manchmal gegen eine „Belohnung“ von chinesischen Grenzwachen - zurück nach Tibet ab, wo sie Haft und Misshandlungen erwarten.

Überwachungskameras in Gebetsmühlen
Ein Journalist der irischen Fernsehgesellschaft RTÉ berichtet von seinem sorgfältig orchestrierten Besuch in Lhasa auf Einladung der Regierung. Er konnte nur solche Tibeter interviewen, die die Sicht der Regierung wiedergaben. In seinem Bericht schliesst er: „Ein wahres Bild, wie das Leben hier ist, blieb für mich ausserhalb der Reichweite“. Die Fernsehaufnahmen zeigen nicht nur in Lhasa postierte Sicherheitskräfte, sondern auch eine als Gebetsmühle getarnte Überwachungskamera. Ein Foto von ihr und der Filmbericht (ca. 3 Minuten) sind zu sehen bei http://freetibet.org/news-media/na/china-invites-select-media-visit-%E2%80%9Chappy-tibet%E2%80%9D?utm_source=Free+Tibet+email+updates&utm_campaign=1f56b190c9-News_update_Lord_Davidson&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-1f56b190c9-49802621.

Quellen: Phayul; Asia News; International Campaign for Tibet

 

13. Oktober 2014
Weitere Selbstverbrennung in Tibet
Wie erst jetzt bekannt wurde, hat sich am 16. September eine weitere Selbstverbrennung, ereignet, was die Zahl insgesamt auf 133 steigen lässt. Diese Selbstverbrennung geschah einen Tag vor der bereits früher bekannten Selbstverbrennung von Lhamo Tashi [vergl. Tibet-Information vom 27. September 2014; UM]. Der 42-jährige Tibeter Kunchog zündete sich vor einer Polizeistation im Bezirk Gade in der Präfektur Golog an. Andere Tibeter eilten herbei und lieferten ihn in ein Spital in der Provinzhauptstadt Xining ein. Kunchog hat die Selbstverbrennung überlebt, jedoch hat er grossflächige Brandverletzungen erlitten, so dass die Angehörigen seinen Tod befürchten. Er leide grosse Schmerzen und mache sich Vorwürfe, dass er seine Selbstverbrennung überlebt habe.

Die Nachrichten erreichten das Ausland weger einer verhängten Nachrichtensperre erst mit beträchtlicher Verzögerung. Auch wurde der Name des Spitals von den Helfern geheim gehalten, da die Helfter befürchteten, Konchog könne von der Polizei deportiert werden; auch allen Helfern drohen erhebliche Strafen. Konchog hat einen Sohn und eine Tochter, die beide als Mönch bzw. Nonne in lokalen Klöstern leben. Ein weiterer Informant berichtete RFA, dass die Behörden nach der Selbstverbrennung an zahlreichen „sensiblen“ Punkten in Gade Überwachungskameras installiert hätten.

Harte Restriktionen in Driru
Im Bezirk Driru, der seit einem Jahr Schauplatz von Protesten und auch Selbstverbrennungen ist, haben die Behörden weitere harte Restriktionen bekannt gegeben. Gemäss einem Informanten von RFA wurde am 20. September eine einmontige Kampange unter dem Namen „Besserung und Reinigung“ gestartet. Regierungsmitarbeiter verteilen die 30-seitige Broschüre, die alle Bestimmungen enthält, an jedes Kloster und jede Gemeinde in Driru.

Alle religiösen Bauwerke, die nach 2010 errichtet wurden, sind illegal und müssen niedergerissen werden. Auch Einsiedelein von Klöster, die nach dem 1. November 2011 gebaut wurden, werden abgerissen. Verantwortlich dafür sind diejenigen Klöster und Gemeinden, die sie vorher errichtet haben.

Mönche, die 12 Jahre oder jünger sind, dürfen nicht einem Kloster beitreten, und solche, die sich bereits im Kloster befinden, müssen bis 20. Oktober zu ihren Familien zurückkehren. Familien, die sich weigern, ihre Kinder zurück zu nehmen, können für 6 Monate inhaftiert werden, und Klostervorstände, die die Kinder in den Klöstern behalten, werden selbst ausgewiesen und bestraft. Alle Mönche und Nonnen müssen die chinesische Flagge auf den Dächern hissen und Fotos chinesischer Führer aufstellen, sonst werden sie des Klosters verwiesen. Der Besitz von Bildern des Dalai Lama ist verboten. Wenn bei Mönchen und Nonnen solche Fotos gefunden werden, müssen sie an einer „Umerziehung“ teilnehmen und verlieren alle staatlichen Unterstützungen. Alle übrigen Tibeter müssen in solch einem Fall für 6 Monate an einem „Auffrischungskurs“ teilnehmen.

Sohn eines Hotelbesitzers überfährt protestierende Tibeter: 3 Tote
Nach einer Auseinandersetzung über Essenpreise in einem Hotel-Restaurant am 26. September ist der Sohn des Hotelbesitzers mit seinem Auto in eine Gruppe von tibetischen Studenten gefahren. Drei Studentinnen starben, eine vierte ist verletzt.

Die Studenten wohnten in dem Hotel im Bezirk Rongtrag in der osttibetischen Präfektur Kardze, um an den Aufnahmeprüfungen für Arbeitsstellen in der Regierung teilzunehmen. Der Streit entzündete sich, als die Studenten reklamierten, die Essenrechnung im Hotel sei höher ausgefallen als zuvor auf der Speisenkarte vermerkt. Nachdem die Studenten unter Protest das Restaurant verlassen hatten, folgte ihnen der Sohn des Hotelbesitzers mit dem Auto und fuhr in die Gruppe.

Am Tag darauf begannen die Eltern der drei getöteten Studentinnen einen stillen Protest mit Plakaten und Fotos vor einem Regierungsgebäude. Als sie die Herausgabe der Leichen verlangten, stellte sich heraus, dass diese auf behördliche Anordung bereits kremiert worden waren. Die Polizei publizierte einen Untersuchungsbericht, der die Schuld an dem Vorfall allein den Studenten gab.

13 Verletzte durch Schussverletzungen nach Protest gegen Minenarbeiten
Ein weiteres Mal wurden Proteste gegen Minenarbeiten blutig niedergeschlagen. Im Dorf Tsang Tobgyal in der Präfektur Shigatse erlitten 13 Tibeter, unter ihnen eine schwangere Frau, Schussverletzungen, als Sicherheitskräfte den Protest gegen Minenarbeiten mit Waffengewalt beendeten. Die Bewohner hatten Regierungsgebäude umringt, um gegen eine Mine in der Region zu protestieren, die Gold, Kupfer und Mineralien gewinnt.

Der Vorfall ereignete sich am 9. August, wurde aber wegen der Nachrichtensperre erst jetzt bekannt. Nach den Schüssen warfen die Tibeter mit Steinen, was noch mehr Verletzte auf beiden Seiten hinterliess. Mehrere Appelle zur Beendigung der Arbeiten wegen der Umweltzerstörungen waren zuvor ungehört geblieben. Nach Angaben von Informanten sei der lokale Sekretär der Kommunistischen Partei dafür bekannt, dass er Bestechungsgelder von der Minengesellschaft nimmt und mit Berufung auf die Zentralregierung den Fortgang der Arbeiten genehmigt.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul

 

27. September 2014
Weitere Selbstverbrennung in Tibet
Die 132. Selbstverbrennung, und die erste seit April d.J., hat sich am 17. September ereignet. Aufgrund der Nachrichtensperre erreichten diese Nachrichten erst eine Woche später das Ausland. Der 22-jährige Student Lhamo Tashi setzte sich vor einer Polizeistation im Bezirk Tsoe in der Präfektur Kanlho in Brand und starb.

Als die Eltern davon erfuhren und zur Polizei eilten, verweigerte diese die Herausgabe des Leichnams. Einen Tag später erfuhren die Eltern, dass die Kremation auf Veranlassung der Polizei bereits durchgeführt wurde. Am Tag darauf wurde die Urne mit seiner Asche ausgehändigt.

Lhamo Tashi war wegen seiner Beteiligung an den Unruhen von 2008 bereits einmal inhaftiert. Weiteres ist über ihn nicht bekannt.

Betrunkene Polizisten misshandeln Tibeter
Drei Tibeter erlitten schwere Verletzungen, nachdem sie in Haft von betrunkenen Polizisten misshandelt wurden. Der Vorfall ereignete sich am zweiten Tag eines Wettbewerbs für Bogenschützen im Bezirk Chentsa in der Präfektur Malho.

Betrunkene Polizisten hatten tibetische Zuschauer aufgefordert, mit ihnen zu trinken. Als diese sich weigerten, drohten sie damit, den Wettbewerb abzubrechen. Ein Tibeter namens Wangchuk wollte intervenieren und wurde sofort in ein Polizeifahrzeug gestossen. Ebenso erging es seinem Bruder und einen weiteren Tibeter, Tenzin Rinchen.

Im Gefängnis erschienen dann etwa 8 betrunkene Polizisten mit Biervorräten. Nachdem sie reichlich Bier getrunken hatten, hingen sie die Tibeter an der Decke auf und schlugen sie mit den leeren Flaschen. Später zwangen sie die Tibeter, sich auf den Boden zu legen und urinierten über sie.

Tenzin Rinchen erlitt schwere innere Verletzungen und sechs Rippenbrüche. Er wurde in das Spital der Provinzhauptstadt Xining gebracht, nach einer Woche Behandlung dann auf Geheiss der Polizei wieder in das Spital von Malho zurück transferiert. Ein Informant von Phayul sagte, er sei in sehr schlechtem Zustand und könne weder sprechen noch essen.

Wangchuk und sein Bruder wurden am 22. September wieder aus dem Spital entlassen, aber es ist nichts über ihren Zustand bekannt.

Die Polizei, die von RFA kontaktiert wurde, dementierte diesen Vorfall. Ein Polizist teilte am Telefon lediglich mit, dass drei betrunkene Tibeter verhaftet worden seien, die randaliert und einen Polizisten belästigt hätten.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA

 

18. September 2014
China wirbt für tibetisch-chinesische Mischehen
Seit seinem Amtsantritt setzt sich der neue chinesische Staatspräsident Xi Jinping dafür ein, eine neue „nationale Identität“ anzustreben, unter dem Motto „lasst uns die Menschen verschiedener ethnischer Herkunft in ein einziges Seil zusammenflechten“. Dieses lässt befürchten, dass damit eine neue Kampagne beginnt mit dem Ziel, „problematische“ ethnische Gruppen stärker zu kontrollieren und ihre Identität zu schwächen.

Seit April wird diese Kampagne auch in Tibet mit grossem medialem Pomp inszeniert. Am 18. Juni hielt der Vorsitzende der Kommunistischen Partei in Tibet, Chen Quanguo, eine Ansprache bei einer Versammlung von gemischt chinesisch-tibetischen Paaren und sprach davon, dass diese Mischehen gefördert werden müssten, um „die grosse Einheit aller ethnischen Gruppen in Tibet zu stärken“. Weiter führte er recht pathetisch aus: „Obwohl Haushalte aus verschiedenen Nationalitäten bestehen, sehe ich, dass sie alle aus liebenden Vätern und Kindern, in Harmonie lebenden Müttern und Töchtern, liebevollen Brüdern und Paaren bestehen, die vollkommen glücklich sind. Ich freue mich darüber sehr. Alle Ihre glücklichen und harmonischen Familien tragen positiv zum Glück und zur Harmonie in unserem Mutterland bei, und ebenso zur Einheit und zum Verschmelzen aller ethnischen Gruppen.“

Mehr noch, Chen Quanguo forderte explizit Parteikader und Offizielle dazu auf, solche Ehen zu vermitteln, um „,Alleinstehenden aller ethnischen Gruppen eine Brücke zu bauen, damit sie ihre Seelenverwandten finden“.

Nicht zufällig berichten auch staatliche Medien auffallend oft von der historischen Hochzeit des tibetischen Königs Songtsen Gampo mit der chinesischen Prinzessin Weng Cheng im 7. Jahrhundert. Diese Hochzeit wird historisch umgedeutet, um zu suggerieren, dass damit China seinen Herrschaftsanspruch über Tibet begründete und „Kultur“ nach Tibet brachte. Geflissentlich übersehen wird, dass Songtsen Gampo noch eine zweite Frau, eine nepalesische Prinzessin, heiratete.

Ebenso ist die Kampagne wohl auch im Kontext einer generellen Debatte in Chinas Politikzirkeln zu sehen, die unter dem Thema „Zweite Generation der ethnischen Politik“ stattfindet. Namhafte Politiker und Akademiker fordern, ethnische Grenzen abzuschaffen und eine einzige, kollektive Identität in China zu formen. Dazu gehört auch die Einschränkung von Autonomieregeln und anderen Privilegien, die ethnische „Minderheiten“ noch geniessen.

Zhu Weiqun von der Organisation „Einheitsfront“, die für Minderheitenpolitik zuständig ist, und der seinerzeit an den Dialogrunden mit den Gesandten des Dalai Lama teilnahm, forderte kürzlich, dass der ethnische Status nicht mehr auf Identitätskarten vermerkt werden soll, keine neuen Gebiete mehr als „autonom“ anerkannt werden sollen und Mandarin als Pflichtsprache in allen Schulen unterrichtet wird. Damit werden die wenigen chinesischen Intellektuellen zum Schweigen gebracht, die in Internetforen mahnen, dass nicht wirtschaftliche Entwicklung allein die Spannung lösen kann, sondern nur die Anerkennung von Diversität im Gegensatz zu – so wörtlich in einem Blog - „Han-Chauvinismus“.

China verdoppelt Strassensperren zwischen Driru und Nagchu
Zwischen diesen beiden Bezirken nördlich von Lhasa, die Schauplatz von Unruhen und Selbstverbrennungen waren, sind neue Strassensperren errichtet worden, die die Fahrzeit für die 270 km lange Strecke von vier auf sieben Stunden verlängern. An jedem Posten werden die Fahrzeuge gründlich durchsucht. Wer seinen Fahrausweis und die Wagenpapiere nicht vorweisen kann oder nicht mit den Kontrolleuren kooperiert, wird geschlagen und bis zu 3 Wochen in ein „Umerziehungslager“ geschickt. Die Fahrer dürfen auf dieser Strecke nicht einmal eine Pause machen; wer dabei entdeckt wird, erhält eine Strafe von umgerechnet Fr. 1‘000. Wenn die Strafe nicht gezahlt werden kann, wird der Fahrausweis eingezogen und die Zulassung für das Fahrzeug widerrufen.

Quellen: International Campagin for Tibet; Phayul

 

1. September 2014
„Tibeter sind glücklich“ – Ausländische Delegierte werden hintergangen
Anlässlich einer Konferenz über die ökonomische Entwicklung Tibets, an der auch ausländische Delegierte teilnahmen, wurden den Teilnehmern chinesische Propaganda-Statements unterschoben. Die Konferenz wurde von der Regionalregierung Tibets und dem Staatlichen Informationsbüro der Volksrepublik China organisiert mit dem Ziel, ausländische Investoren für Tibet zu interessieren. Am Ende der Konferenz publizierte am 14. August die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua ein Dokument mit dem Titel „Lhasa Consensus“, in dem die Teilnehmer aus 30 Ländern angeblich die „Dalai Clique“ kritisieren und die „einseitige“ Berichterstattung der internationalen Medien bedauern.

Wörtlich heisst es im „Lhasa Consensus“ unter anderem: „Die Teilnehmer sind einstimmig der Meinung, dass das, was sie gesehen haben, radikal von dem abweicht, was der 14. Dalai Lama und die Dalai Clique behaupten. Die Stellungnahmen der Dalai Clique über Tibet sind entstellt und inkorrekt. Viele westliche Medienberichte sind einseitig...Die Teilnehmer [der Konferenz; UM] stellen fest, dass in Tibet ein gesundes wirtschaftliches Wachstum, soziale Harmonie, tief verwurzelte Kultur und eine wunderbare Landschaft vorherrschen und das Volk ein glückliches Leben geniesst...“

Darauf angesprochen, erklärten Delegierte aus Grossbritannien und Neuseeland, dass sie zwar „Kenntnis“ von der Schlusserklärung hätten, diese aber nicht unterzeichnet haben. Es bleibt abzuwarten, wir Delegierte aus anderen Ländern, u.a. Irland, Australien und Japan, darauf reagieren.

Twitter löscht gefälschte Accounts
Twitter hat nach internationalen Protesten gefälschte Accounts gelöscht, die chinesische Propaganda über Tibet verbreiteten. Free Tibet Campaign hatte in Zusammenarbeit mit der New York Times aufgedeckt, dass zahlreiche in China registrierte Accounts mit falschen Namen und teilweise entwendeten Bildern operieren und geschönte Nachrichten über Tibet oder den Dalai Lama verunglimpfende Stellungnahmen verbreiten [vergl. Tibet-Information vom 23. Juli 2014; UM]. Die Zahl der gefälschten Accounts wurde auf mehrere hundert geschätzt, und alle konnten auf Quellen in China zurück verfolgt werden.

Weitere drei Todesopfer nach Schüssen auf Tibeter in Kardze
Die Schüsse auf protestierende Tibeter im Bezirk Sershul in der Präfektur Kardze haben offenbar noch weitere Todesopfer gefordert. Bisher war von 5 Tibetern berichtet worden, die durch die Schussverletzungen starben. Sicherheitskräfte hatten das Feuer auf Tibeter eröffnet, die gegen die Verhaftung des Dorfvorstehers von Sershul protestiert hatten [vergl. Tibet-Information vom 18. und 21. August 2014; UM].

Free Tibet Campaign hat erfahren, dass die Frau des jüngsten Todesopfers, des 18-jährigen Jinpa Tharchin, Selbstmord begangen hat. Sie war im siebten Monat schwanger und hat sich erhängt. Ebenfalls starb die 67-jährige Dawa Lhamo, Tante des verhafteten Dorfvorstehers Wangdak, nach Misshandlungen in Haft. Sie soll durch die Schläge auf den Kopf eine Hirnblutung erlitten haben, der sie erlag. Auch starb einer der Sicherheitskräfte durch einen unabsichtlichen Nackenschuss seiner Kollegen; es ist nicht bekannt, ob er Tibeter oder Chinese war.

Gespräche über Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet?
Wu Yingjie, Vizesekretär der Kommunistischen Partei in Tibet, hat in einem Interview mit indischen Journalisten in Lhasa am 24. August erklärt, man befinde sich in Verhandlungen über die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet. Die Regierung führe Gespräche mit „persönlichen Gesandten“ des Dalai Lama, die in Beijing stattfinden. Diese Gespräche verliefen „reibungslos“, aber man rede nur über dessen persönliche Zukunft und nicht über den Status von Tibet. Mehrere Tibeter seien in der letzten Zeit aus dem Exil zurückgekehrt, zuletzt ein hoher Lama aus der Schweiz. Allen Tibetern im Exil, einschliesslich des Dalai Lama, stünde die Rückkehr nach Tibet offen, vorausgesetzt sie akzeptierten, dass Taiwan und Tibet ein Teil von China seien und sie „spalterische“ Aktivitäten aufgeben.

Als Journalisten nach den vor vier Jahren ergebnislos eingestellten Gesprächen der Gesandten des Dalai Lama fragten, antwortete Wu Yingjie, dass deren Vorschläge inakzeptabel seien. Wie solle China seine Armee aus Tibet abziehen? Es sei schliesslich auch undenkbar, dass Indien seine Armee aus Arunachal Pradesh abziehe. Auch würde nicht über den Einbezug von tibetischen Regionen ausserhalb der „Autonomen Region Tibet“ gesprochen.

Quellen: Free Tibet Campaign; The Hindu

 

21. August 2014
Fünf Tibeter erliegen Schussverletzungen in Kardze
Der Protest im Bezirk Sershul in der Präfektur Kardze, bei dem Sicherheitskräfte in eine Gruppe von etwa 100 protestierenden Tibetern feuerten [vergl. Tibet-Information vom 18. August 2014; UM], hat bis jetzt fünf Todesopfer gefordert.

Am 12. August hatten Tibeter im Dorf Denma gegen die Verhaftung ihres hoch geachteten Dorfvorstehers protestiert. Der Tibeter mit Namen Dema Wandak hatte gegen die Absage des jährlich stattfindenen Festivals mit Reiterspielen protestiert und sich für die Mitglieder einer Tanzgruppe eingesetzt, die angeblich von Funktionären belästigt worden waren.

Nach den Schüssen auf die Protestierenden wurde eine unbekannte Zahl von Tibetern verhaftet. Diejenigen mit Schussverletzungen erhielten nach Angaben von Informanten von RFA keine medizinische Versorgung. Einer der Tibeter habe sich in der Haft aus Protest das Leben genommen, die anderen vier seien an den Schussverletzungen sowie Misshandlungen durch die Sicherheitskräfte gestorben. Von drei Getöteten sind Namen und Alter bekannt. Der Älteste ist 60 Jahre alt und ein Onkel von Dema Wangdak. Der jüngste ist 18 Jahre alt. Auch diejenigen Tibeter, die nicht verhaftet wurden, blieben ohne medizinische Versorgung; einge hatten noch eine Woche nach dem Protest Kugeln in ihren Körpern.

Am 18. August wurden die Bewohner zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen, in der die Behörden als „wahren“ Grund der Verhaftung von Dema Wangdak angaben, er habe öffentliche Gelder unterschlagen. Da kaum jemand an der Versammlung teilnahm, wurde einen Tag später noch eine weitere Versammlung anberaumt, über deren Verlauf aber nichts bekannt ist.

Geheimer Polizeibericht belegt tödliche Schüsse bei den Unruhen von 2008
TCHRD präsentiert einen geheimen Polizeibericht aus Lhasa, der belegt, dass Tibeter während der Unruhen vom März 2008 in Lhasa durch Gewehrfeuer umkamen. Das vom 21. März 2008 datierte Dokument wurde von Forensikern des Büros für Öffentliche Sicherheit (PSB) verfasst und kürzlich ins Exil geschmuggelt.

Der Bericht handelt von insgesamt 26 toten Personen, darunter ausführliche Obduktionsberichte von vier Tibetern. Die meisten von ihnen starben am 14. März 2008, kurz nach Beginn der Unruhen. Insgesamt 15 Personen starben laut dem Bericht an Schussverletzungen. Die obduzierten Tibeter wiesen bis zu 17 Schussverletzungen auf, die sich am ganzen Körper befanden, und legen damit den Verdacht nahe, dass wahllos mit Maschinengewehren gefeuert wurde.

Dieser Bericht straft öffentliche Stellungnahmen Lügen. Am 17. März 2008 hatte der damalige Gouverneur von Tibet, Jampa Phuntsok, während einer Pressekonferenz gesagt, die Sicherheitskräfte „...haben keine tödlichen Waffen verwendet. Sie haben nie auf Protestierende geschossen.“

Auch weitere öffentliche Stellungnahmen scheinen Lügen zu enthalten. Am 1. April 2008 gab PSB die Namen von sechs unbeteiligten Tibetern bekannt, die angeblich durch Plünderer getötet wurden. Nun tauchen zwei dieser Namen im Obduktionsbericht auf – mit Schussverletzungen als Todesursache.

Schliesslich scheinen die Behörden auch die wahre Zahl der Todesopfer während der Proteste zu verheimlichen. Pema Thinley, Vize-Parteisekretär in China, erklärte 2008 bei einer Pressekonferenz in Hongkong, abgesehen von den Opfern von Plünderungen seien lediglich drei „Kriminelle“ ums Leben gekommen, und zwar auf der Flucht durch Sprünge von Hausdächern. Im jetzt publizierten Bericht tragen die Obduzierten die Nummern 92, 93, 94 und 101. Da anzunehmen ist, dass die Todesopfer in aufsteigender Reihe nummeriert wurden, dürfte die Zahl der Getöteten mindestens bei 101 liegen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA

 

18. August 2014
Behörden publizieren neue Verordnungen in Driru
Im Bezirk Driru, in dem sich mehrere Selbstverbrennungen ereignet hatten, haben die Behörden einen ganzen Katalog von Verordnungen erlassen, der zahlreiche Tatbestände unter Strafe stellt. Die Verordnungen sind in einem Handbuch in vier Kapiteln und 26 Artikel aufgeführt, das Ende Juli veröffentlicht wurde.

Tibeter dürfen nicht am jährlich stattfindenden Grossen Gebetsfest (Monlam Chenmo) teilnehmen, keine „Gerüchte verbreiten“, Mönche und Nonnen nicht in Klösern und Instituten ausserhalb des Bezirks studieren, und alle müssen zur „Harmonie und Stabilität“ beitragen. Strafen werden angedroht für solche, die „zu Separatismus anstacheln“, Informationen an Ausländer weitergeben, öffentliche Diskussionen und Vorträge organisieren, Lieder für den Dalai Lama singen oder seine Lehren weiter verbreiten. Die Verordnung droht auch Familienmitgliedern der „Täter“ Haft an.

Ebenfalls im Monat Juli war der angesehene buddhistische Gelehrte Tenzin Lhundup festgenommen worden, während er einen Vortrag über „die Situation der tibetischen Sprache und Nationalität“ hielt. Driru war bereits früher Schauplatz heftiger Unruhen, nachdem sich die Bewohner den auferlegten Loyalitätsbekundungen für China verweigert hatten und es zu zahlreichen Verhaftungen kam [vergl. Tibet-Informationen vom 9. Oktober, 11. November 2013 und 7. Januar 2014; UM].

Tibeter wegen Protesten gegen tödlichen Verkehrsunfall misshandelt
Am 23. Juli kam es im Bezirk Dharlak im Norden Tibets zu einem tödlichen Verkehrsunfall, als ein chinesischer Lastwagenfahrer einen tibetischen Motorradfahrer überfuhr und tötete. Die Verwandten des Opfers mit Namen Sobey gaben an, der Lastwagenfahrer sei verhaftet und zu einer Entschädigung von umgerechnet etwa Fr. 60‘000 an die Familie verurteilt worden.

Kurz darauf wurde der Fahrer aber wieder freigelassen, nachdem er nur ein Achtel der Summe bezahlt hatte. Darauf marschierten zahlreiche Einwohner von Dharlak zur Polizeistation, um die Polizisten zur Rede zu stellen. Die von der Wache zur Hilfe herbeigerufene Bewaffnete Volkspolizei (PAP) schlug auf die Tibeter ein und verletzte mehrere von ihnen, darunter auch Freunde und Angehörige des Opfers, und nahm 40 Personen fest. Acht Tibeter sind noch immer in Haft und nach Angaben von Anghehörigen, die sie besuchen durften, schwer misshandelt worden.

10 protestierende Tibeter durch Schüsse verletzt
Am 12. August eröffnete die Polizei das Feuer auf eine Gruppe von etwa 100 Tibetern, die gegen die Verhaftung ihres Dorfvorstehers protestierten. Der Vorfall ereignete sich in Denma im Bezirk Sershul in der osttibetischen Präfektur Kardze. Über die Gründe der Verhaftung des Tibeters mit Namen Wangdak gibt es je nach Quelle unterschiedliche Angaben.

Phayul gibt an, Wangdak habe sich für die Mädchen einer Tanzgruppe eingesetzt, die von chinesischen Offiziellen nach einer Aufführung belästigt worden seien. TCHRD erwähnt, die Offiziellen hätten die Mädchen gezwungen, anlässlich des Besuches eines hohen Offiziellen einen Willkommenstanz aufzuführen. Laut TCHRD sei der Hauptgrund der Verhaftung Wangdaks aber gewesen, dass er gegen die behördliche Absage des jährlich stattfindenen Festivals mit Reiterspielen protestiert hatte.

Durch die Schüsse in die protestierende Menge wurden 10 Tibeter, darunter Wangdaks Sohn und Bruder, verletzt. Am Abend sei eine unbekannte Zahl Dorfbewohner verhaftet worden. Am Tag danach umringten Sicherheitskräfte das Dorf, jedoch sei es einer Anzahl jüngerer Tibeter gelungen, in die umliegenden Berge zu flüchten.

Fotos des Dalai Lama bei Reiterfestival
Bei einem ebenfalls in der Präfektur Kardze stattfindenden Festival mit Reiterspielen konnte hingegen ein Foto des Dalai Lama öffentlich ausgestellt werden, und die Zuschauer wurden sogar aufgefordert, vor dem Portrait zu beten. Ein von Radio Free Asia veröfffentlichtes und auf den 27. Juli datiertes Foto zeigt den Festzug im Bezirk Bathang, auf dem das Portrait des Dalai Lama zu sehen ist, das von geschmückten Pferden getragen wird.

Die Organisatoren trotzten damit allen Restriktionen und ermunterten die Besucher, das Foto anzusehen und mit weissen Schärpen zu schmücken. Viele Tibeter hätten Gebete für ein langes Leben des Dalai Lama verrichtet. Die Behörden schritten offenbar nicht dagegen ein

Quellen: Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia

 

23. Juli 2014
Trotz Restriktionen: überall in Tibet Geburtstagsfeiern für den Dalai Lama
ICT hat Berichte, Videos und Fotografien aus allen Teilen Tibets zusammengestellt, die zeigen, dass überall in Tibet trotz scharfer Restriktionen am 6. Juli der 79. Geburtstag des Dalai Lama gefeiert wurde.

Ein Video aus Tawu im Osten Tibets zeigt, wie von Klöstern und Häusern Weihrauch aufsteigt und Tibetern mit lauten Rufen den Geburtstag feiern. Noch vor einem Jahr hatten Sicherheitskräfte in die feiernde Menge geschossen und 9 Tibeter schwer verletzt [vergl. Tibet-Information vom 11. Juli 2013; UM]. Auch in zahlreichen anderen Regionen feierten Tibeter den Geburtstag bei Picknicks, stellten Dalai-Lama-Bilder auf, entzündeten Weihrauchfeuer und boten Opfergaben. Mönche des Labrang-Klosters im Nordosten Tibets zelebrierten auf den Weiden unterhalb des Klosters ein Langlebensgebet. Auf Internetplattformen wurden eigens für den Dalai Lama komponierte Lieder und Gedichte publiziert.

In Lhasa dagegen wurden deutlich mehr Sicherheitskräfte als üblich an „sensitiven“ Punkten wie der Altstadt und dem Norbulingka, dem Sommerpalast der Dalai Lamas, postiert. In von Tibetern bewohnten Gebieten der Provinz Sichuan waren öffentliche Zusammenkünfte von mehr als drei Familien verboten, Sicherheitskräfte wurden auf Märkten stationiert, und das populäre soziale Netzwerk WeChat ausgeschaltet.

Fotos der Feieren und Übersetzungen von Liedern und Gedichten sind zu finden auf http://www.savetibet.org/tibetans-celebrate-dalai-lama-birthday-in-tibet-despite-intensified-surveillance-and-military-presence/.

Protest gegen gefälschte Twitter-Accounts
Die Free Tibet Campaign hat einen Protestbrief an Twitter-CEO Dick Costolo verfasst, in dem sie gegen aus China gefälschte Twitter-Accounts protestiert und Twitter auffordert, gegen diese vorzugehen. Nach Recherchen von Free Tibet Campaign und New York Times wurden etwa 100 aus China manipulierte Accounts identifiziert, die verfälschende Nachrichten über Tibet verbreiten und den Dalai Lama verunglimpfen. Dazu gibt es Verdachtsfälle auf „hunderte“ weitere gefälschte Accounts.

Die Urheber der gefälschten Accounts bedienen sich dabei meist erfundener westlicher Namen kombiniert mit Profilfotos und –beschreibungen realer Personen, Firmen oder Organisationen, die davon nichts ahnen. So wurden bei der Recherche Fotos von Schulkindern gefunden, die den Webseiten von Fotostudios entnommen wurden, sowie Fotos von Webseiten prominenter Persönlichkeiten und Models. Twitter-Profile wurden entwendet unter anderem von einem Sportjournalisten, einem schottischen Choreografen und einem Möbelgeschäft.

Dazu „streuen“ die Urheber der gefälschten Accounts auch den Begriff „#Tibet“ in andere Tweets, die gar nicht von Tibet handeln, um so die Online-Suche nach pro-tibetischen Mitteilungen zu erschweren.

Aufwändige Renovation der Geburtshäuser von Dalai Lamas
ICT hat einen ausführlichen Bericht über aufwändige Renovationen der Geburtshäuser der Dalai Lamas publiziert. Darin wird die These aufgestellt, dass die kostspieligen Renovationen der Häuser, die ironischerweise unter chinesischer Regie während der Kulturrevolution zerstört wurden, vor allem propagandistischen Zwecken dient. So wolle die chinesische Regierung zeigen, dass sie das „kulturelle Erbe“ bewahrt, und konterkariert damit den Vorwurf des Dalai Lama nach „kulturellem Genozid“. Verbunden damit ist auch eine dramatische Urbanisierung der Region um das Geburtshaus des 14. Dalai Lama im Norden Tibets mit dem Ziel, die Infrastruktur der Region für den Abbau von Bodenschätzen zu verbessern und „Hightech“-Industrie anzusiedeln.

Die Renovationen umfassen nicht nur den Geburtsort des jetzigen Dalai Lama, sondern auch seiner Vorgänger. Besonders delikat ist der Geburtsort des 6. Dalai Lama in der zwischen China und Indien umstrittenen Grenzregion Tawang. Laut offiziellen chinesischen Medien soll dieser Ort durch die Renovationen „zurückgewonnen“ werden, wobei offenbar gemeint ist, dass die Renovation den Gebietsanspruch Chinas untermauert.

China steht hier in dem Dilemma, sich auf der einen Seite als „Bewahrer der Kultur“ darzustellen, um so Einfluss auf die Identifikation des 15. Dalai Lama zu gewinnen, andererseits es aber zu vermeiden, dass diese Orte zu viele Pilger anziehen und sie zu Identifikationsorten einer tibetischen Bewegung werden. So kann es vorkommen, dass zu „sensitiven“ Daten der Besuch der Geburtsorte der Dalai Lamas nicht erlaubt wird und auch die Wegbeschreibungen relativ spärlich und ungenau sind. ICT fand mehrere Blogs von Ausländern und auch Chinesen, die Mühe hatten, die Orte zu finden und zu „sensitiven“ Zeiten wie etwa nach den Unruhen im Jahre 2008 vom Personal unwirsch aus den Gebäuden komplimentiert wurden.

Der detaillierte Bericht mit Fotos kann auch heruntergeladen werden auf http://www.savetibet.org/chinese-policy-and-the-dalai-lamas-birthplaces/.

Quellen: International Campaign for Tibet ICT; Free Tibet Campaign/New York Times

 

18. Juli 2014
Junger Mönch erhängt sich aus Protest
Am 9. Juli hat sich der 24-jährige Mönch Thabke aus dem Kloster Labrang im Nordosten Tibets erhängt. Er wurde an einem Baum unmittelbar ausserhalb des Klosters gefunden. Thabke hatte laut Informanten von Phayul vorher engen Freunden anvertraut, dass er sich aus Protest gegen die Restriktionen im Klosteralltag das Leben nehmen wolle.

Besonders habe er die Obergrenze von 999 Mönchen kritisiert, die von China in dem 1709 gegründeten Kloster verhängt wurde. Die Zahl der Mönche betrug vor der chinesischen Besetzung bis zu 4000. Thabke erwähnte Freunden gegenüber auch, dass er darunter leide, dass die Behörden in das buddhistische Curriculum eingriffen und selbst das Aufstellen von Fotos verehrter Lehrer verbieten.

Protest gegen Kupfermine gewaltsam beendet
Wiederum protestierten Tibeter gegen den Abbau von Bodenschätzen, und auch dieser Protest wurde von Sicherheitskräften gewaltsam beendet. Eine Gruppe von tibetischen Frauen hatte sich am 30. Juni in der Präfektur Dechen eingefunden, um gegen eine Kupfermine zu protestieren, die ihrer Meinung nach mit gefälschten Bewilligungen arbeitet.

Sie warfen dem Betreiber, der chinesischen Firma Huicheng, vor, die Landschaft zu verwüsten und grosse Mengen Abraum direkt an ihrem Dorf aufzuschichten. Ausserdem würden die Arbeiten den ihnen heiligen Berg Ganglha berühren. Nachdem wiederholte Appelle an die Behörden erfolglos geblieben waren, protestierten die Frauen direkt auf dem Gelände der Mine. Herbeigerufene Sicherheitskräfte beendeten den Protest mit Schlägen, wobei zwei Frauen nach Angaben von Informanten erheblich verletzt wurden.

Mehrere Männer, die sich später dem Protest anschlossen, wurden verhaftet. Die Sicherheitskräfte hätten den Protestierenden gesagt, sie hätten Order, nötigenfalls auch tödliche Schüsse abzugeben. Unterdessen hat Huicheng bekräftigt, trotz der Proteste alle Arbeiten weiterzuführen. Nachdem weitere Kupfervorkommen in der Region entdeckt wurden, sind bereits Strassen zur Erschliessung im Bau.

Polizei verprügelt Tibeter an Kontrollpunkt
Mehrere Tibeter wurden an einem Kontrollpunkt im Bezirk Dzoege im Osten Tibets von Polizisten verprügelt. Der Konflikt entzündete sich, als einem Lastwagenfahrer, der Baumaterial für eine Klosterrenovation geladen hatte, am Kontrollpunkt die Weiterfahrt verweigert wurde. Er wurde auch nicht durchgelassen, nachdem er gültige Passierscheine zeigte. Darauf wollten ihm zwei Dorfvorsteher eines nahe gelegenen Dorfes und weitere Tibeter helfen und bestanden gegenüber der Polizei auf seinem Recht zur Durchfahrt.

Plötzlich seien weitere Polizisten erschienen, die auf die Tibeter einschlugen. Mehrere Tibeter wurden so schwer verletzt, dass sie in ein Spital eingewiesen wurden. Einer der beiden Dorfvorsteher, ein 65-jähriger Mann, wurde so schwer verletzt, dass er in das Spital der Provinzhauptstadt von Sichuan, Chengdu, gebracht werden musste.

Quellen: Phayul, Radio Free Asia RFA

 

30. Juni 2014
Tibetischer Regierungsangestellter erschossen
Am 14. Juni wurde ein tibetischer Regierungsangestellter, dessen Name in den chinesischen Medien mit Zhang Wei angegeben wird, erschossen. Dieser war auf dem Rückweg von einer Reise aus der osttibetischen Präfektur Kardze, wo er Sammeln und Verkauf des Raupenkeulenpilzes kontrolliert hatte. Dieser parasitische Pilz mit dem wissenschaftlichen Namen Cordyceps siniensis ist wegen seiner angeblichen medizinischen Wirkungen begehrt und erzielt auf dem Mark sehr hohe Preise, derzeit etwa umgerechnet Fr. 30‘000 – 35‘000 pro Pfund. Schon in den vergangenen Jahren war es immer wieder zu Streitigkeiten gekommen, weil sich verschiedene Gruppen um die besten Sammelgebiete einen harten Konkurrenzkampf liefern [vergl. Tibet-Information vom 9. Mai 2012; UM]. Das Sammeln des Raupenkeulenpilzes ist gerade für verarmte, sesshaft gemachte Nomaden oft die einzige Einkommensquelle. In diesem Jahr zeichnet sich ab, dass die Ernte besonders gering ausfällt. Im vergangenen Jahr gab es wegen Streigkeiten um die Pilze zwei Tote und vier Verletzte. Auch der Dalai Lama rief aus dem Exil zur Zurückhaltung auf. Die Regierung entsandte Kontrolleure in die Sammelgebiete.

Laut chinesischen Medien sei der Mord an dem Regierungsangestellten ein geplanter Racheakt gewesen, und ein Tibeter werde als Tatverdächtiger gesucht.

Wiederum Streit wegen Ausbeutung von Bodenschätzen
In Tongbar in der osttibetischen Präfektur Chamdo haben sich die Befürchtungen der Bewohner bestätigt, dass hier in grossem Stil nach Gold geschürft werden soll. Noch im März d.J. war den Bewohnern erklärt worden, dass die Erdarbeiten einem Dammbau dienten. Aus Protest gegen die Arbeiten hatte sich Anfang Mai ein Tibeter durch den Sprung von einem Hausdach das Leben genommen [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2014; UM]. Im Nachgang zu den Protesten hatten Sicherheitskräfte 60 Tibeter verhaftet, die noch immer nicht freigelassen sind. Jetzt würden nach Angaben von Informanten von RFA die Arbeiten noch beschleunigt: eine Brücke über den Salween sei fast fertig gebaut, Stollen würden getrieben, und die Häuser der Tibeter würden durch unterirdische Sprengungen beschädigt.

Im Bezirk Chabcha im Nordosten Tibets wurden am 7. Juni insgesamt 27 Tibeter verhaftet, die gegen den Abbau von Marmor nahe ihrem Dorf protestieren. Angeblich sei die 1989 erteilte Genehmigung dazu schon im Mai abgelaufen, aber die Betreibergesellschaft hätte dieses ignoriert. Inzwischen nähern sich die Arbeiten einem Friedhof und einem religiösen Ort, an dem die Bewohner zu den lokalen Gottheiten beten, Opfergaben darbringen und Weihrauch verbrennen. Von den festgenommen 27 Bewohnern wurden 4 freigelassen; einigen sei in der Haft der Kopf kahlgeschoren worden.

US-Gesetzesentwurf für Einreisebeschränkungen gegen chinesische Politiker
Die beiden US-Kongressabgeordneten Jim McGovern (Demokraten) und Joseph Pitts (Republikaner) haben einen Gesetzesentwurf eingebracht, der chinesischen Politikern die Einreise in die USA verweigern soll, wenn diese an Einreiserestriktionen für US-Diplomaten nach Tibet beteiligt sind. Beide Abgeordnete beklagen sich darüber, dass allein in den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 10 Anfragen für die Einreise von diplomatischem Personal nach Tibet abgelehnt wurden. Die US-Diplomaten wollten sich ein unabhängiges Bild von der Menschenrechtslage verschaffen. Das Aussenministerium wird in dem Gesetzesentwurf aufgefordert, eine Namensliste von denjenigen chinesischen Politikern anzufertigen, die entscheidend an diesen Ablehnungen beteiligt sind. Sobald sie mehr Reisegesuche nach Tibet als in andere Regionen Chinas ablehenen, würden sie umgekehrt mit Einreiseverbot in die USA belegt.

Quellen: Radio Free Asia RFA; International Campaign for Tibet ICT

 

6. Juni 2014
4 Jahre nach dem Erdbeben von Yushu: „Profitiert haben die Mächtigen und Gierigen“
Ein Reporter der New York Times konnte die Präfektur Yushu besuchen, die vor 4 Jahren von einem Erdbeben der Stärke 7.1 heimgesucht worden war. Die Zahl der Todesopfer wird auf über 3‘000 geschätzt, und mehr als 100‘000 Bewohner, zu 97% Tibeter, wurden obdachlos. Der Eindruck von dem Wiederaufbau fällt zwiespältig aus.

Auf der einen Seite hat die Zentralregierung in Beijing umgerechnet fast 7 Milliarden Franken für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt, so dass neue Häuser, Schulen, Regierungsgebäude, mehrere Museen und sogar ein Zentrum für Darstellende Künste entstanden. Auf der anderen Seite beklagen sich die Tibeter, dass die Gelder nur denjenigen mit „guten Verbindungen“ zugute kamen und die ohnehin grassierende Korruption noch verstärkt hätten. Mitglieder der Kommunistischen Partei und Regierungskader lebten nun in grossen Apartments, während tibetische Familien sich manchmal zu zwölft eine aus Fertigteilen zusammengesetzte Dreizimmer-Wohnung teilen müssen. Die Mönche des Jiegu-Klosters leben nach wie vor in Zelten, nachdem der Bautrupp im letzten September schlagartig die Baustelle für neue Behausungen verliess, als das Geld ausging.

Auch Han-Chinesen beklagen sich über Fehlplanungen wie fehlende öffentliche Toiletten, die bei der Planung vergessen wurden, Unterbrüche in der Stromversorgung und exorbitante Mieten. Viele chinesische Migranten wurden für den Wiederaufbau aus den Nachbarprovinzen angelockt, sind jetzt aber mittellos, weil die versprochenen Zuschüsse ausblieben.

Im April waren laut einem Informanten von Radio Free Asia mehrere tibetische Ziegeleien von den Behörden zerstört worden. Die Betroffenen behaupten, dass die Betreiber von han-chinesischen Ziegeleien die Behörden bestochen haben, um damit unliebsame Konkurrenz bei Aufträgen für den Wiederaufbau auszuschalten.

Geplant war, Yushu nach dem Erdbeben von einem Handelsplatz für tibetische Nomaden zu einem Tourismuszentrum umzugestalten, jedoch blieben die Touristen bis jetzt aus. Keines der neu gebauten Museen hat bis jetzt geöffnet.

Unmittelbar nach dem Erdbeben hatten in der sehr entlegenen Stadt zunächst Mönche mit den Rettungsarbeiten begonnen und zum Teil mit blossen Händen in den Trümmern nach Lebenden gesucht. Nachdem offiziell entsandte Rettungstrupps eintrafen, wurden die Mönche davongejagt, weil sich das nicht mit dem offiziellen Bild der „faulen“ und auf Kosten der Allgemeinheit lebenden Mönche vertrug [vergl. Tibet-Information vom 23. April 2010; UM]. Die Rettungstrupps posierten dann vor laufenden Fernsehkameras und zogen, nicht selten höhenkrank, gleich wieder ab [vergl. Tibet-Information vom 4. Mai 2010; UM]. Später protestierten Tibeter gegen Zwangsenteignungen von Land und Häusern an attraktiven Lagen, weil diese Platz machen sollten für den Bau von Regierungsgebäuden, Hotels und Shopping Malls [vergl. Tibet-Information vom 13. April 2011; UM].

Religiöse Aktivitäten im heiligen Monat eingeschränkt
Die Behörden haben im für Buddhisten heiligen Monat, dem vierten Monat des tibetischen Mondkalenders, das Reisen für religiöse Aktivitäten stark eingeschränkt. Am 15. Tag dieses Monats, der auf den 15. Juni fällt, wird das Saka Dawa Fest begangen, das an Geburt, Erleuchtung und Eingang Buddhas in das Nirwana erinnert.

Die Region um den heiligen Berg Kailash in Westtibet ist für Touristen und Pilger gesperrt. Regierungskadern wurde befohlen, von April bis September keinen Urlaub zu nehmen, ansonsten könnten sie ihre Arbeit verlieren. Tibeter, die zur Kalachakra-Zeremonie, die am 4. Juli im indischen Ladakh vom Dalai Lama durchgeführt wird, reisen wollen, erhielten eine Warnung, dass ihnen ihre Wohnsitzregistrierung entzogen würde.

Quellen: New York Times; Radio Free Asia

 

3. Juni 2014
Behörden besorgt über privaten Sprach- und Religionsunterricht
Im osttibetischen Bezirk Kardze haben die Behörden angeordnet, dass lokale Kader eine private Initiative genau beobachten, die mit Erfolg Unterricht in tibetischer Sprache und Religion anbietet. Aus dem indischen Exil in das Kloster von Kardze zurück gekehrte Mönche hatten ein Programm gestartet, das diesen Unterricht anbietet und mittlerweile unter den Tibetern sehr populär ist. Der Unterricht wird von Mönchen und Nonnen auf freiwilliger Basis erteilt.

Kürzlich wurden die Dorfvorsteher zu einer Beprechung gerufen, in der die Bezirksregierung sie dazu drängte, diese Zusammenkünfte genau zu beobachten und die Bevölkerung möglichst von einer Teilnahme abzuhalten, weil sie „zu rentinten Akten und Problemen“ führen könnten.

Interventionen dieser Art gegen Initiativen, die die tibetische Sprache und Religion erhalten wollen, sind nicht neu. Erst im April war eine Schule für tibetische Mönche im nordtibetischen Bezirk Golog geschlossen worden [vergl. Tibet-Information vom 18 April 2014; UM]. Im gleichen Monat verboten die Behörden einen Sprachwettbewerb in Sichuan, der anlässlich des UNESCO-Tages der Muttersprache abgehalten werden sollte. Der Wettbewerb, bei dem reines Tibetisch ohne chinesische Zusätze gesprochen werden sollte, könnte „zu Opposition“ gegen die Regierung führen.

Schule für Nomadenkinder soll geschlossen werden
In der Präfektur Golog im Osten Tibets soll eine Schule für tibetische Nomadenkinder geschlossen werden, weil sie Plänen zur Sesshaftmachung der Nomaden im Weg steht. Die 1970 in der Stadt Tsokyareng gegründete Schule unterrichtet zurzeit etwa 50 Kinder von Nomaden in den ersten vier Schuljahren und ist die einzige weit und breit.

Am 20. Mai wurden Tibeter zu einer Sitzung nach Tsokyareng einberufen, in der sie von Regierungskadern über die baldige Schliessung informiert wurden. Wenn die Schule einmal geschlossen sei, würde es weniger Widerstand gegen die Umsiedlung der Nomaden geben, so die Begründung.

Tibeter zu Teilnahme an Feuerwehrübungen gegen Selbstverbrennungen gezwungen
Im Bezirk Kardze, Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen, haben die Behörden am 26. Mai Feuerwehreinsätze gegen Selbstverbrennungen geübt und dazu tibetische Regierungsangestellte zur Teilnahme gezwungen. Die Tibeter mussten teilweise Protestierende mimen, die mit Bannern versehen auf chinesische Sicherheitskräfte zustürmen. Auch wurde das Löschen einer brennenden Puppe geübt.

Fotos der Übungen sind bei Phayul publiziert: http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=34921&article=Drill+against+self+immolation+protests+in+Kardze&t=1&c=1

Ein Informant teilte Phayul mit, dass die Tibeter mit der Drohung zur Teilnahme gezwungen, dass andernfalls ihre Familienmitglieder zum Verhör einbestellt warden.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul

 

26. Mai 2014
Mutige Einzelproteste von Tibetern
Im April kam es zweimal zu Protestaktionen einzelner Tibeter.

Am 8. April lief ein junger Tibeter, dessen Name nicht bekannt ist, durch die Strassen von Manikengo in der Präfektur Kardze im Osten Tibets. Er verstreute Gebetsfahnen auf der Strasse und rief „Lang lebe Seine Heiligkeit der Dalai Lama“. Auf dem kurzen Video (siehe: http://freetibet.org/news-media/na/footage-lone-protester) ist auch zu hören, wie die Passanten seine Aktion mit Worten wie „Mögen die Götter siegen“ oder „Was für ein mutiger junger Mann“ begleiten. Der unbekannte Tibeter wurde von der Polizei verhaftet; weiteres ist nicht bekannt.

Ausgerechnet im schwer bewachten Bezirk Ngaba, Schauplatz der grössten Zahl von Selbstverbrennungen, lief der 19-jährige Mönch Lobsang Tenpa aus dem Kloster Kirti am 26. April mit einem Portrait des Dalai Lama und einer um die Stirn gewickelten selbstgefertigten tibetischen Fahne durch eine Strasse. Er rannte auf das Gebäude der Bezirksverwaltung zu und rief Protestparolen gegen die chinesische Herrschaft, bevor er festgenommen wurde. Ein kurzes Video seiner Aktion ist zu sehen unter http://freetibet.org/news-media/na/dalai-lama-and-tibetan-flag-protest-monk?utm_source=General+signups&utm_campaign=04d04ca65a-May_Newsletter5_20_2014&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-04d04ca65a-49802621.

Seine Mönchszelle im Kloster Kirti wurde danach durchsucht. Es haben sich bereits mehrere Mönche aus dem Kloster Kirti selbst verbrannt; seitdem steht das Kloster unter scharfer Bewachung.

Tibeter müssen sich zur Loyalität verpflichten
In der Präfektur Golog im Osten Tibets müssen sich Tibeter neuerdings schriftlich zur Loyalität gegenüber dem Staat verpflichten. Gemäss einem Regierungsdokument vom 13. Mai, das laut Informanten von Radio Free Asia speziell auf Klöster im Bezirk Pema abzielt, werden dort alle Mönche zur Unterschrift einer entsprechenenden Verpflichtungserklärung gezwungen. Damit erklären sie ihre Loyalität zur Kommunistischen Partei und verpflichten sich, an keinerlei Protestaktionen teilzunehmen oder diese zu unterstützen.

Es wird sogar verlangt, dass die Tibeter beim Unterzeichnen mit ihrem Gesichtsausdruck bezugen, dass sie die Regeln ernsthaft befolgen wollen. Wer sich der Unterschrift verweigert, verliert die Wohnberechtigung für den Heimatort und erhält keine neuen Identitätsdokumente ausgestellt. Mönche dürfen für 4 Jahre die Region nicht verlassen. Weiterhin erklären sich die Unterzeichner unter Androhung von Strafen bei Zuwiderhandeln damit einverstanden, dass sie ihre Mobiltelefone und das Internet nicht für Kontakte ausserhalb der Region verwenden und keine ausländischen Sender empfangen.

Im April hatten die Behörden im Bezirk Pema eine private tibetische Schule geschlossen. Die Schule mit dem Namen „Schule für Liebe und Selbstlosigkeit“ war ordinierten Mönchen des nahe gelegenen Klosters Dunda vorbehalten und wurde durch die Mönchsgemeinschaft auf eigene Kosten betrieben [vergl. Tibet-Information vom 18. April 2014; UM]. Im Dezember wurden nach der Selbstverbrennung von Tsering Gyal [vergl. Tibet-Information vom 12. November 2013; UM] zwei Mönche bei einer nächtlichen Razzia in Pema verhaftet und eine Regierungsmitarbeiterin schwer misshandelt, weil bei ihr ein Foto von Tsering Gyal auf dem Mobiltelefon gefunden wurde.

Quellen: Radio Free Asia RFA

 

22. Mai 2014
Proteste gegen Minenarbeiten gewaltsam niedergeschlagen
Im osttibetischen Chamdo wurden in zwei verschiedenen Ortschaften Proteste von Tibetern gegen Minenarbeiten gewaltsam niedergeschlagen.

In der Ortschaft Lathok wurden bereits im März zahlreiche Tibeter misshandelt und gefangen genommen, jedoch erreichten aufgrund der blockierten Kommunikationswege die Nachrichten erst jetzt RFA. In Lathok erschienen bereits vor 8 Jahren chinesische Kader zur Exploration von Eisenerz-Vorkommen und versuchten, die Tibeter mit dem Versprechen von „Kompensationen“ auf ihre Seite zu bringen. Diese widersetzten sich jedoch den Versuchen. In den vergangenen Monaten wurden die Strassen zu den Minen fertiggestellt, während Offizielle bei Widerstand mit „drastischen Strafen“ drohten. Im März entschlossen sich die Bewohner von Lathok, eine Petition an die Zentralregierung in Beijing zu richten. Gleichlautende Petitionen wurden auch an die Regierungen der „Autonomen Region Tibet“ und die Lokalregierung in Chamdo gerichtet. Nur wenige Tage später wurden 30 Tibeter verhaftet, die als Anführer des Protests identifiziert wurden. Alle seien in der Haft misshandelt worden, am schlimmsten die beiden Unterzeichner der Petition an die Zentralregierung, die über 20 Tage nur minimale Mengen an Nahrung in der Haft erhielten. Ausserdem wurden 500 Soldaten in die Region verlegt, die alle Aktivitäten der Bewohner eng kontrollieren.

In der benachbarten Ortschaft Tongbar, wo sich am 7. Mai der 32-jährige Phakpa Gyaltsen durch einen Sprung von einem Gebäude das Leben genommen hatte [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2014; UM], halten unterdessen trotz Repressionen und Drohungen die Proteste gegen Minenarbeiten an. Ein weiterer Tibeter habe sich aus Protest Stichwunden zugefügt und wird im Spital behandelt. Sowohl das Spital als auch die Ortschaft selbst werden von paramilitärischen Kräften engmaschig überwacht. Telefongespräche würden abgehört, sofern die Kommunikationsleitungen nicht unterbrochen sind, und Tibetern werden „ernste Konsequenzen“ angedroht, wenn sie Nachrichten über die Proteste nach aussen tragen.

China verschärft Kontrolle über tibetische Klöster
Die chinesische Regierung hat in einem bedeutenden Kloster im Osten Tibets das komplette Verwaltungskommittee ausgewechselt. Diese Kommittees, die die weltliche Administration der Klöster zur Aufgabe haben, hatten schon immer nur begrenzte Bewegungsfreiheit, wurden aber jeweils lokal im Kloster gewählt. Dieser direkte Eingriff in die semi-autonome Verwaltung der tibetischen Klöster ist der erste seit mehreren Jahren.

Das Verwaltungskommittee des Klosters Nyatso Zilkar wurde am 10. Mai zu einer Sitzung nach Dzatoe bestellt, das in den Jahren 2012 und 2013 Schauplatz einer Selbstverbrennung und Protesten gegen Minenarbeiten war [vergl. Tibet-Informationen vom 17. Oktober 2012 und 26. August 2013; UM]. Man warf dem Kommittee vor, in diese „separatistischen Proteste“ verwickelt zu sein und drängte alle Mitglieder zum Rücktritt. Danach wurde eine Liste mit zuerst 32 Kandidaten erstellt, die später auf 28 und dann auf 9 Personen, sowohl Mönche als auch Laien, reduziert wurde. Diese 9 Personen wurden schliesslich gewählt, ohne dass das Kloster selbst mitbestimmen konnte. Ein Dorfvorsteher, der gegen 2 Kandidaten protestierte, wurde für 2 Tage festgenommen.

Auch benachbarte Klöster im gleichen Bezirk kommen nun verstärkt unter Druck, und Tibeter befürchten, dass die Auswechselung des Kommittees als Vorbild für weitere Aktionen dienen könnte.

Quellen: Radio Free Asia RFA

 

13. Mai 2014
Tibeter stürzt sich aus Protest zu Tode
Aus Protest gegen Minenarbeiten hat sich am 7. Mai der 32-jährige Phakpa Gyaltsen durch einen Sprung von einem Gebäude das Leben genommen. Bevor er sich vom Dach eines Gebäudes in Dzogang in der osttibetischen Präfektur Chamdo stürzte, stach er noch zweimal mit dem Messer auf sich ein.

Ein Informant von RFA gab an, er habe vor seiner Tat gegenüber Freunden bemerkt, er würde „etwas“ aus Protest gegen die Minenarbeiten in der Region unternehmen. Nachdem er das Dach des Gebäudes betreten hatte, rief er Parolen für die Freiheit Tibets. Versuche, ihn am Sturz zu hindern, waren erfolglos; er sei nach dem Sturz sofort tot gewesen.

Zwei Monate zuvor hatten am nahe gelegenen See Madok Tso Arbeiten begonnen, die nach regierungsoffiziellen Angaben einem Dammbau dienten. Die Tibeter misstrauten jedoch diesen Angaben und waren der Überzeugung, dass dort Bodenschätze abgebaut werden sollen. Sie organisierten rund um die Uhr im Schichtbetrieb Wachen, die die Arbeiten genau beobachteten. Einige der Beobachter wurden festgenommen, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen. Die Behörden boten den lokalen Bewohnern erfolglos je Yuan 10‘000 (ca. Fr. 1‘400) als „Kompensation“ an, wenn sie die Proteste unterliessen.

Seit der Tat sind alle Kommunikationwege nach Dzogang unterbrochen. Phakpa Gyaltsen hinterlässt drei kleine Kinder und seine Frau, die gerade ihr viertes Kind erwartet.

China spioniert Studenten im Ausland aus
Laut einem Hintergundartikel der australischen Fairfax Media unterhält China ein komplexes Netzwerk unter chinesischen Auslandsstudenten, das die Aufgabe hat, diese zu überwachen und unliebsame politische Tätigkeiten zu unterbinden. Details sind aus Australien bekannt, jedoch gibt es kaum Zweifel, dass solche Netzwerke auch in anderen Ländern unterhalten werden. Chinesische Offizielle bestätigten gegenüber Fairfax Media diese Aktivitäten, die dazu dienten, Chinas „Kerninteressen“ zu wahren.

Sogenannte „Bildungsberater“ der chinesischen Gesandtschaften in Australien sind bemüht, an allen Universitäten des Landes Studentenvereinigungen für die insgesamt 90‘000 chinesischen Auslandsstudenten, die sich in Australien oft wenig heimisch fühlen, zu gründen und zu unterhalten. Ein nach Australien übergelaufener ehemaliger chinesischer Diplomat gab an, dass diese „Berater“ nicht nur die Anführer der Vereinigungen ernennen, sondern diese auch mit Geldmitteln unterstützen. Die Mitglieder haben dann die Aufgabe, chinesische Staatsgäste in Australien am Flughafen zu begrüssen und unerwünschte Proteste zu unterbinden. Darüber hinaus sollen sie Informationen über Studentengruppen sammeln, die sich mit Falun Gong oder Tibet befassen, und diese infiltrieren.

Eine chinesischsstämmige Dozentin an der Universität in Sydney gab an, sie sei bei einer Reise nach China von den Behörden viermal befragt worden, weil sie zuvor an einem Seminar der Universität von New South Wales kritische Bemerkungen zur Demokratie in China gemacht habe. Ihr sei ein komplettes Dossier über sie sogar mit dem Namen der Informantin vorgehalten worden. In einem anderen Fall wurden die in China lebenden Eltern eines Studenten ermahnt, sie sollten ihren Sohn zur „Mässigung“ anhalten, weil dieser beim Australien-Besuch des Dalai Lama beobachtet wurde.

Angehörige eines Selbstverbrennungsopfers werden belästigt
Die Mutter und der ältere Bruder von Thinley Namgyal, der sich am 15. April selbst verbrannte [vergl. Tibet-Information vom 15. April 2014; UM] sind erheblichen Pressionen durch die Behörden ausgesetzt. Beide wurden wiederholt zu Verhören geladen und bedrängt, sie sollten rein persönliche Gründe für die Tat angeben, was sie jedoch verweigerten. Selbst Geld bot man ihnen an, wenn sie die erwünschte Darstellung weitergäben.

Auch die Nachbarn der Familie sowie die Mönche und der Abt des Gongthal-Klosters, in das der Leichnam für die Totenrituale gebracht worden war, wurden verhört. Einige Mönche des Klosters sind inzwischen untergetaucht. Das Kloster und die Verwandten wurden damals bedrängt, den Leichnam so schnell wie möglich „loszuwerden“. Ein Verwandter, der die Selbstverbrennung fotografierte und die Bilder verbreitete, war zwei Tage lang für Verhöre festgehalten worden.

Tibetische „Aushilfslehrer“ protestieren gegen mangelnde Entlohnung
Am 30. April protestierten in der nordtibetischen Präfektur Malho etwa 160 tibetische Lehrer und Lehrerinnen vor dem Regierungsgebäude gegen diskriminierende Löhne. Sie leiden unter dem Trend, vor allem auf der Primar- und Mittelstufe mehr und mehr „Aushilfskräfte“einzustellen, die mitunter nur ein Sechstel des Lohnes von Festangestellten erhalten. Unter ihnen finden sich überwiegend Tibeter, die von chinesischen Lehrkräften verdrängt werden. Diese erhalten nicht nur höhere Löhne, sondern auch Mietzuschüsse und eine Krankenversicherung.

Immer weniger tibetische Absolventen finden noch eine Arbeit, vor allem, wenn sie nicht die chinesische Sprache beherrschen. Sie müssen dann notgedrungen auf schlecht entlohnte Aushilfsjobs ausweichen. Einer von ihnen klagte, dass sie bei niedrigem Lohn auch noch „wie Sklaven“ behandelt werden.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Fairfax Media

 

18. April 2014
Weitere Selbstverbrennung – insgesamt 131
Am 15. April setzte sich der 31-jährige Thinley Namgyal in Brand und starb kurz darauf. Er setzte sich zur Mittagszeit im Bezirk Tawu in der Region Kardze in Osttibet in Brand. Tibeter brachten seinen Leichnam in das nahe gelegene Kloster Gangthel, später dann zu seiner Familie.

Über Thinley Namgyal ist weiter nichts bekannt, ausser dass er in der Region Kardze bei seinen Eltern lebte. Er ist damit der 131. Tibeter, der sich in Brand setzte.

China sagt Menschenrechtsdialog mit britischer Regierung ab
Die chinesische Regierung hat ein für den 15. April angesetztes Treffen im Rahmen des Menschenrechtsdialogs aus Protest gegen eine angebliche „Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten“ abgesagt. Den Anlass für die Absage lieferte der jährliche Menschenrechtsbericht der britischen Regierung. In diesem wurde China als eines der Länder aufgelistet, in dem die Menschenrechtssituation Anlass zu „Besorgnis“ gebe. Speziell werden die Provinzen Xinjiang und Tibet genannt, wo man zunehmende Einschränkungen der Meinungs-, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit verzeichne.

Ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums beschuldigte die britische Regierung, sie gebe „unverantwortliche Kommentare“ von sich und benutze diese als Vorwand, um sich „in Chinas innere Angelegenheiten einzumischen“. Diese Vorgänge seien den bilateralen Beziehungen nicht förderlich.

Der britische Premierminister Cameron hatte nach seinem China-Besuch im Dezember letzten Jahres die Wiederaufnahme des Menschenrechtsdialogs als wesentlichen Erfolg bezeichnet, nachdem die Beziehungen zu China nach dem Empfang des Dalai Lama bei ihm im Vorjahr stark belastet waren.

Behörden schliessen Schule für tibetische Mönche, weitere Restriktionen
Am 10. April ordneten die lokalen Behörden die Schliessung einer privaten Schule im der Präfektur Golog in Osttibet an. Die Schule mit dem Namen „Schule für Liebe und Selbstlosigkeit“ war ordinierten Mönchen des nahe gelegenen Klosters Dunda vorbehalten und wurde durch die Mönchsgemeinschaft auf eigene Kosten betrieben.

Die ungefähr 70 jungen Mönche sind nun gezwungen, öffentliche Schulen in der Region zu besuchen, wo sie keinen traditionellen tibetischen Unterricht mehr erhalten. Darüber hinaus müssen jetzt die Mönche oder ihre Eltern das Schulgeld aufbringen.

Ebenfalls wurden in dieser Region nach Berichten von RFA „hunderte“ Tibeter verhaftet, weil sie spezielle tibetische Armbänder trugen oder Bilder von religiösen Würdenträgern bei sich hatten, die als loyal zum Dalai Lama gelten. Die Bauern in der Region würden gezwungen, im Rahmen einer Aufforstungskampagne Bäume ausgerechnet auf den Feldern zu pflanzen, die sonst immer für den Ackerbau genutzt wurden.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA

 

14. April 2014
China feiert 7 km tiefes Bohrloch in Tibet
Chinesische Medien feiern das mit 7 km bisher tiefste Bohrloch zur Erkundung von Öl- und Gasvorkommen in Tibet. Professor Li Haibing von der Chinesischen Akademie für Geologische Wissenschaften gab an, dass dieses von ihm geleitete Projekt eine grosse Herausforderung darstellte, weil man nicht nur mit dem Permafrostboden zu kämpfen hatte, sondern auch mit labilen Erdschichten. Dazu hätten die grosse Höhe und der Sauerstoffmangel den Arbeitern zu schaffen gemacht.

Die genaue Position des Bohrloches bleibt geheim. Auch wollte Professor Li nicht die Erdöl- und Gaskonzerne nennen, die sich an der Bohrung beteiligt hatten. Die beiden grössten staatlichen chinesischen Konzerne, CNPC und Sinopec, die schon seit 1995 in Tibet aktiv sind, antworteten nicht auf entsprechende Anfragen der South China Morning Post.

Li kündigte an, dass die Regierung gerade Vorschläge für weitere, bis zu 10 km tiefe Erkundungsbohrungen untersuche, prioritär in Tibet. Allerdings gibt es auch warnende Stimmen. Professor Wei Wenbo von der Chinesischen Universität für Geowissenschaften warnte vor irreversiblen Umweltschäden und forderte, dass kommerzielle Projekte erst nach einer Abschätzung der ökologischen Risiken genehmigt werden dürften.

Angela Merkels Fauxpas mit China-Karte
Das Geschenk, das Bundeskanzlerin Merkel dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping anlässlich seines Staatsbesuches in Deutschland überreichte, hat in China kritische Kommentare ausgelöst. Bundeskanzlerin Merkel schenkte Xi Jinping eine 1735 vom französischen Kartografen Jean-Baptiste Bourguignon d’Anville nach Angaben von Jesuitenpatern, die China bereist hatten, angefertigte Karte. Diese zeigt laut Legende das chinesische Kernland, jedoch ohne Tibet, Xinjiang, die Mongolei und die Mandschurei. Auch werden die Inseln Taiwan und Hainan mit einer anderfarbigen Grenze dargestellt. Jedes Schulkind lernt heute in China, dass alle diese Regionen „seit ältesten Zeiten untrennbare Bestandteile Chinas“ sind.

Entsprechend fielen die Reaktionen der chinesischen Medien aus. Die Zeitung People’s Daily, die sonst minutiös über Xi Jinpings Staatsbesuch berichtete, erwähnte das Geschenk mit keinem Wort. Andere Medien zeigten einen kreativen Umgang mit dem Vorfall: sie präsentierten ihren Lesern als Geschenk eine andere Version, nämlich eine 1844 vom Engländer John Dowell erstellte und vom Londoner Verlagshaus Teesdale & Co. publizierte Karte. Diese zeigt China im Zenit seiner territorialen Ausdehnung, einschliesslich Tibet, der Mongolei und weiter Teile Sibiriens.

In den sozialen Medien, wo sich die Nachricht von dem Fauxpas dennoch verbreitet hatte, setze es kritische Kommentare. Ein Kommentator nannte das Geschenk „seltsam“, ein weiterer beschuldigte Merkel, sie wolle die Unabhängigkeit von Tibet und Xinjiang propagieren, ein dritter verdächtige Deutschland, „verstecke Pläne“ zu hegen.

Umgekehrt feierten diejenigen, die die Kartenversion von John Dowell für das wirkliche Geschenk hielten, die dargestellte territoriale Grösse Chinas. Einer jubelte „unsere Vorfahren waren grossartig“, ein anderer schrieb, Staatspräsident Xi möge sich durch die Karte „ermuntert fühlen, zu realisieren, was die wahre Wiederauferstehung Chinas bedeutet“.

Quellen: South China Morning Post (Hong Kong); Sydney Morning Herald

 

11. April 2014
Behörden verbieten Gebetsmühlen wegen „politischer Implikationen“
Die lokalen Behörden im Bezirk Matoe, in der Region Golog im Nordosten Tibets, haben angeordnet, dass in einem Spital angebrachte Gebetsmühlen zu entfernen und zu zerstören sind. Die Zentrale Klinik für Herzkrankheiten in der Ortschaft Dzora hatte im Jahre 2010 insgesamt 24 Gebetsmühlen errichtet. Diese waren mittels Spenden der Patienten finanziert worden. Sie enthielten Texte mit Mantras des Medizin-Buddhas, die nach traditionellem Glauben die Genesung der Patienten fördern sollen.

Kürzlich trafen Funktionäre in der Klinik ein und ordneten an, dass alle Gebetsmühlen sofort zu entfernen und zu zerstören seien. Sie begründeten die Anordnung mit „politischen Implikationen“ der Gebetsmühlen und drohten mit Strafen, wenn man der Anordnung nicht sofort nachkomme.

Die Klinik in Dzora ist die grösste in der Region und praktiziert sowohl traditionelle als auch moderne Medizin

... und planen Minenarbeiten an einem heiligen Berg
Die lokalen Behörden im Bezirk Matoe wollen auch Minenarbeiten an dem für Tibeter heiligen Berg Rishor beginnen. Nach tibetischem Glauben sind in diesem Berg antike Waffen und Rüstungen verborgen und dürfen nicht angetastet werden.

Die Minenarbeiten, die laut Plänen der Behörden von Firmen „ausserhalb Tibets“ begonnen werden sollen, waren schon seit einiger Zeit in der Diskussion, trafen aber auf Widerstand unter der lokalen Bevölkerung. Die Tibeter befürchten, dass bei einer kürzlichen Sitzung von Funktionären beschlossen wurde, sich über ihre Bedenken hinwegzusetzen.

Konflikte um den Abbau von Bodenschätzen, der oft an für Tibeter heiligen Orten stattfindet und nach ihren Angaben zu massiven Umweltschäden führt, sind häufige Konfliktquellen. Erst am 2. April hatten mehrere hundert Tibeter in der Nachbarprovinz Gansu gegen die Konfiszierung ihres Weidelandes protestiert, um einer Goldmine Platz zu machen. Die Tibeter führten zwei Wochen nach dem Beschluss zur Konfiszierung im Bezirk Sangchu in Gansu einen Protestzug durch, bei dem sie auch Banner mit Parolen trugen. Der Protestmarsch rief sofort die Polizei auf den Plan; es ist nicht bekannt, ob es zu Verhaftungen oder zu Gewalt kam.

Tibeter wegen Austausch von Mitteilungen auf Mobiltelefonen verhaftet
Im Bezirk Sog sind in diesem Monat zweimal jeweils zwei Tibeter verhaftet worden, weil sie Fotos und Mitteilungen mit politischem Inhalt mittels einer Messaging-App auf ihren Mobiltelefonen austauschten.

Der Bezirk steht seit einem Vorfall im März unter besonders scharfer Kontrolle. Unbekannte „Schurken“, wie sie in offiziellen Verlautbarungen genannt wurden, hatten die Parole „Tibet ist unabhängig“ auf eine Brücke gemalt. Seitdem werden alle Bewegungen der Bevölkerung und auch die Kommunikationsmittel streng überwacht. Der Informant von Phayul gab allerdings nicht an, wie die Polizei genau den Austausch von den politischen Mitteilungen auf den Mobiltelefonen der Verhafteten ermittelte.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul

 

1. April 2014
Tibetische Nonne setzt sich in Flammen
Am 26. März setzte sich die 31-jährige Nonne Dolma in Brand. Sie tat dieses am Nachmittag während der rituellen Umwandlung des Klosters Ba Choede im Bezirk Bathang in der osttibetischen Präfektur Kardze. Andere Tibeter, die sich ebenfalls auf dem Umwandlungsweg befanden, konnten die Flammen löschen und Dolma in das Krankenhaus von Bathang bringen. Über ihren Zustand ist nichts bekannt.

Sicherheitskräfte riegelten sowohl das Kloster als auch das Krankenhaus ab und erlaubtem niemandem Zutritt. Laut Radio Free Asia wurden kurz darauf 6 Nonnen verhaftet, die Dolma nahe standen. Auch wurden alle Kommunikationskanäle in die Region abgeschaltet.

Bevor sie sich in Flammen setzte, hatte sich Dolma für mehrere Monate in ein Retreat in einem kleinen Kloster in der Nähe zurückgezogen. Sie stammt aus der Familie Thonglaka Tsang, die in der Region wegen ihrer Teilnahme am Kampf gegen die chinesische Invasion in den 50-er Jahren sehr bekannt ist. Mehrere Mitglieder der Familie, darunter auch ihr Vater, kamen bei den Kämpfen ums Leben. Dolma hat noch drei Brüder, die alle hochrangige Mönche sind.

Schmerzsteigernde Injektionen – eine neue Foltermethode?
Am 19. März starb in seinem Haus in Machu in der nordost-tibetischen Präfektur Kanlho der 41-jährige politische Gefangene Goshul Lobsang an den Folgen schwerster Folter. Er war im Mai 2010 nach zweijähriger Flucht wegen angeblicher Verwicklung in den Aufstand vom März 2008 festgenommen und danach für 6 Monate systematischer Folter unterzogen worden, bevor er zu 10 Jahren Haft verurteilt wurde. Im Oktober 2013 wurde er aber „aus medizinischen Gründen“ vorzeitig nach Hause entlassen. Fotos, die von TCHRD unter http://www.tchrd.org/2014/03/tibetan-political-prisoner-on-medical-parole-dies-of-torture-injuries/ publiziert wurden, zeigen einen bis auf die Knochen abgemagerten Mann. Seine Angehörigen berichten, dass er vor seinem Tode weder laufen noch essen, trinken oder sprechen konnte.

Es ist eine bekannte Praxis der Behörden, misshandelte Gefangene vorzeitig nach Hause zu entlassen, wenn sich deren Gesundheitszustand so sehr verschlechtert, dass sie bald sterben werden.

TCHRD erreichten kürzlich Berichte von mehreren Informanten aus dem gleichen Dorf, dass Lobsang Goshul während der Folter Injektionen erhielt, die den erlittenen Schmerz noch erheblich steigerten. Ausserdem seien ihm Schlaf und Essen vorenthalten worden. Eine weitere Foltermethode bestand darin, ihm mit Kraft Zahnstocher und andere zugespitzte Gegenstände unter die Fingernägel zu stechen, so dass er zeitweise seine Hände nicht gebrauchen konnte.

Auch liegt TCHRD ein Dokument vor, das Lobsung Goshul im September 2012 in Haft verfasst hatte und wenige Wochen vor seinem Tode einigen Freunden zugänglich machte. In dem Dokument, das TCHRD vollständig übersetzt hat, erklärt er, dass er trotz aller Qualen nicht bereit sei, sich der Repression zu beugen und den eingeschlagenen Weg nicht bedauere. Das einzige, was ihn schmerze, sei die mangelnde Solidarität unter Tibetern.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia RFA

 

18. März 2014
Die 128. und 129. Selbstverbrennung
Am 16. März setzte sich der 20-jährige Mönch Lobsang Palden aus dem Kloster Kirti in Brand. Er tat dieses in der Stadt Ngaba auf der von den Tibetern so genannten „Strasse der Märtyrer“; hier hatten sich in der Vergangenheit bereits mehrere Selbstverbrennungen ereignet. Nachdem er sich selbst angezündetet hatte, lief er Parolen rufend noch einige Schritte weiter, bevor er zusammenbrach. Sicherheitskräfte löschten sofort die Flammen und fuhren ihn in einem Fahrzeug weg. Es ist nicht bekannt, ob er überlebte und wo er sich zur Zeit befindet. Als Zeichen der Solidarität schlossen die Tibeter alle Geschäfte und Restaurants in der Stadt.

Der 16. März ist der Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Proteste, die in Ngaba im Jahr 2008 ausbrachen. Nachdem Sicherheitskräfte das Feuer auf die Protestierenden eröffneten, soll es nach damaligen Angaben 39 Tote gegeben haben [vergl. Tibet-Information vom 20. März 2008; UM]. Auch in den Jahren 2011, 2012 und 2013 setzten sich in Ngaba am gleichen Tag Tibeter in Flammen.

Neben seinen Eltern hinterlässt Lobsang Palden noch einen jüngeren Bruder, der ebenfalls Mönch im Kloster Kirti ist. Er schrieb vor der Selbstverbrennung einen längeren Brief [nach anderen Quellen war es kein Brief, sondern eine Nachricht auf seinem Mobiltelefon; UM] an seine Angehörigen und alle „Brüder und Schwestern“ in Tibet, den TCHRD in voller Länge übersetzt hat. Darin ruft er die Tibeter zu Einigkeit und Solidarität auf.

Nach Angaben von Phayul und RFA setzte sich am Morgen des gleichen Tages ein weiterer Tibeter vor dem Kloster Sonang im Bezirk Tsekhor im Norden Tibets in Brand. Sein Name ist bisher nicht bekannt. Sicherheitskräfte schalteten sofort alle Kommunikationskanäle in die Region aus. Nach dem Bericht eines Informanten von RFA soll das Kloster Sonang komplett abgeriegelt sein; niemand komme heraus oder herein.

Massive Präsenz von Sicherheitskräften am 10. März
Am 10. März, dem Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes von 1959, kam es in verschiedenen Regionen Tibets zu einer massiven Zurschaustellung von Sicherheitskräften. Besonders in den unruhigen nördlichen und östlichen Regionen von Tibet waren grosse Truppenaufmärsche und Konvois von gepanzerten Fahrzeugen zu sehen, die offensichtlich die Tibeter einschüchtern und von Protestaktionen abhalten sollten.

Angehörige der Bewaffneten Volkspolizei (PAP) und paramilitärische Kräfte marschierten in Kampfausrüstung auf. An den Zufahrtsstrassen zu allen grösseren Städten waren Strassensperren errichtet, wo Tibeter durchsucht und teilweise auch verhört wurden. Schon am 9. März waren in der Autonomen Region Tibet paramilitärische Kräfte zu sehen, die Übungen zur „Aufrechterhaltung der Stabilität“ durchführten.

Die tibetische Bloggerin Woeser fragt ironisch, warum der Oberkommandierende der Sicherheitskräfte in Tibet zu ständiger Wachsamkeit und Kampfbereitschaft aufruft, wenn auf der jährlichen Sitzung des Nationalen Volkskongresses Funktionäre die tibetische Hauptstadt Lhasa als die Stadt „mit dem höchsten Glücks-Index“ bezeichnen.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia RFA

 

24. Februar 2014
Verhaftungen nach Selbstverbrennung
Nach der Selbstverbrennung von Phagmo Samdup am 5. Februar (nach anderen Informationen am 6. Februar) [vergl. Tibet-Information vom 10. Februar 2014; UM] wurden fünf Tibeter festgenommen, darunter sein jüngerer Bruder und ein weiteres zur Familie gehörendes Ehepaar. Bis auf einen Tibeter wurden alle nach einem Tag mit Verhören wieder freigelassen. Die Verhaftungen folgen der Linie eines im Bezirk Ngaba veröffentlichten Dekrets, das Familienangehörige nach Selbstverbrennungen in eine Art von „Sippenhaft“ nimmt [vergl. Tibet-Information vom 17. Februar 2014; UM].

Beide Tibeter, die sich am 5. (oder 6.) Februar und 13. Februar in Flammen setzten, sind kurz darauf verstorben. In beiden Fällen wurden die Leichname ohne Information der Angehörigen von den Behörden kremiert. Erst danach erhielten die Familien die Asche.

Im Fall von Phagmo Samdup durften die Angehörigen die Totengebete nur ohne Besuch und hinter verschlossenen Türen sprechen, während vor ihrem Haus Sicherheitskräfte Wache standen. Danach wurde die Familie gezwungen, die Asche in einen Fluss zu streuen.

Jugendliche verhaftet, weil sie einen Slogan schrieben
Sechs Jugendliche im Bezirk Sog in Zentraltibet wurden verhaftet, weil sie den Slogan „Bringt Unabhängigkeit für Tibet“ schrieben. Die Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren waren von Spitzeln oder Offiziellen offenbar beobachtet worden, wie sie diesen Slogan mit Sand auf das Eis eines zugefrorenen Flusses schrieben.

Gruppen von Kadern sind überall in Dörfern stationiert, um „verdächtige“ Aktivitäten zu entdecken, ganz besonders in als „sensitiv“ angesehenen Regionen. Sog liegt in der Nähe des Bezirks Driru, in dem sich von wiederholte Proteste gegen Minenarbeiten ereigneten.

Quellen: Phayul

 

17. Februar 2014
Selbstverbrennung bei einem Gebetsfest in Ngaba
Während der religiösen Cham-Tänze in Ngaba, dem Schauplatz der meisten Selbstverbrennungen der letzten Monate, setzte sich am 13. Februar der 25-jährige Lobsang Dorje in Brand. Es war insgesamt die 127. Selbstverbrennung. Lobsang Dorje war früher Mönch im Kloster Kirti, das seit der Serie der Selbstverbrennungen und anderer Protestaktionen de-facto unter Belagerung durch Sicherheitskräfte steht.

Kurz nachdem er in Flammen stehend Slogans rief, eilten Sicherheitskräfte herbei und versuchten, die Flammen zu löschen. Danach umhüllten sie ihn mit einer Decke und zerrten ihn in ein Fahrzeug. Nach Berichten von Augenzeugen soll er versucht haben, seinen Kopf hochzuhalten und die Hände zu falten, wurde aber umgestossen und fortgefahren. Ob er noch lebt und wo er sich befindet, ist nicht bekannt.

Lobsang Dorje hatte, nachdem er das Kloster Kirti verlassen hatte, zunächst im Bezirk Golog in einer Autowaschanlage gearbeitet und war kürzlich nach Ngaba zurückgekehrt, um die Viehherde seiner Familie zu hüten.

Drastische Sanktionen und Sippenhaft bei Selbstverbrennungen
Bereits im November 2012 hatten die Behörden Angehörigen und Institutionen Kollektivstrafen angedroht, wenn sich Tibeter aus ihren Reihen selbst verbrennen [vergl. Tibet-Information vom 22. November 2012; UM]. Nun ist TCHRD ein Regierungsdokument zugespielt worden, das eine ganze Reihe von drastischen Strafmassnahmen gegen Familienangehörige, ganze Dörfer und Klöster ausspricht, wenn sich jemand selbst verbrennt.

Das mit 8. April 2013 datierte Dokument der Bezirksverwaltung Dzoege in der Präfektur Ngaba beinhaltet insgesamt 16 Artikel.

Familienangehörige von Tibetern, die sich selbst verbrennen, kommen auf eine Schwarze Liste. Ihnen werden alle politischen Rechte entzogen, sie bekommen keine Arbeit mehr in Regierung und Verwaltung, erhalten für 3 Jahre alle Sozialleistungen gestrichen, ihre Häuser und ihr Land werden enteignet, sie dürfen keine Geschäfte eröffnen, und dürfen nicht nach Lhasa oder in das Ausland reisen.

Die Dörfer oder Klöster, deren Bewohner sich selbst verbrannten, erhalten ebenfalls keine finanziellen Leistungen der Regierung mehr und müssen zwischen 10‘000 und 500‘000 Yuan (Fr. 1‘500 – 80‘000; das ein- bis knapp achtzigfache eines Jahreseinkommens in der Region) Kaution hinterlegen, die verfällt, wenn sich dort eine neue Selbstverbrennung ereignet; danach muss eine neue Kaution hinterlegt werden. Dorfbewohner dürfen keinen Ackerbau und keine Viehzucht mehr betreiben. Die Finanzbuchhaltung von Dörfern und Klöstern wird streng kontrolliert, und alle Amtsträger in Dörfern und Angehörige von Klöstern müssen sich einer Schulung in „Rechtsfragen“ unterziehen.

Amtsträger und Kader sind verpflichtet, diesen Erlass überall in der Region kommunizieren.

Quellen: Radio Free Asia RFA; Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

10. Februar 2014
Weitere Selbstverbrennung
Am 6. Februar ereignete sich die erste Selbstverbrennung des Jahres 2014. In der Ortschaft Dokarmo in der osttibetischen Präfektur Malho setzte sich abends der 27-jährige (nach anderen Quellen 29-jährige) tantrische Lehrer Phagmo Samdup in Brand. Nur wenige Minuten später seien Sicherheitskräfte erschienen, die den verbrannten Körper fortschafften. Es ist nicht bekannt, ob er überlebte und in welchem Zustand er sich befindet. Am nächsten Morgen wurden laut Berichten von Informanten von RFA die Sicherheitsmassnahmen in der gesamten Region, die schon früher Schauplatz von Selbstverbrennungen war, erheblich verstärkt. Die Kommunikationskanäle in die Region sind unterbrochen.

Junger Tibeter stirbt an Misshandlungen in Haft
Ein junger Tibeter, Konchok Dakpa, dessen genaues Alter nicht bekannt ist, soll nach Informanten von TCHRD mutmasslich an Misshandlungen in Haft gestorben sein. Konchok Dakpa wurde in der Region Driru im Dezember verhaftet, ohne dass seine Angehörigen wussten, wo er festgehalten wurde. Am 20. Januar wurde sein Leichnam der Familie mit der strikten Weisung übergeben, mit niemandem über seinen Tod zu reden. Laut den Informanten soll sein Körper Spuren von Misshandlungen aufgewiesen haben.

Konchok Dakpa wurde sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Protest von mehreren tausend Tibetern gegen eine Mine am Berg Naglha Dzambha verhaftet [vergl. Tibet-Information vom 30. Mai 2013; UM]. Die Tibeter befürchteten, dass die am 24. Mai letzten Jahres beobachteten Arbeiten nicht einem “hydroelektrischen Projekt” galten, wie ihnen erzählt wurde, sondern in Wirklichkeit Bodenschätze an dem heiligen Berg abgebaut werden sollten.

Tibeter wegen Dalai-Lama-Bildern verhaftet und gefoltert
Am 14. Januar wurde ein Tibeter namens Norgay, der aus Region Dingri südwestlich von Lhasa stammt und dessen Alter nicht bekannt ist, anlässlich einer Routinekontrolle von Mobiltelefonen in Lhasa verhaftet. Bei der Kontrolle wurden auf seinem Mobiltelefon Fotos und Tonaufzeichnungen des Dalai Lama gefunden. Die Audiodatei soll von den kürzlichen Belehrungen des Dalai Lama in Südindien stammen.

In der Haft wurde er laut einem Informanten von RFA schwer misshandelt und bei der Haftentlassung eindringlich ermahnt, alle Kontakte in das Ausland abzubrechen.

Quellen: Voice of America; Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

31. Januar 2014
Sesshaftmachung von tibetischen Nomaden nahezu beendet
Die chinesische Regierung hat mitgeteilt, dass das 2006 begonnene Programm zur Sesshaftmachung von tibetischen Nomaden kurz vor der Beendigung steht. In der Autonomen Region Tibet sind laut einer Meldung des regierungsoffiziellen Fernsehsenders Tibet TV praktisch alle 2.3 Millionen Nomaden in neu gebauten Siedlungen sesshaft gemacht worden, und in der nördlich angrenzenden Provinz Qinghai sollen gemäss dem Fünfjahresplan bis Ende Jahr 90% aller Nomaden sesshaft geworden sein. Die Nomaden werden dazu aufgefordert, ihre Viehherden in „Kooperativen“ zusammenzufassen.

Das Nachrichtenportal Qinghai Online News feierte diese Entwicklung mit folgenden Worten: „Die lokalen Nomaden freuen sich nun über ein neues, modernes Leben in blitzsauberen neu gebauten Häusern, während ihre Herden auf dem endlosen Grassland unter der Regie einer Kooperative gehegt werden.“

Offiziell wird die Sesshaftmachung mit ökologischen Aspekten begründet, zum Beispiel dem Risiko von Überweidung. Kritiker entgegnen, dass in Wirklichkeit die Regierung ein starkes Interesse nach leichterer sozialer Kontrolle der Nomaden und Ausbeutung von Bodenschätzen im früheren Weideland hat. Die chinesische Journalistin und Umweltaktivistin Wang Yongchen, die für die Organisation Green Earth Volunteers spricht und die Kultur der Nomaden studierte, merkt an, dass die Nomaden in der Vergangenheit immer in der Lage waren, das ökologische Gleichgewicht zu wahren. Einmal in genormten Siedlungshäusern sesshaft gemacht, werden sie ihrer traditionellen Lebens- und Arbeitsweise beraubt und sind oft nicht mehr in der Lage, neue Erwerbsquellen zu finden. Stattdessen verarmen sie und verfallen nicht selten dem Alkohol.

Die Tibetische Regierung im Exil hat beobachtet, dass, wenn die Nomaden ihre Herden in Kooperativen einbringen, diese de facto ihrer Kontrolle entzogen sind und die chinesischen Angestellten in der Kooperative die Bewirtschaftung übernehmen.

Verhafteter tibetischer Gelehrter in kritischem Gesundheitszustand
Der am 6. Dezember letzten Jahres verhaftete Gelehrte Khenpo Kartse [vergl. Tibet-Information vom 7. Januar 2014; UM] soll sich wegen einer Lebererkrankung in kritischem Zustand befinden. Khenpo Kartse ist wegen seines sozialen Engagements hoch angesehen und hatte sich bei dem grossen Erdbeben in Yushu im April 2010 einen Namen gemacht, als er Rettungsarbeiteten anleitete. Sicherheitsoffiziere waren ihm aus dem osttibetischen Chamdo extra in die mehrere hundert Kilometer entfernte Provinzhauptstadt von Sichuan, Chengdu, hinterher gereist, um ihn festzunehmen. Ihm wird vorgeworfen, an Protestaktionen in Chamdo beteiligt gewesen zu sein. Die 16 Mönche, die gegen seine Verhaftung protestiert hatten und ebenfalls inhaftiert wurden, wurden inzwischen freigelassen.

Khenpo Kartse durfte seit seiner Verhaftung keinen Besuch erhalten. Zwar hatte die Polizei seinen Verwandten mitgeteilt, diese dürften ihm Medikamente bringen, jedoch mussten sie alles dem Gefängnispersonal übergeben und durften ihn nicht persönlich sehen. Die Information über seinen Gesundheitszustand stammt von einem Informanten von RFA. Dieses widerspricht einem im Dezember angeblich von Khenpo Kartse verfassten Brief aus der Haft, es gehe ihm gut, und er bitte darum, von weiteren Protestbekundungen gegen seine Verhaftung abzusehen.

Die aus der Haft entlassenen Mönche gaben an, dass das Interesse bei ihren Verhören vor allem der Frage galt, ob Khenpo Kartse Kontakte ausserhalb der Region hatte und diesen Informationen über die Situation in Tibet und Protestaktionen zukommen liess.

Quellen: Voice of America; Radio Free Asia RFA

 

20. Januar 2014
TCHRD veröffentlicht Menschenrechtsbericht für 2013
Das TCHRD kommt in seinem Menschenrechtsbericht für 2013 zu dem Schluss, dass sich die Reformhoffnungen, die sich an den neuen Präsidenten der Volksrepublik China, Xi Jinping, geknüpft haben, für Tibet nicht in Erfüllung gingen, sondern dass sich die Situation dort nochmals verschlimmert hat. Hier sind die wichtigsten Auszüge:

  • Im April 2013 erliess das Zentralkommittee der Kommunistischen Partei (KP) eine vertrauliche Direktive mit der offiziellen Bezeichnung „Dokument Nr. 9“. Darin wird den Mitgliedern untersagt, Themen wie konstitutionelle Demokratie, Universalität der Menschenrechte, die Zivilgesellschaft, oder unabhängige Medien anzusprechen. Diese würden allesamt als „subversive“ Ideen angesehen. Der KP-Parteisekretär in Tibet identifizierte zwei neue „Schlachtfelder“, um Tibet zu kontrollieren: traditionelle Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio, sowie das Internet.
  • Die Politik der „Massenlinie“ vereinigte mehrere bereits existierende Praktiken der Massenpropaganda und Massenüberwachung unter einem einheitlichen Konzept. Schwerpunkt der Implementierung war die Region Driru, nördlich der Haupstadt Lhasa. Etwa 18‘000 Kader erschienen dort im Herbst 2013 und wollten alle Haushalte dazu veranlassen, die chinesische Flagge auf den Hausdächern zu hissen, die eigentlich den Gebetsfahnen vorbehalten sind. Nach massenhaften Verweigerungen reagierten die Behörden mit Gewalt; es gab Massenverhaftungen, Verletzte und Tote nach Schusswaffengebrauch. Insgesamt wurden bislang etwa 60‘000 Kader nach Tibet entsandt, d.h. im Schnitt kontrolliert ein Kader etwa fünfzig Einwohner.
  • In Lhasa wurde das „Rastermanagement“ eingeführt, das die Stadt in Planquadrate einteilt und jeweils einem Polizeiposten zuweist; dieser kontrolliert jede Bewegung der Anwohner rund um die Uhr, speziell solcher aller als „verdächtig“ eingestuften Tibeter.
  • Bis Ende 2013 waren schätzungsweise 90% der Nomaden in der nördlichen Provinz Qinghai zwangsweise sesshaft gemacht. Weder wurden sie um ihre Meinung gefragt, noch erhielt die Mehrheit die versprochenen Kompensationen. Für die so angesiedelten Nomaden bedeutet das den Ruin, da sie ihr traditionelles Leben nicht mehr führen können, keine Arbeit in den neuen Siedlungen finden und sich mitunter auch noch für ihre neuen Behausungen verschulden mussten. Offiziell werden die Umsiedlungen mit ökologischen Gründen gerechtfertig, viel wahrscheinlicher werden sie aber durch die Interessen der staatlichen Minen getrieben, die in den Nomadenregionen grosse Vorkommen an Öl, Gold, Lithium, Kupfer, Chrom und anderen Edelmetallen vermuten.
  • Proteste der Tibeter gegen den Abbau von Bodenschätzen werden gewaltsam niedergeschlagen. Das zeigt beispielhaft, wie China gegen die eigenen Behauptungen verstösst, das Recht auf freie Meinungsäusserung zu achten. Allein im Jahr 2013 zählte TCHRD 119 Tibeter, die aus politischen Gründen verhaftet oder verurteilt wurden. Die Familien von Tibetern, die sich selbst verbrannt haben, oder sogar ihr gesamtes Dorf, werden speziellen Umerziehungsprogrammen unterzogen. Im vergangenen Jahr wurden die ersten Tibeter zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, die in irgendeiner Weise Selbstverbrennungen unterstützt haben sollen. Totenrituale oder Beileidskundgebungen werden meistens verboten. Umerziehungskampagnen und Verhaftungen treffen ganz gezielt auch hochrangige Mönche und buddhistische Gelehrte, sowie bekannte Dichter, Schriftsteller und Künstler. Im letzten Jahr wurden allein 8 Künstler verhaftet.
  • Das System der „Umerziehung durch Arbeit“, das der Polizei ohne Angabe von Gründen die Deternierung in Lagern für bis zu 4 Jahre erlaubte und das laut Xi Jinping abgeschafft wird, wurde bisher in Tibet rigoros angewendet, ohne dass es Anzeichen einer Änderung gibt.
  • Die Zerstörung der tibetischen Kultur schreitet voran. Im vergangenen Jahr wurden Pläne publik, dass in Lhasa rings um den Jokhang-Tempel und entlang des traditionellen Pilgerweges Barkhor eine Shopping Mall mitsamt einem Parkhaus gebaut werden soll. Weitere Hotels sind im Bau, um die schätzungsweise 15 Millionen chinesischen Touristen pro Jahr aufzunehmen.
  • Chinas Menschrechtsdokumente streichen grosse Erfolge heraus, fokussieren aber fast ausschliesslich auf wirtschaftliche Kennzahlen. Es werden nur grobe Statistiken für die gesamte Nation produziert, die keine speziellen Daten für ethnische Minderheiten enthalten. Zum Beispiel erwähnen Statistiken, dass die Müttersterblichkeit bei Geburten um zwei Drittel gesunken sei, erwähnen aber nicht, dass diese Rate in Tibet 13-16 mal höher ist als der nationale Durchschnitt.

Quellen: Tibetan Center for Human Rights and Democracy TCHRD

 

16. Januar 2014
20 Tibeter wegen Protests gegen Tunnelbau verhaftet
In der osttibetischen Ortschaft Pondha im Bezirk Dege wurden vor einer Woche bei einem massiven Einsatz der Bewaffneten Volkspolizei (PAP) 20 Tibeter verhaftet. Diese hatten gegen den Bau eines Tunnels im Rahmen eines Strassenbauprojekts protestiert.

Bereits im Mai letzten Jahres hatten sich die lokalen Bewohner gegen das Projekt gewandt, das zwei benachbarte Dörfer durch einen Strassentunnel verbinden sollte, weil sie Schäden an der Umwelt und an Gebäuden befürchteten. In der Tat sind jetzt mehrere Gebäude in der Nähe des Tunnel eingestürzt, und an anderen Häusern zeigen sich Risse. Erbost darüber, dass ihr Protest über sieben Monate ignoriert wurde, besetzten etwa 100 Tibeter die Baustelle und blockierten die Bauarbeiten, während sich andere zur Bezirksregierung von Dege begaben und forderten, diese müsse endlich ihre Bedenken Ernst nehmen.

Einen Tag später erschienen etwa 1‘000 Polizisten in Pondha, durchsuchten den gesamten Ort und nahmen 20 Tibeter mit, die als Anführer des Protests ausgemacht wurden. Über ihr Schicksal ist weiter nichts bekannt.

6 Jahre Haft für Zeugen einer Selbstverbrennung
Über ein Jahr nach seiner Verhaftung wurde der 47-jährige Mönch Gedun Gyatso wegen „vorsätzlicher Tötung“ zu 6 Jahren Haft verurteilt. Der Mönch aus dem Kloster Bora war zugegen, als sich am 2. Dezember 2012 der 29-jährige Familienvater Sungdue Kyap nahe dem Kloster anzündete und starb [vergl. Tibet-Information vom 12. Dezember 2012; UM]. Laut Informanten von TCHRD soll Gedun Gyatso in dem Strafprozess bis zuletzt alle Vorwürfe einer aktiven Rolle bei der Selbstverbrennung abgestritten haben. Der Vorwurf des „Totschlages“ gründe sich allein auf die Aussage zweier Feuerwehrmänner, die behaupteten, er habe sie beim Löschen gehindert.

Damit setzt die Regierung die massiven Strafen um, die allen Tibetern im Rahmen der „Patriotischen Umerziehung“ angedroht werden. Laut einem Regierungsdekret werden diejenigen, die andere „zu Selbstverbrennungen anstiften, verleiten oder drängen“, der vorsätzlichen Tötung angeklagt. Ebenso machen sich solche, die „Sicherheitskräfte, medizinisches Personal oder andere, die die Selbstverbrenner schützen wollen“, bei der Ausübung ihrer Pflichten behindern, des gleichen Vergehens schuldig [vergl. Tibet-Information vom 22. Februar 2013; UM].

Initianten einer sozialen Initiative verhaftet
Acht Tibeter, die eine soziale Initiative in ihrem Heimatdorf Karma im osttibetischen Bezirk Chamdo gegründet hatten, wurden Anfang Januar verhaftet. Sie hatten Ende letzten Jahres eine Bewegung gegründet, die Streit unter Tibetern in der Region schlichten und den Analphabetismus bekämpfen wollte. Die Verhaftungen, die an zwei aufeinander folgenden Tagen vorgenommen wurden, ereigneten sich nach Hausdurchsuchungen, die Sicherheitskräfte im Dorf vornahmen. Mehrere weitere Mitglieder der Initiative, die als äusseres Zeichen ihrer Verbundenheit ein Halskette trugen, wurden später zu einer Vernehmung auf die örtliche Polizeistation geladen, einige von ihnen dabei geschlagen.

Es ist unklar, ob die Hausdurchsuchungen und Verhaftungen im Zusammenhang mit der Verhaftung des angesehenen Gelehrten Kenpo Kartse am 6. Dezember l.J. stehen. Dieser war verhaftet worden, als er im mehrere hundert Kilometer entfernten Chengdu weilte, um eine Statue für sein Kloster zu kaufen [vergl. Tibet-Information vom 7. Januar 2014; UM].

Quellen: Tibetan Center for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia RFA

 

7. Januar 2014
Teenager verhaftet, insgesamt über 1‘000 Inhaftierte in Driru
Im Bezirk Driru, das seit Oktober Schauplatz mehrerer Proteste, Verhaftungen und „Umerziehungskampagnen“ ist, nachdem sich Anwohner den erzwungenen Loyalitätskundgebungen für China verweigert hatten [vergl. Tibet-Informationen vom 8. und 9. Oktober sowie 11. November 2013; UM], werden jetzt sogar Teenager verhaftet.

Vor wenigen Tagen wurde Bumchok, ein 16-jähriger Junge verhaftet, weil er eine chinesische Flagge verbrannt haben soll. Fünf Tage später wurden Choedron, ein 16-jähriges Mädchen und die 27-jährige Yangchen unter gleichem Verdacht in Haft genommen. Bumchok wurde einige Tage später, eskoriert von etwa 20 Polizisten mit vorgehaltener Waffe, nach Hause gebracht. Die Polizisten durchsuchten das Haus und nahmen Bumchok wieder mit, weil sie dort ein Foto des Dalai Lama fanden. Über das Schicksal der Verhafteten ist weiter nichts mehr bekannt.

Laut RFA sind seit Beginn der Proteste in Driru über 1‘000 Personen verhaftet worden. Der Jüngste soll ein 10-jähriger Junge sein. Der Name eines 12-jährigen verhafteten Jungen ist RFA bekannt. Der älteste Häftling ist laut RFA 72 Jahre alt. Auch soll die Mutter eines erst ein Monat alten Kindes in Haft sein.

Kloster in Driru geschlossen, Mönch verhaftetEbenfalls im Bezirk Driru wurde das Kloster Drongna geschlossen und der Debattierlehrer Kalsang Dhondup verhaftet. Nachdem sich die Nachrichten über die Verhaftung des angesehenen Mönches und Gelehrten Ngawang Jamphel am 23. November im Kloster Tarmoe und die Proteste der dortigen Mönche verbreitet hatten, wurden die Kloster Drongna und Rabten von Sicherheitskräften umstellt. Ob auch das Kloster Rabten geschlossen wurde, ist nicht bekannt. Bereits vorher waren 8 Mönche von Rabten verhaftet worden, die in angrenzenden Provinzen studierten.

Der verhaftete Ngawang Jamphel starb am 17. Dezember mutmasslich an erlitteten Misshandlungen in Haft [vergl. Tibet-Informationen vom 19. Dezember 2013; UM]. Die chinesische Regierung beobachtet die Lage in Driru mit grosser Sorge und greift hart ein, um eine Ausweitung der Proteste auf andere Regionen zu verhindern.

16 protestierende Mönche in Chamdo verhaftet
Auch in der osttibetischen Präfektur Chamdo wurden Mönche verhaftet. Sie hatten gegen die Inhaftierung des in der Region sehr angesehenen Gelehrten Khenpo Kartse (38) protestiert. Dieser war am 6. Dezember im mehrere hundert Kilometer entfernten Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan, verhaftet worden, als er gerade eine Statue für sein Kloster kaufen wollte. Ihm wurde vorgeworfen, an Protestaktionen in Chamdo beteiligt gewesen zu sein. Offenbar waren ihm Sicherheitsoffiziere aus Chamdo extra hinterher gereist, um ihn festzunehmen.

Die verhafteten 16 Mönche hatten am 18. Dezember eine Protestdemonstration veranstaltet. Regierungsvertreter hatten sie beruhigt und versprochen, sich des Falles anzunehmen. Drei Tage darauf wurden die Mönche aber verhaftet.

Unterdessen rief Khenpo Kartse in einem Schreiben aus dem Gefängnis die anderen Mönche aus seinem Kloster dazu auf, Ruhe zu bewahren und nicht weiter zu protestieren. Ihm gehe es gut, und er sei nicht misshandelt worden. Ob das Schreiben echt ist, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Khenpo Kartse hatte sich bei dem grossen Erdbeben in Yushu im April 2010 einen Namen gemacht, als er Rettungsarbeiteten anleitete.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA

 
<p><span class="datumorange" lang="DE-CH">2. September 2013</span><br>
  <strong><span lang="DE-CH">Verschärfung der Repression nach Geburtstagszeremonie für Dalai Lama<br>
</span></strong><span lang="DE-CH">Nach der gewaltsam aufgelösten Geburtstagszeremonie für den Dalai Lama am 6. Juli <em>[vergl. Tibet-Information vom 11. Juli 2013; UM]</em> haben die Behörden mit einem 5-Punkte-Plan die Repression in Tawu   verschärft. Am 6. Juli hatten Sicherheitskräfte mit Tränengas und   scharfer Munition eine Gruppe von mehreren hundert Tibetern angegriffen,   die am Fusse des Berges Machen Pomra eine religiöse Zeremonie abhielt.   Nach letzten Meldungen wurden mindestens 14 Personen verletzt.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Jetzt   wurden Massnahmen veröffentlicht, die der &bdquo;Wahrung der Stabilität&ldquo;   dienen sollen. Abgesehen von der Eröffnung von 5 neuen Polizeistationen   in der Region wurde ein 5 Punkte umfassender Plan bekannt gegeben, der   vor allem auf die Arbeit von Regierungs- und Parteikadern auf Bezirks-   und Gemeindeebene abzielt.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">In   Zukunft sollen alle Kader entfernt werden, die möglicherweise Sympathie   mit den tibetischen Anliegen zeigen könnten. Diese sollen durch   erfahrene Kader ersetzt werden, und unerfahrene Kader erhalten zunächst   eine Schulung in anderen Regionen über &bdquo;stabilitätswahrende&ldquo; Massnahmen,   bevor sie ihr Amt antreten. Alle 3 Jahre sollen die Kader in eine   andere Region rotieren. Besonderes Gewicht wird auf die politische   Einstellung der Kader gelegt; solche, die &bdquo;separatistische Absichten&ldquo;   hegen, werden bestraft und aus dem Amt entfernt. Jeder Kader muss   mindestens eine Veranstaltung pro Woche in der betreffenden Region   organisieren, und zweimal im Jahr muss dort eine grössere   Umerziehungsveranstaltung stattfinden, zu der mindestens 3 Kader aus   anderen Regionen eingeladen werden müssen.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Lokale   Kader müssen in speziell problematischen Gemeinden auch für jeweils   mindestens 10 Tage mit der lokalen Bevölkerung &bdquo;leben, essen und   arbeiten&ldquo;, was bedeutet, dass sich &bdquo;Arbeitsteams&ldquo; aus 2 bis 4 Personen   in tibetische Haushalte einquartieren. Alle Bewohner einer Gemeinde   werden in &bdquo;Einheiten&ldquo; eingeteilt und gezielt und systematisch von   Arbeitsteams besucht und betreut.</span></p>
<p><strong><span lang="DE-CH">Minenarbeiten nach gewaltsamer Auflösung des Protests wieder aufgenommen<br>
</span></strong><span lang="DE-CH">Nachdem ein Protest von Tibetern gegen eine illegale Diamentenmine in Dzatoe gewaltsam aufgelöst wurde <em>[vergl. Tibet-Information vom 26. August 2013; UM]</em>,   wurden an einer von zwei Schürfstellen die Arbeiten wieder aufgenommen,   während an der zweiten Stelle noch keine Arbeiter gesehen wurden.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Beim   gewaltsam aufgelösten Protest waren insgesamt 8 Tibeter festgenommen   worden. Sechs von ihnen wurden inzwischen wieder freigelassen, aber mit   der strikten Auflage, die Gegend nicht zu verlassen. Die 2 Tibeter, die   weiter in Haft sind, dürfen von ihren Angehörigen nicht besucht werden.   Für alle Bewohner der Region wurden strikte Auflagen erlassen, die ihre   Bewegungsfreiheit beeinträchtigen. Zwei weitere Tibeter, die zu den   Anführern des Protests zählen, sind vermutlich geflohen. Der Tibeter,   der bei der Auflösung des Protests einen Selbstmordversuch unternahm,   ist inzwischen ausser Lebensgefahr, aber noch in Spitalbehandlung.</span></p>
<p><span lang="DE-CH">Die   Protestierenden wollen jedoch nicht aufgeben. Wie RFA erfuhr, wollen   sie den Protest in Form einer Petition nach Beijing tragen, wenn die   Arbeiten weiter gehen und die Verhafteten nicht entlassen werden. Dabei   berufen sich die Tibeter auf frühere Reden von Regierungsmitgliedern,   die dem Umweltschutz einen hohen Rang einräumen.</span></p>
<p><strong><em>Quellen:</em></strong><em> Radio Free Asia RFA; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD</em></p>
<p>&nbsp;</p>

Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

13. Dezember 2016
Selbstverbrennung in Tibet
Am 8. Dezember ereignete sich in Machu im Nordosten Tibets, heute chinesische Provinz Gansu, eine Selbstverbrennung. Der 33-jährige Tashi Rabten setzte sich abends gegen 19 Uhr lokaler Zeit an einer Hauptstrasse in Brand und erlag seinen Brandverletzungen. Sein Leichnam wurde von der Polizei fortgeschafft. Er hatte sich in einer öffentlichen Toilette nahe dem Gemüsemarkt von Machu mit Benzin übergossen. Laut Angaben von Augenzeugen rief er, während er schon in Flammen stand, Parolen wie „Möge Seine Heiligkeit, der Dalai Lama 10‘000 Jahre leben“ und „Lasst Seine Heiligkeit nach Tibet zurück kehren“.

Tashi Rabten hinterlässt seine Frau mit 3 Kindern. Fast an der gleichen Stelle hatte sich sein Cousin, der 20-jährige Student Tsering Kyi, am 3. März 2012 in Brand gesetzt und war ebenfalls gestorben [vergl. Tibet-Information vom 6. März 2012; UM].

Unmittelbar nach der Selbstverbrennung kamen Polizisten zu seiner Wohnung und verhörten die Frau von Tashi Rabten. Es gibt unterschiedliche Angaben, was mit der Familie geschah. Nach einer Quelle wurden seine Frau und seine 15-jährige Tochter von der Polizei mitgenommen; nach anderen Angaben sämtliche Familienmitglieder. Weitere Verwandte wurden ebenfalls verhaftet, als sie sich vor dem Büro für Öffentliche Sicherheit einfanden und die Herausgabe des Leichnams forderten.

Radio Free Asia, 8. und 9. Dezember 2016
Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD), 9. Dezember 2016

800 Nonnen von Larung Gar im Internierungslager
Wie Radio Free Asia (RFA) berichtet, sind 800 von Larung Gar weggewiesene Nonnen in einem Lager nahe dem Dorf Ahkyab in der Präfektur Kardze im Nordosten interniert worden. Ein Foto (http://www.rfa.org/english/news/tibet/nuns-12092016144033.html), das RFA von Informanten erhielt, zeigt das Lager, das in einer kargen, wüstenähnlichen Landschaft liegt. Es handelt sich um insgesamt 27 doppelstöckige Betonbauten mit Wellblech-Dächern mit insgesamt 648 kleinen Wohneinheiten. Hier sollen 800 Nonnen untergebracht sein, die entweder allein wohnen oder sich die kleinen Wohneinheiten zu zweit teilen. Darüber hinaus zeigt das Foto eine Zufahrsstrasse und weitere, einzeln stehende grössere und kleinere Gebäude mit unklarer Bestimmung.

Es ist unklar, ob hier „politische Umerziehung“ durchgeführt wird oder was sonst mit den Nonnen geschieht. Ebenso ist nicht ersichtlich, ob und wie dieses Lager bewacht ist, und ob es sich um einen temporären oder permanten Aufenthalt handelt.

Radio Free Asia, 9. Dezember 2016

 

8. Dezember 2016
Weitere Nachrichten über die Zerstörung von Larung Gar
Angesichts der Nachrichtensperre ist es schwierig, präzise Angaben über das Ausmass der Zerstörungen und die Zahl der ausgewiesenen Personen zu erhalten. Die Schätzungen von lokalen Informanten liegen zwischen 3‘000 und 4‘500 ausgewiesenen Personen; das Ziel der Regierung liegt bei 5‘000 Personen. Sicher ist, dass über 1‘000 Behausungen abgerissen wurden. Trotz der Schwierigkeiten, genaue Informationen zu erhalten, gelang es, Videos und Bilddokumente ins Ausland zu senden. Daraus ergibt sich, dass neben zwangsweiser „politischer Umerziehung“ [vergl. Tibet-Information vom 17. November 2016; UM] auch Drohungen und Demütigungen eingesetzt werden.

Drohungen und Demütigungen
Bewohner, die noch nicht weggewiesen wurden oder die Abreise noch nicht angetreten haben, werden zusätzlich unter Druck gesetzt, indem Regierungskader zur Zerstörung vorgesehene Behausungen durch Aufkleber markieren. Weitere Aufkleber an den Türen der Betroffenen kündigen ihnen politische Umerziehungssitzungen an. Nicht selten werden auch Eingänge der Behausungen von Weggewiesenen mit Schlössern versehen, um sie an der Rückkehr zu hindern, oder zu verhindern, dass andere in die leeren Behausungen einziehen.

Noch schockierender sind in das Ausland gelangte Videos, die Nonnen zeigen, die unter Zwang „patriotische“ Gesänge und Tänze aufführen. Beim ersten Video tragen die Nonnen Armeekleidung und singen „Tibeter und Chinesen sind Kinder der selben Mutter“. Im zweiten Video führen sie einen Tanz zu dem populären „Lied der befreiten Sklaven“ auf.

Ebenso sind Kopien der Verpflichtungserklärungen in das Ausland gelangt, die die Ausgewiesenen unterschreiben müssen[vergl. Tibet-Information vom 17. November 2016; UM]. Sie verpflichten sich darin, nie wieder nach Larung Gar zurückzukehren, aber sich auch keinem anderen Kloster anzuschliessen und die „Einheit der verschiedenen Nationalitäten“ und die „soziale Stabilität“ zu fördern. Bildmaterial, Videos und Kopien der Verpflichtungserklärungen sind bei ICT unter untem stehendem Link zu finden.

International Campaign for Free Tibet (ICT), 7. November 2016. Bildmaterial unter http://www.savetibet.org/distressing-scenes-at-tibetan-buddhist-academy-larung-gar-as-monks-and-nuns-compelled-to-leave/

Radio Free Asia, 28. November 2016

(Videos der Gesänge und Tänze unter: https://www.facebook.com/robbie.barnett.14/videos/vb.678252483/10153928642247484/?type=2&theater und https://www.facebook.com/robbie.barnett.14/videos/vb.678252483/10153933534462484/?type=2&theater

Ältere Mönche und Nonnen werden ausgewiesen, Han-Chinesen verschont

Nachdem die Ausweisungen in den vergangenen Wochen vornehmlich gemäss der Heimatprovinz der Bewohner erfolgte [vergl. Tibet-Information vom 11. November 2016; UM], werden jetzt gezielt ältere Mönche und Nonnen ausgewiesen. Viele von ihnen wohnen seit vielen Jahren dort und haben inzwischen das Alter von 70 Jahren oder darüber erreicht. Die Betroffenen, ob jung oder alt, werden teilweise in Fahrzeugen bis in 2000 km Entfernung von Larung Gar gebracht.

Auffallend ist, dass die Behausungen von Laienpersonen, die Han-Chinesen sind, von der Zerstörung ausgenommen werden. Ihre Eingangstüren werden von Kadern mit gelber Farbe markiert.

Radio Free Asia, 28. November 2016

Drohungen und Sanktionen gegen Mongolei wegen Besuch des Dalai Lama
Nach Drohungen und Sanktionen gegen die Tschechische Republik und die Slowakei wegen des Besuches des Dalai Lama [vergl. Tibet-Information vom 21. und 30. Oktober 2016; UM] kam nun die Mongolei an die Reihe.

Im Vorfeld des viertägigen Besuches des Dalai Lama Ende November, der als strikt religiöser Besuch ohne offizielle Empfänge angekündigt wurde, setzte das chinesische Aussenministerium die Regierung der Mongolei bereits unter Druck und verlangte die Absage. Ein Sprecher sagte: „Um das generelle Bild einer robusten und stetigen Entwicklung unserer bilateralen Beziehungen zu bewahren, verlangen wir in aller Deutlichkeit, dass die Mongolei sich ihrer Position zu Tibet-Fragen verpflichtet fühlt, den Besuch des Dalai Lama nicht erlaubt und der Dalai-Clique keinerlei Unterstützung und Annehmlichkeiten zukommen lässt.“

Die wirtschaflich angeschlagene Mongolei, die sich derzeit bei China um ein Darlehen von umgerechnet 4.2 Milliarden US-Dollar bemüht, widerstand dem Druck und erlaubte den Besuch des Dalai Lama, der grosse Menschenmassen anzog.

Prompt erliess China nach dem Besuch Strafgebühren auf Gebrauchsgüter und Rohstoffe, die aus der Mongolei nach China eingeführt werden. Für Edelmetalle und Kupfer werden am Grenzübergang Gashuun Sukhait 0.2% des Gesamtwertes als „Gebühr“ berechnet. Jedes Fahrzeug, das mit Gütern die Grenze überquert, muss pro Fahrt eine Gebühr von umgerechnet US$ 1.45 bezahlen, und darüber hinaus noch etwa US$ 1.00 pro Tonne Ladung.

Das chinesische Aussenministerium dementierte jeglichen Zusammenhang mit dem Besuch des Dalai Lama, erklärte aber, die Mongolei müsse „wirksame Massnahmen ergreifen, um den negativen Effekt des Besuches“ zu beseitigen.

Associated Press, 18. November 2016
Reuters, 1. Dezember 2016

Passentzüge nicht nur für Tibeter, sondern auch für Uiguren
Im Vorfeld der Kalachakra-Zeremonie des Dalai Lama im Januar setzen die Behörden das Einziehen von Reisepässen bei Tibetern fort. Nun werden nicht nur Tibeter aufgefordert, ihre Pässe „für neue Stempel“ abzugeben und in Indien und Nepal befindliche Tibeter ultimativ zur Heimreise aufgefordert [vergl. Tibet-Information vom 17. November 2016; UM], sondern das jüngste Vorgehen ist noch rabiater. In manchen Regionen gehen Kader nun von Haus zu Haus und konfiszieren die Pässe auf der Stelle.

Seit Oktober werden auch in der uigurischen Unruheprovinz Xinjiang die Pässe eingezogen. Die Polizei forderte die Bewohner in sozialen Medien auf, umgehend die Pässe zu einer „Jahresinspektion“ abzugeben. Allerdings würden die Pässe nach dieser „Inspektion“ nicht mehr zurückgegeben, sondern bei der Polizei „aufbewahrt“. Laut Behördenmitteilung diene diese Massnahme der Aufrechterhaltung der „sozialen Ordnung“.

Süddeutsche Zeitung, 21. November 2016
International Campaign for Free Tibet (ICT), 2. Dezember 2016

 

17. November 2016
Weitere Nachrichten über die Zerstörung von Larung Gar
Während die Wegweisungen und Zerstörung von Behausungen in der osttibetischen Lehrstätte Larung Gar mit dem Ziel der Halbierung der Bewohner auf 5‘000 weitergeht, gibt es neue Nachrichten über willkürliche Auflagen und Restriktionen.

Verpflichtungserklärung, nicht mehr zurück zu kehren
Alle Weggewiesenen müssen zwei Dokumente unterschreiben. In dem einen verpflichten sie sich, nie wieder nach Larung Gar zurück zu kehren, und müssen anerkennen, dass ihnen Strafen drohen, sollten sie diese Verpflichtung nicht einhalten. Im zweiten Dokument verpflichten sie sich, die „Einheit der Nation“ zu bewahren und sich nicht an Aktionen gegen die Entscheidungen der Lokalregierung zu beteiligen.

Beim Rücktransport an ihre Heimatorte werden sie teilweise von lokalen Funktionären begleitet, die extra dafür nach Larung Gar angereist sind.

Politische Umerziehung an Heimatorten
Einmal zurück an ihrem Heimatort, droht den Weggewiesenen eine teilweise monatelange „Politische Umerziehung“. Diese „Umerziehungsmassnahmen“ dauern bis zu 6 Monate und werden überall in Tibet für Weggewiesene veranstaltet. Konkret ist die Internierung von etwa 100 Rückkehrern im Bezirk Nyingtri im Südosten Tibets für 2 Monate und von weiteren 300 im Bezirk Riwoche in der „Autnomen Region Tibet“ sowie im Bezirk Sershul in der angrenzenden Provinz Sichuan für einen nicht genannten Zeitraum bekannt geworden.

Die Umerziehungssitzungen, von offiziellen Stellen als „Rehabilitation“ bezeichnet, werden in tibetischer Sprache abgehalten. Die Betroffenen erhalten Lektionen über chinesische Politik und Gesetzeskunde. Dazu werden sie auch darüber unterrichtet, wie Nomaden und Farmer angeblich mit hohen Subventionen vom Staat unterstützt würden.

Religiöses Fest verboten
Ein bedeutendes Fest, das ansonsten jährlich in Larung Gar abgehalten wurde, ist von den Behörden abgesagt worden. Das achttägige Fest Dechen Shingdrup beginnt stets am 18. Tag des 9. Monats nach dem tibetischen Mondkalender, das wäre in diesem Jahr am 17. November. Während mehrerer Tage erteilen ansonsten Gelehrte und hochrangige Mönche religiöse Belehrungen, die in der Vergangenheit von mehreren tausend Tibetern besucht wurden. Dazu wurden Personen geehrt, die sich um den Erhalt der tibetischen Sprache und Kultur verdient gemacht haben.

In diesem Jahr wurde nicht nur das Festival verboten, sondern auch den verbliebenen Mönchen und Nonnen befohlen, religiöse Zeremonien nur noch in ihren jeweiligen Behausungen abzuhalten.

Radio Free Asia, 31. Oktober und 7. November 2016

„In der tibetischen Kulturregion Amdo erlebt der tibetische Buddhismus eine wahre Renaissance.“
Aus dem Prospekt für 2017 eines Schweizer Reiseveranstalters, der offensichtlich eine andere Sicht der Dinge hat.

Behörden konfiszieren Reisepässe
In allen tibetischen Regionen besuchen Regierungskader die Häuser von Tibetern und konfiszieren deren chinesische Reisepässe. Ohnehin besitzen nur noch wenige privilegierte Tibeter einen chinesischen Pass, seitdem die Regierung neue elektronische Reisepässe nur unter hohen Restriktionen ausgestellt. Seit Veröffntlichung eines Erlasses im Jahre 2012 wurden wegen der „strengen Überprüfungen“ der Empfänger fast keine neuen Reisepässe mehr an Tibeter ausgestellt, ausser sie waren in offizieller Mission unterwegs. Damals wurde angeordnet, dass alle Tibeter, die aus dem Ausland zurückkehren, ihren Pass spätestens 7 Tage nach Ankunft wieder abgeben und sich vom Büro für Öffentliche Sicherheit einer Befragung unterziehen müssen [vergl. Tibet-Information vom 13. Mai 2015; UM]. Der Erlass definiert keinen Zeitrahmen für die allfällige Rückgabe des Passes.

Die jetztige Aktion soll offensichtlich verhindern, dass Tibeter nach Indien zur Kalachakra-Zeremonie ausreisen, die im Januar 2017 vom Dalai Lama abgehalten wird. Die offizielle Begründung für diese Massnahme lautet, dass die Pässe mit neuen Regierungsstempeln versehen werden müssten und zurück gegeben werden, sobald diese Stempel eingetroffen seien.

Tibetern, die sich derzeit im Ausland aufhalten, wurde die sofortige Rückreise befohlen, auch wenn sie gültige Ausreisevisa haben. Betroffene Tibeter in Kathmandu berichteten, dass sie von ihren Familienangehörigen daheim angerufen wurden. Ihnen sei mitgeteilt worden, dass Regierungskader erschienen seien, die unter Drohungen ihre Rückreise verlangten.

Ausgenommen von der Konfiszierung sind nur solche Tibeter, die über ein Visum für Geschäftsreisen verfügen.

Radio Free Asia, 14. November 2016

 

30. Oktober 2016
Konflikt um Besuch des Dalai Lama in Prag eskaliert
Nachdem der Dalai Lama in Prag von Kultusminister Hermann empfangen wurde, sich die gesamte Staatsspitze aber zu einer ungewöhnlichen «Treueerklärung» gegenüber China genötigt sah [vergl. Tibet-Information vom 21. Oktober 2016; UM], spitzte sich der Konflikt noch weiter zu. Tschechische Firmenchefs, die um lukrative Geschäfte mit China fürchteten, sollen sich erbost über das Treffen von Minister Hermann geäussert haben. Die chinesische Botschafterin in Prag kritisierte die «antichinesischen und separatistischen Aktivitäten». Mehrere Universitäten hingegen solidarisierten sich mit Hermann, der katholischer Priester ist und früher Sprecher der Bischofskonferenz war, und in seinem Regierungsamt auch für religiöse Angelegenheiten verantwortlich ist. Demonstrativ hissten Universitäten aus Protest gegen die, so wörtlich «Anbiederung», tibetische Flaggen. Politische Kommentatoren geisselten die «Selbsterniedrigung» der Regierung und sprachen von der «vielleicht grössten Schande seit 1989».

Doch damit nicht genug. Am 28. Oktober, dem Nationalfeiertag, sollte Jiří Brady in Prag mit dem Masaryk-Orden ausgezeichnet werden. Brady ist einer der Holocaust-Überlebenden. Er entkam bei Kriegsende dem Todesmarsch, während seine Eltern und Schwester in Auschwitz ermordet wurden. Er lebt seit Kriegsende in Kanada, gründete erfolgreich eine Firma und war Gründungsmitglied der tschechisch-kanadischen Handelskammer. Auch mit 88 Jahren hält er noch regelmässig Vorträge über den Holocaust – und er ist Cousin zweiten Grades von Kultusminister Hermann.

Hermann gab an, er sei vor seinem angekündigten Treffen mit dem Dalai Lama von Staatspräsident Zeman massiv unter Druck gesetzt worden, unter anderem mit der Drohung, die Preisverleihung an Brady rückgängig zu machen. Brady gab an, er sei eine Woche vor dem Besuch des Dalai Lama in Prag von der Staatskanzlei angerufen worden, wo ihm die Preisverleihung angekündigt wurde. Man habe ihn gefragt, ob er in der Lage sei, dafür nach Prag zu reisen. Er habe sogar schon Details besprochen, etwa wie viele Gäste er mitbringen dürfe und wie er sich kleiden solle. Präsident Zeman streitet ab, dass Brady definitiv die Preisverleihung avisiert wurde. Jedenfalls verschwand Bradys Name wieder von der Liste der Preisträger, nachdem er bereits in Prag angekommen war. Aus Protest blieben dem offiziellen Staatsakt mehrere Honoratioren fern, Kritiker organisierten eine separate Feier auf dem Altstädter Ring, die Universität Olomouc verlieh Brady gleichentags einen Preis, und auch die Prager Bürgermeisterin kündigte eine Ehrung für ihn an. Brady erklärte, er müsse von Präsident Zeman keine Auszeichnung entgegennehmen, wenn dieser «keine Lust» habe, das zu tun.

Dom-Radio, 20. Oktober 2016
Prager Zeitung, 22. Oktober 2014
Radio Praha 24. Oktober 2016

Weitere Räumungen und Zerstörung in Larung Gar – nun mit Geldprämien
Die Räumung und Zerstörung von Behausungen in Larung Gar schreitet weiter voran [vergl. Tibet-Information vom 11.oktober 2016; UM]. Gemäss verordnetem Ziel der Staatsführung in Beijing sollen die Zahl der Studierenden auf 5'000 halbiert und bis Jahresende 1'000 der Behausung abgerissen werden. Die Wegweisungen aus Larung Gar werden von Funktionären der Reihe nach jeweils gemäss der Heimatprovinz der Studierenden ausgesprochen. Nun kommt noch dazu, dass den Weggewiesenen Geldprämien offeriert werden. Wer «freiwillig» geht, erhält Yuan 20'000 (umgerechnet etwa Fr. 2'800), und wer dem Abriss der eigenen Behausung zustimmt, soll nochmals Yuan 30'000 erhalten.

Radio Free Asia, 11. Oktober 2016

 

21. Oktober 2016
China droht anderen Regierungen und behindert Diplomaten
Die chinesische Regierung, die sich sonst vehement gegen vermeintliche „Einmischung in innere Angelegenheiten“ wehrt, wenn sie wegen der Menschenrechtsverletzungen kritisiert wird, protestierte und drohte in den letzten Wochen allen, die den Dalai Lama während seiner Europa-Reise empfingen. Darüber hinaus beklagte sich der Aussenminister von Kanada, dass China systematisch und regelmässig kanadische Diplomaten bei Tibet-Besuchen behindere.

...Drohung mit „Gegenmassnahmen“ gegen Europa-Parlament
Anlässlich des Besuches des Dalai Lama beim Europa-Parlament am 19. September, wo er eine Rede hielt und von Parlamentspräsident Martin Schulz empfangen wurde, beklagte sich der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, Lu Kang, dass man Chinas „eindringliche Einwände ignoriert“ habe. Und weiter: China lehne die „falsche Entscheidung“ des Europa-Parlaments ab, das mit seiner „irrigen Haltung Chinas Kerninteressen beschädigt“ habe. Ohne Details zu nennen, fügte der Sprecher in drohendem Unterton hinzu, dass China deswegen nicht „gleichgültig bleiben“ könne und „gemäss seiner Einschätzung der Situation weitere Massnahmen ergreifen würde.“

...„Vergeltung“ gegen die Slowakei
Nicht besser erging es der slowakischen Regierung, nachdem Ministerpräsident Andrej Kiska den Dalai Lama am 16. Oktober zum Lunch empfangen hatte. Ein weiterer Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, Hua Chunying, erklärte, dass Kiska damit Chinas „explizite Einwände ignoriert“ habe. Das Treffen widerspreche der „Ein-China-Politik“, und seine Regierung werde eine „entsprechende Antwort“ zeigen. In recht anmassendem Ton fuhr er fort, dass das Treffen „die politische Basis der chinesisch-slowakischen Beziehungen zerstört“ habe, die slowakische Regierung die „separatistische Natur der Dalai-Lama-Clique“ anerkennen müsse und Massnahmen treffen solle, um „die negativen Folgen des Treffens zu beheben“.

...Politische Kontroverse in Prag
Unmittelbar nach dem Besuch in der Slowakei reiste der Dalai Lama nach Prag, wo er trotz chinesischer Drohungen von Vizepremier Pavel Belobradek und Kultusminister Daniel Herman empfangen wurde.

In einer Art von vorauseilendem Gehorsam gegenüber China distanzierte sich in einer gemeinsamen Erklärung die gesamte Staatsspitze von diesem Empfang. Staatspräsident Milos Zeman, Premierminister Bohuslav Sobotka, Parlamentspräsident Pavel Hamacek und Senatspräsident Milan Stech teilten hastig mit: „Persönliche Aktivitäten einiger tschechischer Politiker bedeuten keine Änderung der offiziellen Politik... gegenüber China“. Tschechien gehe von den Prinzipien der „strategischen Partnerschaft“ mit China und dessen „territorialer Integrität“ aus. Darauf fragte Kultusminister Herman, ob diese Partnerschaft nicht „auf tönernen Füssen“ stehe, wenn man den Bedarf sehe, diese mit solchen Distanzierungen zu „retten“.

Reuters, 19. September 2016
Reuters, 17. Oktober 2016
Radio Praha, 17. und 19. Oktober 2016

...Behinderungen kanadischer Diplomaten
In ungewohnter Offenheit beklagte sich der kanadische Aussenminister, Stephane Dion, über regelmässige Behinderungen durch China, wenn kanadische Diplomaten Hilfsprojekte ihrer Regierung in Tibet inspizieren wollten. Er nahm anlässlich einer Anfrage im Parlament dazu Stellung und erklärte, dass Diplomaten regelmässig durch Verzögerungen bei Reisegenehmigungen gehindert und „Beschattungen“ vor Ort belästigt worden seien.

Dion zählte im Parlament mehrere Besuche seit 2009 auf. Nie seien die Anfragen für Besuche direkt abgelehnt worden, aber sie seien durch Verzögerungen im Genehmigungsverfahren und Auflagen stark behindert worden. Manchmal wurden Genehmigungen nur für den chinesischen Projektkoordinator erteilt, nicht aber für kanadische Botschaftsmitglieder, oder man habe den Besuch auf den Ort eines einzigen Projekts beschränkt. Wenn Mitarbeiter bereits beendete Projekte inspizieren wollten, habe ihnen die Regierung der „Autonomen Region Tibet“ schlicht mitgeteilt, der Besuch „sei für Kanada nicht mehr relevant“.

Huffington Post, 5. Oktober 2016

10. Oktober 2016
Zerstörung von Larung Gar wird beschleunigt
Seit Ende August beschleunigen die chinesischen Behörden die Zerstörung der Unterkünfte und Ausweisungen von Mönchen und Nonnen der buddhistischen Akademi Larung Gar. Systematisch werden Mönche und Nonnen, die aus einer bestimmten Region stammen, weggewiesen. Waren es im August Tibeterinnen und Tibeter aus den Regionen Lhasa, Ngari, Nagchu und Chamdo, die vorher schon wochenlang durch Verhöre und Umerziehungssitzungen belästigt worden waren [vergl. Tibet-Information vom 15. August 2016; UM], betrifft es nun alle aus den angrenzenden Provinzen Qinghai, Gansu und Yunnan. Während einige Studierende aus der Provinz Qinghai, die eine offiziellen Genehmigung hatten, bleiben durften, betrifft es laut Informanten ohne Ausnahme alle aus Gansu und Yunnan. Auch bei diesen Wegweisungen werden die Familienangehörigen in den Heimatprovinzen massiv unter Druck gesetzt, ihre Verwandten zum Verlassen von Larung Gar zu überzeugen. Teilweise werden ihnen massive Strafen angedroht, wie zum Beispiel der Entzug von Sozialleistungen, wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Angehörigen zum Verlassen zu bewegen.

Ziel soll nach wie vor sein, die Zahl der Studierenden auf etwa 5'000, also die Hälfte der jetztigen Zahl, zu reduzieren. Etwa 2'000 sind bisher weggewiesen worden. Der Staatspräsident und Parteivorsitzende Ji Yinping zeige ein ganz persönliches Interesse an der Aktion, heisst es aus Regierungskreisen.

Die Leitung von Larung Gar fordert noch immer alle auf, sich der Wegweisung nicht zu widersetzen und auf jegliche Gewalt zu verzichten. Drei Nonnen haben aus Verzweiflung Selbstmord begangen [vergl. Tibet-Information vom 15. August und 17. September 2916; UM]. Vielen, die sich bis Ende September freiwillig zum Verlassen gemeldet haben, wurde von der Leitung ein Platz in einem anderen Kloster angeboten.

Free Tibet Campaign stellte zahlreiche Fotos und ein Video online, das weinende Nonnen beim Abtransport aus Larung Gar zeigt (Link siehe unten).

Bis Anfang Oktober waren etwas mehr als die Hälfte der insgesamt 1'000 zum Abriss vorgesehenen Behausungen zerstört. Laut Vorgaben müssen die Behausungen bis September 2017 beseitigt sein. Die Liste aller derjenigen, die noch in diesem Jahr weggewiesen werden, muss bis Ende Oktober d.J. an die Zentralregierung abgeliefert werden. Um den Prozess der Wegweisung zu beschleunigen, sind nach Angaben der Betroffenen Anfang Oktober ungefähr 300 Funktionäre aus angrenzenden chinesischen Provinzen eingetroffen, die von Tür zu Tür gehen und die Bewohner nach ihrer Herkunftsprovinz befragen und entsprechend die Wegweisung verkünden. In diesem Kontext wurde auch das strikte Verbot ausgesprochen, die zerstörten Gebäude wieder aufzubauen.

Ebenfalls Massenwegweisungen soll es kürzlich im etwa 300 km entfernten Yachen Gar gegeben haben, einer ähnlichen, aber kleineren Institution wie Larung Gar. Hier sollen ebenfalls 1'000 Studierende zum Verlassen aufgefordert worden sein, und es habe erste Abrisse von Behausungen gegeben.

Free Tibet Campaign, 30. September 2016: http://www.freetibet.org/news-media/na/new-images-show-scale-damage-larung-gar?utm_source=Free+Tibet+email+updates&utm_campaign=86d610b9f3-Larung_Gar_Day_of_Action10_6_2016&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-86d610b9f3-49802621&mc_cid=86d610b9f3&mc_eid=524401721d

International Campaign for Tibet, 4. Oktober 2016
Radio Free Asia, 6. Oktober 2016

 

7. September 2016
Neuer Parteivorsitzender in Tibet – unverändert harter Kurs
In Tibet wurde ein neuer lokaler Vorsitzender der Kommunistischen Partei ernannt. Diesen Posten hatte noch nie ein Tibeter inne. Der neue Vorsitzende, Wu Yingjie (59), führte sich gleich mit altbekannten Parolen ein. In seiner ersten Stellungnahme sagte er, dass ein „vertiefter Kampf“ gegen den Dalai Lama wichtig sei. Es müsste „positive Propaganda“ eingesetzt werden, um die wahren Absichten des Dalai Lama blosszustellen und ihn zu kritisieren. Zwar müsse Religionsfreiheit beachtet werden, doch müsse es durch „positive Führung“ dazu kommen, dass sich „tibetischer Buddhismus und Sozialismus einander annähern“, um „religiöse Harmonie“ zu fördern. Schliesslich habe der Sozialismus „Wohlstand“ und „Stabilität“ nach Tibet gebracht.

Wu hat seit dem Ende der Kulturrevolution seine gesamte politische Karriere in Tibet durchlaufen. Er beschreibt sich selbst als „lokalen Tibeter“, der „dieses Land und die hart arbeitenden Menschen“ liebe. Das steht im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die entweder bis zu ihrer Ernennung keine Erfahrung mit „lokalen Minderheiten“ hatten oder aber jeden freien Moment ausserhalb Tibets verbrachten.

Sein letztes Amt vor der Ernennung zum Parteivorsitzenden, das noch über dem Gouverneur von Tibet steht, hatte Wu in der chronischen Unruheregion Driru inne. Dort leitete er das „Korps zur Erhaltung der Stabilität“ und unterdrückte mit einer „Korrekturkampagne“ gewaltsam alle Protestbekundungen [vergl. Tibet-Information vom 14. Oktober und 27. November 2014; UM]. Die Kampagne kostete mehrere Tibeter das Leben und führte zur Verhaftung von mehreren hundert Personen. Auch jetzt, kurz vor seiner Ernennung, reiste Wu durch Driru und ermahnte die Klöster, die er besuchte, im Kampf gegen die „Dalai Clique“ felsenfest hinter der Partei zu stehen und „politisch verlässlich“ zu sein.

Reuters, 2. September 2016
International Campaign for Tibet, 2. September 2016

Zwei weitere Nonnen in Larung Gar begehen Selbstmord
Nachdem sich im Juli die Nonnen Rinzin Dolma aus Verzweiflung über den Abriss von Larung Gar erhängt hatte [vergl. Tibet-Information vom 15. August 2016; UM], haben sich im August noch zwei weitere Nonnen das Leben genommen. Ihre Namen werden als Sengma und Tsering Dolma angegeben. Letztere habe eine Nachricht hinterlassen, in der sie ihre tiefe Betroffenheit über den Abriss ausdrückt und klagt, dass die Chinesen sie nicht in Frieden liessen. So habe sie sich entschlossen, dem Leiden ein Ende zu setzten.

Weitere Einzelheiten sind wegen der strengen Nachrichtensperre und der Überwachung von Internet und Mobilfunknetz nicht zu erfahren. Eine weitere Nonne soll einen Selbstmordversuch gestartet haben, konnte aber angeblich noch durch andere gerettet werden.

Phayul, 30. August 2016

Staatspräsident Xi Jinping besucht Provinz Qinghai
Chinas Parteivorsitzender und Staatspräsident besuchte Ende August die Provinz Qinghai, und dabei speziell von Tibetern besiedelte Gegenden. Die Signale, die er bei diesem sorgfältig geplanten Besuch aussandte, waren dreifach: mehr Militär in die Region, verstärkte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und Fortsetzung der Umsiedlung von Nomaden.

Xi zeichnete zwei Batallione für „hervorragende Dienste“ aus und unterstrich damit die extrem hohe stratetische Bedeutung, die der Stationierung von Militär auf dem tibetischen Hochplateau beigemessen wird.

Weiter führte ihn seine Reise in die Stadt Golmud, wo er eine Siedlung besuchte, in der umgesiedelte Nomaden untergebracht sind. Dort sei er laut Staatsmedien von den tibetischen Familien „begeistert“ begrüsst worden. Bilder und Karikaturen zeigen ihn, umringt von Tibetern, die ihn mit den traditionellen Seidenschleifen überhäufen oder im Kreise von tibetischen Frauen und Kindern. Damit werden der „Erfolg“ und die Fortsetzung der aggressiven Umsiedlungspolitik signalisiert. Die „Begeisterung“ steht allerdings ganz im Gegensatz zu anderen Berichten, nach denen umgesiedelte Tibeter gerade in Golmud massive Probleme haben, sich zurecht zu finden. Sie haben in der Regel gegen die chinesischen Zuwanderer keine Chance, einen Arbeitsplatz zu erlangen, da sie nicht die geforderten Fachkenntnisse aufweisen und kaum die chinesische Sprache beherrschen.

Schliesslich stattete er dem Tsaidam-Becken einen Besuch ab. Hier soll sich eines der zwei grössten Lithium-Vorkommen in China befinden. Zusammen mit ausländischen Investoren wie Warren Buffett und Bill Gates, die sich für den chinesischen Batterie-Hersteller BYD (‘Build Your Dreams’) interessieren, soll dieses Gebiet für den Abbau erschlossen werden, um so eine führende Rolle im sich abzeichnenden Lithium-Boom zu spielen. Der Bedarf an Lithium wird sich weltweit für leistungsfähige Batterien für Elektroautos, Mobiltelefone und Laptops massiv steigern. Ebenso gibt es Gerüchte, dass im Tsaidam-Becken grosse Uranvorkommen entdeckt wurden.

International Campaign for Tibet, 6. September 2016 (ausführlicher Bericht: https://www.savetibet.org/xi-jinping-visit-to-qinghai-reveals-strategic-importance-of-tibets-water-minerals-highlights-ccps-advanced-plans/)
Tibet Post International, 7. September 2016

 

29. August 2016
Tibetische Landbesitzer nahe Larung Gar werden enteignet, Zermonien verboten
Während die Zerstörung der Behausungen in Larung Gar fortschreitet [vergl. Tibet-Information vom 14. Juni, 1. und 15. August 2016; UM], werden nun auch Landbesitzer in einem benachbarten Dorf zwangsweise enteignet, um Platz für ein Tourismusprojekt zu schaffen.

In einem grossen Areal in der Ortschaft Nubsur, nur einen Kilometer von Larung Gar entfernt, wurden Land und Gebäude von Tibetern gegen eine nominelle Entschädigung enteignet. Die Massnahme betraf sowohl wohlhabende als auch ärmere tibetische Familien. Alle mussten ihr Land verlassen. Einige ärmere Familien weigerten sich und schlugen auf dem enteigneten Land Zelte auf, aber auch diese wurde umgehend geräumt.

Informanten teilten mit, dort solle ein Tourismus-Komplex mit Restaurants und Hotels entstehen, wobei hier ausschliesslich chinesische Investoren zum Zuge kämen.

Derweil wurden religiöse Zeremonien, die jährlich für 10 Tage in Larung Gar stattfinden, aus Angst vor grossen Menschenmengen verboten. Stattdessen fand im nahe gelegenen Kloster Shoru als „Ersatz“ eine eintägige Zeremonie statt. Die Mönche und Nonnen, die dorthin gelangten, mussten nach Ende der Zeremonien umgehend zurück kehren.

Radio Free Asia, 16. August 2016

Behörden veröffentlichen „Juristisches Lehrbuch für Klöster“
In der ehemaligen tibetischen Provinz Amdo haben am 28. Juli die Behörden ein „Lehrbuch“ in chinesischer und tibetischer Sprache an insgesamt 40 Klöster versandt. In diesem Buch werden detailliert Verbote für diverse Aktivitäten mit Strafandrohungen geschildert. Verboten sind im einzelnen mit der Nennung des Straftatbestandes:

  • Anfertigen oder Verteilen von Bannern oder Flugblättern, und das Zeigen der tibetischen Flagge – „separatische Aktivitäten“
  • Zeigen von Fotos des Dalai Lama an öffentlichen Orten – „Spaltung des Mutterlandes“
  • Selbstverbrennung – „Sabotage gegen den Staat“ und „Verwenden gefährlicher Methoden“
  • Beihilfe zur Selbstverbrennung – „Totschlag“
  • Übermittlung von Informationen über Protestaktionen an das Ausland oder in sozialen Netzwerken in Wort, Bild und Ton – „Verraten von Staatsgeheimnissen“

Seit mehreren Jahren sind Tibeter, die sich solcher Aktivitäten „schuldig“ gemacht haben, bereits von Strafen betroffen. Das Strafmass beträgt in der Regel 11 bis 12 Jahre Haft.

Tibet Post International, 22. August 2016
Radio Free Asia, 22. August 2016

Tibetisches Reiterfestival findet statt, aber unter scharfer Überwachung
Im Gegensatz zum verbotenen Festival beim Kloster Dargye [vergl. Tibet-Information vom 15. August 2016; UM] erlaubten die Behörden das jährlich stattfindende Reiterfestival in der Präfektur Kanlho im Osten Tibets. Vom 17. bis 20. August besuchten hunderte von Tibetern das Festival, das an den tibetischen Sagenhelden Gesar erinnern soll.

Die Pferderennen, Polospiele und die Ausstellung tibetischer Mastiffs fanden unter scharfer Überwachung durch Sicherheitskräfte und zivil gekleideter Mitarbeiter der Staatssicherheit statt. Unter Androhung von Strafen waren Protestaktionen, das Mitbringen von Waffen oder das Abbrennen von Feuerwerkskörpern untersagt. Ein Besucher kommentierte, das Festgelände habe wie eine „Kriegszone“ gewirkt.

Radio Free Asia, 18. August 2016

China lanciert tibetische Suchmaschine
China hat eine Suchmaschine ausschliesslich in tibetischer Sprache namens „Yongzin“ („Lehrmeister“) lanciert, die laut regierungsoffiziellen Angaben als grosser Schritt vorwärts in einem allgemeinen Entwicklungsprogramm für „ethnische Gruppierungen“ in China gefeiert wird. Die Suchmaschine für Texte, Bilder, Videos und Musik wurde vom Tibetischen Forschungsinstitut für Informationstechnologie entwickelt und und wirkt wie ein Imitat von Google. Laut Medienmitteilung der Entwickler wolle man damit zu mehr „Informationssicherheit“ in Tibet beitragen.

Von Tibetern wird Yongzin eher als Instrument der Informationskontrolle und Überwachung verstanden. So produziert die Sucheingabe „Dalai Lama“ keinen einzigen Treffer. Eine Suche nach Bildern zeigte nur bei einem von zwanzig Bildern tatsächlich den Dalai Lama. Die Suche nach dem Begriff „Freies Tibet“ führte zu einer Liste mit verbotenen Publikationen. Selbst die unschuldige Suche nach Bildern zu „tibetischem Tee“ zeigte überwiegend chinesische Funktionäre beim Teetrinken.

Tibet Post International, 25. August 2016

 

15. August 2016
Nachrichtenblockade über Zerstörung in Larung Gar, Wegweisungen
Die Bezirksbehörde in Serthar, wo sich die teilweise Zerstörung der Lehrstätte Larung Gar vollzieht [vergl. Tibet-Information vom 14. Juni und 1. August 2016; UM], haben eine nahezu komplette Nachrichtenblockade erwirkt. Telefon- und Internetverbindungen werden strengstens kontrolliert, um Personen ausfinding zu machen, die Bilder oder Nachrichten ausserhalb des Bezirks senden. Dazu werden Verbindungsdaten retrospektiv durchsucht, um Personen zu identifizieren, die in den vergangenen Wochen bereits Nachrichten nach aussen versandt haben.Das Areal ist weitläufig durch bewaffnete Sicherheitskräfte abgeriegelt, die auch darauf achten, dass das Verbot von Fotos oder Videos eingehalten wird.

Während die Abrissarbeiten unter Einsatz von grossen Baumaschinen forgesetzt werden, gibt es die ersten Wegweisungen. Diese betreffen derzeit Studierende aus den Präfekturen Lhasa, Ngari, Nagchu und Chamdo. Die Studenten aus diesen Regionen seien vorher schon wochenlang durch Verhöre und Umerziehungssitzungen belästigt worden. Tibeter aus den angrenzenden Provinzen Qinghai, Gansu und Sichuan sind von diesen Massnahmen noch nicht betroffen. Die Angehörigen wurden aufgefordert, die Studierenden von Larung Gar abzuholen. Wer sich weigert, würde bestraft, zum Beispiel durch den Entzug der Sammelbewilligung für die Raupenkeulenpilze, die für viele Tibeter inszwischen eine bedeutende Einkommensquelle ist.

Die Leitung von Larung Gar hatte alle Studierenden aufgefordert, sich den Abrissen nicht aktiv zu widersetzen, und bis jetzt sind keine Protestaktionen bekannt geworden. Phayul berichtet allerdings von einer Nonne, die sich aus Protest am ersten Tag der Zerstörungen erhängt habe. Sie habe eine Nachricht hinterlassen, dass sie den Schmerz wegen der Zerstörung und den anhaltenden Belästigungen durch Umerziehungskampagnen nicht mehr aushalten könne.

Radio Free Asia, 3. und 11. August 2016
Phayul, 9. und 12. August 2016

Traditionelles tibetisches Festival abgesagt
Weil sich die Anwohner weigerten, die chinesische Fahne auf ihren Häusern und dem Kloster zu hissen, verboten die Behörden ein jährlich stattfindendes Festival. Das vom Kloster Dargye im Bezirk Kardze im Osten Tibets organisierte Festival zieht sich mit religiösen Zeremonien, Tanzaufführungen und Pferderennen durch den Monat August. Beim traditionellen Verbrennen von Weihrauch sollen die lokalen Gottheiten für ausreichende Regenfälle und eine gute Ernte angerufen werden.

Nachdem sich Mönche und Laien, die erhebliche Geldsummen in die Organisation gesteckt hatten, dem Hissen der chinesischen Flagge verweigerten, verboten die Behörden die Weihrauchzeremonie, den traditionellen Löwentanz, tibetische Tänze und auch die Pferderennen.

Radio Free Asia, 5. August 2016

„Entwicklungsforum“ für Tibet tagte in Lhasa
Im Juli tagte für 2 Tage ein „Entwicklungsforum“ in der tibetischen Hauptstadt auf Einladung der Propaganda-Abteilung der Kommunistischen Partei Chinas. Dieses Forum fand zum insgesamt fünften Mal statt. Die ersten drei Veranstaltungen fanden in Europa (Wien, Rom, Athen) statt, die beiden letzten in Lhasa. Laut offizieller Nachrichtenagentur Xinhua trafen sich 130 Delegierte aus 30 Ländern, um über Themen wie „Unternehmertum“, „industrielle Modernisierung“, „lokale Infrastruktur“ und „Armutsbekämpfung“ zu diskutieren. Dabei sollten Tradition und Umwelt bewahrt werden.

Während über konkreten Beschlüsse oder Empfehlungen nichts bekannt wurde, zitierte Xinhua aus den Ansprachen von einigen ausländischen Gästen. Christine Davis, Vizepräsidentin einer Organisation namens „Asia Society“ forderte, dass ausländische Organisationen „aus erster Hand den Fortschritt in der Region und die sich öffnenden Möglichkeiten“ sehen sollten. Die ansonsten weitgehend unbekannte französische Schriftstellerin Sonia Bressler, die in der Vergangenheit durch lobende Stellungnahmen für die chinesische Politik in der Provinz Xinjiang aufgefallen war, forderte ein „Ende der Ignoranz“ und „besseres Hinhören“ vom Ausland, was die Entwicklung in Tibet angehe. Die veröffentlichten Fotos zeigten weitere europäische Ausländer am Rednerpult, ohne jedoch zu erwähnen, was diese sagten. Alles in allem sollten diese Stellungnahmen den weidlich bekannten Standpunkt der chinesischen Regierung verstärken, dass Tibet dank der Regierung in Beijing auf dem Wege des Fortschritts sei und das Ausland dieses überwiegend verkenne.

Xinhua, 7. Juli 2016
Voice of America, 9. Juli 2016

Falscher Panchen Lama hielt Kalachakra-Zeremonie – Tibeter zur Teilnahme gezwungen
Der von China eingesetzte Panchen Lama hielt im Stammkloster der Panchen Lamas in Shigatse vom 21. – 24. Juli die Kalachakra-Zeremonie ab. Der von den Tibetern nicht als Panchen Lama anerkannte Gyaltsen Norbu hält sich nur selten in Tibet auf und lebt überwiegend in Beijing. Bei seinen Besuchen in Tibet wird er von Sicherheitskräften eng bewacht. Um genug Publikum für die Zeremonie zu bekommen, wurde ein Dekret erlassen, dass mindestens zwei Personen von jeder Familie in Shigatse an dem Anlass teilnehmen mussten. Die 200 qm grosse Bühne war aufwändig mit gelber Seide und glückbringenden Symbolen geschmückt, daneben waren zu beiden Seiten grosse LED-Wände angebracht. Ebenso aufwändig war auch die Berichterstattung in den regierungsoffiziellen Kanälen.

Die komplexe Zeremonie, übersetzt „Rad des Lebens“, war zuletzt 1956 vom Dalai Lama in Tibet abgehalten worden; seit seiner Flucht hielt er sie inzwischen 31 Mal im Ausland ab.

Tibet Post International, 19. Juli 2016

 

1. August 2016
China beginnt mit Zerstörung von tibetischer Lehrstätte - wegen «Brandschutz»
China hat seine Ankündigung wahrgemacht und mit dem Teilabriss der Lehrstätte Larung Gar im Bezirk Serthar in der Präfektur Kardze begonnen [vergl. Tibet-Information vom 14. Juni 2016; UM]. Die ersten 600 Unterkünfte der imposanten Anlage (Fotos: http://www.freetibet.org/news-media/na/demolitions-begin-larung-gar?mc_cid=e5d205c329&mc_eid=524401721d) sind zwischen dem 20. und 29. Juli abgerissen worden. Um ausländischer Kritik zu begegnen, wurde zynischerweise der Abriss mit «Renovationsbedarf» gerechtfertigt, der sogar mit Billigung der Leiter der Lehrstätte durchgeführt werde - angeblich um «Brandschutz» zu gewährleisten und die Zahl der Studierenden auf diejenigen zu beschränken, die eine gültige Aufenthaltsbewilligung haben. Die Leitung von Larung Gar hat in der Tat die Studierenden dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren und von Protestaktionen abzusehen. Dennoch hat China 500 zusätzliche Sicherheitskräfte in die Region entsandt und die Anlage von der Umgebung abgeriegelt.

Gemäss Informanten sind ausschliesslich chinesiche Arbeiter mit dem Abriss beschäftigt. Sie reissen zwischen 100 und 250 Unterkünfte pro Tag ab. Es gibt keine offizielle Mitteilung, wieviele Unterkünfte insgesamt abgerissen werden sollen, jedoch rechnen die Bewohner mit dem Abriss von insgesamt 2000 Behausungen in diesem Jahr; im nächsten Jahr sollen weitere folgen. Viele Studierende, die bereits vom Abriss betroffen sind, finden nun in den noch intakten Behausungen Aufnahme, so dass sich in den kleinen Gebäuden bis zu 15 Personen drängeln.

Bereits im Jahr 2001 waren 2000 Behausungen abgerissen worden, während in offiziellen Verlautbarungen damals nur von 1000 die Rede war, und 8000 Studierende wurden weggewiesen. Das Ziel der Behörden ist jetzt, die Zahl der Studierenden auf maximal 5000 zu begrenzen. Gerade in den Sommermonaten besuchen über 10’000 Studierende Larung Gar, darunter sehr viele aus China und den angrenzenden asiatischen Ländern.

Die Lehrstätte hatte auf Intervention des Panchen Lama den Status eines «akademischen Instituts» erlangt und blieb deswegen von der ersten Welle der „patriotischen Umerziehung“ seit 1997 verschont, die sich auf Klöster konzentrierte. Larung Gar geniesst einen hervorragenden Ruf wegen der Qualität seiner Lehre, die sich nicht auf eine einzige Schulrichtung im tibetischen Buddhismus beschränkt, und wegen seiner Sammlung von chinesischen und tibetischen Schriften.

Radio Free Asia, 21./29. Juli 2016
Phayul, 29. Juli 2016

Tibeter in Kardze zeigen trotz Verbot ein Portrait des Dalai Lama
Zu Beginn der traditionellen Sommer-Picknicks und Pferderennen haben Tibeter in der Präfektur Kardze im Nordosten Tibets trotz Verboten bei einem Umzug ein lebensgrosses Portrait des Dalai Lama mitgeführt. Der Umzug im Dorf Powa am 17. Juli wurde von einer Kolonne mit Motorrädern angeführt, gefolgt von Reitern in traditionellen Kostümen, und führte, begleitet von lautem Hupen und Schlagen von Zimbeln, zu einem heiligen Berg. Dort beteten die Tibeter für den Dalai Lama.

Die Sommer-Picknicks in Kardze ziehen bis zu 2000 Besucher an. Bereits in den vergangenen vier Jahren wurde beim Umzug ein grosses Portrait des Dalai Lama mitgeführt, zuerst von Reitern, seit letztem Jahr von Motorrad-Fahrern. Die Behörden hatten vor Beginn der Festsaison die Telefon- und Internet-Verbindungen in die Region unterbrochen, schritten aber weiter nicht ein.

Radio Free Asia, 22. Juli 2016

 

10. Juli 2016
Chinas Bannstrahl trifft weitere Popstars
Nach Maroon 5, Bon Jovi und Selana Gomez [vergl. Tibet-Information vom 18. September 2015 und 2. Mai 2016; UM] dürfen nun auch Lady Gaga und Jane Birkin nicht mehr in China auftreten.

Lady Gaga hatte am 26. Juni in Indianapolis an einer Podiumsdiskussion mit dem Dalai Lama teilgenommen. Diese fand im Rahmen der «Conference of Mayors» statt. Lady Gaga stellte dabei dem Dalai Lama Fragen, die ihr Fans über soziale Netzwerke gestellt hatten. Nun befindet sie sich laut Medienberichten auf der Liste von «feindlichen ausländischen Kräften», sie hat Einreiseverbot nach China, und ihre Musik ist weder in Läden noch online in China erhältlich. Ein chinesischer Blogger kommentierte, ebenso gut hätte sie Osama Bin Laden die Hand schütteln können.

Jane Birkin wollte am 9. Juli in Shanghai im Rahmen ihrer Welttournee auftreten, die dem Gedenken an den vor 25 Jahren verstorbenen Sänger Serge Gainsbourg gewidmet ist. Geplant war auch ein Auftritt mit dem Shanghai Symphonieorchester. Kurzfristig wurde ihr aber ohne Begründung ein Einreisevisum verweigert. Die 69-jährige Jane Birkin ist Mitglied von Amnesty International und hatte früher an mehreren Tibet-Demonstrationen teilgenommen, so zum Beispiel im März 2008.

Queer, 28. Juni 2016
Phayul, 4. Juli 2016

Kader konfiszieren Land und verschaffen chinesischen Investoren Profit
Tibeter im Bezirk Riwoche in der Präfektur Chamdo im Nordosten Tibets protestieren dagegen, dass Regierungsmitarbeiter ihr Land konfiszieren und eine niedrige Kompensation zahlen, die fast 80-fach unter dem tatsächlichen Wert liegt. Die Enteignung wird damit begründet, dass das Land eigentlich der Lokalregierung gehöre. Regierungsmitarbeiter und Investoren sollen unter einer Decke stecken, so dass das Land schliesslich an die Investoren geht, die es überbauen und die Wohnungen zu einem hohen Preis auf dem Mark offerieren wollten.

Erstmals wurden die Tibeter im Mai in einer durch die Behörden einberufenen Versammlung über diese Pläne informiert. Angeblich wurde die Versammlung aber bewusst während einer Zeit einberufen, während derer die Tibeter in den umliegenden Bergen den Raupenkeulenpilz sammelten und so abwesend waren. Den wenigen Anwesenden sei beschieden worden, dass eine Verweigerung des Verkaufs oder gar eine Petition bei der Zentralregierung in Beijing mit Gefängnis bestraft werden könnte.

Radio Free Asia, 7. Juli 2016

 

24. Juni 2016
Protest gegen Häuserabriss am Koko-Nor hinterlässt Verletzte
Proteste gegen den Abriss von Gebäuden am Koko-Nor hinterliessen nach einem Polizeieinsatz am 23. Juni insgesamt acht teils schwer verletzte Tibeter. Nachdem die Behörden Anfang Juni den Abriss von angeblich „illegal“ errichteten Geschäften, Restaurants und auch Wohngebäuden verfügt und mit den Abrissarbeiten begonnen hatten [vergl. Tibet-Information vom 14. Juni 2016; UM], wurde nun auch gegen Proteste der Betroffenen vorgegangen. Mehrere hundert von Mittellosigkeit bedrohte Inhaber gingen mit Transparenten, die Aufschriften trugen wie „Wir brauchen Nahrung. Wir müssen überleben.“, auf die Ringstrasse, die um den See führt. Kurz darauf seien laut Augenzeugen etwa 30 Polizisten mit dem Vorsteher des Bezirks erschienen, die auf den Protestzug einschlugen.

Der Koko-Nor (chin. Qinghai Lake) ist ein beliebtes Tourismusziel. Weil sie angeblich „illegal“ errichtet wurden oder auch nur die „schöne Aussicht auf den See stören“, sollen mehr als 600 Gebäude mit tibetischem Kleingewerbe abgerissen werden. Die betroffenen Tibeter gaben an, sie hätten ordnungsgemäss Anträge auf Bewilligung gestellt, aber nicht die geforderten Bestechungsgelder gezahlt.

Phayul, 24. Juni 2016

Minenarbeiten nach Protesten „suspendiert“
Proteste von Tibetern brachten Minenarbeiten im Bezirk Chuchen in der Präfektur Ngaba in Osttibet zumindest zu einem temporären Halt. Bereits im März hatten Tibeter die Verbindungstrecke zwischen der Mine und der Hauptstrasse aus Protest blockiert, weil die Arbeiten einen ihnen heiligen Berg berühren. Damals waren nach einem Polizeieinsatz mehrere Tibeter verletzt worden, und sieben Tibeter waren bis zu drei Wochen in Haft.

Im Mai warnten die Behörden die Tibeter unter Androhung von „ernsten Konsequenzen“ nochmals, die Verbindungsstrecke zu blockieren. Vor wenigen Tagen aber wurde bekannt gegeben, dass die Arbeiten bis auf weiteres suspendiert sind. Nach Angaben von Informanten dürfte es eine Rolle gespielt haben, dass die Proteste auch im Ausland bekannt wurden und internationale Reaktionen auslösten.

Indessen sind die Bewohner der Region skeptisch, wie lange die Arbeiten ruhen. Oft würden diese wieder aufgenommen, wenn sich die Aufmerksamkeit gelegt hat. Laut der Free Tibet Campaign ist seit Fertigstellung der Bahnlinie nach Lhasa vor 10 Jahren ein sprunghafter Anstieg der Anzahl von Minen zu beobachten. Insgesamt soll an etwa 100 Orten geschürft werden. Dem entsprechend stieg auch die Zahl der lokalen Proteste an.

Radio Free Asia, 22. Juni 2016
Phayul, 23. Juni 2016

 

14. Juni 2016
China plant Zerstörung der grössten buddhistischen Akademie
Laut einer offiziellen Ankündigung plant China, die weltweit grösste buddhistische Akademie bis September 2017 weitgehend zu zerstören. Betroffen ist das Studienzentrum Larung Gar im Bezirk Serthar in der Präfektur Kardze. Larung Gar ist kein tibetisch-buddhistisches Kloster im konventionellen Sinn, sondern ein Zentrum der buddhistischen Lehre, das sich übergreifend über einzelne Schulen des tibetischen Buddhismus an alle Lernenden wendet und auch zahlreiche Studenten aus dem chinesischen Festland und anderen asiatischen Staaten angezogen hat. Weit über 10'000 Lernende sollen sich derzeit dort aufhalten und wohnen in einer Siedlung, die sich zwischen zwei benachbarte Hügel schmiegt (Foto: http://www.rfa.org/english/news/tibet/cuts-06072016160719.html).

Laut einem publizierten Dekret soll die Zahl der Studierenden bis September 2017 auf 5'000 eingefroren werden. Weil etwa 60 – 70 Prozent der Behausungen abgerissen werden sollen, befürchten die Studierenden, dass de facto die Zahl der Studierenden weit unter 5'000 sinken wird. Schon im vergangenen Jahr wurden 600 Studierende weggewiesen, zusätzlich mussten auch 60 Mitglieder der Gemeinschaft, die über 60 Jahre alt, weichen. Im Moment würden laut Informanten weitere 1'200 von ihrer Wegweisung unterrichtet. Der Abriss der ersten Behausungen habe bereits stattgefunden, und weitere würden derzeit für den Abriss markiert. Als Begründung wurde angegeben, dass diese Behausungen dem Strassenbau im Wege stünden oder die Passage von Feuerwehrfahrzeugen behinderten.

Der Gründer Khenpo Jigme Phuntsok liess sich im Jahre 1980 in Kardze als Einsiedler nieder und unterrichtete zunächst nur wenige Studenten. Als sich deren Zahl über die Zeit erheblich steigerte, gelang dem X. Panchen Lama im Jahre 1987 die Anerkennung von Serthar als „akademisches Institut“. Möglicherweise wegen dieses einzigartigen Status blieb es von der ersten Welle der „patriotischen Umerziehung“ seit 1997 verschont, die sich auf Klöster konzentrierte. Serthar geniesst seitdem einen hervorragenden Ruf wegen der Qualität seiner Lehre und Sammlung von chinesischen und tibetischen Schriften.

Serthar war bereits 2001 von einer massiven Zerstörungsaktion betroffen. Damals sollten etwa 1'000 Behausungen abgerissen werden. Durch Wegweisungen sollte die Zahl der Studierenden von über 10'000 auf etwa 1'400 reduziert werden. Später zeigte sich, dass über 2'000 Behausungen zerstört worden waren. Chinesische Arbeiter erhielten einen «Lohn» von umgerechnet Fr. 20 pro zerstörtes Gebäude. Den Studierenden wurde verboten, sich einem anderen Kloster anzuschliessen und befohlen, sich stattdessen wieder in ihrem Heimatort niederzulassen. Viele irrten im beginnenden Winter ziellos in den umliegenden Hügeln umher, weil sie in ihrer Heimat keine Angehörigen mehr hatten. Khenpo Jigme Phuntsog stand während der ersten Zerstörungsaktion faktisch unter Hausarrest, war gesundheitlich angegriffen und starb wenig später [vergl. Tibet-Information vom 26. Juni, 30. August und 15. Oktober 2001; UM].

Radio Free Asia, 7. Juni 2016
New Delhi TV, 10. Juni 2016

Wiederum zwangsweiser Abriss von tibetischen Gebäuden am Koko-nor
Wie bereits im Mai und Oktober 2015 wurden im Juni wiederum zahlreiche Gebäude von Tibetern am Koko-nor (chin. Qinghai Lake) zerstört. Mehr als 600 Gebäude, Geschäfte und Restaurants, aber auch Wohngebäude, wurden in einer konzertierten Aktion unter Polizeibegleitung mit schwerem Gerät abgerissen. Als Begründung wurde mitgeteilt, die Gebäude seien «illegal» errichtet. Betroffene Tibeter bericheteten, sie hätten ordungsgemäss Anträge auf Genehmigung gestellt, aber die von Funktionären geforderten Bestechungsgelder nicht gezahlt.

Etwa ein Drittel der zerstörten Gebäude gehörte Tibetern, aber auch Muslime und Han-Chinesen waren von der Zerstörungsaktion betroffen. Fünf Eigentümer, drei Tibeter und zwei Muslime, wurden in Handschellen abgeführt. Die Betroffenen fürchten, dass noch weitere Siedlungen vom Abriss betroffen werden. Es kommt nicht selten vor, dass reiche Chinesen Bestechungsgelder an die Verwaltung zahlen, damit diese die Verkäufe forcieren, um sich danach die lukrativen Lagen selbst zunutze zu machen.

Im Oktober 2015 wurden etwa 300 Geschäfte und Restaurants abgerissen. Die offizielle Begründung lautete damals, dass die Tibeter die Gegend „verschmutzt“ hätten, und im Mai 2015 wurden Abrisse damit begründet, dass die Gebäude die „schöne Aussicht“ auf den See störten [vergl. Tibet-Information vom 26. Oktober 2015; UM].

Radio Free Asia, 3. Juni 2016

 

26. Mai 2016
Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestages darf nicht nach China einreisen
Dem Abgeordneten Michael Brand (CDU), Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses, verweigert China die Einreise. Geplant war ein Tibet-Besuch des Ausschusses Ende Mai. Vorher habe der chinesische Botschafter in Deutschland wiederholt „massiven Druck“ auf ihn und den Ausschuss ausgeübt, sagte Brand. So sei er ultimativ aufgefordert worden, einen Auftritt bei der Tibet Initiative Deutschland abzusagen und Aussagen zu Tibet auf seiner Homepage zu löschen.

Den übrigen Mitglieder des Ausschusses dagegen wurde die Einreise nicht verweigert. Brand beklagte, dass im Gegensatz dazu die Ausschüsse für Wirtschaft und Handel überhaupt keine Probleme bei der Einreise nach China bekämen. Nun hofft der Menschenrechtsausschuss auf Unterstützung durch Bundeskanzlerin Merkel, die im Juni mit einer Regierungsdelegation nach Beijing reisen will. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin laufen gegenwärtig Gespräche auf diveresen Ebenen, um die Reise des kompletten Ausschusses nach Tibet zu ermöglichen.

Wochenblatt und Deutsche Presseagentur, 11. Mai 2016

Wiederum Protest gegen Minenarbeiten gewaltsam beendet
Die Serie der Proteste gegen Minenarbeiten in Tibet reisst nicht ab. Waren die Proteste im Bezirk Minyak im Osten Tibets Anfang Mai zumindest vorübergehend erfolgreich [vergl. Tibet-Information vom 12. Mai 2016; UM], so wurde ein weiterer Protest in der Region Amdo im Norden Tibets gewaltsam beendet.

Bereits vor 3 Jahren hatten Arbeiten in der nomadisch geprägten Gemeinde Akhori in der Präfektur Ngaba begonnen, um den Abbau von Mineralien vorzubereiten. Der Ort ist jedoch seit Jahrhunderten für die Bewohner heilig und Ziel von Pilgern. Vorgeblich sollten Energiezentralen gebaut werden, aber die misstrauisch gewordenen Bewohner, die dieses nur als Vorwand für die Ausbeutung von Bodenschätzen sahen, erreichten mit ihren Protesten einen Stopp der Arbeiten.

Ende März 2016 tauchten wiederum Arbeiter mit schweren Strassenbaumaschinen auf. Sofort eilten die Bewohner an den Ort und versuchten, die Arbeiten zu stoppen. Vorgeblich sollten in der Nähe der heiligen Stätte weitere Energiezentralen gebaut werden, aber die Arbeiter verrieten hinter vorgehaltener Hand, dass in Wirklichkeit Mineralien abgebaut werden sollten. Herbeigezogene Polizeikräfte beendeten den Protest gewaltsam und hinterliessen 20 verletzte Tibeter. Dazu wurden 12 Tibeter festgenommen und bis zu 3 Wochen in Haft behalten; einige von ihnen wiesen nach der Entlassung ebenfalls teils schwere Verletzungen auf.

Dennoch sind die Tibeter entschlossen, ihren Protest aufrecht zu erhalten und haben weitere Protestnoten und Petitionen an die Behörden übermittelt. Am 20. Mai erreichte eine grössere Zahl an Polizeifahrzeugen die Region. Mit Lautsprechern wird die Bevölkerung aufgerufen, das „Bauprojekt“ nicht weiter zu stören, sonst drohten ihnen Geld- und Haftstrafen.

Tibet Post International, 25. Mai 2016

 

12. Mai 2016
Mutter von 5 Kindern verbrennt sich
Erst jetzt wurde wegen einer Nachrichtensperre bekannt, dass sich am 23. März Sonam Tso selbst verbrannte. Die Mutter von 3 Töchtern und 2 Söhnen, deren Alter mit Mitte 50 angegeben wird, zündete sich nahe dem Kloster Dzoege Sera in der Präfektur Ngaba an. Sie hätte laut Informanten während einer gemeinsamen Besorgung ihrem Mann gesagt, er solle voraus gehen, und sie werde bald nachkommen. Kurz darauf hörte dieser ihre Rufe nach einer Rückkehr des Dalai Lama und Freiheit für Tibet, während sie schon in Flammen stand. Ihr Mann und ihr Onkel, ein Mönch im Kloster, hätten vergebens versucht, das Feuer zu löschen. Sonam Tso starb kurz darauf im örtlichen Krankenhaus, in das sie noch gebracht worden war.

Ihr Onkel wurde für 8 Tage in Haft gehalten und verhört. Er musste alle Bilder, die er von dem Vorfall gemacht hatte, auf seinem Mobiltelefon löschen. Auch ihr Mann wurde dreimal zu Verhören einbestellt.

Die Zahl der Selbstverbrennungen in Tibet erhöht sich damit auf 145. Es ist die zweite Selbstverbrennung in diesem Jahr.

Radio Free Asia, 6. Mai 2016
Phayul, 7. Mai 2016

Mönch nach Solo-Protest verhaftet
Ebenfalls in der Präfektur Ngaba wurde ein junger Mönch nach einem Solo-Protest verhaftet. Lobsang Thupten aus dem Kloster Kirti, das wegen der grossen Zahl von Selbstverbrennungen und anderen Proteste seit Jahren von Sicherheitskräften hermetisch abgeriegelt ist, lief am 2. Mai mit einem Portrait des Dalai Lama über die Hauptstrasse und wurde kurz darauf verhaftet (Foto: http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4987-china-arrests-a-tibetan-buddhist-monk-for-peaceful-protest-in-tibet). Über sein Schicksal ist nichts bekannt.

Tibet Post International, 2.Mai 2016

Erfolgreicher Protest gegen Umweltschäden durch Bergbau
Mehr als hundert Tibeter protestierten für 2 Tage gegen Umweltschäden, die durch Bergbauarbeiten im Bezirk Minyak im Osten Tibets, nahe der Bezirksstadt Dartsedo, entstanden sind. Am 4. Mai blockierten Tibeter die Zufahrtsstrasse nach Yulshok Gargye, einem heiligen Ort in der Region. Sie legten Fische vor sich auf die Strasse, die angeblich durch giftige Abwässer verendet waren (Fotos: http://www.thetibetpost.com/en/news/tibet/4998-tibetans-protest-against-chinese-mining-in-minyak-county-tibet). Die Bergabauarbeiten waren schon einmal im Jahr 2005 gestoppt worden, nachdem giftige Abwässer in den Fluss Lhuchu geleitet worden waren und dort zu einem Massensterben von Fischen führten. Im April d.J. wurden die Arbeiten wieder aufgenommen.

Sicherheitskräfte umstellten die protestierenden Tibeter, die dennoch für 2 Tage auf der Strasse verharrten. Es ist nicht bekannt, ob es zu Verhaftungen kam. In einer seltenen Wende gaben dann die Bezirksverwaltungen von Kardze und Dartsedo am 6. Mai bekannt, dass alle Arbeiten bis zur Klärung der Vorwürfe suspendiert werden.

Tibet Post International, 6. Mai 2016
Phayul, 10. Mai 2016

 

2. Mai 2016
Nacktfotos am Heiligen See
Fotos eines nackten Models, das nur teilweise mit einem Tuch bedeckt am Ufer des Heiligen Sees Yamdrok Tso posierte, sorgten für Aufregung innerhalb und ausserhalb Chinas. Ein professioneller Fotograf, der in Lhasa lebt und unter seinem Künstlernamen Yu Feixiong auftritt, hatte die Fotos an dem See aufgenommen, in dem nach buddhistischem Glauben eine Schutzgottheit lebt.

Nach der Publikation der Fotos berichteten zwei regierungsoffizielle Medien - die englischssprachige Zeitung People’s Daily und die Nachrichtenagentur Xinhua - dass der Fotograf daraufhin eine 10-tägige Haftstrafe erhielt wegen „Benehmens, das nicht die tibetische Kultur respektiert“.

Als das Time Magazine weiter recherchierte, dementierte jedoch das Büro für Öffentliche Sicherheit, dass eine solche Strafe ausgesprochen wurde. Ein Mitarbeiter des lokalen Büros im Bezirk Nagarze, in dem der See liegt, erklärte, er wisse von nichts.

Viele Kommentare in sozialen Medien innerhalb Chinas, wo die Bilder rasch zirkulierten, verurteilten die Respektlosigkeit des Fotografen. Dieser beantwortete keinen Anruf auf seinem Telefon, teilte aber in einem Kommentar auf der Platform WeChat mit, das Model habe ihn darum gebeten, um „Erinnerungen an dieses heilige Land“ zu behalten. Sie habe gesagt, sie sei „nun in ihrem besten Alter, um nach Tibet zur reisen, während ihre Jugend langsam verwelke“.

Time Magazine, 14. April 2016

Selena Gomez muss Konzert in China absagen
Die Sängerin der Gruppe Come & Get It hatte im Rahmen ihrer Welttournee, die sie auch in die Schweiz führt, zwei Konzerte in China angekündigt. Wenig später verschwanden jedoch die angekündigten Konzerte in Beijing am 6. August und Shanghai am 8. August wieder von ihre Webseite.

Grund für die Absage dürften Fotos sein, die Selena Gomez mit dem Dalai Lama zeigen. Gomez war dem Dalai Lama vor 2 Jahren in Kanada begegnet und hatte Fotos in sozialen Medien verbreitet, die sie hinter dem Dalai Lama sitzend zeigen. Sie wendet sich zu ihm zurück und blickt zu ihm auf, während er ihren Kopf berührt. Dazu schrieb sie den Kommentar „Words of Wisdom; speechless“.

Im letzten Jahr hatte bereits Bon Jovi Konzerte in China absagen müssen [vergl. Tibet-Information vom 19. September 2015; UM], weilbei einem vorigen Konzert ein Bild des Dalai Lama als Bühnenhintergrund verwendet wurde. Die Gruppe Maroon 5’s musste ihre Konzerte in China absagen, weil ein Mitglied der Band dem Dalai Lama Glückwünsche zum Geburtstag übermittelt hatte. Die isländische Sängerin Björk erhielt Auftrittsverbot in China, nachdem in ihrem Song „Declare Independence“ bei einem Auftritt in Shanghai mehrmals „Tibet“ ausgerufen hatte.

New Zealand Herald, 20. April 2016

NGOs werden an die kurze Leine gelegt
Der Ständige Ausschuss des Volkskongresses billigte im April ein Gesetz, das dem Staat sehr weit reichende Kontrolle über NGOs erlaubt. Alle etwa 7000 NGOs in China sind neu dem Ministerium für Staatssicherheit und nicht mehr dem Ministerium für zivile Angelegenheiten rechenschaftspflichtig. Alle NGOs müssen sich neu registrieren lassen. Sie müssen ihre Finanzen und sämtliche Aktivitäten mit chinesischen Gruppen offenlegen. Aktivitäten, „die die Staatsgewalt untergraben und die Nation spalten“, werden unter Strafe gestellt. Vertreter und Mitarbeiter der NGOs können zu „Interviews“ vorgeladen werden – eine Umschreibung für Verhöre. Betroffen sind auch Ableger von ausländischen Think Tanks, Forschungseinrichtungen und wohltätige Stiftungen wie zum Beispiel die Bill-Gates-Foundation.

bz Basel, 29. April 2016

Druck auf Indien: Visum für Uiguren und chinesische Dissidenten widerrufen
Neben chinesischen Dissidenten sind auch uigurische Exilpolitiker vom Bannstrahl der chinesischen Regierung betroffen. Am 22. April 2016 kündigte die indische Regierung an, dass Vertretern des Uigurischen Weltkongresses (WUC) die Einreise zu einer interreligiösen Konferenz in Dharamsala vom 28. April bis 1. Mai gestattet wird, wo sie auch auf den Dalai Lama treffen würden. Nach heftigen Protesten und intensiven Interventionen von China wurde nur wenige Tage später das Visum für den WUC-Generalsekretär, Dolkun Isa, widerrufen. China betrachtet den WUC als „terroristische Vereinigung“. Indien berief sich bei der Streichung des Visums auf eine ominöse Interpol-Notiz, die Dolkun Isa verbrecherische Aktivitäten zuschreibt.

Die Medien, die zunächst einladen waren, über die Konferenz und das Treffen der uigurischen Führer mit dem Dalai Lama und anderen tibetischen Politikern zu berichten, wurden ebenfalls ausgeladen und ihnen sogar nahegelegt, die Konferenz nicht einmal zu erwähnen.

Nur wenige Tage später wurde bekannt, dass Einreisevisa auch für 9 im Exil lebende chinesische Dissidenten widerrufen wurden. Eine Dissidentin, Lu Jinghua, durfte in New York nicht ihr Flugzeug besteigen, obwohl das Visum in ihrem Pass gültig war. Ebenso wurde das Visum für Alex Chow, den Mitbegründer der „Regenschirm-Bewegung“ aus Hongkong widerrufen.

Phayul, 22., 25. 27. und 30. April 2016

 

13. April 2016
Disput über gestohlenes Vieh: Zwei Tibeter von Polizei getötet
Die Polizei eröffnete am 30. März das Feuer auf eine Gruppe von Tibetern, die gegen den Diebstahl ihrer Yaks protestierten. Dabei wurden zwei Tibeter getötet und mehrere verletzt.

Der Vorfall ereignete sich in Serthar in der Präfektur Kardze, der Region mit häufigen Protesten gegen China und einer hohen Zahl von Selbstverbrennungen. Tibetische Hirten hatten bemerkt, dass etwa 20 ihrer Yaks verschwunden waren. Nach einiger Suche entdeckten sie diese auf einem Lastwagen, der chinesischen Muslims der Hui-Nationalität gehörte, die im Begriff waren, zum Schlachthof zu fahren. Mit dem Diebstahl konfrontiert, begann ein Streit, der damit endete, dass die Polizei gerufen wurde. Angeblich hätten die Tibeter keine Gelegenheit gehabt, ihre Sichtweise zu schildern, sondern die Polizei eröffnete sofort das Feuer auf sie. Zwei Tibeter sollen ihren Schussverletzungen erlegen sein, dazu wurde ein nicht genau bekannte Zahl verletzt. Einige von ihnen mussten in das weiter entfernte Spital der Provinzhauptstadt von Sichuan, Chengdu, gefahren werden, weil das lokale Spital sie nicht versorgen konnte.

Radio Free Asia, 30. März 2016
Tibet Post International, 31. März 2016

29 protestierende Regierungsangestellte verhaftet, geschlagen und beraubt
Am 8. April protestierten insgesamt 29 Regierungsangestellte in Machu, Präfektur Kanlho in der heutigen chinesischen Provinz Gansu, gegen ihre Entlassung. Sie wurden noch während ihres Protests vor dem Regierungsgebäude der Präfektur festgenommen. Am Tag darauf wurden sie wieder aus der Haft entlassen, gaben aber an, dass man sie geschlagen, ihre Mobiltelefone zerstört und den Goldschmuck gestohlen habe.

Den Regierungsangestellten, die alle seit mehr als drei Jahren in der Verwaltung der Präfektur arbeiteten, sei als Entlassungsgrund mitgeteilt worden, dass sie für ihre Arbeit nicht genug qualifiziert seien. Ihr Zorn entzündete sich daran, dass ihre Stellen mit anderen Personen aus Bezirken ausserhalb von Machu besetzt wurden, die teilweise nur eine minimale Schulbildung absolviert hätten, aber ihre Stellen „Beziehungen“ zu einflussreichen Regierungsmitgliedern verdankten. Einige sollen Bestechungsgelder dafür bezahlt haben, dass andere an ihrer Stelle die erforderlichen Abschlussprüfungen der Schule absolvieren.

Die Protestierenden sollen einzig eine Überprüfung des Entlassungsentscheids gefordert haben, ohne dass sie politische Forderungen erhoben. Dennoch wurden sie verhaftet. Auf ihre Forderung nach Entschädigung für die zerstörten Mobiltelefone oder Herausgabe des Goldschmucks wurde nicht eingegangen.

Radio Free Asia, 8./9. April 2016

 

30. März 2016
Korruptionsverdacht: Geld für Anerkennung als Inkarnation?
Die auslandschinesische Webseite BowenPress meldete, dass der früher Vizeminister der United Front, Zhu Weiqun, unter Korruptionsverdacht steht. Er soll angeblich Geld dafür kassiert haben, dass er Personen die Anerkennung als „Lebender Buddha“ verschafft hat. Umgehend dementierte Zhu Weiqun in der regierungsoffiziellen Zeitung Global Times diese Meldung als „vulgäre Schmierenkampagne“ gegen ihn. Er wisse nicht, wer hinter dieser Meldung stehe, vermute aber, dass diese eine Revanche für seinen „lang dauernden Kampf gegen die Spalter der Dalai-Clique“ darstelle. Somit sei er sogar stolz darauf, dass seine Arbeit offenbar Wirkung gezeigt habe.

Die „United Front“ ist die für Chinas „Minderheiten“ und im Ausland lebenden Staatsbürger zuständige Organisation. Während seiner Amtsperiode bis 2013 war Zhu Weiqun als scharfer Kritiker des Dalai Lama aufgetreten. Er betonte mehrmals, dass der Dalai Lama nicht über seine künftige Inkarnation entscheiden könne und nur die Regierung das Recht habe, Inkarnationen anzuerkennen. Kürzlich wurde die offizielle Webseite der Regierung aufgeschaltet, die alle 870 staatlich anerkannten Inkarnationen auflistet [vergl. Tibet-Information vom 29. Januar 2016; UM].

South China Morning Post, 29. März 2016
http://bowenpress.com

Lhasa für Tibeter im März unerreichbar
Tibeter aus dem umliegenden Provinzen konnten im März nicht mit dem Zug nach Lhasa reisen. Reisenden aus den Städten Lanzhou und Xining in der chinesischen Provinz Gansu wurden keine Zugtickets ausgestellt. Wollten sie ein Zugticket kaufen, mussten sie ihren Ausweis vorlegen. Wenn daraus hervorging, dass sie Tibeter waren, erhielten sie kein Ticket; Angehörige anderer Nationalitäten konnten dagegen problemlos Tickets kaufen. Zunächst sei den Tibetern Anfang März mitgeteilt worden, sie sollten eine Woche warten, bis es Tickets gebe, aber danach hiess es, sie bekämen während des ganzen Monats keine Tickets. Für Flugreisen von Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, nach Lhasa wurden für Tibeter sogar für den gesamten März und April keine Tickets ausgestellt.

Radio Free Asia, 29. März 2016

Neue Restriktionen für tibetische Klöster in Qinghai
Im März wurden von den Behörden neue Restriktionen für Klöster in der Präfektur Malho in der Provinz Qinghai im Norden Tibets erlassen. Diese betreffen vor allem das im 14. Jahrhundert gegründete Kloster Rongwo, aber auch andere Klöster in der Region. Es sind vier neue Bestimmungen:

  1. Alle im Kloster lebenden Mönche müssen den Anweisungen der „Leitungskommission“ folgen. Die „Leitungskommissionen“ ersetzen seit 2012 die bisherigen „Demokratischen Leitungskomitees“, die meist aus im Kloster lebenden Mönchen bestanden, die allerdings von der Lokalregierung und Partei ausgesucht wurden. Die neuen Leitungskommissionen hingegen sind direkt mit von der Zentralregierung entsandten Funktionären der Kommunistischen Partei besetzt.
  2. Die Aufseher von Schreinen und Tempeln müssen sich mit ihrer Unterschrift zur Einhaltung der neuen Regeln der Leitungskommissionen verpflichten und werden bei Zuwiderhandlung zur Rechenschaft gezogen.
  3. Die Aufseher müssen sämtliches Eigentum der Klöster schützen und Mönche von „schändlichen“ Aktivitäten abhalten. Diese sind zum Beispiel das Anbringen von Postern, die sich kritisch mit der chinesischen Politik auseinandersetzen, oder die Beteiligung an Selbstverbrennungen.
  4. Alle Statuen und Fotos des Dalai Lama müssen aus den Klöstern entfernt werden. Wer sich nicht daran hält, muss mit Wegweisung aus dem Kloster und Strafverfolgung durch die Behörden rechnen.

Klöster, die sich nicht an die neuen Regeln halten, können geschlossen werden. Jeweils zwei Mönchen ist ein Vertreter der Behörden zugeordnet, der diese beaufsichtigt und mittels einer von den Behörden angefertigten Broschüre instruiert. Auch die Behördenvertreter können bestraft werden, wenn die ihnen zugeteilten Mönche sich nicht an die Regeln halten.

Radio Free Asia, 29. März 2016

 

15. März 2016
China gegen Podiumsdiskussion mit Dalai Lama in Genf
China hat in einem Schreiben an Diplomaten und UN-Offizielle in Genf massiven Druck ausgeübt, damit diese einer Podiumsdiskussion mit dem Dalai Lama fernbleiben. Die Veranstaltung unter dem Titel „Nobelpreisträger über Menschenrechte – Ansichten aus der Zivilgesellschaft“ fand am 11. März, einen Tag nach dem Jahrestag des Volksaufstandes in Tibet von 1959, im Graduate Institute of Geneva statt. Offizieller Gastgeber waren die Ständigen UN-Vertretungen der USA und Kanda. Neben dem Dalai Lama waren noch zwei weitere Nobelpreisträgerinnen auf dem Podium, die jemenitische Journalistin Tawakkol Karman und die iranische Anwältin Leila Alikarami. Die Moderation hatte die die Vize-Kommissarin der UN für Menschenrechte, Kate Gilmore, übernommen.

In dem Schreiben Chinas vom 8. März, das Reuters in vollem Wortlaut vorliegt, heisst es, die Veranstaltung verletze die Souveränität und territoriale Integrität von China und verstosse gegen die Prinzipien der UN-Charta. „China lehnt die separatistischen Aktivitäten des Dalai Lama entschieden ab“, und alle Eingeladenen sollten nicht an diesem Event teilnehmen oder sonst den Dalai Lama „und seine Clique“ treffen. Der UN-Sprecher in Genf, Ahmad Fawzi, bemerkte gegenüber Reuters, dass man von diesem Schreiben „Kenntnis genommen“ habe, aber die UN sei nicht „an Instruktionen von Mitgliedsstaaten gebunden“. Der Direktor des Instituts, Philippe Burrin, sagte, es handele sich hier um „eine Frage der Meinungsfreiheit und der akademischen Freiheit, eine solche Veranstaltung zu organisieren.“

Reuters, 10. März 2016

http://graduateinstitute.ch/events/_/events/corporate/2016/nobel-laureates-on-human-righ-2

Shugden Community gibt Selbstauflösung bekannt
Die International Shugden Community (ISC) hat beschlossen, sich aufzulösen. Ausgerechnet am Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes vom 10. März 1959 wurde ISC offiziell aufgelöst. Seit diesem Tag erscheint auf der Internetseite (http://internationalshugdencommunity.com/) nur noch die aus zwei Sätzen bestehende Ankündigung der Auflösung; bereits habe die ISC schon zum 1. Dezember 2015 beschlossen, alle Demonstrationen gegen den Dalai Lama einzustellen. Diese lapidare Ankündigung endet mit dem Satz des ISC-„Repräsentanten“ Len Foley „May everybody be happy“. Über die Hintergründe dieses überraschenden Schrittes ist nichts bekannt.

Vordergründig protestierte ISC gegen die Anweisung des Dalai Lama, die Gottheit Dorje Shudgen nicht mehr anzubeten, weil die Shugden-Verehrung eine extrem dogmatische, konservative und Absolutheit beanspruchende Richtung in der tibetischen Religion unterstütze. Eine Recherche der Nachrichtenagentur Reuters [vergl. Tibet-Information vom 4. Januar 2016; UM; ausführlicher Bericht unter http://tibet.ca/en/library/wtn/13339] hatte gezeigt, dass ISC massiv von China finanziert wird. Ein internes Dokument der Kommunistischen Partei aus 2014 bezeichnet die Proteste von ISC als „eine wichtige Front in unserem Kampf gegen die Dalai-Clique“. Die ISC protestierte über Jahre lautstark und aggressiv bei nahezu allen Besuchen des Dalai Lama im westlichen Ausland, bezichtigte ihn der Unterbindung der Meinungsfreiheit und behauptete sogar, er sei nicht der „wahre“ Dalai Lama. Das teilweise aggressive Gebaren des ISC führte dazu, dass Geheimdienste aus den USA, Indien und anderen Staaten in einem 18-seitigen Briefing-Dokument, das Reuters vorliegt, die Repräsentanten des Dalai Lama darauf hingewiesen haben, dass bei Shugden-Demonstrationen mit einer „potenziell ernsthaften“ Bedrohung zu rechnen ist. Im indischen Exil in Dharamsala hatte 1997 ein Dreifachmord am Direktor des Instituts für Buddhistische Dialektik, Lobsang Gyatso, und zweien seiner Schüler für Aufregung gesorgt. Lobsang Gyatso war prominenter Kritiker der Shudgen-Richtung. Die mutmasslichen Mörder sollen nach Polizeiermittlungen aus Tibet eingereist und dort auch wieder untergetaucht sein.

Phayul, 14. März 2016

 

9. März 2016
China plant zweite Eisenbahnlinie nach Tibet
China plant eine zweite Eisenbahnlinie nach Lhasa, die in westlicher Richtung von Chengdu, der Provinzhauptstadt von Sichuan, nach Lhasa führen soll. Dieses wurde anlässlich der Eröffnung der diesjährigen Versammlung des Nationalen Volkskongresses bekannt gegeben. Die Nachricht erschien allerdings versteckt auf Seite 53 des publizierten Entwurfs zum neuen Fünfjahresplan für die Jahre 2016 bis 2020 und bestand gerade aus einem Halbsatz mit vier chinesischen Schriftzeiche unter der Rubrik „Neue genehmigte Verkehrsprojekte“.

Später wurden den 20 tibetischen Abgeordneten des Volkskongresses, die laut staatlicher Nachrichtenagentur Xinhua angesichts der Nachricht in Begeisterung ausbrachen, und Journalisten weitere Details vom Vize-Parteivorsitzenden Padma Choling erläutert. Die insgesamt etwa 1‘800 km lange Strecke soll laut dem Vize-Chefingenieur Lin Shijin die Fahrtzeit von Chengdu nach Lhasa auf 15 Stunden verkürzen und stelle eine grosse bauliche Herausforderung dar. Sie muss acht Mal Gebirgsketten und Höhendifferenzen von jeweils 2‘000 Meter überwinden und gleiche damit einer „Achterbahn mit riesigen Ausmassen“. Padma Choling gab versicherte gegenüber den tibetischen Abgeordneten: "Wir werden diese Bahn auf jeden Fall bauen." So werde Lhasa „zur internationalen Tourismusstadt und eine Drehscheibe des Handelsverkehrs“. Teile der Strecke am Anfang in Chengdu und am Ende vor Lhasa seien schon im Bau.

Besorgnis gab es nicht nur bei Umweltschützern und Menschenrechtlern, die einen noch grösseren Zustrom von Touristen und Siedlern nach Tibet befürchten, sondern auch bei der indischen Regierung. Diese monierte, dass sich mit den geplanten Abzweigungen von der Hauptstrecke, die bis zur indischen Grenze reichen sollen, auch Soldaten rasch in unmittelbare Nähe Indiens verschieben liessen.

Reuters, 5. März 2016
Der Standard, 8. März 2016

Nervosität vor dem 10. März
Vor dem Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes trifft China Vorkehrungen gegen mögliche Proteste.

Tibet wurde vom 25. Februar für insgesamt fünf Wochen für alle ausländischen Reisenden gesperrt. Offiziell wurde diese Massnahme mit dem „kalten Wetter“, dem tibetischen Neujahr und den Ferien für tibetische Tourismusangestellte begründet. Unter der Hand sagten tibetische Reisebüros aber, es gebe „politische Gründe“. Die Reiseagenturen sind offenbar aber weniger betroffen als in früheren Jahren, da mehr und mehr der inländische Tourismus nach Tibet boomt. Immer mehr Chinesen wollen den smog-verseuchten Städten entkommen und bewundern die klare Luft und die tibetische Landschaft. Sogar ein Skigebiet ist derzeit im Bau. Die meisten Gruppen sind straff organisiert und bestehen mitunter aus mehreren hundert Teilnehmern. Daneben gibt es aber auch Einzeltouristen, die sich zunehmend für den tibetischen Buddhismus interessieren.

Ebenso wurde die Regierung von Nepal von einer chinesischen „Sicherheitsdelegation“ aufgefordert, anlässlich des Jahrestages mögliche antichinesische Aktivitäten im Land zu unterbinden. Die offizielle Intervention erfolgte während einer Sicherheitskonferenz in Kathmandu, an der Vertreter von Nepals Luftwaffe, Armee und Polizei teilnahmen. Diese hätten versichert, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um Proteste zu unterbinden.

CNN, 26. Februar 2016
The Telegraph Nepal, 29. Februar 2016

 

7. März 2016
Selbstverbrennungen und Solo-Proteste
Sowohl in Tibet wie auch im indischen Exil kam es zu einer Selbstverbrennung. Beide Tibeter starben an ihren Verletzungen.

Am 29. Februar zündete sich vor einem Altersheim in Herbertpur in Nordindien der erst 15-jährige Dorjee Tsering an und starb einige Tage später im Spital. Er wurde unter grosser Anteilnahme der Tibeter beigesetzt. Dorjee Tsering war Schüler an einer tibetischen Schule in Mussoorie. In einer auf Video aufgezeichneten Stellungnahme sagte er kurz nach Erreichen des Spitals: „Der Grund, warum ich mich wie eine Butterlampe entzündete ist die Besetzung Tibets seit 1959, und ich dachte immer, ich müsse etwas für Tibet machen. Gestern kam ich zum Entschluss, dass die Selbstverbrennung die einzige Wahl ist, die ich hatte.“

In der Präfektur Kardze in Osttibet zündete sich ebenfalls am 29. Februar der 18-jährige Mönch Kalsang Wangdu in der Nähe seines Klosters Retsokha Aryaling an, rief Parolen für die tibetische Unabhängigkeit, und starb während des Transports in das Spital. Mit ihm steigt die Zahl der Selbstverbrennungen in Tibet auf 145.

Direkt nach seinem Tod begannen die Behörden, seine Familienangehörigen zu isolieren. Weder Bekannte noch Verwandte erhielten Zugang zur Familie, der mittlerweile die sterblichen Überreste ausgehändigt wurden. Die Angehörigen wurden unter Druck gesetzt, den Akt als Unfall zu deklarieren: sie sollten erzählen, er sei bei einem Brand in seiner Unterkunft umgekommen.

Ebenfalls wurden zwei weitere Solo-Proteste bekannt, die in den letzten Monaten zunehmend als Protestform anstelle der Serie der Selbstverbrennungen traten [vergl. Tibet-Information vom 9. und 18. September 2015; UM].

Am 26. Februar lief der 41-jährige Jamyang Dorje entlang der Strasse zur Bezirksverwaltung in Kardze und rief Parolen für die Rückkehr des Dalai Lama und Freiheit in Tibet. Kurz darauf wurde er an einer Strassenkreuzung verhaftet. Bis jetzt wissen seine Angehörigen nicht, wo er sich befindet. Direkt nach der Festnahme blockierten die Behörden alle Mobiltelefone von seinen Verwandten, damit sich die Nachricht seiner Verhaftung nicht verbreitete.

Am 3. März wurde die 33-jährige Tibeterin Bhumo Manga nach einem kurzen Solo-Protest verhaftet. Sie ging zur Mittagszeit in der Stadt Meruma in der Region Ngaba über die Hauptstrasse, ein Portrait des Dalai Lama in die Luft haltend. Dabei rief sie Parolen gegen die Besetzung Tibets. Bereits vor 8 Jahren war sie 8 Monate in Haft, weil sie sich geweigert hatte, die chinesische Flagge auf ihrem Hausdach zu hissen. Während der Haft sei sie schwer gefoltert worden, sagten Angehörige.

Radio Free Asia, 26. Februar 2016
Phayul, 2., 3. und 4. März 2016

Kyichu-Fluss bei Lhasa wird aufgestaut: Seen für Touristen
Laut dem 2013 verabschiedeten Lhasa River Project (LRP) wird der Kyichu-Fluss am Stadtrand von Lhasa aufgestaut, um Seen für Touristen zu schaffen. Insgesamt sechs Dämme werden derzeit auf einer Strecke von 20 km errichtet. Abgesehen von der Schaffung touristischer Attraktionen sollen die Dämme laut Regierungsangaben auch Sandstürme abhalten, die Wasserqualität verbessern und eine „grüne Umwelt“ schaffen.

Das Gegenteil werde passieren, mahnt hingegen ein prominenter chinesischer Geologe, Professor Fan Xiao von der Sichuan Geological Society. Er wies darauf hin, dass ein Damm die Fliessgeschwindigkeit herabsetzt und damit zu mehr verschmutztem Wasser führt. Die Sedimentierung könnte zunehmen, auch seien die Stadt und die umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe stärker von Überflutungen bedroht. Lhasa habe gar keine künstlichen Touristenattraktionen nötig, sondern die Kultur und Landschaft seien attraktiv genug. Staudämme könnten in einer ohnehin fragilen Umgebung das Erdbebenrisiko vergrössern. In ungewöhnlicher Offenheit sagte Professor Fan, dass bei Aussicht auf eine Steigerung des Bruttosozialprodukts und höhere Steuereinnahmen nun einmal ökologische Bedenken seitens der Behörden hintenan gestellt würden.

Die Ökologie des Kyichu-Flusses hat sich ohnehin schon seit der Konstruktion von zwei grossen Wasserkraftwerken im Nordosten von Lhasa massiv verändert. Die Kraftwerke, die mit einem Investitionsvolumen von umgerechnet $ 1 Mrd. als die grössten einzelnen Industrieprojekte in Tibet überhaupt gelten, sollen laut Bericht des staatlichen Fernsehens vor zwei Jahren flussabwärts zu einer Senkung des Wasserspiegels und einem Fischsterben geführt haben.

Beobachter vermuten als Antreiber hinter den aggressiven Tourismusplänen den lokalen Parteisekretär von Lhasa, Che Drahla. Dieser hatte seine politische Karriere erfolgreich damit gestartet, dass er die Ortschaft Gyalthan in der Provinz Yunnan in „Shangri-La“ umbenannte und zu einem Retorten-Touristenort machte. Die von Tibetern sogenannte „Dracheninsel“ im Kyichu-Fluss, ein beliebter Ausflugs- und Picknickort in Lhasa, wurde in „Sonneninsel“ umbenannt und laut Einwohnern zu einem tibetischen „Las Vegas“ entwickelt. Neben Spielkasinos blüht heute dort auch die Prostitution.

Voice of Asia, Tibetan Service, 22. Februar 2016

 

16. Februar 2016
Tibeter stirbt in Haft nach Folter
Ein Tibeter, der in Haft war, weil er sich geweigert hatte, die chinesische Flagge auf seinem Hausdach zu hissen, ist an den Folgen von Folter gestorben. Trigyal, dessen Alter unbekannt ist, war deswegen Ende 2014 zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt worden. Zwei andere Männer aus dem gleichen Dorf wie Trigyal wurden wegen ihrer Weigerung zu je 10 Jahren Haft verurteilt. Nach Angaben eines Tibeters im Exil mit guten Kontakten in die Region Driru, aus der Trigyal stammt, sei er in Haft gefoltert worden. Sein Leichnam wurde der Familie übergeben.

Der Bezirk Driru gilt als eine Problemregion, in der China mit Gewalt Loyalität zu erzwingen versucht [vergl. Tibet-Information vom 18. September und 14. Oktober 2014; UM]. Die Auseinandersetzungen eskalierten, als sich die Bewohner im Oktober 2014 weigerten, chinesische Flaggen auf ihren Hausdächern zu hissen und diese stattdessen in einen Fluss warfen. Danach wurden insgesamt etwa 1‘000 Tibeter verhaftet. Bereits im Jahr zuvor war es wegen Protesten gegen die sogenannte Massenlinien-Kampagne gekommen, die blutig niedergeschlagen wurden. [vergl. Tibet-Information vom 8. und 9. Oktober 2013; UM]. Dabei sollen vier Tibeter getötet und etwa 50 verletzt worden sein.

Radio Free Asia, 8. Februar 2016

Zwei Mönche wegen Langlebens-Zeremonie für Dalai Lama verhaftet
Wie das Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD) meldet, sind zwei Mönche verhaftet worden, weil sie am 25. Januar in ihrem Kloster Chogri in der osttibetischen Präfektur Kardze eine Langlebens-Zeremonie für den Dalai Lama abhielten. Die Zeremonie wurde von einer grossen Zahl von Laien und Mönchen besucht und fand auf sozialen Netzwerken weite Beachtung, wurde aber von der Polizei toleriert. Organisiert wurde die Zeremonie, nachdem bekannt wurde, dass sich der Dalai Lama in der Mayo-Klinik in den USA in stationäre Behandlung begeben hatte.

Nur sechs Tage nach der Zeremonie wurden in einem Erlass der lokalen Behörden der Verkauf von Bildern des Dalai Lama und jegliches Ausstellen an öffentlichen Orten verboten, weil diese „das falsche Signal an die Massen“ senden. Alle Inhaber von Bildern wurden aufgefordert, diese bis 2. Februar an die Behörden auszuhändigen. Bei Nichtbefolgen wurden schwere Strafen angedroht. Nach Einschätzung von Informanten verkauften knapp die Hälfte der Läden in Kardze Fotos des Dalai Lama.

Die Verhaftung der beiden Mönche, die um die 50 Jahre alt sind und nach ihrer religiösen Ausbildung im indischen Exil nach Tibet zurückkehrten, erfolgte in der ersten Februarwoche; das genaue Datum ist nicht bekannt. Nach den Verhaftungen wurde die Zahl der Sicherheitskräfte in der Region verstärkt.

Radio Free Asia, 2. Februar 2016; TCHRD, 8. Februar 2016

Chinas Botschafter stört sich an Kunstinstallation
Der chinesische Botschafter in Bangladesh veranlasste die Organisatoren des Dhaka Art Summit, ein ihm missliebiges Kunstwerk zu verdecken. Es handelte sich um die Installation „Letzte Worte“ der indischen Filmautorin Ritu Sarin. Die Installation besteht aus Fotos von Abschiedsbriefen von fünf Tibetern, die sich selbst verbrannt hatten. Der Botschafter hatte den Organisatoren per Mail mitgeteilt, er fühle sich von dem Kunstwerk „beleidigt“ und verlangte seine Beseitigung. Als Kompromiss wurde die Installation mit weissen Tüchern verhängt. Der Dhaka Art Summit gilt als eine der angesehensten Kunstveranstaltungen der Region mit über 300 teilnehmenden Künstlern.

Hong Kong Free Press, 8. Februar 2016

 

29. Januar 2016
Überwachungskampagne in tibetischen Dörfen verlängert
Human Rights Watch kommt in einem Bericht zum dem Schluss, dass das bisher aufwändigste und grösste soziale Überwachungsprogramm in Tibet auf unbestimmte Zeit verlängert wird. Begonnen hatte das Programm im Jahr 2011 mit dem Titel „Nutzen für die Massen“. Dieses Programm war zunächst bis 2014 befristet und hatte primär das Ziel, Unruhen wie im Jahr 2008 zu verhindern. Dazu waren Teams von Kadern in alle der etwa 5000 tibetischen Dörfer delegiert worden. Die Teams bestehen aus vier oder mehr Mitgliedern, von denen eines tibetischer Nationalität sein sollte, um aus dem Chinesischen zu übersetzen. Die Mitglieder werden in der Regel nach einem Jahr durch neue Kader abgelöst. Insgesamt involvierte das „Programm der im Dorf stationierten Kaderteams“ (chin. zhucun gongzuodui) bisher etwa 21‘000 Parteimitglieder und verschlang 25 Prozent des jährlichen Budgets der Region.

Was anfangs als Programm zur Verbesserung der Dienstleistungen und Lebensbedingungen der Dorfbewohner angekündigt war, entpuppte sich als Überwachungs- und Umerziehungsinitiative. Ziel laut offiziellen Angaben der Parteiführung was es, aus jedem Dorf „eine Festung im Kampf gegen Separatismus und jeden Dorfbewohner zum Wächter“ zu machen. Dazu sollten die Teams die Gesinnung und Einstellung aller Bewohner erforschen. Den Teams wurden fünf Aufgaben gestellt: Aufbau von Parteiorganisationen auf Dorfebene, Erhalt „sozialer Stabilität“, Erziehung über „das Erfahren der Güte der Partei“, Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und praktische Tätigkeiten. Dazu sollten die Kader „gemeinsame Abwehrgruppen“ auf Dorfebene gründen und Dispute schlichten; letzteres um zu verhindern, dass Dorfbewohner bei Regierungsbehörden Petitionen einbringen, was in der Vergangenheit nicht selten zu grösseren Unruhen führte. Schliesslich sollten sie auch kulturelle Veranstaltungen zur Förderung „sozialistischer Werte“ und Abkehr von „schlechten alten Traditionen“ abhalten.

Allein das Team in Nagqu, einer der sieben Präfekturen in Tibet, rühmte sich, im vierten Jahr seiner Arbeit 1‘686 politische Erziehungssitzungen abgehalten und 1‘194 neue Parteimitglieder rekrutiert zu haben. Dazu seien 45‘903 Propagandabesuche in Haushalten durchgeführt worden.

Alle offiziellen Verlautbarungen deuten darauf hin, dass das bis 2014 befristete Programm nun auf unbestimmte Zeit verlängert wurde. Eine regierungsoffizielle Internetseite bemerkte dazu, dass angesichts dieser Nachricht „die Massen ausser sich vor Freude gewesen“ seien. Zur Unterstützung des Programms seien in den Jahren 2014 und 2015 insgesamt 20‘092 Gebäude in den Dörfer errichtet worden. Für 2016 seien weitere 12‘008 Gebäude geplant, das entspricht im Schnitt sechs neuen Gebäuden in jedem tibetischen Dorf. Für das Bauprogramm sind insgesamt umgerechnet etwa Fr. 800 Millionen budgetiert – die grösste jemals investierte Summe für Bauten in Tibet.

Human Rights Watch, 8. Januar 2016

Datenbank der „Lebenden Buddhas“ ist online – Dalai Lama fehlt
Wie bereits vorher angekündigt [vergl. Tibet-Information vom 15. Dezember 2015;UM], ist nun die Datenbank für Inkarnationen online. Der Start wurde von chinesischen Medien breit publiziert und gepriesen, weil diese die Identifizierung von „falschen lebenden Buddhas“ ermöglichen soll. Nur wer in diesem, gegenwärtig 870 Inkarnierte umfassenden Verzeichnis aufgeführt und mit einer „Lizenznummer“ versehen ist, gilt als staatlich anerkannter „Lebender Buddha“. Der Dalai Lama fehlt darin.

Die Datenbank erlaubt Online-Abfragen, wozu man einen Zugangscode benötigt, der auf das Mobiltelefon des Antragsteller geschickt wird. Die Informationen umfassen den weltlichen und Mönchsnamen des Gesuchten, dazu sein Geburtsdatum, die Telefonnummer, den Ort seines Klosters und die „Lizenznummer“. Die Abfragen sind auf maximal fünf Personen pro Tag limitiert.

South China Morning Post, 19. Januar 2016

Woher kommt die Hacker-Organisation „Scarlet Mimic“?
Eine Firma in Palo Alto, die sich mit Internetsicherheit und Hacker-Attacken befasst, hat eine Organisation mit dem mysteriösen Namen „Scarlet Mimic“ als Verantwortliche für Attacken auf uigurische und tibetische Organisationen im Exil ausgemacht. Laut einem Bericht der Firma Palo Alto Networks (http://researchcenter.paloaltonetworks.com/2016/01/scarlet-mimic-years-long-espionage-targets-minority-activists/®) war „Scarlet Mimic“ mindestens seit vier Jahren primär damit beschäftigt, die Computer von Exilorganisationen auszuforschen, die der chinesischen Regierung ein Dorn im Auge sind. In der jüngsten Zeit habe „Scarlet Mimic“ auch Regierungsorganisationen in Russland und Indien attackiert, die potenziell terroristische Aktivitäten überwachen; letzteres wohl primär mit dem Interesse, deren Erkenntnisse für sich zu nutzen. Palo Alto Networks weist darauf hin, dass sie nicht im Besitz von Beweisen sind, dass „Scarlet Mimic“ direkt mit der chinesischen Regierung verbunden ist, jedoch liege dieser Verdacht nahe.

The Register, 25. Januar 2016

 

25. Januar 2016
Hotel verbietet tibetische Sprache, nimmt Entscheid zurück - und entschuldigt sich
Das Hotel Shangyul [der Hotelname wird in anderen Quellen mit Shang Yon angegeben; UM] in der Präfektur Malho musste nach stürmischen Protesten einen Entscheid zurücknehmen, seinen Angestellten während der Arbeit den Gebrauch der tibetischen Sprache zu verbieten. Erst im Dezember letzten Jahres hatte das Hotel in chinesischer Eigentümerschaft den Betrieb aufgenommen und erliess für die Angestellten verbindliche Verhaltensregeln bei der Arbeit. Eine der insgesamt fünf Regeln verbot den Gebrauch der tibetischen Sprache während der Arbeit und machte die chinesische Sprache für alle Angestellten verbindlich. Verstösse gegen die Regeln würden mit Yuan 500 geahndet und könnten zur Entlassung führen, hiess es in einem am 7. Januar ausgestellten Leitfaden.

Nach zahlreichen Protesten in sozialen Netzwerken wurde das Hotel von der lokalen Behörde für einige Tage geschlossen. Die Regel wurde in ungewöhnlicher Offenheit im populären Netzwerk WeChat sogar von Han-Chinesen heftig kritisiert. Nur vier Tage später revidierte das chinesische Hotelmanagement die Regel wieder und erliess sogar detaillierte Vorgaben, wie tibetische und chinesische Sprache gleichberechtigt zu gebrauchen seien. Demnach müssen alle Notizen, Dokumente und Stempel des Hotels in gleicher Schriftgrösse zweisprachig abgefasst sein, wobei zuerst die tibetische und erst danach die chinesische Sprache erscheint.

Das Hotelmanagement entschuldigte sich sogar schriftlich und teilte mit, es habe die „Gefühle der tibetischen Landsleute tief verletzt“ und würde eine „tiefgreifende, gründliche und vollständige Berichtigung“ der Verhaltensregeln vornehmen.

Phayul, 8. und 12. Januar 2016

Radio Free Asia, 8. Januar 2016

Tibetischer Sprachunterricht im Untergrund
Im Gegensatz zur Rücknahme des Verbotes der tibetischen Sprache im Bezirk Malho sehen sich freiwillige Vereinigungen im Bezirk Pema in der Präfektur Golog, die Unterricht in tibetischer Sprache anbieten, immer stärkeren Repressionen ausgesetzt. Viele Initiativen sind dazu gezwungen, den Unterricht im Geheimen zu geben. Seit sieben Jahren bietet eine freiwillige Initiative, die sich den Namen „Save the Language Association“ gab, Intensivkurse in tibetischer Sprache an. Diese Kurse werden während der Winterferien der staatlichen Schulen abgehalten.

Wie Informanten gegenüber Radio Free Asia angaben, sind viele dieser Kurse auf intensiven Druck der Polizei gestrichen worden. Aus Angst vor Verhaftung halten manche Gruppen den Unterricht nur noch im Geheimen ab. Bekanntmachungen der Behörden hatten diese Initiativen als „illegal“ bezeichnet und mit Verhaftung gedroht.

Die Forderung nach Repektierung der tibetischen Sprache ist ein wichtiges Element lokaler Initiativen, um die tibetische Kultur und Identität zu bewahren. Vor 2 Jahren schlossen die Behörden bereits eine Schule, in der Nomadenkinder Sprachunterricht bekamen, und eine Schule für tibetische Mönche im nordtibetischen Bezirk Golog [vergl. Tibet-Information vom 18 April 2014; UM]. Im gleichen Monat verboten die Behörden einen tibetischen Sprachwettbewerb in Sichuan, der anlässlich des UNESCO-Tages der Muttersprache abgehalten werden sollte [vergl. Tibet-Information vom 3. Juni 2014; UM]. Das Verbot von Sprachunterricht reiht sich in eine Reihe weiterer repressiver Massnahmen in Golog ein. Klöster benötigen beispielsweise eine behördliche Genehmigung für jede grössere Gebetsversammlung oder öffentlich zugängliche religiöse Handlungen.

Radio Free Asia, 20. Januar 2016

Polizei-Razzien in Geschäften und Internetcafes
Im Bezirk Dzoege im Osten Tibets hat die Polizei im Dezember gross angelegte Razzien vorgenommen, die offensichtlich Tibeter einschüchtern sollen. Laut staatlichem Fernsehsender dienten die Razzien dazu, „die soziale Stabilität zu untersuchen und Zwischenfälle zu verhindern“. Im Bezirk wurden „jede Strasse, Teestube, und jedes Hotel, Restaurant, Vergnügungszentrum, und Internetcafe“ hinsichtlich „sozialer Stabilität“ untersucht und kategorisiert. Im Einsatz seien 45 Fahrzeuge gewesen, und es seien 70 Personen untersucht worden.

Ein jetzt ins Ausland gelangtes Video (https://www.youtube.com/watch?v=6XiAL0EShzA&feature=youtu.be) zeigt maskierte Polizisten mit Kameras und Schlagstöcken, wie sie in einem Internetcafe Kontrollen durchführen. Die Anwesenden mussten sich ausweisen und wurden angewiesen, ihre Kopfhörer abzunehmen. Laut staatlichem Fernsehen wurden Geschäfte, in denen unerlaubte Aktivitäten entdeckt wurden, sofort geschlossen und die Inhaber zur „Korrektur und Besserung“ verurteilt.

International Campaign for Tibet, 21. Januar 2016

 

7. Januar 2016
China gibt Pressionen auf Südafrika zu, dem Dalai Lama die Einreise zu verweigern
Entgegen früheren Dementis hat China offenbar Druck auf Südafrika ausgeübt, dem Dalai Lama die Einreise zu verweigern. Der Generaldirektor der Abteilung für Afrikanische Angelegenheiten im Aussenministerium, Lin Songtian, machte entsprechende Bemerkungen beim Empfang einer Delegation von südafrikanischen Medienvertretern in Beijing und äusserte in diesem Kontext auch einige seltsame Vorwürfe gegen den Dalai Lama.

Lin Songian fasste beim Empfang nochmals die finanzielle Unterstützung der chinesischen Regierung für Afrika zusammen. So habe Präsident Xi Jinping zugesagt, insgesamt US-$ 60 Mrd. für Industrialisierungs- und Infrastrukturprojekte in Afrika zu investieren. Im Dezember 2015 wurde auch ein umfassendes Wirtschaftsabkommen mit Südafrika unterzeichnet. In diesem Zusammenhang bemerkte Lin Songtian, der Dalai Lama „kann nicht einfach kommen und Ihnen alles verderben. Wir wollen eine freundliche Umgebung dafür [das Wirtschaftsabkommen; UM]. Wir investieren eine Menge Geld in Südafrika, und wir können nicht zulassen, dass er kommt und alles verdirbt.“

Bei drei Gelegenheiten, in den Jahren 2009, 2010 und 2015, war dem Dalai Lama laut Medienberichten jeweils die Einreise nach Südafrika zu Anlässen verweigert worden. Ein Sprecher des Aussenministeriums von Südafrika sagte jedoch, man habe ihm nie die Einreise verweigert; der Dalai Lama habe die Visa-Anträge jeweils selbst zurückgezogen. Er könne gern jederzeit einen Visa-Antrag stellen.

Ausserdem behauptete Lin Songtian, ohne jedoch ein spezifisches Datum oder einen Ort zu nennen, die chinesische Regierung habe dem Dalai Lama „ein Haus und einen Tempel“ gebaut, aber er habe es abgelehnt, dort zu leben. Ausserdem werde der Dalai Lama von der CIA finanziert. „Er kann ja nicht allein von Gebeten leben.“

IOL (Südafrika), 4. Januar 2016

Verhaftung von chinesischen Spionen in Dharamsala
Indische Medien hatten im Dezember 2015 über die Verhaftung mehrerer angeblich chinesischer Spione in Dharamsala berichtet und über Bedrohungsszenarien gegen den Dalai Lama, sogar Mordpläne, spekuliert. Tribune News Service berichtete im Detail, dass es mehrfach Verhaftungen gegeben habe, wobei die Personen jeweils Landkarten oder geheime Dokumente mit nicht spezifiziertem Inhalt auf sich getragen hätten.

Die indische Polizei habe angeblich ein Extra-Budget beantragt, um die Zahl der gegenwärtig zum Schutz des Dalai Lama delegierten Polizisten von 50 auf 100 zu verdoppeln. Weiter sollen hoch auflösende Kameras um seine Residenz montiert und weitere Scanner für Gepäck bei den Eingangskontrollen aufgestellt werden. Diese Massnahmen seien aufgrund von Berichten mehrerer indischer Geheimdienste eingeleitet worden.

Ebenso sollen die Sicherheitsmassnahmen um die Residenz des 17. Gyalwa Karmapa, der im Jahr 2000 aus Tibet floh, in Sidhbari in den Aussenbezirken von Dharamsala verstärkt werden.

Das offizielle Portal der “Autonomen Region Tibet” stritt den indischen Berichten prompt jeden Wahrheitsgehalt ab. Die Verhaftungen seien „inszeniert“ und würden in täuschender Absicht gegen China verwendet. Der Dalai Lama benötige solche Berichte, da er international Aufmerksamkeit zu erregen wolle.

Tribune New Service, 30. Dezember 2016
Press Trust of India, 4. Januar 2016

 

4. Januar 2016
China finanziert Shugden-Sekte
Seit mehreren Jahren demonstriert die Shugden-Sekte, offiziell organisiert als International Shugden Community (ISC), lautstark bei allen Besuchen des Dalai Lama im Ausland. Sie bezichtigt ihn der Unterdrückung der Meinungsfreiheit, und sogar ein „falscher Dalai Lama“ zu sein.

Die Auseinandersetzung um Shugden begann eigentlich als religiöser Disput. Der Dalai Lama hatte sich schon in den 70-er Jahren von Shugden, einer vorbuddhistischen Gottheit, abgewandt und den Tibetern von der Anbetung abgeraten. Als Grund gab er an, dass die Shugden-Verehrung eine extrem dogmatische, konservative und Absolutheit beanspruchende Richtung in der tibetischen Religion unterstütze. Der Konflikt flammte aber erst Mitte der 90-er Jahre auf, etwa zu der gleichen Zeit, als China laut Reuters-Bericht begann, Tibeter für seine Zwecke zu rekrutieren. Im Jahr 1997 wurde ein prominenter Shugden-Kritiker mit zwei seiner Schüler im indischen Exil brutal ermordet; die mutmasslichen Täter waren laut Erkenntnissen der indischen Polizei aus Tibet eingereist und setzten sich nach der Tat auch wieder dorthin ab, ohne dass sie je dingfest gemacht wurden.

Eine ausführliche Dokumentation von Reuters zeigt nun auf, dass die ISC offenbar massiv von China finanziert und beeinflusst wird. Ein internes Dokument der Kommunistischen Partei aus 2014 bezeichnet die Proteste der Sekte als „eine wichtige Front in unserem Kampf gegen die Dalai-Clique“. Kader werden angewiesen, den Konflikt nicht selbst öffentlich anzusprechen, aber „patriotische“ Gelehrte zu entprechenden Stellungnahmen anzuhalten, die angebliche „Unfreiheit“ anzuprangern und diese als Plan des Dalai Lama zu bezeichnen, das „Mutterland zu spalten“.

Lama Tseta, ein früheres prominentes Mitglied von ISC, gab gegenüber Reuters an, dass er von der United Front, dem verlängerten Arm der Kommunistischen Partei gegenüber „Minoritäten“, für die Koordinierung von Aktivitäten gegen den Dalai Lama bezahlt wurde. Er und weitere prominente Shugden-Mönche wurden oft zu offiziellen Empfängen nach Beijing eingeladen. Eine kleine Gruppe von Exiltibetern reise dem Dalai Lama hinterher, um lokal Proteste zu organisieren, und sei häufig Gast bei Chinas Auslandsvertretungen.

Die grosse Mehrheit der Protestierenden sind allerdings keine Tibeter, sondern werden jeweils lokal rekrutiert. Zwar liegen Reuters keine Informationen über die direkte Finanzierung der Aktionen vor Ort durch China vor, jedoch behauptete das Indische Innenministerium, über Informationen zu verfügen, dass Geld via Nepal in solche Aktivitäten fliesst. Im Dezember 2014 offerierte die ISC 40 bezahlte Flüge von Manchester nach Rom, sowie freie Unterkunft und Verpflegung, um ein Treffen des Dalai Lama mit anderen Nobelpreisträger zu stören.

Geheimdienste aus den USA, Indien und anderen Staaten haben in einem 18-seitigen Briefing-Dokument, das Reuters vorliegt, die Repräsentanten des Dalai Lama darauf hingewiesen, dass bei Shugden-Demonstrationen mit einer „potenziell ernsthaften“ Bedrohung zu rechnen ist. Im Mai 2014 versuchten zwei Shugden-Anhänger, Räume im gleichen Hotel in Amsterdam zu buchen wie der Dalai Lama, wurden aber von Sicherheitspersonal identifiziert und abgewiesen. Im September 2015, beim Besuch des Dalai Lama in London, drängte sich ein Fahrzeug direkt hinter den Konvoi des Dalai Lama und überfuhr bei der Verfolgung sogar ein Rotlicht. Im von der Polizei gestoppten Auto wurde die eine von zwei Personen zweifelsfrei als Shugden-Anhänger identifiziert.

Reuters, 28. Dezember 2015
Der ausführliche Bericht von Reuters ist erhältlich unter http://tibet.ca/en/library/wtn/13339.

China reorganisiert Armee und verstärkt Truppen in Tibet
China hat eine Reorganisation der Bodentruppen angekündigt, mit der die Zahl der regionalen Militärkommandos von gegenwärtig sieben auf fünf reduziert wird. Zusammengelegt werden die Kommandos von Chengdu und Lanzhou im Osten bzw. Norden Tibets zu einer neuen „westlichen Zone“. Diese übersieht die Unruheprovinzen Tibet und Xinjiang. In der neuen Zone könnten nach Ansicht von Militärexperten bis zu einem Drittel aller chinesischen Bodentruppen konzentriert sein. Die fünf neu gebildeten regionalen Militärkommandos werden direkt der Zentralen Militärkommission unterstellt, die von Staatspräsident Xi Jinping geleitet wird.

Die Zusammenlegung zu einer grossen „westlichen Zone“ hat nicht nur Relevanz für die Grenzregionen zu den Nachbarländern, sondern sei laut einer anonymen Quelle aus dem chinesischen Militär auch aus Besorgnis über die „innere Sicherheit“ motiviert. Die Zone erstreckt sich vom Osten Chinas an der Grenze zu Myanmar über die gesamte indische Grenze sowie Bhutan und Nepal bis in den Westen nach Pakistan, Afghanistan und Kasachstan. Das neue Militärkommando soll angeblich nicht an einem der bisherigen Orte, Lanzhou oder Chengdu, sondern in der Hauptstadt der Unruheprovinz Xinjiang, Urumqi, angesiedelt werden. China hat wiederholt behauptet, dass uigurische Extremisten in Xinjiang in Camps in Pakistan und Afghanistan ausgebildet würden.

India Today, 20. Dezember 2015

UN-Kommittee gegen Folter berichtet über Tibet
Das UN-Kommittee gegen Folter stellt in seinem diesjährigen Bericht fest, dass in Chinas Justizsystem nach wie vor „Folter und Misshandlung tief verankert“ sind. Es stützte sich im Bericht auch auf zahlreiche Zeugenaussagen von Tibetern, die in Haft Misshandlung und Folter am eigenen Leib erlebten.

Die Free Tibet Campaign hat diese Berichte ausgewertet und in eindrücklicher Weise eine Zusammenfassung der Folterpraktiken in Tibets Gefängnissen erstellt (http://freetibet.org/about/torture/instruments?utm_source=Free+Tibet+email+updates&utm_campaign=359aaf087a-UN_findings_torture&utm_medium=email&utm_term=0_8b3b75e260-359aaf087a-49802621&mc_cid=359aaf087a&mc_eid=524401721d ). China wies sämtliche Vorwürfe über Folter oder Misshandlung in seinen Gefängnissen zurück.

Free Tibet Campaign, 9. Dezember 2015

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